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Blinden bereitet der Alltag oft erstaunlich wenig Probleme - ihre intakten Sinne scheinen geschärft. Doch können diese das eigentlich wichtigste menschliche Sinnessystem wirklich ersetzen?
Lust auf ein Blind Date der besonderen Art? "Essen im Dunkeln" verspricht ein Restaurant in Berlin seit einiger Zeit auf seiner Homepage. Erlebnisgastronomie nennt man das wohl. Zunächst wirkt alles normal, den Aperitif gibt es bei Lampenschein. Doch kaum sitze ich am Tisch, verlöscht das Licht wie vor dem ersten Akt im Theater - nur dass der Rest im Dunkeln spielt. Nicht einmal die sprichwörtliche Hand vor Augen ist noch zu sehen.
Selbige tastet unsicher nach dem Besteck. Vielleicht sollte ich doch lieber die Finger nehmen, sieht ja schließlich keiner. Klirr! Irgendwo ging das erste Glas zu Bruch. Es bleibt nicht das einzige an diesem Abend. Offensichtlich sorgt der temporäre Raub des Augenlichts doch für ziemliche Verwirrung.
Kein Wunder, denn schließlich ist der sehende Mensch daran gewöhnt, mit einem Blick zu wissen, wo es langgeht. Ein Großteil der Informationen aus der Umwelt wird über die Augen aufgenommen, registriert durch über einhundert Millionen lichtempfindlicher Sinneszellen in der Netzhaut, weitergeleitet durch zwei Millionen Sehnerven zum Gehirn, das mehr als ein Fünftel seiner Kapazität dazu benutzt, den ständig fließenden visuellen Datenstrom zu verarbeiten.
Der totale Ausfall des dominierenden Sinnessystems ist beim "Blind Dinner" zunächst schwer zu kompensieren. Doch mit der Zeit werden die tastenden Bewegungen mit Messer und Gabel sicherer, ich spitze die Ohren und gewinne so nach und nach eine Vorstellung davon, wo die umliegenden Tische stehen und wer daran sitzt. Selbst die Geschmacksknospen scheinen sich zu öffnen, oder warum sonst schmeckt die Pasta mit Pesto - ist es wirklich Pasta mit Pesto? - heute so außergewöhnlich gut?
Trotzdem, spätestens beim Überqueren der Straße vor dem Restaurant bin ich dann froh, mich wieder auf meine Augen verlassen zu können. Eine Frage drängt sich nach dem ungewöhnlichen Abendessen wahrscheinlich vielen Gästen auf: Was passiert bei Menschen, die von Geburt an auf den wichtigsten Sinn verzichten müssen? Können sie den Verlust der visuellen Information durch eine verbesserte Funktionsweise der verbleibenden Sinne zumindest teilweise wieder wettmachen, etwa indem ihr Gehör Geräusche exakter lokalisiert? Dass ihr Gehirn zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist, wusste und nutzte man bereits vor Hunderten von Jahren. Bei der mündlichen Überlieferung von Bibelinterpretationen dienten Blinde wegen ihrer besonderen Merkfähigkeit gerne als wandelnde Datenspeicher.
Zwar besitzen alle fünf menschlichen Sinnessysteme eigene Eingänge ins Gehirn - und in der Großhirnrinde, der höchsten Instanz sensorischer Prozessierung, auch eigene Verarbeitungszentren. Die Informationen, die sie liefern, ergänzen und überlappen sich aber. Wenn wir eine Katze streicheln, wird die Farbe des Fells durch den Sehsinn vermittelt, das zufriedene Schnurren kann nur über den Hörsinn und das weiche Fell nur durch den Tastsinn wahrgenommen werden. Nichtsdestotrotz wissen wir, dass das schwarz-weiße, weiche, warme Fell und das Miauen von der gleichen Katze stammen, das heißt wir nehmen nur eine Katze wahr und nicht eine schwarz-weiß gemusterte Katze, eine weitere Katze, die miaut und noch eine, die ein weiches, warmes Fell besitzt. Das Gehirn fügt die Teilinformationen also zu einem Gesamteindruck zusammen.
Eine solche integrierende Verarbeitungsweise bringt offenbar große Vorteile. Wie verschiedene Experimente gezeigt haben, ist die resultierende multisensorische Leistung höher als die, die auf Grund der Einzelleistungen der Sinnessysteme zu erwarten wäre. Anders gesagt: Steht die Information nicht nur für einen, sondern für mehrere Sinneskanäle bereit, wird die Wahrnehmung exakter. Deshalb verstehen wir zum Beispiel einen Sprecher besser, wenn wir ihn nicht nur hören, sondern gleichzeitig die Bewegungen seiner Lippen sehen.
Blinde Menschen können auf solche Zusatzinformationen vom visuellen System nicht zurückgreifen, doch sie scheinen den Verlust in vielen Bereichen mehr als zu kompensieren. Ihr Gehör etwa ist dem Sehender so überlegen, dass die holländische Polizei bei der Auswertung von Tonbandaufnahmen von Gesprächen zwischen Verdächtigen seit kurzem Blinde als so genannte Sonderaufspürungsbeamte einsetzt. "Sie können nicht nur Hintergrundgeräusche wesentlich besser identifizieren und die verschiedenen Gesprächsteilnehmer besser auseinander halten", erklärt ein Sprecher der landesweiten Polizeizentrale. "Blinde erkennen auch eher als Sehende, wer der Boss ist und wer nur Aufträge entgegennimmt."
Sensibilisiert der Verlust des Augenlichts die intakten Sinne möglicherweise so sehr, dass der visuelle Input sogar komplett ersetzt werden kann? Um diese Frage zu klären, haben wir bei Blinden die Leistungsfähigkeit des Tast- und Hörsinns, aber auch das Sprachverständnis und das Gedächtnis überprüft. Unsere Probanden kamen alle auf Grund eines angeborenen Defekts der Augen bereits ohne Sehsinn zur Welt. Sie können also zum Beispiel bei Orientierungstests auch nicht auf visuelle Erinnerungen zurückgreifen, sondern müssen die Aufgaben wirklich mit ihren übrigen Sinnessystemen bewältigen.
Ihr besonderes "Fingerspitzengefühl" beweisen Blinde beim Lesen der Brailleschrift. Bei der für das taktile System maßgeschneiderten Blindenschrift wird jeder Buchstabe durch ein bestimmtes Muster aus sechs Punkten dargestellt (siehe Bild Seite 73). Obwohl ein Punkt nur 0,4 Millimeter hoch und 1,5 Millimeter dick ist, ertasten professionelle Braille-Leser um die 200 Worte in der Minute. Bestimmt man die Stärke eines Drucks, den die Haut gerade noch bemerkt, gibt es zwischen blinden und sehenden Menschen keinen Unterschied. Geht es um das Diskkriminationsvermögen, sind die Braille-Leser dann aber klar im Vorteil. Der Abstand, den zwei taktile Reize, zum Beispiel Bleistiftspitzen, haben müssen, damit sie gerade noch als zwei und nicht nur als ein einziger erkannt werden, ist bei ihnen deutlich kleiner. Und da die Punkte der Brailleschrift nur maximal 2,3 Millimeter auseinander liegen, ist diese Fähigkeit für die blinden Leser letztendlich entscheidend.
Wie verschiedene Studien an Menschen und Tieren gezeigt haben, lässt sich das Auflösungsvermögen der Haut durch intensives Training verbessern. Dabei expandieren die entsprechenden somatosensorischen Rindenfelder, also die für den trainierten Hautbereich zuständigen Regionen in der Hirnrinde. Auch bei blinden Menschen vergrößert sich das den Braille-Lesefinger repräsentierende Cortexareal - ihr Gehirn passt sich den besonderen Anforderungen offensichtlich an. Blinde besitzen aber nicht nur ein auffällig gutes Auflösungsvermögen der Haut, sie können Tast- und auch Hörreize zudem wesentlich schneller erkennen als Sehende. Mithilfe von so genannten ereigniskorrelierten Potenzialmessungen (siehe Kasten Seite 72) haben wir nachgewiesen, dass bei ihnen derselbe Reiz im Hörcortex eine deutlich stärkere Erregung hervorruft. An der Verrechnung sind also wesentlich mehr Nervenzellen beteiligt, was die Effizienz des Gehörs verbessert.
Überhaupt spielen die Ohren beim Leben im Dunkel eine entscheidende Rolle. Schließlich bieten sie die einzige Möglichkeit, sich auch über die Reichweite des Blindenstocks hinaus zu orientieren. Dass Geburtsblinde Höreindrücke räumlich besser auswerten können, wurde aber lange angezweifelt, denn die Hirnforschung ging davon aus, dass das auditive System auf räumliche Repräsentationen zurückgreift, die durch das visuelle System vorgeformt wurden. Bei Menschen, die nie gesehen haben, so die These, konnten diese sich aber gar nicht erst gebildet haben.
1995 geriet diese Theorie ins Wanken. Josef Rauschecker von der Georgetown University stellte fest, dass blinde Katzen ihren sehenden Artgenossen bei der Lokalisation von seitlich und im Rücken gelegenen Schallquellen überlegen sind. Auf der Suche nach den neurobiologischen Ursachen fanden die Forscher Veränderungen im so genannten anterioren ectosylvischen Cortex, einer Hirnregion, in der alle Sinnessysteme aufeinander treffen. Bei blinden Tieren erregte ein Hörreiz nicht nur die auditiven Bereiche dieses multisensorischen Areals, sondern auch die visuellen. Offensichtlich kommt es also zu einer Reorganisation des anterioren ectosylvischen Cortex, die "arbeitslosen" visuellen Felder werden von den intakten Sinnen genutzt.
Wir haben diesen Versuch an blinden und sehenden Menschen nachvollzogen. Vor und rechts seitlich der Versuchspersonen stellten wir jeweils vier Lautsprecher nebeneinander auf. Sie lieferten die Schallreize. Gelegentlich veränderte das Geräusch aber seine Frequenz. Auf diese etwas heller klingenden Töne sollten die Probanden mit einem Tastendruck reagieren, allerdings nur dann, wenn sie von dem Lautsprecher genau vor ihnen oder von dem ganz rechts kamen. Das Ergebnis: Blinde Teilnehmer konnten die seitlichen Geräuschreize besser orten.
Um die räumliche Abstimmung des Schall verarbeitenden Neuronennetzes zu vergleichen, haben wir dann die ereigniskorrelierten Potenziale bestimmt. Kamen die Schallreize von vorne, gab es keinen Unterschied. Sowohl die Gehirne der Sehenden als auch der Blinden lokalisierten den tönenden Lautsprecher nach hundert Millisekunden. Seitliche Schallquellen sind insgesamt schwerer zu orten - doch offensichtlich gilt das in erster Linie für Menschen mit Augenlicht. Bei unseren blinden Probanden lösten auch die Geräusche von rechts nach hundert Millisekunden ein Signal aus - ihr Gehirn konnte die seitlichen Lautsprecher also ebenso gut räumlich trennen wie die vorn stehenden. Sehenden gelang das nicht.
Doch wie kommt es zu dieser Überlegenheit? Als wir die Verteilung der Potenziale auswerteten, entdeckten wir, dass das Aktivitätsmaximum bei Blinden verschoben ist. Die Hauptaktivität liegt weiter hinten in der Hirnrinde - und zwar über Arealen, von denen man weiß, dass sie Eingänge von allen Sinnessystemen empfangen. Ähnlich wie bei den Katzen, scheinen sich bei Nichtsehenden diese multisensorischen Felder zu reorganisieren. Die eigentlich für den visuellen Input zuständigen Anteile verarbeiten jetzt auditive Reize. Zwar wird die Schallortung wesentlich präziser, kann aber die fehlende Information von den Augen in der Summe trotz allem nicht komplett wettmachen. Auch wenn Blinde besser hören, woher das Geheul des Martinshorns kommt, wissen Gesunde, die zusätzlich noch das Blaulicht sehen, natürlich genauer, wo der Krankenwagen sich gerade befindet.
Ein Punkt, in dem blinde Menschen ihre besonderen Fähigkeiten sehr eindrucksvoll unter Beweis stellen, ist das Sprachverständnis. Bei störenden Hintergrundgeräuschen können sie Sprechreize korrekter identifizieren als Sehende. Letztere nehmen dann aber einfach Blickkontakt zum Sprecher auf und betrachten seine Lippenbewegungen, was das Verständnis im selben Maß verbessert wie eine Anhebung der Lautstärke um 15 Dezibel.
Haben Blinde, weil ihnen hilfreiche visuelle Zusatzinformation fehlen, gelernt, Sprachsignale effizienter zu nutzen? Genügend Training bekommt ihr auditives System sicherlich, denn im Alltag müssen sie einen Großteil der Informationen über das Gehör aufnehmen. Was wir am Computer oder in Büchern lesen, wird ihnen oft in akustischer Form bereitgestellt. Interessanterweise erhöhen manche Blinde beim Hören von Hörbüchern oder beim Arbeiten am sprechenden Computer die Abspielgeschwindigkeit deutlich. In dieser komprimierten Form klingt die Nachricht für die Ohren Sehender stark entstellt. Blinden Hörern reicht die beschleunigte Mickymaus-Stimme jedoch völlig aus, sie verstehen das Gesagte problemlos.
Um die neuronale Basis der schnelleren Sprachverarbeitung zu ergründen, spielten wir blinden und sehenden Probanden Sätze vor, die entweder einen Sinn ergaben, etwa "Wenn wir campen, schlafen wir im Zelt", oder solche, bei denen das letzte Wort aus dem Kontext fällt, wie "Bobby wird morgen zehn Jahre Berg". Anhand eines bestimmten Musters der ereigniskorrelierten Potenziale, des so genannten N400-Signals, lässt sich dann ablesen, wann die Versuchspersonen das unpassende Wort erkennen.
Wie vermutet registrierten Blinde schneller, dass der Satz unsinnig ist. Ihr Gehirn reagierte schon auf den abweichenden ersten Laut des unerwarteten letzten Wortes mit einem N400-Muster. Bei den sehenden Probanden ließ dieses Zeichen, dass sie die Inkongruenz entdeckt hatten, bis 150 Millisekunden nach dem Ende des Satzes auf sich warten.
Als wir dann die Verteilung der EKPs auswerteten, waren bei Sehenden vor allem Regionen im linken Frontalcortex aktiv, also in der bei Rechtshändern sprachdominanten Hirnhälfte. Bei Blinden hingegen fand sich diese Linkslastigkeit nicht, und dass, obwohl es in der Händigkeit der Probanden keine Unterschiede gab. Offenbar sind ihre Sprachfunktionen im Gehirn weniger stark lateralisiert.
Mit der funktionellen Magnetresonanztomografie, einem bildgebenden Verfahren, das aktive Hirnareale anhand des Blutflusses sichtbar macht, haben wir die neuronalen Prozesse der Sprachverarbeitung bei unseren Probanden genauer unter die Lupe genommen. Dazu bekamen sie drei Typen von Sätzen vorgespielt: klar verständliche wie "jetzt wird der Astronaut dem Forscher den Mond beschreiben", leicht verfremdete wie "jetzt wird den Mond dem Forscher der Astronaut beschreiben" und praktisch unverständliche mit Unsinnswörter, etwa "jetzt wird dem Schorfer den Ron der Trosanaut bebreuschen".
Bei allen Probanden wurden zwei für das Sprachverständnis bekanntermaßen zentrale Areale in der linken Hirnhälfte aktiv, und zwar umso stärker, je sinnvoller die gehörten Sätze waren. Blinde benutzten aber auch die homologen Regionen
in der rechten Hemisphäre. Und mehr noch: Sie greifen zusätzlich auch auf Hirnareale zu, die sich normalerweise mit der Auswertung von Sehinformationen beschäftigen (siehe Bild Seite 72 unten). Auch ohne optische Reize versinkt ihr visueller Cortex also keineswegs in Untätigkeit, sondern wird quasi annektiert, um andere Aufgaben zu erfüllen. Hier stellt sich die Frage, ob diese zusätzlichen Kapazitäten zum überlegenen Sprachverständnis blinder Menschen beitragen.
Wer einem Blinden seine Telefonnummer gibt, wird oft die Erfahrung machen, dass dieser sich die Zahlen nicht notiert, sondern sagt, das könne er sich auch so merken. Schärft Blindheit also nicht nur die Sinne, sondern sogar das Gedächtnis? Zumindest bei Informationen, die über das auditorische System kommen, scheint das der Fall zu sein. Wir haben unseren Probanden Zahlenreihen vorgelesen, die sie dann wenig später wiederholen sollten. Blinde Menschen konnten dabei wesentlich mehr Ziffern korrekt wiedergeben als sehende. Doch nicht nur ihr Kurzzeitgedächtnis, sondern auch ihr Langzeitgedächtnis funktioniert offensichtlich besser. In verschiedenen Studien war eindeutig zu sehen, dass sie sich sowohl an Worte wie an Umweltgeräusche länger erinnerten.
Auf diese besondere Merkfähigkeit sind sie im Alltag auch ständig angewiesen. Sehende Menschen identifizieren eine andere Person vor allem anhand des Aussehens, wobei das Gesicht den größten Erinnerungswert hat. Da Blinde nicht über die visuelle Information verfügen, müssen sie ihre Mitmenschen an deren Stimme erkennen oder auch an charakteristischen Geräuschen, die beim Bewegen entstehen.
Doch wie weit können sie hier das fehlende Augenlicht wirklich wettmachen? Wir spielten blinden und sehenden Probanden Stimmproben verschiedener Personen vor. Anschließend wurden ihnen diese Stimmen, vermischt mit neuen, unbekannten, noch einmal präsentiert. Die Versuchsteilnehmer mussten sagen, welche Sprecher sie bereits im ersten Durchgang gehört hatten. Wie erwartet schnitten die Blinden hier besser ab. Doch dann zeigten wir einer anderen Gruppe sehender Probanden nur die Gesichter der Sprecher ohne die dazugehörigen Stimmen und in der Abrufphase alte und neue Gesichter. Allein über den visuellen Kanal erkannten sie wesentlich mehr Personen wieder als die blinden Versuchsteilnehmer auf Basis der Stimminformation.
Was ist bei Blinden also anders? Zunächst einmal sind sie in vielen elementaren Wahrnehmungen sehenden Menschen überlegen. Ihr räumliches Gehör ist präziser, das Sprachverständnis besser und auch ihr Gedächtnis arbeitet bei bestimmten Aufgaben exakter. Die Schärfung der Sinne verdanken sie der enormen Plastizität des Gehirns, das sich vor allem bei Geburtsblinden an den Verlust des eigentlich wichtigsten sensorischen Eingangs anpasst. In den zu den intakten Sinnessystemen gehörenden Neuronennetzen erhöht sich die Effizienz der Verarbeitung, in den multisensorischen Arealen beteiligen sich die visuellen Anteile an der Prozessierung von Hör- und Tasteindrücken. Selbst der visuelle Cortex ist nicht untätig, sondern wird zumindest teilweise von den anderen Sinneskanälen besetzt.
Durch die bessere Leistung ihres auditiven und haptischen Systems können Blinde den Verlust des Augenlichts kompensieren. In manchen Situationen sind sie dem aufs Visuelle fixierten Gesunden sogar voraus, das machte mir der blinde Kellner beim "Essen im Dunkeln" eindeutig klar. Mit traumwandlerischer Sicherheit führte er mich an allen Hindernissen vorbei auf die Toilette - ein Gang, der ohne ihn wohl bäuchlings auf dem Nachbartisch geendet hätte. Vollständig ersetzen lässt sich der Sehsinn aber trotzdem nicht! Und das macht auch Sinn, zumindest aus evolutionärer Perspektive, denn sonst könnte der Mensch von vornherein auf seine Augen verzichten.
© Gehirn&Geist 5/2003, S. 70 - 74
Die Autorin Brigitte Röder ist habilitierte Psychologin an der Universität in Hamburg. In der Arbeitsgruppe "Allgemeine und biologische Psychologie" der Philipps-Universität Marburg erforschte sie die Sinneswahrnehmungen blinder Menschen.
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