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Als sich im Jahre 1994 abzeichnete, dass Wolfgang Angermann nach 17-jähriger Tätigkeit die Geschäftsführung des DVBS aufgeben und als Direktor zum Deutschen Taubblindenwerk nach Hannover wechseln wird, schrieb der Vorstand die Stelle des Geschäftsführers aus. Es meldeten sich 18 Bewerber, unter ihnen Andreas Bethke.
Er brachte zwar nicht das klassische Profil für den Geschäftsführer einer Selbsthilfeorganisation mit; denn er besaß keine Ausbildung zu einem juristischen, wirtschaftlichen oder sozialen Beruf, sondern er war Diplombiologe. Aber die Wahl des Biologiestudiums zeigte, dass er den Mut hatte, als Blinder Neuland zu betreten, und es war klar, dass mit einem solchen Studium für einen Blinden zwangsläufig viele Schwierigkeiten verbunden sind, die nur mit Zielstrebigkeit, Ideenreichtum und Energie bewältigt werden können. Außerdem war Andreas Bethke damals schon seit drei Jahren Leiter des BIT-Zentrums des Bayerischen Blindenbundes in München, wo er Einblicke in das Blindenwesen und Erfahrungen auf dem Gebiet der Personalführung gewonnen hatte.
Der Vorstand entschied sich für ihn und stellte ihm für die rechtliche Beratung und Vertretung der DVBS-Mitglieder Herrn Herbert Demmel, einen exzellenten Juristen auf dem Gebiet des Sozialrechts aus den eigenen Reihen, zur Seite.
Am 1. September 1994 trat Andreas Bethke in die Dienste des DVBS, und nach einer Einarbeitungszeit von vier Monaten übernahm er die Geschäftsführung. Es zeigte sich schon bald, dass er alle Eigenschaften und Fähigkeiten besaß und im Laufe der Zeit ständig vervollkommnete, die in der Ausschreibung vom künftigen Geschäftsführer erwartet worden waren: soziales Engagement, sicheres Auftreten, Verhandlungsgeschick und Durchsetzungsvermögen, aber auch Fantasie und die Bereitschaft, sich in neue Sachgebiete einzuarbeiten. Rückblickend könnte man sagen, dass ihm diese Ausschreibung auf den Leib geschrieben war.
Die Tätigkeit des Geschäftsführers ist vielgestaltig. Aber zwei Arbeitsfelder drängten sich seit dem Geschäftsführerwechsel in den Vordergrund: zunächst die rasante Entwicklung auf technisch-medialem Gebiet hin zur Informations- und Wissensgesellschaft und dann seit etwa 1999 die Anstrengungen um die Verbesserung bzw. die Sicherung der rechtlichen Situation blinder und sehbehinderter Menschen.
Auf diesen Gebieten suchte Andreas Bethke unablässig nach neuen Möglichkeiten, und wenn ein Problem auftrat, entwickelte er enorm viel Fantasie, um es zu lösen.
Dazu hatte er gleich zu Beginn seiner Tätigkeit Gelegenheit. Wegen der angespannten Haushaltslage des DVBS war äußerste Sparsamkeit angesagt. Andererseits musste die EDV-mäßige Ausstattung der Geschäftsstelle dringend modernisiert und ausgebaut werden. Da war Kreativität gefragt. Andreas Bethke entwickelte die Idee eines fremdfinanzierten Projekts. Es ging um die Erschließung graphischer Benutzeroberflächen für Blinde und Sehbehinderte. Dabei wurde die Geschäftsstelle des DVBS unter Einbeziehung der blinden und sehbehinderten Mitarbeiter EDV-mäßig aufgerüstet und vernetzt. Zwar wird diese Arbeit wegen des technischen Fortschritts wohl nie abgeschlossen sein. Aber die Geschäftsstelle ist heute in der Lage, den Mitgliedern und anderen Interessierten eine Vielzahl von Informationen auf elektronischem Wege zur Verfügung zu stellen, sei es per E-Mail, auf der Homepage oder auf Diskette. Zahlreiche Mailinglisten wurden eingerichtet, werden laufend betreut und von den Mitgliedern genutzt. Lebhafter E-Mail-Verkehr und Telefonkonferenzen erleichtern, beschleunigen und verbilligen den Informationsfluss und die Entscheidungen der Vereinsgremien, insbesondere die Arbeit des Vorstands.
Auch an der Konzipierung anderer Projekte hat Andreas Bethke maßgeblich mitgearbeitet. Man denke nur an Print, BIK, Assistenzmanagement und DIGIT. Jedoch ist es in einer Zeit immer knapper werdender Ressourcen schwierig, konzipierte Projekte auch zum Erfolg zu führen. Die Mittel für die alsbaldige Digitalisierung des Aufsprachedienstes für wissenschaftliche Literatur und für ein Assistenzmanagement auf breiter Front müssen noch gefunden werden.
Seit 1997 besteht im DVBS der "Arbeitskreis Nachteilsausgleiche", dem Juristen und Medienfachleute angehören. Dieser hat unter Beteiligung von Andreas Bethke Anforderungen an die künftige Sozialgesetzgebung aus der Sicht blinder und sehbehinderter Menschen entwickelt. Nach dem Regierungswechsel 1998 ergab sich dann die Chance, einen Teil dieser Vorstellungen in praktische Politik umzusetzen und in Gesetzen und Verordnungen zu verankern. Im politischen Raum entfaltete Andreas Bethke großes Talent. Zunächst wurde er in den neu geschaffenen hessischen Behindertenrat gewählt und übernahm dessen Vorsitz. Obwohl damit zusätzliche Arbeit für ihn und die Geschäftsstelle verbunden war, bestärkte ich ihn hierin, weil wir auf diese Weise vermehrt Kontakte zu Entscheidungsträgern und Medien knüpfen, schneller und umfänglicher an wichtige Informationen kommen und Einfluss auf die Gesetzgebung gewinnen konnten. Andreas Bethke versteht es hervorragend, solche Kontakte zu knüpfen und zu nutzen. Er besitzt die Gabe, überzeugend zu argumentieren und bestechend zu formulieren. Sein Auftreten ist sicher, seine Verhandlungsführung gekonnt. Er kann nicht nur mit einzelnen Menschen, sondern auch mit Gremien gut umgehen und sie zu positiven Entscheidungen veranlassen. Er besitzt außerdem großes Geschick beim Vernetzen, d.h. beim Einbinden verschiedener Persönlichkeiten, Verbände und Institutionen in die Bemühungen um ein gemeinsames Ziel. So wirkte er u.a. im Gemeinsamen Arbeitskreis Rechtspolitik des DVBS und des DBSV, in der Task-Force Blindengeld, im Lenkungsausschuss Zielvereinbarungen, ferner in der Strategiekommission und im Verwaltungsrat des DBSV, im Behindertenrat des Deutschen Studentenwerks und im Vorstand der Deutschen Blindenstudienanstalt mit. Das alles hat viel zu den Erfolgen beigetragen, die wir in den letzten Jahren auf rechtspolitischem Gebiet gemeinsam erringen konnten. Ich erinnere beispielsweise an das SGB IX mit dem Anspruch auf Arbeitsassistenz, an das Bundesgleichstellungsgesetz mit den dazugehörigen Rechtsverordnungen, an die Verbesserungen im Urheberrecht und an die bisher ergangenen Landesgleichstellungsgesetze. In gleicher Weise haben sich die genannten Fähigkeiten von Andreas Bethke auch bei der Abwehr drohender Verschlechterungen bewährt, so beim Kampf um das Blindengeld. Auch wo wir nachteilige Entwicklungen nicht verhindern konnten, ist es uns oft gelungen, sie zu mildern.
Entscheidend für den Lebensweg des Einzelnen, zum Beispiel für einen späterblindeten oder von Blindheit bedrohten Menschen, kann es sein, dass er rechtzeitig und kompetent über die für ihn in Betracht kommenden Rehabilitationsmaßnahmen informiert wird. Auch hierbei hat Andreas Bethke wertvolle Arbeit geleistet. Er kann gut zuhören und einfühlsam, ermutigend und wegweisend beraten. Auch dabei machte er von seinem Talent zur Vernetzung Gebrauch, indem er den Ratsuchenden mit kompetenten Gesprächspartnern zusammenbrachte.
Beim Abschied haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle zum Ausdruck gebracht, dass er ihre Angelegenheiten stets ernst genommen hat, dass er eine soziale Ader besitzt und man sich mit ihm konstruktiv auseinander setzen kann.
Ich muss hinzufügen, dass nicht nur seine Fähigkeiten beeindruckend sind, sondern auch sein Einsatz und sein Fleiß enorm waren. Er hat ein ungeheures Arbeitspensum als Geschäftsführer des DVBS bewältigt.
Die Zusammenarbeit zwischen ihm und mir, dem ehrenamtlichen Vorsitzenden, war stets ausgezeichnet. Sie war sehr eng, freundschaftlich und fruchtbar. Ich habe - und das möchte ich bei dieser Gelegenheit noch einmal hervorheben - Verständnis dafür, dass er sich jetzt einer neuen Herausforderung im Blindenwesen stellen will. Ich verbinde damit die Erwartung, dass sich die ohnehin schon gute Zusammenarbeit mit dem DBSV künftig noch enger und effektiver gestalten wird.
Das Gesagte mag genügen, um deutlich zu machen, dass Andreas Bethke als vorbildlicher Vertreter des Selbsthilfegedankens seit Mitte der 90er Jahre die Arbeit des DVBS entscheidend mitgeprägt hat.
Dafür gilt ihm unser herzlicher Dank, und wir wünschen ihm alles Gute für seine berufliche und familiäre Zukunft!
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