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Dr. Harmut Mehls: Sie reisen ja so gerne ... wandern - erholen - bilden. 25 Jahre internationale Studienreisen für Blinde und Sehbehinderte. Teil 1


1.

Seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts unternahm Direktor Emil Kull mit Mädchen aus der Städtischen Blindenanstalt Berlin die ersten Ferienreisen für Nichtsehende. Sie führten nach Rügen. Er ging von der Überlegung aus, daß die See nicht nur - vielleicht nicht einmal hauptsächlich - mit den Augen erfaßt werden muß, sondern Gehör, Gefühl, Geruch, ja selbst der Geschmack einen bedeutenden Anteil daran nimmt. Und die nichtsehenden Berlinerinnen hatten Erholung an der frischen Luft dringend nötig. Kulls Annahme bestätigte sich: Wenn alle - noch vorhandenen - Sinne eingesetzt werden, dann wird das Erleben der See zum inneren Erlebnis, und dieses wirkt auf die seelische Befindlichkeit zurück, stabilisiert die Gesundheit und hilft langfristig, den Alltag in der Anstalt und in der Werkstatt zu meistern.

Das Erlebnis dieser Reisen übertraf alle Erwartungen. Baden, Bootsfahrten und Wanderungen erschlossen für die Anstaltsbewohnerinnen völlig neue Welten. Selbst das Faulenzen am Strand war ein noch nie gekostetes Vergnügen. Dieser Urlaub an der See wurde zum Kraftquell und oft zum Höhe- und Glanzpunkt des weiteren Lebens.

Mit diesen Reisen der Anstaltsinsassinnen schuf Kull ein Gegenmodell zu den Vorstellungen prominenter Neodarwinisten, die vorschlugen, die Blinden in klosterähnlichen Anstalten zu kasernieren, "weil die Blinden sich unter ihresgleichen am wohlsten fühlen". Die Vorschläge im Namen des "Humanismus" und des "Gemeinwohls" reichten mitunter wesentlich weiter, als die Blinden und anderen Behinderten lediglich "wegzuschließen". Die Erwägungen gingen davon aus, daß der Anblick von Blinden Mitleid und nicht selten Ekel hervorruft; sie gipfelten in den Vorschlägen zu Sterilisation und "Gnadentod" aus volkswirtschaftlichen Gründen.



2.


Nach den positiven Erfahrungen der Anstaltsbewohnerinnen aus Berlin war es kein Zufall, daß Eugen Krohn (Berlin) und sein Freund F. W. Vogel (Hamburg) begannen, Gruppenreisen für Blinde zu organisieren, die nicht in einer Anstalt untergebracht waren; auch ihr Ziel war Rügen. Um diese Unternehmungen finanzieren zu können - den deutschen Blinden ging es damals finanziell so miserabel, wie es uns demnächst wieder gehen könnte! - gründeten sie einen Verein und sammelten Geld. Der Erfolg gab ihnen recht. Doch bevor der Verein seine Tätigkeit voll entfalten konnte, brach der Erste Weltkrieg (1914) aus. Der Krieg und ein Ereignis aus der Blindenbewegung führten zum Abbruch der Reisetätigkeit.



3.


Der Reichsdeutsche Blindenverband (RBV), der im Jahre 1912 gegründet worden war, brach mit der Adaption der Wandervogelbewegung für Blinde und entwickelte eine neue Konzeption. Er befürwortete nachdrücklich Reisen für Blinde und knüpfte damit an die Erfahrungen von Krohn und Vogel an, was bereits durch die personelle Kontinuität gegeben war, denn Vogel wurde der Vorsitzende und Krohn der Schatzmeister des jungen Verbandes. Neben den beiden Pionieren der Gruppenreisen muß im Zusammenhang mit der neuen Konzeption vor allem noch Paul Reiner genannt werden.

Die neue Etappe der Blindenbewegung zeigt sich nicht zuletzt in dem Schwerpunkt der Blindenerholung. Allerdings mußte das abenteuerliche und spontane Element der Wanderreisen zurücktreten, sollten möglichst alle deutschen Blinden in den Genuß der Erholung kommen. Zu diesem Zweck pachtete bzw. kaufte der RBV 1915 ein Heim auf Rügen und 1916 in Wernigerode. Es folgten schnell hintereinander weitere Heime in den verschiedensten Gebieten Deutschlands. Hier nur am Rande erwähnt sei, daß zum Ankauf des Heimes auf Rügen unter anderem das von Krohn und Vogel vor dem Kriege gesammelte Geld verwandt wurde.

Die einfachen Mitglieder hatten zunächst wenig von dem neuen Zweig der Verbandsarbeit, obwohl sie gerade während der Kriegsjahre die Erholung dringend benötigten. Der RBV reservierte möglichst viele Plätze in den Heimen für die Kriegsblinden. Der verzweifelten jungen Männern und ihren Familien boten die Heime Ruhe und blindentechnische Hilfen an. Während die staatliche Bürokratie noch rat- und hilflos ob der großen Zahl der Erblindungen war, handelten die Zivilblinden schnell und solidarisch.



4.


Trotz der komplizierten Anfänge während des Krieges und der Inflationszeit gelang es dem RBV, die Grundlagen für ein umfassendes Kur-, Erholungs- und Rehabilitationswesen bis Mitte der 20er Jahre zu legen. Es gab aber keine von Blinden oder Sehenden für Blinde organisierten Gruppenreisen mehr, obwohl Ausflüge und Wanderungen von den Heimen aus stattfanden. Aufenthalte in den Kur- und Erholungsheimen des RBV zu erhalten, stellte kein unüberwindliches Problem dar; sie Hilfsbedürftigen erhielten Zuschüsse. Die Aufenthalte in den Heimen dienten neben der Wiederherstellung der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der beruflichen Rehabilitation und der Mobilität, vor allem aber dem Erfahrungsaustausch zwischen den Blinden. Der "massenhafte" Aufenthalt in den Heimen förderte ganz entschieden die Herausbildung einer Solidaritätsgemeinschaft unter den Blinden. Diese Wirkung des gemeinsamen Erlebens darf für die Blindenselbsthilfe nicht unterschätzt werden.



5.

Den Härtetest bestanden die Heime des RBV in den Jahren des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges (1933-1945). Die Blinden der großen Städte suchten in den abgelegenen Kurorten vor den Bombenangriffen Schlaf und Ruhe. Noch ein zweiter Aspekt, der bisher in der Literatur keine Berücksichtigung fand, kam hinzu: Die Heime bildeten einen Rückzugsort (Nische), um dem politischen Druck durch die NSDAP und durch ihre Vertreter im RBV auszuweichen. In der Zurückgezogenheit der Erholungsheime diskutierte man mit Gleichgesinnten und entfaltete das eigentliche Vereinsleben. Und am Ende des Zweiten Weltkrieges waren die Heime der Fluchtort für so manchen Funktionsträger der Blindenselbsthilfe.



6.


Nach dem Krieg knüpften die Blindenorganisationen in Ost- und Westdeutschland an diese Traditionen der Blindenbewegung an, wobei die Ruhe und Erholung im Mittelpunkt standen; in den Hungerjahren strebte niemand nach Abwechslung und Erlebnissen. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts verschoben sich allmählich die Gewichte wieder. So mancher suchte nicht nur die Ruhe, sondern das Neue sowie die körperliche und geistige Anspannung. Bei allen weiteren Ausführungen muß der Leser folgendes im Auge behalten: Die Heime behielten ihren Stellenwert für Urlaub, Erholung, Unterhaltung und Rehabilitation für die überwiegende Mehrheit der Blinden und Sehbehinderten. Sie erfaßten weit mehr Nicht- und Schwachsehende, als der Tourismus je erreichen wird. Das liegt sowohl in dem Angebot der Heime als auch in der Mitgliederstruktur der Blindenselbsthilfe begründet, die überwiegend aus alten Menschen und Mehrfachgeschädigten besteht.

Wie sich Erholung und Reisen in der DDR entwickelten, ist zwar sehr interessant, führt in diesem Beitrag jedoch zu weit. Es wird daher im Folgenden lediglich eine neue Etappe des Reisens in der Bundesrepublik beschrieben.


7.


Mit dem wachsenden Wohlstand in den 50er und mehr noch in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts drängte es die Bundesbürger danach, "bei Capri die rote Sonne im Meer" versinken zu sehen, sich durch Reisen zu bilden und etwas zu erleben, wovon anhand von Dias den Daheimgebliebenen berichtet werden konnte. Diesem Trend zum internationalen Tourismus folgend, wuchs auch bei Nicht- und Schwachsehenden ein diffuses Fernweh. Die Mobilsten unter ihnen schlossen sich den Pauschalreisenden an. Das hieß aber auch, sich dem hektischen Besichtigungs- und Fotorhythmus der Sehenden zu unterwerfen. Der Drang der Blinden und Sehbehinderten, die Welt zu bereisen, ist den Vollsinnigen nur schwer verständlich zu machen.

Jorge Luis Borges, der berühmteste Blinde des 20. Jahrhunderts, versuchte es in einem Interview: "Sie werden sagen, ich bin blind und kann nicht sehen. Aber ich glaube, das stimmt nicht. Schon in dem Gedanken, ich befinde mich in Japan, liegt ein Reichtum. Ich kann die Länder nicht sehen, aber ich bin sicher, ich werde sie wahrnehmen. Ich weiß nicht anhand welcher Zeichen." Im weiteren schwärmt er von einem Ballonflug und verweist auf die Möglichkeiten, die ein Blinder besitzt, die Umwelt in sich aufzunehmen. "Das Aufsteigen, die Kälte der Winde und die Wärme des Gases, die Süße der Landschaft hinterließen bei mir einen unvergeßlichen Eindruck." (Vollsinnige, die mitfliegen, würden über wechselnde Temperaturen klagen, während Borges daran die Welt für sich erschloß. Hier liegt der Unterschied des Erfassens.)

Fortsetzung folgt im nächsten Heft.

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