horus

Startseite > horus & Broschüren > 1/2004

horus & Broschüren

Suche

Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:

Suchbegriff:

Suchen in:


Savo Ivanic: Sex für die Ohren

Wie denkt ein ehemaliger Porno-Star über Blindheit und Behinderung? Wie stellt sie sich den Sex mit einem Blinden vor? All dies und viel mehr verrät die Schauspielerin Michaela Schaffrath alias Gina Wild im horus-Interview.

Hörbücher erfreuen sich bei Blinden und Sehbehinderten seit jeher großer Beliebtheit. Erst recht, seitdem sich die "sprechenden CDs" auch auf dem Buchmarkt durchgesetzt haben. Von Thomas Mann bis Dieter Bohlen - die Palette der angebotenen Titel ist riesig.

Nun schickt sich auch ein ehemaliger Star der Porno-Branche an, die Herzen der Hörbuch-Käufer zu erobern: Michaela Schaffrath, einer breiten Öffentlichkeit als Fernseh- und Kino-Schauspielerin sowie als RTL Promi-Boxerin bekannt, hat vor kurzem ihr Hörbuch "Ich, Gina Wild" veröffentlicht. Unter diesem Namen wurde sie zwischen 1998 und 2000 als Pornostar gefeiert.

Auf drei CDs gewährt Schaffrath tiefe Einblicke in ihr bisheriges Leben. Vor, während und nach ihrer Zeit in der Erotik-Branche. Interessant wird es vor allem dort, wo sie aus dem Nähkästchen plaudert, und das tut sie ziemlich häufig und ausführlich. Ob beim Dreh ihres ersten Amateur-Pornos, bei ihren ersten sexuellen Erfahrungen mit einer Frau, im Swingerclub oder beim Geschlechtsverkehr zu Dritt - stets vermittelt die sympathische Rheinländerin dem Zuhörer das Gefühl, unmittelbar am Geschehen beteiligt zu sein. "Meine exhibitionistische Neigung kam mir mit Sicherheit sowohl bei der Produktion des Hörbuches als auch in meiner Karriere als Pornodarstellerin und Schauspielerin zugute", so die heute 32jährige. Auf den einen oder anderen mag ihre Sprache gelegentlich etwas derb wirken, aber gerade das verleiht ihr auch eine gewisse Authentizität.

Doch es ist nicht nur der weit verbreitete Voyeurismus, den Michaela Schaffrath mit ihren Anekdoten bedient. Auch die von der Branche oft heruntergespielten düsteren Seiten des Porno-Geschäftes kommen bei ihr zur Sprache. So erzählt sie von Darstellern und Regisseuren, die Frauen als Ware und wie ihr persönliches Eigentum behandeln; von osteuropäischen Mädchen, die sich aus finanzieller Not auf das Gewerbe einlassen; und von den zwielichtigen Geschäftspraktiken skrupelloser Manager des Erotik-Geschäfts.

Ein schwerer Schlag also gegen all jene PR-Strategen, die seit Jahren versuchen, die Branche aus der Schmuddelecke zu holen. Auch geht sie nach einem Besuch bei RTL-Talkerin Bärbel Schäfer mit den Talkshows der privaten Fernsehsender hart in Gericht.
Ihre Karriere als Porno-Star bereut sie dennoch nicht: "Es war eine schöne Zeit, aber jetzt suche ich neue Herausforderungen". Diese sollte sie bei Rollen in Serien wie "Tatort", "Polizeiruf 110" oder "Wolffs Revier" sowie als Darstellerin in zwei Musikvideos finden.

Beim Thema Blindheit und Sehbehinderung zeigt sich Schaffrath sehr aufgeschlossen. Auf die Frage, ob bei der Produktion ihres Hörbuches auch an blinde Käuferinnen und Käufer gedacht wurde, antwortet sie: "Nix explizit, aber ich finde es wichtig, blinden Menschen im Alltag so viele Dinge wie möglich zugänglich zu machen, und Hörbücher sind mit Sicherheit ein gute Beitrag dazu. Ich bin auch der Meinung, dass man ganz locker mit Blinden und Sehbehinderten umgehen und keine Scheu davor haben sollte, auch mal Hilfe anzubieten".
Durch eine Hornhautverkrümmung ist sie selbst auf korrigierende Sehhilfen angewiesen. "Ohne Kontaktlinsen bin ich weitsichtig, in gewissem Sinne also auch blind, obwohl sich das natürlich nicht vergleichen lässt." Als Teenager musste sie wegen ihres Sehfehlers eine Brille mit den vielzitierten "Colaflaschen-Gläsern" tragen, wovon auch zahllose Generationen von Sehbehinderten ein Lied singen können.

Man merkt Michaela Schaffrath an, dass sie keine Scheu vor dem Thema Behinderung hat. Nicht zuletzt aufgrund ihrer früheren Arbeit als Kinderkrankenschwester hatte sie jahrelang mit behinderten Menschen zu tun: "Dadurch ist mir klar geworden, dass die meisten mit ihrer Behinderung ganz gut leben können und es oft eher die Reaktionen ihrer Umwelt sind, die sie belasten."

Und wie stellt sie sich als ehemalige Porno-Aktrice den Sex mit einem Blinden vor? "Der fehlende Sehsinn wird ja durch eine intensivere Tast- und Geruchswahrnehmung ausgeglichen, das ist bestimmt sehr spannend."

Sie hat sich auch vorgenommen, die "Unsicht-Bar" zu besuchen, jenes berühmte "Dunkel-Restaurant", in dem das Personal fast ausschließlich aus Blinden besteht. "Bekannte von mir waren dort, und die haben erzählt, dass außer dem Weg zu den Toiletten absolut nichts beleuchtet ist. Da benutzt man beim Essen in seiner Not auch schon mal die Finger. Man wird ja sowieso nicht dabei beobachtet." Das könnte für Michaela Schaffrath in mehrfacher Hinsicht eine neue Erfahrung werden.

Michaela Schaffrath: "Ich, Gina Wild", 3-CD-Box, erschienen bei Epic/Sony Music, ca. 20 Euro

Zurück zum Inhalt von 1/2004 |horus im Überblick

[Startseite]  Startseite  | [Kontakt]  Kontakt  | [Impressum]  Impressum | [Hilfe]  Hilfe