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Am Freitag, dem 16. Oktober 2003, fand im Marburger historischen Rathaussaal um 10 Uhr - trotz und gegen Aufbaulärm eines Weinzeltes des Elisabeth-Marktes - vor gut gelaunt mitgehendem Publikum (Veranstalter: Deutsche Blindenstudienanstalt) eine fantastische Dichterlesung statt. Titel: Viel Freiheit und keine Zeit.
Für viele Schüler - die gesamte Jahrgangsstufe 13 samt Deutschlehrerinnen nahm teil - war "so etwas" eine Premiere. Und: mal Hand aufs Herz: Wir müssen doch alle zugeben, und das trotz diesjährigem Frankfurter-Buchmesse-Thema: Russland ..., wer von uns kennt denn (Krimis u.a. ausgenommen) zeitgenössische russische Autoren und Werke-
Die Begrüßung des Dichters - zunächst auf Russisch - hatte Tatjana Baal (12. Jahrgangsstufe) als Muttersprachlerin gern übernommen, vor allem da sie, wie Kuprijanow, aus Nowosibirsk stammt.
Der Jahreszeit und sogar den Rahmenrichtlinien entsprechend eröffnete der Autor seine Lesung mit zwei Rilke-Gedichten: "Herbsttag" und "Der Panther", die er auch ins Russische übersetzt hat.
Damit begann ein Gang durch die Zoologie; wie zur Zeit der Fabeln steht das Tier als Metapher bildhaft für den Menschen. (So auch in Kuprijanows Satire "Ein Besuch bei Orang-Utan-Press" vom 09.10.2003 in "Die Zeit"). Uns allen wohl unvergesslich sein berühmtes, von ihm par coeur (auswendig) sowohl auf Russisch wie in zwei recht verschiedenen deutschen Übersetzungen vorgetragenes "Hippopotamos" (= Flusspferd)-Gedicht (aus: "Aufforderung zum Flug", Berlin 1990), das als scharfe und zugleich witzige Polit- Satire bei seinem Erscheinen unter den Russen überall in Windeseile Verbreitung und Bewunderung fand:
Einst wird unsre Zeit uns danken,
Daß wir gemeinsam blanken
Bösen auf die Schliche kamen:
Hippopotamos mit Namen (...)
Ist das nicht bester Busch-Ton-
Ansonsten verzichtet Kuprijanow weitgehend mit seinen Übersetzern auf Reim und Metrum zugunsten der Bedeutung. Er hat als erster moderner russischer Lyriker die freien Rhythmen in seiner Heimat populär gemacht.
Zwei neue Bücher von ihm sind gerade zur Buchmesse in Frankfurt zweisprachig erschienen: ein Gedichtband "Zeitfernrohr" und Kurzprosa "Muster auf Bambusmatten", beide im Alkyon-Verlag, Lerchenstr. 26, 71554 Weissach i.T.
Nicht jeder Autor ist ein guter Vor-Leser seiner eigenen Werke. Gerade Lyrik fordert den das Publikum elektrisierenden Rezitator! - Kuprijanow liest ausgezeichnet vor: Da knarrten, knackten und knallten die Stühle in seiner pfiffigen "Symphonie des Stuhls Opus 74" (Andante - Allegro - Finale Crescendo Furioso), dass es die Zuhörenden auf die Stühle zwang, nicht zu unterdrückende Lachsalven auslöste und der Schlussapplaus für den "Dirigenten" des Stuhlorchesters begeistert aufbrandete.
Auch in der folgenden Gesprächsrunde überzeugte der Meister die Schülerinnen und Schüler mit Offenbarungen aus Biographie und Künstler-Werkstatt.
Kein Wunder, dass Koprijanow mit seinem letzten Buch "Zeitfernrohr" in der Bestenliste des SWR vom November auf dem ersten Platz landete; man denke, ein Lyrik-Band, kein Roman, keine Erzählungen, und sogar noch vor Imre Kertész, dem ungarischen Nobelpreisträger des Vorjahrs platziert. Dieser, sein Gedichtband, wird demnächst auch bei uns in Brailledruck erscheinen!
Kuprijanows Lyrik ist nie langweilig - Auf zur Lektüre!
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