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Michael Herbst: "Wie soll ich denn blind Dessous verkaufen?", Teil 3

Anmerkung der Redaktion: Im Frühjahr 2003 steht für Heike Eidt fest: Sie gibt ihr Geschäft auf, sobald es geht. Noch hat sie keine konkreten Vorstellungen darüber, wie es weitergehen soll. Doch sie beginnt, ihre Blindheit zu akzeptieren und mit ihr leben zu lernen.

"Wenn die Sterne nicht draußen hingen, würde ich gar nicht merken, das Weihnachten ist. Gestern Nachmittag hatte ich einen einzigen Kunden." Für eine Einzelhändlerin, die ein desaströs schlechtes Weihnachtsgeschäft konstatiert, wirkt Heike Eidt sehr gefasst. Die Erklärung folgt auf dem Fuß: "So, am 29.2.2004 ist Schluß." Der Mietvertrag für das Ladenlokal ist gekündigt. Die Vermieterin bestand nicht einmal auf die Einhaltung der Kündigungsfrist, als Frau Eidt ihr die Lage erklärte und auch ihre Sehbehinderung anführte. "Am Montag gehe ich zur Industrie- und Handelskammer und beantrage die Genehmigung für den Räumungsverkauf." Ich spreche mit einer Frau, die Fakten schafft.

Hinter sich hat sie Monate der Selbstfindung. Im Mai und im Juni 2003 absolviert sie zwei jeweils zweiwöchige Computerkurse im Berufsförderungswerk Düren. "Das hat schon was gebracht", resümiert sie. Doch die Stimmung dort behagt ihr wenig. "Die sitzen abends da und trinken Bier." Das ist nicht ihre Welt.

Das ZDF strahlt Ende Mai in der Sendung "Menschen" einen 6,5minütigen Beitrag über Heike Eidt aus. Der Film verzichtet auf Sprechererläuterungen. Klaviermusik schafft eine fast melancholische Atmosphäre und Bilder und Worte der 36jährigen und ihres Umfeldes vermitteln die Inhalte. Ein gelungenes Portrait, befinden sie und ich. Zwei Wochen später läuft auf 3Sat eine halbstündige Reportage. Der Autor beider Beiträge, Oliver Preusche, will unbedingt eine Fortsetzung produzieren, erklärt er mir. Doch weitere Drehtermine kommen nicht zu Stande. Frau Eidt und ich warten vergeblich auf versprochene Videomitschnitte der beiden Filme von ihm. Stattdessen erreicht mich Monate später ein Lebenszeichen in Form zweier vorweihnachtlicher Weinflaschen Immerhin.

Im Sommer geht Frau Eidt an die Mosel zur Kur. Das Haus bezeichnet sie etwas abfällig als "Psychoklinik", aber sie erholt sich gut. "Die wollen mich berufsunfähig schreiben", berichtet sie und erzählt, daß die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte ihr die Kur bezahlt hat. Ich staune: Also sieht sich die BfA mittlerweile doch als zuständig an. In früheren Gesprächen hatte Frau Eidt erzählt, sie habe sich dort "auszahlen" lassen. Das Versorgungsamt finanzierte ihr die beiden Computerkurse in Düren. Egal, denken DVBS-Rechtsberater Michael Richter und ich, jedenfalls zahlt sie und das ist gut so. Die Angst von Frau Eidt, dass sie selbst etwas rechtswidriges gemacht hat, indem sie sich nicht früher an die BfA wandte, kann ich ihr unter Verweis auf das Sozialgesetzbuch IX erst Monate später einigermaßen nehmen. Ihr droht keine Gefahr, abgesehen davon, daß die Computeranlage unter der Auflage bezahlt wurde, daß sie den Laden drei Jahre hält. Am 29.2.2004 werden davon erst zwei Jahre und acht Monate verstrichen sein.
Ein Fall für Rechtsanwalt Richter, denke ich.

Von der Kur heimgekehrt kauft Frau Eidt für das Wintergeschäft ein. Sie ist zwar nach wie vor entschlossen, den Laden aufzugeben, "aber von heute auf morgen geht das eben nicht". Überdies steht immer noch die Frage im Raum, was sie in der Zukunft eigentlich beruflich machen soll. Eine zweiwöchige Berufsfindung in Würzburg soll im November Klarheit bringen. Ihr Verhalten dort beschreibt Frau Eidt selbst als eher aufsässig. Sie weigert sich, ein handgeschriebenes Diktat abzugeben, das sie mangels Sehkraft nicht vorher noch mal korrigieren kann. "Danach beurteilen die mich dann ja", erklärt sie und ich kann sie durchaus verstehen. Nach unzähligen Tests und Gesprächen empfiehlt man der ehemaligen Hauptschülerin schließlich eine blindentechnische Grundausbildung und anschließend eine Ausbildung zur Physiotherapeutin.

Beides kann sie sich mittlerweile durchaus vorstellen und meldet sich prompt für den März 2004 in Düren zu einer einjährigen blindentechnischen Grundausbildung an. Die BfA zahlt ihr Übergangsgeld, dessen Höhe sie im Januar noch nicht kennt. Wenn sie ihre Eigentumswohnung halten kann, möchte sie mit ihrem Lebensgefährten, Andreas, zusammen dort leben. Zumindest dann, wenn sie nicht in Düren ist. Das Mobilitätstraining, das ich ihr immer wieder empfohlen hatte, akzeptiert sie inzwischen und bezeichnet es schlicht als "notwendig". Sie ist auf dem Weg.

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