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Giuseppina Dolle, Thomas Abel: Bericht vom Seminar "Kunst als Bewältigung"

Kabarett und Theaterimprovisation als Methoden zur Be- und Verarbeitung emotionaler Konflikte im Zusammenhang mit Blindheit und Sehbehinderung vom 28. bis 30.11.2003 in Mündersbach

Bereits die Vorstellung der 23 angereisten Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer begann schwungvoll und mit viel Spaß, und diese fröhliche Stimmung begleitete uns das gesamte Wochenende. Eine buntgemischte Gruppe aus "alten Hasen", die nach rund zehn Jahren wieder eine FG-Veranstaltung besuchten, ganz Neuen und Mitgliedern, die auch an den letzten Treffen regelmäßig teilnahmen, hatte sich zu Kabarett und Theaterimprovisation in Mündersbach eingefunden. Doch bevor wir selbst in 3 Workshops am Samstag ins Thema einstiegen, konnten wir uns am Freitagabend von der Kompetenz und der Kreativität unserer Referentinnen überzeugen.

Zunächst stellte die blinde Schauspielerin Dörte Maack sich und ihre Workshoparbeit vor und verdeutlichte an drei beeindruckenden Beispielen spielerisch, wie Körperausdruck, Stimme und Emotionen in szenarischer Darstellung zusammenwirken.

Im Anschluss daran führte die Frankfurter Kabarettgruppe "Die unbequemen Schwestern" drei Stücke auf, in denen sie Alltagssituationen, aber auch politische Themen humorvoll überspitzt darstellten.

Am Samstag teilten sich die 23 Seminarteilnehmer in zwei Kabarett- und eine Theaterimprovisationsgruppe auf, in denen wir den ganzen Tag arbeiteten. Abends führten alle drei Gruppen im Plenum einige Szenen auf, die sie am Tag erarbeitet hatten. Daraus wurde ein ausgesprochen unterhaltsames Abendprogramm von 90 Minuten Länge. Erstaunlich war für uns, dass man in so kurzer Zeit in einer Gruppe Szenen erarbeiten und zur Aufführung bringen konnte, und das wirklich jeder Seminarteilnehmer am Ende etwas darstellte.

Hier nun einige Berichte aus den einzelnen Workshops:

Peter Staubach berichtet vom Workshop 1 Kabarett (Ref. Anneliese Hahn, Susanne Schroeder)
"Acht Teilnehmer, drei Männer und fünf Frauen, hatten sich den beiden Referentinnen zugesellt. Nachdem von allen der Wunsch in die Gruppe hineingetragen worden war, sich mit Alltagssituationen zu befassen, grenzte Susanne noch einmal deutlich das Spiel mit solchen Situationen gegenüber einem therapeutischen Herangehen ab. In dieser Gruppe konnte und sollte es nicht um eine therapeutische Bearbeitung gehen; das was wir erreichen konnten und auch erreicht haben, war das Herausfinden verschiedener Möglichkeiten, wie man mit Alltagssituationen umgehen kann. Interessant war die Vielfalt möglicher Reaktionen, die einem leider im entscheidenden Moment nicht gleich einfallen. Wenn man sie aber mal gespielt hat, erweitert sich das Repertoire, aus dem man schöpfen kann.

Konkret haben wir das in unserer Gruppe jeweils in Zweiersituationen, also an vier Beispielen durchgespielt:

· Eine Szene an einer Kasse im Kaufhaus, wo jemand wegen der Sehbehinderung um Hilfe bittet; diese Szene wurde in zwei Variationen gespielt
· Eine Szene, bei der jemand offensichtlich auf Grund des Merkmals "blind" anhaltend verwechselt wird, die andere Person sich als Retterin fühlt, weil sie den Blinden vor einem Zusammenprall mit einem Hindernis bewahrt hat
· Eine Szene am Blumenstand, bei der die Verkäuferin penetrant nach den Ursachen der Sehbehinderung fragt, aber keine Antwort erhält
· Eine Szene zwischen Vater und Sohn kurz vor Abfahrt des Zuges, in der der Vater seinem Sohn noch einen wichtigen, ihm aber peinlichen "Tipp" fürs Leben mitgeben möchte.

Diese vier Szenen haben wir dann auch am Abend für alle vorgetragen. Ebenso haben wir eine Szene vorgespielt, bei der alle beteiligt waren: Zwei blinde Personen mit einer Begleitperson erscheinen zu spät in einem kleinen Theater. Sie verhandeln an der Kasse über den Preis und die Möglichkeit, Getränke und etwas Essbares mitzunehmen, während das Stück eigentlich schon angefangen hat. Dann begehren sie einen Platz in der ersten Reihe, so dass das Publikum zusammenrücken muss. Dass das Chaos beim Vorführen unseres Stückes dann etwas größer wurde als wir geplant hatten, lag wohl vor allem an unserer Spielfreude.

Die einzelnen Szenen haben wir nicht wörtlich, sondern sinngemäß vorbereitet und dann spontan gespielt. Dass es uns gelungen ist, in nur sieben Stunden mit einer Gruppe von Leuten, die sich nicht alle kannten, fünf spielreife Szenen zu entwickeln, finde ich auch im Nachhinein im höchsten Maße erstaunlich. Entscheidend dafür war die offene und kreative Atmosphäre, die die Referentinnen anstrebten und die sich bei uns auch sofort einstellte. Die Freude am aktiven Spiel ließ dann die Ideen nur so sprudeln. Nochmals vielen Dank an alle, die mitgemacht haben."

Claudia Gerike berichtet vom Workshop 2 Kabarett (Ref. Regina Pudwill, Cintia Spellmeier)

"In unserer Gruppe "Stolpersteine" ging es darum, Szenen die wir in unserem Alltag als blinde oder sehbehinderte Menschen erleben, nachzuspielen. Zunächst machten die beiden Referentinnen klar, dass der Workshop kein Therapieangebot beinhaltet, und dass Jede und Jeder für sich verantwortlich ist und entscheiden muss, was er / sie spielen kann und will.

Anschließend sammelten wir Ideen: Flirten / Kontaktaufnahme mit Sehenden, Probleme in Familien, der Ärger darüber, dass oft die Begleitungen und nicht der / die Sehbehinderte selbst angesprochen wird... um nur ein paar Vorschläge zu benennen. Es war uns aber auch wichtig, uns selbst "auf die Schippe" und nicht zu ernst zu nehmen. Schließlich entwickelten wir eine Szene, in der ein blinder Mann in einer Arztpraxis eine nette junge Dame kennen lernt und sofort einen intensiven Flirt beginnt. Die Dame wird von der Ärztin sofort als Begleiterin des Mannes angesehen und sie erklärt sich sofort bereit, die Frau auch krank zu schreiben, damit sie den "armen blinden Mann" pflegen kann.

In einer zweiten Szene ging es um das Thema: "Wie selbständig kann und darf ein blinder Mensch sein?" Eine blinde Frau will sich auf einer Tagung selbständig am kalten Buffet zurechtfinden. Jegliche Hilfe lehnt sie ab, greift mit den Fingern in die Mayonnaise und fasst alles an. Die Reaktion der anderen Teilnehmer ist unterschiedlich. Letztendlich hat sie aber einen vollen Teller mit leckeren Köstlichkeiten, während die Gaffer und Kommentatoren der Szene leer ausgehen.

Uns war es wichtig, dass alle sieben Teilnehmer/innen in die Szenen eingebunden wurden, was auch sehr gut gelungen ist. Die Referentinnen standen uns mit Rat und Tat zur Seite. Vieles erarbeiteten wir uns aber auch selbst, so beispielsweise, dass es sehr wichtig ist, dass immer nur einer redet. Nach unserem ersten Probedurchgang in der Arztpraxis-Szene stellten wir beispielsweise fest, dass wir zwar ein sehr gutes Grundkonzept hatten, aber niemand ein Wort verstanden hat, weil alles durcheinander quatschte. Wir lernten, mit Stichworten zu arbeiten und wie man mit einfachen Requisiten schon eine große Wirkung erzielen kann.

Abends haben wir dann unsere beiden Szenen aufgeführt. Es hat sehr viel Spaß gemacht, und sicher die eine oder andere Anregung gegeben, wie wir zukünftig mit, für uns ärgerlichen Situationen umgehen können."

Susann Hanske berichtet vom Workshop 3 Theaterimprovisation (Ref. Dörte Maack)

"Der Theaterworkshop wurde von der selbst blinden Schauspielerin Dörte Maack aus Hamburg geleitet. Ziel war es, einen Einblick in die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Körpers und der Stimme zu gewinnen. Dies sollten einzelne Übungen verdeutlichen, es ging hier nicht um die inhaltliche Darstellung eines Theaterstückes.

Der Vormittag begann mit leichten Atemübungen. Paarweise, teilweise aber auch als gesamte Gruppe, konnten die 8 Teilnehmer verschiedenste Möglichkeiten ausprobieren, Emotionen allein durch den Einsatz der Stimme zum Ausdruck zu bringen.

Beispiel für eine Übung:

Alle Teilnehmer bildeten einen Kreis.

1. Jeder Teilnehmer sagt nacheinander zu seinem rechten Nachbarn das Wort "ja" und wendet sich dabei ihm zu. Dies wird mehrmals hintereinander wiederholt.

2. In einer weiteren Runde sagen alle Teilnehmer nacheinander zu ihrem linken Nachbarn das Wort "nein" und wenden sich ihm dabei zu.

3. Später geht es darum, dem rechten Nachbarn wieder das Wort "ja" zuzurufen. Dieser muss sich entscheiden, ob er das "ja" an seinen rechten Nachbarn weitergeben oder ihm mit einem "nein" entgegnen möchte.

Auf diese Weise können zwei Teilnehmer z.B. einen Streit beginnen, der nur aus den Worten "ja" oder "nein" besteht. Dieser dauert dann so lange, bis einer der beiden sich seinem Nachbarn auf der anderen Seite zuwendet und "ja" nach rechts oder "nein" nach links ruft.

So konnte man sich z.B. in die Rolle einer ängstlichen, wütenden oder gar traurigen Person einfühlen.

Aber auch Bewegungs- und Körperübungen waren häufig vertreten. Hierbei war besonders Kreativität gefragt.

Später traten die Teilnehmer häufiger einzeln oder in Kleingruppen auf die "Theaterbühne". Hier wurde besonders deutlich, wie man eine Aussage durch eine bestimmte Körperhaltung oder eine Bewegung z.B. noch bekräftigen bzw. die Haltung des Körpers sich auf den Ausdruck der Stimme auswirken kann. Dabei gab es viele Möglichkeiten, von den Zuhörern ein Feedback zu erhalten.

Am Abend konnten vor allen Seminarteilnehmern, die nicht an diesem Workshop beteiligt waren, drei Theaterübungen aufgeführt werden."

Ein Mitschnitt der abendlichen Aufführungen der beiden Kabarettgruppen wurde auf der letzten Fachgruppeninfo Sozialwesen 4/2003 veröffentlicht. Seminarteilnehmer können gegen eine Unkostengebühr eine Kopie des Videomitschnittes in der Geschäftsstelle anfordern.

Die Seminarauswertung am Sonntagmorgen zeigte deutlich, dass alle Anwesenden sich auch für zukünftige Veranstaltungen Inhalte wünschen, die weniger kopflastig sind, dafür Phantasie, Kreativität und das eigenständige Handeln fordern und fördern. Ideen wie Psychodrama, Körperarbeit, Einbeziehung von Musik u.a. wurden genannt. Derartige Seminarangebote fachgruppenübergreifend zu planen und anzubieten, wurde ebenfalls vorgeschlagen.

Nach der Verabschiedung unserer Workshop-Leiterinnen hielten wir unsere Fachgruppenversammlung ab, in der turnusgemäß die Neuwahl der Fachgruppenleitung anstand.

Giuseppina Dolle / Thomas Abel

Protokoll der Fachgruppenversammlung am 30.11.2003 in Mündersbach
1. Bericht der Fachgruppenleitung:
Leider konnte Bettina Janeba krankheitsbedingt an diesem Seminar nicht teilnehmen, so dass Pina und Thomas die drei Jahre seit Beginn ihrer gemeinsamen Leitungstätigkeit zusammenfassten. Schwerpunkte ihrer Arbeit waren u.a. die Organisation von zwei Wochenendseminaren und der eintägigen Mai-Veranstaltung im Rahmen der DVBS-Mitgliederversammlung sowie die telefonische Beratung von FG-Mitgliedern und Nichtmitgliedern mit Ausbildungs- oder fachbezogenen Fragen.

2. Wahlen der Fachgruppenleitung
Wie bereits der Einladung zu entnehmen war, trat das bisherige Leitungsteam geschlossen zurück. Die 23 anwesenden Mitglieder wählten zunächst Claudia Gerike (16 Stimmen) zur Fachgruppenleiterin und anschließend Karla Schopmans (21 Stimmen), Rita Schwörer (23 Stimmen) und Regina Vollbrecht (20 Stimmen) ins Leitungsteam.

3. Vorschläge für die DVBS-Vorstandswahlen
Folgende Kandidatinnen und Kandidaten wurden von der Versammlung für die im Mai 2004 anstehenden DVBS-Vorstandswahlen vorgeschlagen (Anzahl der Stimmen in klammern):
1. Vorsitzender Uwe Boysen (18)
2. Vorsitzender Karsten Warnke (10)
Beisitzer: Rita Schroll (20), Elke Schafhausen (18), Peter Brass (14).

4. Verschiedenes
- Rita Schwörer berichtete über den aktuellen Diskussionsstand zu den Plänen, den ADW durch ein neues Dienstleistungsangebot des DVBS zu ersetzen.
- Die schon länger geplante Mitgliederbefragung innerhalb unserer Fachgruppe zur Aktualisierung der Mitgliederkartei will das neue Leitungsteam aufgreifen und wird die bereits formulierten Fragen hierzu erhalten. Sigrid Angermann bittet bei dieser Befragung auch nachzufragen, ob Mitglieder pflegerisch tätig sind. Sie sucht Personen zum Austausch bzgl. dieses Themenbereichs.

Mit dem Mittagessen endete die Versammlung und das Seminar für uns im "Haus Hubertus", der Aura-Pension des BSB Hessen, in dem wir uns alle sehr wohl gefühlt haben.

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