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Die Bilder im Kopf anderer - wer nimmt sie noch Ernst, wenn sie mit der äußeren Realität überhaupt nichts zu tun haben und weder als Erinnerungsbruchstücke, Halluzination oder überschäumende Phantasie erklärt werden können? Wer die Faszination am Phantomsehen, dem unwillkürlichen und nicht steuerbaren Sehen etwa von Menschen, Lichtern oder ganzen Szenen, behält, könnte als Wissenschaftler schnell in ein anderes Extrem verfallen: Betroffene systematisieren und nach dem Prinzip Versuch und Irrtum medikamentisieren. Für das Verständnis der meist Blinden oder Sehbehinderten und ihrer ungebetenen Phantome wäre nichts wesentliches gewonnen.
Da ist es schon ein Glücksfall, wenn ein selbst Betroffener seine Abschlussarbeit als Diplom-Psychologe zu diesem Thema verfasst. Und es ist mutig, diese Nähe zum Thema in einer persönlichen Einführung offen zu legen und für die folgenden Kapitel durchgehend die wissenschaftlich-kritische Herangehensweise zu wahren.
Nadig gliedert die Arbeit in acht Teile: Auf Einleitung und Begriffsklärung folgt eine Darstellung des visuellen Systems und seiner peripheren Erkrankungen, z.B. Augentrübungen, Netzhauterkrankungen und Schädigungen des Sehnervs. In Kapitel 3 werden verschiedene Formen der optischen Pseudo-Halluzinationen vorgestellt. Hierzu gehört unter anderem das Charles Bonnet-Syndrom, unter dem ca. 11 bis 14 % aller älteren Menschen mit Sehbeeinträchtigungen leiden. Kapitel 4 widmet sich unterschiedlichen Ursachen- und Therapiemodellen. Nadig weist darauf hin, dass eine Verbesserung der Sehfähigkeit, etwa nach einer Star-Operation, zum Verschwinden des Phantomssehens führen kann. Er plädiert im übrigen dafür, dass visuelle Phantomwahrnehmungen multikausal bedingt sind und sich nicht durch ein einziges Modell erklären lassen.
Kapitel 5 wendet sich allgemeinen Fragestellungen zu, während Kapitel 6 die Planung und Methodik zweier eigener empirischer Untersuchungen darstellt. Studie I widmete sich der Beschreibung des Phantomsehens. Befragt wurden 32 Personen, die über 54 Phantomwahrnehmungen berichteten. Studie II galt der Prävalenz, für sie gaben 45 Schülerinnen und Schüler der Blindenstudienanstalt Marburg Auskunft - neun von ihnen kannten Phantomsehen aus eigener Erfahrung. Die Ergebnisse der Studien zeigt Nadig in Kapitel 7 detaillierter, im Zentrum stehen etwa mögliche Auslöser und Begleitumstände, Bewegung und Lokalisation, persönliche Eingriffsmöglichkeiten, der Bezug zur Realität oder die emotionale Bewertung.
Das Schlusskapitel ist als Diskussion ausgewiesen. Nadig vergleicht die Ergebnisse seiner beiden empirischen Studien mit den Literaturdaten und stellt Schlussfolgerungen für Theoriebildung, Forschung, Behandlung sowie Therapie vor. Auch wenn die genauen Zusammenhänge noch unbekannt sind, spricht seiner Ansicht nach doch vieles dafür, dass Phantomwahrnehmungen mit zentralnervösen Reorganisationsprozessen des Gehirns in Verbindung stehen. Die könnten angestoßen werden, wenn die Sehfähigkeit auf ein bestimmtes Niveau absinkt. Hier müssten unbedingt psychophysiologische Studien weitergeführt werden.
Spätestens nach der Lektüre dieser Diplomarbeit ist jedoch klar, dass selbst komplexe visuelle Phantomwahrnehmungen keine Anzeichen für psychische Störungen oder geistigen Verfall sind. Wer selbst betroffen ist und die angenehme Einführung in Terminologie und wissenschaftliche Problemstellung nicht scheut, wird in Nadigs Arbeit außerdem auf vielfältige Bewältigungsstrategien für dieses Phänomen stoßen, das seit mindestens 200 Jahren beschrieben und der interessierten Öffentlichkeit doch immer noch wenig bekannt ist.
ADW Bestell-Nr. 5969, 7 C-90 Kassetten (EUR 49,00; ermäßigt EUR 28,00).
Das Buch ist zu den üblichen Bedingungen erhältlich beim
DVBS-Aufsprachedienst, Sabine Hahn, Frauenbergstr. 8, 35039 Marburg, Telefon: 06421/9.48.88.24, E-Mail: hahn@dvbs-online.de
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