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Rudi Ullrich: Schritte in die Selbstständigkeit - Auch Eltern müssen lernen

Die Schülerinnen und Schüler der blista gehen Einkaufen und ins Kino, haben ihren täglichen Schulweg und sind aus dem Marburger Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Doch das war nicht immer so. Erst vor etwa dreißig Jahren haben Mitarbeiter der blista als erste in Deutschland mit dem "Mobilitätsunterricht" begonnen. Durch diesen Unterricht, der heute zum Standardangebot der blista gehört, wurde die Voraussetzung für die sichere und selbstständige Fortbewegung der blinden und sehbehinderten Schüler geschaffen. So war es folgerichtig, dass sich Mitte der siebziger Jahre Schüler, Eltern und engagierte Pädagogen dafür einsetzten, dieser neuen Entwicklung im pädagogischen Konzept Rechnung zu tragen. Doch es dauerte mehrere Jahre, bis sie die geplante Errichtung eines Zentralwohnheimes direkt an der Schule, wie es damals für Blindenschulen üblich war, abwenden konnten. Im Herbst 1978 war es aber soweit. Die ersten volljährigen blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schüler zogen in so genannte Selbstständigenwohngruppen (SWGs) ein und die erste offizielle Außenwohngruppe für minderjährige Schüler wurde eröffnet. Dieses, damals in Deutschland bahnbrechende und lange Zeit umstrittene Konzept des dezentralen Wohnens hat sich bewährt. Es ist heute selbstverständlicher und unverzichtbarer Bestandteil der pädagogischen Arbeit der Blindenstudienanstalt.


25 Jahre - ein Grund zum Feiern


"Wie würde mein Leben wohl aussehen, wenn ich nicht nach Marburg gekommen wäre?", fragt Thorsten Büchner bei seiner Rede im Rahmen des Festaktes zum 25jährigen Jubiläum des dezentralen Wohnkonzeptes. Der aus dem Saarland stammende blinde Student der Politikwissenschaften und erfolgreiche Schauspieler, der sein Abitur im Jahr 2000 machte, ist sich sicher, dass er vieles, was für ihn heute selbstverständlich ist, nicht erreicht hätte. "Vielleicht", so sagt er, "hätte ich auch woanders Abitur machen können und würde jetzt in Saarbrücken studieren, aber wahrscheinlich würden mich meine Eltern oder ein Zivi morgens zur Uni bringen und nachmittags wieder abholen". Er ist froh, dass es anders gekommen ist, obwohl die Trennung von zu Hause für ihn und seine Eltern am Anfang nur schwer zu verkraften war. Vor allem für seine Eltern war es nicht leicht, loszulassen. Er erinnert sich noch gut an die Zeit vor der blista. Obwohl er damals noch einen Sehrest hatte, war der einzige Weg, den er alleine ging, der vom Elternhaus zum täglich im Dorf vorbeikommenden Eiswagen. Aber woher hätten seine Eltern auch wissen sollen, was man einem sehbehinderten oder blinden Kind zumuten und abverlangen kann, so fragt er. "In der Zeit in Marburg habe nicht nur ich nach und nach gelernt, meine Talente und Fähigkeiten auszuprobieren und zu entwickeln, auch für meine Eltern war es ein langer und manchmal steiniger Lernprozess." Heute ist er sich mit ihnen einig, dass der Besuch der blista für beide der einzig richtige Weg war.

Zu Beginn der zweistündigen Veranstaltung hatten der langjährige Lehrer der Carl-Strehl-Schule Manfred Rauch und der ehemalige Schüler und heutige Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der blista Rudi Ullrich die Zuhörer zurück in die siebziger Jahre geführt. So erinnerte Rauch an die gesellschaftlichen und schulischen Rahmenbedingungen und Ullrich schilderte das damalige Internatsleben, das mit dem heutigen wenig gemein hat. Die Ideen der Studentenbewegung, die sich mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung an den Schulen auswirkte, schlug sich, so Rauch, auch im Selbstverständnis der Lehrer und Schüler nieder. So wurde aus der Schülermitverwaltung die Schülerverwaltung mit festgeschriebenen Rechten. Ullrich skizzierte die Veränderungen des Internatsleben vom Heim für 30 Jungs bis 16 Jahre, die in Vierbettzimmern ohne jegliche Privatsphäre wohnten, hin zur vierköpfigen Wohngemeinschaft mit Einzelzimmer, Küche, Bad, und großer Eigenverantwortung für die Schüler.

Reinhard Villmow, Gesamtinternatsleiter von 1978 bis 1988, ging in seinem Festvortrag mit dem Titel "Können Blinde Treppen steigen?" noch einmal auf die vielen Widerstände und Vorurteile ein, die damals überwunden werden mussten. Er sagte, "es kamen glückliche Umstände zusammen und vieles haben wir nur erreicht, weil wir die Wände, durch die wir gegangen sind, einfach nicht gesehen haben. In der Rückschau kann man sagen, dass wir in vielen Punkten zum Glück ziemlich naiv waren." Er meinte, nur das große Engagement von Eltern, Schülern und pädagogischen Mitarbeitern, die sich über Jahre für die Idee eines dezentralen Internats eingesetzt haben, brachte am Ende den Durchbruch. In den ersten Jahren, so erinnert er sich, wurde in vielen Bereichen in pädagogischer und organisatorischer Hinsicht Neuland betreten. Das forderte von allen Beteiligten ein hohes Maß an Flexibilität, Kreativität und manchmal auch Wagemut. Dass es sich aber gelohnt hat, so Villmow, sieht man nicht nur daran, dass heute in Marburg wohl kein Vermieter mehr fragen würde, "Können Blinde denn Treppen steigen?".

Direktor Jürgen Hertlein freute sich, bei seiner Begrüßung unter den ca. 200 Gästen ganz besonders die Vertreter des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Bernd Thorbom und André Schmidt-Hosse, willkommen heißen zu können. Er brachte seinen Wunsch zum Ausdruck, dass die gute Zusammenarbeit der Vergangenheit zum Wohle der blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schüler sich trotz der angespannten Finanzlage der öffentlichen Haushalte fortsetzen wird. Der Vorsitzende der blista, Paul Marx, griff in seinem Schlusswort diesen Gedanken noch einmal auf und erinnerte an die soziale Verantwortung der Sozialhilfeträger, die sich wieder verstärkt ihrem ursprünglichen Auftrag als Sachwalter der Interessen behinderter Menschen und weniger als reine Verwalter, von zugegebenermaßen immer geringeren finanziellen Mitteln, verstehen sollten. Er hoffe, dass sie dazu auch die politischen Rahmenbedingungen erhalten.

Aus der Sicht einer Mitarbeiterin der ersten Stunde zeigte Andrea Sollwedel den rasanten Wandel zu Beginn der achtziger Jahre auf. Aus 7 Wohngruppen wurden schnell 40. Sprunghaft stieg auch die Schülerzahl von 150 auf 260 und die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Internats von 25 auf 90. Und der Wandel geht weiter, so Solllwedel. Bis heute wurde und wird das Konzept den veränderten pädagogischen und organisatorischen Bedürfnissen angepasst. "Wir Betreuerinnen und Betreuer müssen uns immer wieder auf veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen in unserer täglichen Arbeit einstellen".

Auf diese veränderten Rahmenbedingungen ging auch Willy Rommelspacher, Gesamtinternatsleiter der blista, ein. "Die Betreuerinnen und Betreuer des Internats haben, neben der schulischen Bildung der Carl-Strehl-Schule und der rehabilitativen Förderung durch die RES, einen eigenständigen und wesentlichen Beitrag für die Persönlichkeitsentwicklung unserer Schülerinnen und Schüler zu leisten. Deshalb müssen wir unsere Konzepte und Vorgehensweisen immer wieder kritisch betrachten. Aber wir sollten auch selbstbewusst auftreten und sagen: Das Leben in den Wohngruppen der blista ist natürlich im ersten Moment für Eltern und Kinder schmerzlich. Es bietet den Kindern aber auch eine Vielzahl von Chancen, die sie sonst nicht hätten. "

Wer heute und morgen, so Rommelspacher, als Blinder oder Sehbehinderter auf dem Arbeitsmarkt bestehen will, brauche nicht nur gute Fachkenntnisse, er müsse sich sozial absolut adäquat verhalten können, er müsse problemlos von A nach B finden, er müsse eine ausgeprägte Leistungsbereitschaft, Flexibilität und eine Bereitschaft zur permanenten Weiterentwicklung mitbringen. Diese Grundlagen müssten in jungen Jahren gelegt werden.

Dabei gab er auch zu bedenken, dass die Situation auf dem Arbeitsmarkt so dramatisch ist, dass einige der Schüler und Schülerinnen, genauso wie nicht behinderte junge Menschen, selbst bei bester fachlicher und persönlicher Qualifikation keinen schnellen Zugang zum Arbeitsmarkt finden werden. Auch auf diese Situation und die damit einhergehenden Gefahren müsse vorbereitet werden.

Es gäbe aber auch einen Wertewandel bei den Jugendlichen selbst. Sei noch vor 10, auf alle Fälle vor 20 Jahren, für junge Menschen, insbesondere für Studenten, die "Wohngemeinschaft" die ideale, manchmal auch idealisierte, und meistens prägende Lebensform gewesen, sei dies aus seiner Sicht heute keineswegs selbstverständlich. "Und so müssen wir uns ernsthaft fragen, ob wir mit unseren Internatswohngruppen, mit unseren vielleicht noch persönlich hoch gehaltenen Idealen von ’Gemeinschaftlichkeit’, unsere Schüler adäquat auf deren Lebensrealität vorbereiten."

Auch die Zahl der Internatsbewohner, die keine Familie oder familienähnliche Konstellation als emotionalen Halt und auch als Werte vermittelnde Institution haben oder hatten, steigt zusehends, sagt er.

Als besondere Einrichtung mit Internat, noch dazu mit einem so aufwändigen Internat wie dem der blista, befinde man sich derzeit kräftig in der Defensive. Und zwar aus Kostengründen ebenso wie aus ideologischen Gründen. Viele Politiker, Verbände und so manche Landesregierung präferieren die integrative oder die so genannte "wohnortnahe" Beschulung. Hinter den inhaltlichen Begründungen hierfür würden sich aber vor allem finanzielle Aspekte verstecken.

Deshalb meinte er, "die leeren Kassen können wir nicht füllen, wir können ihnen nur mit Argumenten entgegentreten. Dabei müssen wir raus aus der Ecke, in der ein Internat nach wie vor als notwendiges Übel betrachtet wird, welches mit der segregierten Beschulung verbunden ist."

"Wir müssen deutlich machen", fuhr er in seiner engagierte Rede fort, "welche sozialen und rehabilitativen Lernfelder, welche Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung, kurzum welche Chancen unsere Internatspädagogik bietet.

Wir dürfen und müssen zum Ausdruck bringen, dass wir mit diesen Chancen einer ganzheitlichen Bildung und Kompetenzentwicklung den meisten integrativen Beschulungsmodellen um Längen voraus sind. Und: dieser Vorteil ist kein Luxus, sondern wird für unsere Absolventen in ihrer beruflichen und persönlichen Lebensgestaltung sehr entscheidend sein."

Die Forderung von Rommelspacher, sich den zukünftigen Herausforderungen zu stellen, wurde in Workshops am Nachmittag aufgegriffen.

Barbara Nolte als Moderatorin und Jens Flach, Mohamed Metwalli und Jan Eiler, die einen musikalischen Bogen von den Siebzigern bis heute spannten, sowie die "Prinzessinnen" mit ihrer "Ode an die Anstalt" trugen wesentlich zum Gelingen der Veranstaltung bei.

Ein stimmungsvolles Fest am Abend in einer liebevoll dekorierten Sporthalle bei toller Tanzmusik der siebziger Jahre und dem "Marburger Hammerorchester" in seiner Urbesetzung mit Uli Kalina, Kalle Sommer, Rainer Husel und Michael Pauen, bildete den Abschluss eines rundum gelungenen Jubiläumstages

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