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Im Rahmen ihrer Arbeit haben sich die Mitglieder des gemeinsamen Fachausschusses für IT-Systeme (FIT) der Blinden- und Sehbehindertenverbände im letzten Jahr Gedanken über die Schulung von blinden und sehbehinderten Computeranwendern gemacht. Grundlage waren u.a. auch viele Beschwerden über die mangelhafte Unterweisung insbesondere durch Hilfsmittelfirmen und die dürftige Qualifikation einiger Trainer. Das Folgende von FIT-Mitglied Ulrich Kalina - ausgearbeitete Dokument ist von den Vorständen der am FIT beteiligten Verbände verabschiedet worden und soll eine wesentliche Verbesserung von Schulungsmaßnahmen anregen. Angestrebt werden sollte - so die Auffassung der FIT-Mitglieder - eine zertifizierte Ausbildung der Ausbilder, um die hier erstellten Anforderungen umsetzen zu können. Es ist zu hoffen, dass die Verbände sich dieser Aufgabe annehmen.
Karsten Warnke
Die Informations- und Kommunikationstechnologie hat in den vergangenen Jahren die Möglichkeiten der Rehabilitation blinder und sehbehinderter Menschen wesentlich beeinflusst.
Durch den Einsatz spezieller Hilfsmittel wie Braillezeilen, Sprachausgaben und Vergrößerungsprogramme sind Blinde und Sehbehinderte heute in der Lage, moderne Computersysteme zu nutzen. Sie erhalten damit einen Zugang zu aktuellen Informationen - z.B. über das Internet oder von CD-ROMs - und können an modernen Arbeits- und Kommunikationsprozessen teilnehmen. Die Informationstechnik eröffnet so Blinden und Sehbehinderten eine Vielzahl neuer Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, sowohl im privaten wie auch im beruflichen Bereich. Daher gehört die Beherrschung dieser Technik heute zu den Schlüsselqualifikationen in der Rehabilitation blinder und sehbehinderter Menschen, insbesondere auch hinsichtlich ihrer Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Ausführlichere Informationen dazu, wie Blinde und Sehbehinderte mit dem Computer arbeiten, bietet die Broschüre "FIT im Beruf", die - ebenso wie das vorliegende Papier - vom Gemeinsamen Fachausschuss für Informations- und Telekommunikationssysteme (FIT) der Blindenselbsthilfeverbände und des VBS erarbeitet wurde und vom DBSV herausgegeben wird.
Die hervorragenden Chancen, die die Computersysteme bieten, können allerdings nur dann erfolgreich genutzt werden, wenn ihre Anwender in adäquater Weise im Umgang mit dieser Technik ausgebildet werden.
Die vorliegende Schrift soll verdeutlichen, dass der Einsatz spezieller Computerhilfsmittel auch spezielle Schulungskonzepte erforderlich macht und dass der hohen technischen Qualität und Komplexität der Computerhilfsmittel eine Ausbildung auf entsprechend hohem Qualitätsniveau an die Seite gestellt werden muss, um den erfolgreichen Einsatz dieser Technik sicher zu stellen.
Dank der speziellen Hilfsmittel können Blinde und Sehbehinderte mit denselben Programmen und Daten arbeiten wie normal Sehende. Die Art und Weise, wie sie die Software bedienen, unterscheidet sich jedoch eben wegen dieser Hilfsmittel zum Teil erheblich von der Standardbedienung.
Die Ausgabemedien Braillezeile und Sprachausgabe können nur Informationen in Textform darstellen. Daher müssen die graphischen Informationen eines Windows-Bildschirms in Text umgewandelt werden. Hierfür wird eine spezielle Brückensoftware, der sogenannte Screenreader eingesetzt.
Sehbehinderte arbeiten häufig mit einer Vergrößerungssoftware, die einen Teil des Bildschirms vergrößert darstellt und darüber hinaus weitere wichtige Funktionen anbietet - z.B. zur individuellen Anpassung der Farben, des Kontrastes oder der Konturen bei stark vergrößerten Zeichen.
Da alle Hilfsmittel immer nur einen relativ kleinen Teilausschnitt des gesamten Originalbildschirms darstellen können, stellen die Hilfsmittelprogramme auch zahlreiche Funktionen zur Verfügung, mit denen der jeweils gewünschte Bildschirmbereich ausgewählt werden kann. Für sehgeschädigte Computerbenutzer ergeben sich hieraus zwei grundlegende Konsequenzen: Der Überblick über den gesamten Bildschirm wird durch die Hilfsmittel eingeschränkt, der Bedienaufwand dagegen erhöht.
Bei den Hilfsmitteln für Blinde kommt hinzu, dass die Umwandlung der graphischen Darstellungen in eine Textform nicht immer ohne Informationsverluste funktioniert. Auch das Moment der intuitiven Bedienbarkeit, das für Sehende durch die graphische Darstellung erreicht wird, geht bei dieser Umsetzung für Blinde weitgehend verloren. Diese Einschränkungen müssen durch ein verstärktes Hintergrundwissen über die internen Strukturen und die Systematik graphischer Bedienoberflächen kompensiert werden.
Die Steuerung der Software mit der Computermaus ist eng mit der graphischen Informationsdarstellung verbunden und wird daher von sehgeschädigten Computerbenutzern weitgehend durch Tastaturkommandos ersetzt. Die sichere Beherrschung der Tastatur ist überhaupt eine ganz wesentliche Grundvoraussetzung für die Computerarbeit.
So unterschiedlich die individuellen Ausprägungen einer Behinderung bei verschiedenen Menschen sein können, so verschieden kann auch die Zusammenstellung und Konfiguration der jeweiligen Hilfsmittel sein. Entsprechend individuell sind auch die Methoden und Bedienstrategien, mit denen im Einzelfall eine größtmögliche Effektivität beim Arbeiten mit dem Computer erzielt werden kann.
Die genannten Punkte weisen bereits darauf hin, dass die Schulung blinder und sehbehinderter Computeranwender sich von der PC- Ausbildung normal Sehender durch zusätzliche Inhalte und besondere Methoden grundlegend unterscheidet.
Da blinde und sehbehinderte PC-Anwender mit den gleichen Programmen arbeiten wie normal Sehende, müssen sie natürlich auch deren Bedienung zunächst einmal im gleichen Umfang erlernen.
Darüber hinaus sollten sie unabhängig von ihrem Tätigkeitsschwerpunkt grundsätzlich auch den Umgang mit einer Textverarbeitung und den Zugang zum Internet erlernen, denn für sie ersetzt der PC als Hilfsmittel auch Notizblock und Stift bzw. verschiedene Printmedien als Informationsträger.
Die Hilfsmittelprogramme sind mittlerweile sehr komplexe Softwareprodukte. Sie bieten eine Vielzahl von Kommandos und Funktionen bis hin zu eigenen Skript-Programmiersprachen, mit denen die Anpassung an Anwendungsprogramme optimiert werden kann. Auch die graphischen Benutzungsoberflächen selbst bieten mittlerweile verschiedene Features, die die Bedienung für behinderte Anwender erleichtern können, wie z.B. Möglichkeiten zur Veränderung der Farben, der Größe von Systemschriften und - symbolen oder zur Funktionsweise der Tastatur.
Die hilfsmittelbezogenen, speziellen Kenntnisse und Fertigkeiten stellen naturgemäß einen wesentlichen Schwerpunkt der PC- Ausbildung Blinder und Sehbehinderter dar. Je komplexer das Aufgabenfeld eines sehgeschädigen PC-Anwenders ist, umso umfassender muss auch das benötigte Hilfsmittelwissen sein.
Die sichere Beherrschung der Tastatur ist als eine unabdingbare Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche PC-Arbeit bereits genannt worden. Die vorzugsweise Tasten-Orientierten Bedienstrategien erfordern außerdem, dass eine Vielzahl von Tastatur-Kommandos als Ersatz bzw. Ergänzung zur Maus-Orientierten Bedienung vermittelt werden. Viele Anwendungsprogramme bieten Tastatur-Kommandos, die in gängigen PC-Lehrgängen für Sehende gar nicht erwähnt werden, weil dort die Bedienung mit der Maus bevorzugt wird.
Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Bild-zu-Text- Übersetzung der Screenreader-Programme Einschränkungen mit sich bringen. Bildsymbole wie z.B. geöffnete oder geschlossene Aktenordner geben Auskunft über den aktuellen Systemzustand, die räumliche Anordnung von Windows-Objekten kann einen logischen Zusammenhang zwischen ihnen anzeigen. Während es für Sehende häufig ausreicht, wenn ihr Bedienwissen an der (graphischen) Oberfläche stehen bleibt, ist es für Blinde und Sehbehinderte unerlässlich, die innere Systematik und die logischen Strukturen der Programmobjekte zu verstehen, die sich hinter der graphischen Oberfläche verbergen, um die Hilfsmittel-Bedingten Unzulänglichkeiten auszugleichen. Je mehr im Mensch-Maschine- Dialog die unmittelbare visuelle Rückmeldung eingeschränkt ist, umso wichtiger ist es, dass der Anwender bei jedem Bedienschritt genau "weiß, was er tut".
Auch wenn blinde Windowsanwender selbst nicht auf der Ebene graphischer Symbole mit den Programmen arbeiten, sollten sie doch diese Symbolik zumindest auch kennen, damit sie mit Sehenden über die Programmbedienung reden können.
Nicht nur die Inhalte, auch die Schulungsmethoden müssen sich an den besonderen Arbeitsbedingungen blinder und sehbehinderter Computeranwender orientieren. Es geht nicht darum, die Arbeitsweise Sehender zu imitieren, sondern eigene spezifische Anwendungsstrategien zu entwickeln und zu vermitteln.
Zunächst einmal müssen die visuellen Metaphern der graphischen Programm-Objekte in eine objektorientierte und systematisierende sprachliche Form übersetzt werden. Dabei ist es wichtig, eine präzise, eindeutige, möglichst einheitliche und systematische Begrifflichkeit zu verwenden, wenn es um die Benennung von Programm-Objekten, ihre Eigenschaften und die Aktionen geht, die mit ihnen ausgeführt werden können.
Besonders in der Startphase eines Computerkurses ist der Einsatz nicht-elektronischer Unterrichtsmedien wie Punktschrift, Großdruck oder Hörkassetten wichtig. Gerade am Anfang verhält sich das Computersystem erfahrungsgemäß nicht immer so, wie dies der Benutzer erwartet. Dieses Phänomen kann aus einer gewissen Unsicherheit im Umgang mit der neuen Technik resultieren, zugleich aber auch eine solche Unsicherheit erzeugen oder verstärken. Um so wichtiger ist in dieser Situation die Möglichkeit, auf vertraute und "sichere" Medien zurückgreifen zu können.
Taktile Darstellungen können in diesem Zusammenhang gerade in der Anfangsphase bei bestimmten Zielgruppen nützlich sein, sollten aber nicht überbewertet werden. Letztlich ist für blinde Anwender weniger das optische Erscheinungsbild als vielmehr die Funktionalität der graphischen Programmelemente entscheidend.
Im Vorfeld der eigentlichen Computer-Schulung muss die Frage nach den geeigneten Hilfsmitteln geklärt werden. Dabei sind individuelle Aspekte und behinderungsspezifische Fragen ebenso zu berücksichtigen, wie Fragen des Arbeitsumfeldes und der Lernumgebung. Bei Sehbehinderten schließt dies insbesondere die visuelle Ergonomie des Arbeitsplatzes, Fragen der Beleuchtung oder der Blendfreiheit des Monitors, aber auch die Nutzung ergänzender optischer Sehhilfen ein. Für Problemstellungen dieser Art sollte eine Low-Vision-Fachkraft hinzugezogen werden.
Für einige Aspekte der Unterrichtsorganisation kann es naturgemäß keine pauschalen Empfehlungen geben, weil sich die Lernsituation beispielsweise in einer achten Sonderschulklasse natürlich gravierend von einer beruflichen Umschulungsmaßnahme unterscheidet.
Generell lässt sich sagen: Je kleiner die Lerngruppe ist - und je mehr damit die Möglichkeit besteht, auf den individuellen Lernfortschritt des Einzelnen einzugehen, - um so schneller und sicherer wird der Lernerfolg erzielt. Denkbar ist durchaus auch eine Mischung aus Theoriephasen, die in einer größeren Gruppe stattfinden, und Praxisphasen, bei denen die Gruppengröße möglichst klein sein sollte.
Da - wie bereits ausgeführt - die Schulungsinhalte und Arbeitsmethoden teilweise stark von den verwendeten Hilfsmitteln abhängen, sollten PC-Anfängerkurse grundsätzlich nur in hilfsmittel-homogenen Gruppen stattfinden.
In der beruflichen Bildung wird häufig nur eine Einzelschulung in Frage kommen. Hier sollte vor Beginn der Schulungsmaßnahme ein individueller Ausbildungsplan entworfen werden. Dieser sollte einen Lernzielkatalog enthalten, der auf die besonderen beruflichen und persönlichen Anforderungen zugeschnitten ist. Die einzelnen Phasen der Ausbildung sollten in einem gegliederten Zeitraster festgelegt werden. Im Ausbildungsplan sollten geeignete Überprüfungsmethoden aufgeführt werden, mit denen am Ende eines jeden Ausbildungsabschnitts der objektive Lernerfolg festgestellt wird. Ein solcher Ausbildungsplan kann dazu beitragen, die tatsächlich erbrachten Schulungsleistungen überprüfbar und transparent zu machen.
Bei der zeitlichen Einteilung der Schulungsmaßnahmen muss darauf geachtet werden, dass zwischen den Phasen, in denen neue Inhalte vermittelt werden, genügend Übungs- und Praxisphasen eingeplant werden, um das Erlernte zu festigen. Crash-Kurse mit mehr als vier Theoriestunden in einem Block pro Tag sind in der Regel uneffektiv. Häufig ergeben sich bestimmte Fragen und Problemstellungen noch nicht gleich in der Anfangsphase eines Schulungsabschnitts, sondern erst im Laufe der anschließenden Trainingsphasen. Dies muss bei der zeitlichen Planung berücksichtigt werden.
Gerade im beruflichen Bereich sollte - wenn eben möglich - die PC- Schulung an derselben Computeranlage stattfinden, die auch die spätere Arbeitsplatzausstattung darstellt. Die reale Arbeitsplatz- Situation und auch das EDV-Umfeld - wie z.B. die Vernetzung mit anderen Computern im Betrieb - müssen in die Schulung einbezogen werden.
In diesen Kontext gehört auch, relevante Personen aus dem Tätigkeitsumfeld der zu Schulenden in geeigneter Weise einzubeziehen. Bei Schülerinnen und Schülern können dies z.B. Familienmitglieder, Fachlehrer, Hilfskräfte, usw. sein, im Beruf die EDV-Fachabteilung des Betriebes, Arbeitskollegen, usw.
Die bisherigen Ausführungen machen deutlich, dass für die informations- und kommunikationstechnische Bildung Blinder und Sehbehinderter Lehrpersonen benötigt werden, die in zweifacher Hinsicht hochqualifiziert sein müssen. Sie müssen zum einen weitgehende informationstechnische Kenntnisse und Fertigkeiten besitzen, andererseits müssen sie aber auch in der Lage sein, dieses Wissen pädagogisch umzusetzen, wobei die besonderen blinden- und sehbehindertenpädagogischen Aspekte einen zentralen Stellenwert einnehmen.
Hierzu gehören beispielsweise Kenntnisse der Punktschriftsysteme bzw. Kenntnisse im Bereich "low vision". Es sollte selbstverständlich sein, dass die Lehrkräfte selbst dasjenige leisten können, was sie anderen vermitteln wollen, d.h. beispielsweise, dass sie Windowsprogramme mit Screenreader und Sprachausgabe ohne Blick auf den Bildschirm bedienen können sollten.
Anzustreben ist in diesem Zusammenhang ein von Verbänden und staatlichen Stellen anerkanntes Aus- und Weiterbildungskonzept einschließlich eines Zertifikats, das die erforderliche Kompetenz auf dem notwendigen hohen Qualitätsniveau sicherstellt und dokumentiert.
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