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Dr. Hartmut Mehls: Sie reisen ja so gerne ... wandern - erholen - bilden. 25 Jahre internationale Studienreisen für Blinde und Sehbehinderte. Teil 2

8.


Die Konzentration auf die Fremde mit anderen Sinnesorganen als den Augen, ermöglicht es den Nicht- und Schwachsehenden, das unbekannte Land in allen seinen Facetten in sich aufzunehmen, wobei die Beschreibung der Sehenden eine Abrundung bzw. Hilfe darstellt. Durch ein Gefühl des Einbezogenseins in das Leben des Landes und in seine Kultur erfasst das gesamte Sein des Nichtsehenden auf Reisen die Umwelt. Er sieht nicht auf die Dinge, sondern begreift sie im wahrsten Sinne des Wortes und dringt dadurch nicht selten tiefer in ihr Wesen ein als der Sehende durch sein bloßes Betrachten. Allerdings - das muss einschränkend festgestellt werden -: Der Blinde kann sich zwar durch die geistige Verarbeitung der Eindrücke wesentliche Seiten des besuchten Landes erschließen, aber viele Erscheinungsformen bleiben ihm verschlossen, die der Sehende mit einem Blick - häufig sogar im Unterbewusstsein - erfasst. Die Hilfe des Sehenden auf Reisen besteht deshalb nicht nur darin, den Blinden an die Dinge heranzuführen, sondern auch darin, die fehlenden Informationen zu ergänzen. Die richtige Symbiose zwischen dem Blinden und seinem Begleiter ist daher die, wenn beide die unterschiedlich aufgenommenen Eindrücke austauschen. Ein zentraler Punkt für Blinde und Sehbehinderte ist also, dass sie hautnah an die Exponate herangelassen werden. Der Blinde in der Darstellung bei Diderot ("Brief über die Blinden") wünscht sich nicht seine Sehkraft zurück, sondern so lange Arme, dass er den Mond ertasten kann.


9.


Parallel mit dem Reisebedürfnis reiften die objektiven (finanziellen, integrativen und rehabilitativen) Bedingungen für eine neue Qualität des Tourismus für Blinde und Sehbehinderte heran. Um dem Richtung und Inhalt zu verleihen, analysierten Carla M. Arning und Walter Brünger die Situation und kamen zu dem Schluss, dass ein Angebot an Bildungsreisen für Blindengruppen fehlt, aber wünschenswert wäre. Bei ihren Überlegungen konnten sie von folgenden Tatsachen ausgehen:

a) Es gibt ausreichend Blinde, die mobil genug und interessiert sind, Geld für eine organisierte Bildungsreise bis China oder Mexiko aufzuwenden, die aber solche Reisen ungern allein oder in Gruppen mit Sehenden machen.

b) Die Reisen müssen sich von denen der Sehenden in wesentlichen Punkten unterscheiden:

- Die Gruppen dürfen nicht zu groß oder zu klein sein. 18 bis 23 Personen ist die maximale Größe. Ist die Gruppe zu klein, wird die Reise zu teuer, ist sie zu groß, behindern sich die Blinden gegenseitig beim Abtasten von Gegenständen.

- Sind die Gruppen der Sehenden darauf ausgerichtet, Bilder zu betrachten und Motive zum Fotografieren vorgeführt zu bekommen, so benötigen die Blinden etwas zum Fühlen, Hören, Riechen und Schmecken. Das heißt, es müssen andere Schwerpunkte gesetzt werden. Das verlangt mehr Vorbereitung der Reisen und stärkere geistige Durchdringung seitens des veranstaltenden Organisators. Allerdings müssen hier Kompromisse geschlossen werden, weil die meisten Begleiter der Nicht- oder Schlechtsehenden ihre Fotos mit nach Hause bringen wollen; auch können oder dürfen die Blinden und Sehbehinderten nicht alles anfassen, deshalb muss hier ein Schwerpunkt in der Abstimmung mit dem ausländischen Führer und den Museumsleitungen gesetzt werden.

- Neben der sorgfältigen Auswahl von Objekten für Viersinnige ist die Beschränkung auf Wesentliches wichtig, weil z.B. ein gründliches Betasten stets länger dauert als ein schneller Blick. Durch die Unwägbarkeiten der Dauer von Besichtigungen und unerwarteten Gelegenheiten zum Anfassen, ist die Reise mit einer Blindengruppe nie so straff zu organisieren wie mit einer Gruppe Sehender. Es muss stets mit Improvisationen gerechnet werden.

- Nicht nur jeder einzelne, sondern die ganze Gruppe benötigt viel stärkere Betreuung.

- Die Leitung muss auf Zwischenfälle vorbereitet sein.

- Es muss ein richtiges Verhältnis zwischen dem Reisekomfort und den finanziellen Möglichkeiten der Nichtsehenden gefunden werden. Aufgrund der besonderen Anforderungen kann es nicht eine billige Pauschalreise sein.

c) Wichtig ist auch, dass es in jenen Ländern, in denen die Blinden nicht voll in die Gesellschaft integriert sind, zu keinen Diskriminierungen der Gruppe kommt.

d) Jede Reise von Nicht- und Schwachsehenden dient zugleich der Aufklärung, und verlangt deshalb von der Gruppe entsprechendes Verhalten.

e) Es sollten Bildungsreisen - mit einem Hauch Abenteuerlichkeit -, aber keine "Ferienfahrten ins Blaue" oder zur Erholung organisiert werden; dafür liegen die Unkosten zu hoch. Solche Fahrten können ohne Probleme mit sehenden Gruppen unternommen werden. Wegen des großen Arbeitsaufwandes und der relativ hohen Kosten, muss die Reise maximal genutzt werden, wobei allerdings ein vielgestaltiges Programm erforderlich ist, damit für jeden Geschmack bzw. Anspruch genug Angebote vorhanden sind.

f) Die Teilnehmer der Reisen sollten nicht nur einen Eindruck von alten Kulturen und landschaftlichen Eigenarten des jeweiligen Landes erhalten, sondern auch etwas über das gegenwärtige Leben der Völker und, wo es möglich gemacht werden kann, auch vom Leben der Blinden im Lande erfahren.

g) Besondere Aufmerksamkeit sollte der geistig-seelischen Befindlichkeit der Menschen des Gastlandes geschenkt werden. Dies kann durch Literatur, Sinnsprüche, sakrale Einrichtungen und Kunstgegenstände erfolgen.


10.


Nach diesen Überlegungen begannen Frau Arning und Herr Brünger die erste Bildungsreise einer Blindengruppe der Bundesrepublik ins Ausland vorzubereiten. Sie wählten den Westfälischen Blindendienst als gesellschaftlichen Rückhalt und ein Reisebüro als organisatorisch-rechtliche Stütze. Jede Reise wird inhaltlich und organisatorisch durch Carla M. Arning - Pfarrer Brünger zog sich nach wenigen Jahren zurück - bis in alle Einzelheiten vorbereitet. Dabei wählt sie nicht nur die Reiseziele nach blindenspezifischen Gesichtspunkten sorgfältig aus, sondern bereitet sich auch darauf vor, den Teilnehmern den Stellenwert des besuchten Ortes im Leben des Volkes zu erläutern.


11.


Die erste Reise führte im Oktober 1978 nach Israel; es folgten 19 weitere in dieses Land; ein zweiter Schwerpunkt war und bleibt Ägypten. Es sind die Quellen für die Entwicklung des Abendlandes, die auf die Leiterin eine besondere Anziehungskraft ausüben, überhaupt gilt den zentralen Kulturstätten von Island bis Tibet die besondere Aufmerksamkeit. Sie werden als Monumente des gewachsenen Denkens und Fühlens der Völker sowie als Ausdruck ihrer Lebensformen gewertet. Aber nie lässt Carla M. Arning beim Kultur- bzw. Religionsvergleich Raum zur nationalen Überhebung oder gar zu einer versteckten Missionierung der Reisegruppe. Im Gegenteil, sie legt großen Wert darauf, das Gastvolk aus seiner Entwicklung heraus zu verstehen und seinen Beitrag zum geistigen Reichtum der Menschheit zu werten.

Die erste Reise war gleich ein voller Erfolg; die Überlegungen und die Vorbereitungen hatten sich als richtig erwiesen. Damit begann im Oktober 1978 eine neue Etappe beim Reisen der Blinden und Sehbehinderten in der Bundesrepublik. Die nächsten 110 Reisen in 37 Länder - so viele führte Carla M. Arning inzwischen durch - liefen nie nach dem gleichen Schema ab. Nicht nur die Bedingungen in den Gastländern und die Zusammensetzung der Reisegruppen veränderten sich, sondern Frau Arning lernte stets dazu und feilte ständig am Programm.

Bringen wir einmal die Mehr- und Vielreisenden in Abzug, dann dürften etwa 1000 Blinde und Sehbehinderte - Begleitung nicht mitgerechnet - an diesen Programmen teilgenommen haben.

Erhebliche Arbeit bereitet ein besonderes Problem des Reisens mit Blinden: Nicht jeder Nichtsehende, der den Wunsch zu Reisen verspürt, kann über eine Begleitung verfügen. Hier Abhilfe zu schaffen, war oft schwierig; so mussten Bekannte und die eigenen Kinder oft einspringen.


12.


Für ihre Leistung erhielt Carla M. Arning am 14. September 2003 vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland das Kronenkreuz in Gold.

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