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Norbert Kather: Leben unter anderen Bedingungen. Eindrücke aus der Arbeit mit Sehgeschädigten in Kenia

Als blinder Sozialarbeiter war ich von 1999 bis 2002 in Kenia mit dem britischen Entwicklungsdienst VSO in der Behindertenarbeit tätig.

Kenia ist ein Land mit 42 Völkern und ebenso vielen Sprachen und die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind extrem groß. Weniger als 5 % der behinderten Kinder besuchen eine Schule, von den blinden Kindern sind es gut 20 %.

Es gibt einige "Vorzeige-Blinde" wie Rechtsanwälte, Universitätsdozenten, Parlamentsabgeordnete oder einen Musiker, der auch schon zu Konzerten in Deutschland war. Die große Mehrheit Sehgeschädigter erhält aber keine schulische und berufliche Ausbildung, und so sind sie auch als Erwachsene von der Fürsorge der Familie oder Dorfgemeinschaft abhängig. Unter normalen Bedingungen geht dies meist gut, aber es wird schwierig, wenn eine Regenzeit ausfällt und Lebensmittel knapp werden.

Als ich im September 1999 als einer von 25 Freiwilligen des britischen Entwicklungsdienstes VSO im Flugzeug von London nach Nairobi saß, wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Es war gut, dass wir als Gruppe für die ersten drei Wochen zusammen blieben, ehe wir an unsere Arbeitsorte gingen.

Mein Arbeitsplatz war in einem Assessment Center, einer Art Beratungsstelle für Eltern behinderter Kinder. Weiter arbeiteten dort drei Kenianer, alle drei Lehrer für Gehörlose, und eine britische Sonderpädagogin. Zwei der drei Kenianer waren nicht sehr engagiert, worunter die Arbeit des Centers litt. Reguläre Finanzmittel standen nicht zur Verfügung, und vor jeder Busfahrt musste erst die Frage des Fahrgeldes geklärt werden.

Die Arbeitsbedingungen waren eher schlecht und oft passierte kaum etwas: auch den Eltern mangelte es am nötigen Fahrgeld. Ich empfand die Arbeitsbedingungen als so unbefriedigend, dass ich ernsthaft überlegte meine Arbeit dort zu beenden. Aus zwei Gründen bin ich schließlich doch in Machakos geblieben: die größte Rehabilitationseinrichtung für Sehgeschädigte in Kenia ist dort ansässig und gewisse Voraussetzungen waren gegeben, ein integriertes Programm für sehgeschädigte Kinder an einer regulären Grundschule (Special Unit) zu beginnen.


Das Machakos Technical Institute for the Blind


Als Folge des 2. Weltkrieges und der blutigen Mau-Mau-Aufstände in den 50er Jahren gab es in Kenia eine große Anzahl Blinder. 1958 gründete die britische Royal Commonwealth Society for the Blind das Machakos Technical Institute, um Blinde. als Telefonisten und Schuhmacher auszubilden. Da die Telefonanlage zu Beginn der 90er Jahre selbst für kenianische Verhältnisse veraltet war, wurde die Telefonistenausbildung inzwischen eingestellt.

Neben dem Erlernen der Punktschrift wird heute in der Grundrehabilitation viel Wert auf Orientierung und Mobilität und auf lebenspraktische Fertigkeiten gelegt. Zur Zeit wird in der Schuhmacherei, der Tischlerei und im Stricken und Weben ausgebildet.

Bis Mitte der 80er Jahre ging es Kenia wirtschaftlich gut und der Besuch des Instituts war kostenlos. Viele der Umschüler erhielten nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung aus Mitteln der Christoffel Blindenmission das nötige Handwerkszeug um sich selbstständig zu machen. Seit dem hat sich die wirtschaftliche Lage Kenias verschlechtert und die Zuschüsse für das Institut sind erheblich zurückgegangen. Jetzt müssen Schulgebühren bezahlt werden die mit 250 Euro im Jahr für Kenianische Verhältnisse recht hoch sind. Dies ist nur für besser situierte Familien bezahlbar. Die Mehrzahl der Blinden sind auf Spender angewiesen - oder sie können nicht kommen. Für Späterblindete, die eine neue Lebensperspektive aufbauen müssen, ist dies eine besondere Härte.

An ein oder zwei Tagen in der Woche war ich im Institut und habe gelegentlich unterrichtet. Vorrangig sprach ich mit Umschülerinnen und Umschülern in ihrer Freizeit über ihre Erfahrungen vor und nach der Erblindung und wie Familie, Nachbarschaft und Arbeitskollegen damit umgegangen sind. Gesprächspartner waren unter anderem




Ich war natürlich nicht nur Zuhörer, sondern wurde auch über die Lebens- und Arbeitsbedingungen Blinder in Deutschland befragt; ein anregender Gedanken- und Ideenaustausch. Auch mit dem Direktor und vor allem mit seinem Stellvertreter Francis Saya führte ich lange und gute Gespräche, in denen es um Arbeits- und Berufsperspektiven einiger Umschüler, um Entwicklungschancen für das Institut sowie um die Verwendung von Geld- und Materialspenden ging. Hierbei wurde mir immer wieder bewusst, dass für uns kleine Hilfsmittel wie ein zusammenklappbarer Stock oder Tafel und Stift für viele schon ein kleiner Traum sind, von Punktschriftmaschine oder Computer ganz zu schweigen. Dank Spenden aus dem Freundes- und Bekanntenkreis konnte ich eine größere Anzahl an Stöcken, Tafeln und Stiften und Geld zur Begleichung von Schulgebühren nach Machakos bringen. In diesem Frühjahr sollen Computer mit Sprachausgabe und viele Strickmaschinen nach Kenia transportiert werden. Mit einer Strickmaschine lässt sich in Kenia der Lebensunterhalt einer kleinen Familie sichern.

Der Mangel an Geld und Hilfsmitteln setzt dem Institut in Machakos enge Grenzen. Innerhalb dieser Grenzen wird dank des Engagements vieler Lehrerinnen und Lehrer eine gute und erfolgreiche Arbeit geleistet. Das große Problem bleibt die geringe Zahl an sehgeschädigten Umschülern, da viele keinen Weg finden die Schulgebühren aufzubringen. Deshalb unterstütze ich weiter das Projekt und möchte auch Sie dafür gewinnen.

Der DVBS hat ein Sonderkonto für die Unterstützung dieses Projektes und der Special Unit in Kangundo (Blinde Kinder integriert an einer örtlichen Grundschule) eröffnet: Konto Nr. 7002904 bei der Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00.

Im zweiten Teil des Artikels, der im folgenden Heft erscheint, werde ich über die Spezial Unit an der Grundschule in Kangundo, berichten.

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