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Dr. Johannes-Jürgen Meister: Das Alter bewältigen trotz Behinderung. Teil 1

Vom 11. bis 18. Oktober 2003 fand das alljährliche Seminar der Fachgruppe "Ruhestand" unter dem Motto "Das Alter bewältigen trotz Behinderung" statt. Dankenswerterweise wurde das Seminar auch heuer wieder vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie vom Blindenhilfswerk Berlin gefördert. Wir trafen uns diesmal im Aura-Hotel "Kur- und Begegnungszentrum Saulgrub", das aufgrund des im Mai 2003 neu eröffneten Tagungstraktes nun auch für solche Veranstaltungen bestens geeignet und gerüstet ist. Leider hatten noch während des Seminars kurzfristig einige Referentinnen ihr Kommen abgesagt, aber dennoch gab es im Programm keinen Leerlauf. Auch hatten wegen Erkrankung kurzfristig einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer absagen müssen, so dass wir heuer eine eher kleine Gruppe waren.

Eröffnet wurde unser Programm am Sonntagvormittag mit einem Zwiegespräch zwischen Frau Dr. Rossbacher, Graz, und Pastor Reiter aus Hannover. Ihr Thema lautete im Jahr der Bibel "Das Buch der Bücher - literarisch, theologisch, religiös betrachtet". Die Bibel ist wohl das am häufigsten und in die meisten Sprachen rund um den Globus übersetzte Buch der Weltliteratur. Allein in Deutschland gibt es zahlreiche Übersetzungen, angefangen mit der Übersetzung Martin Luthers bis hin zu einer Gemeinschaftsausgabe beider Konfessionen aus jüngster Zeit. Entstanden im Vorderen Orient, sind die Texte des Alten wie des Neuen Testaments vom orientalischen Denken und der Sprache des Orients geprägt. Die Texte sind eine Mischung aus Poesie und Prosa je nach den Inhalten, ob Psalmen, das Hohe Lied oder Gesetzessammlungen, Erzählungen und Berichte. Schwerlich wird man diesen Text wie einen Roman in einem Stück lesen, aber vielleicht jeden Tag einige Zeilen. Die Texte erschließen sich oft nicht sogleich, weil sie unserem westlichen Denken zunächst fremd sind. Erst wenn man sie wiederholt gelesen hat, werden die Worte verständlicher. Ein Schlüssel zum Verständnis kann sein, sich zu fragen: was sagt der Text, was sagt der Text mir und was sagt der Text anderen durch mich?

Am Abend entführte uns Dr. Hans-Heinz Herpers aus Köln in das Reich der Träume und des Träumens. Beginnend mit dem Liebestraum von Franz Liszt als Einstimmung untermalte er seinen Vortrag mit zahlreichen Beispielen aus der großen Musikliteratur. Weit spannte er den Bogen von den Träumen bei den alten Völkern, den Griechen bis hin zur besonderen Bedeutung des Traums in der romantischen Literatur des frühen 19. Jahrhunderts und schließlich bis zu den psychologischen Traumdeutungen eines Siegmund Freud oder C.G. Jung. Dabei streifte er die unterschiedlichsten Arten von Träumen bis hin zu Alpträumen oder Visionen wie etwa Martin Luther-Kings "I have a dream".

Der Montagvormittag führte uns unerbittlich in die raue Wirklichkeit unseres Alltags zurück. Dr. Stephan Fröhlich, Leiter der Ambulanten Sehbehindertenberatungsstelle der Universitätsaugenklinik München, hatte es übernommen, uns über "Neue Entwicklungen in der Augenheilkunde und die wichtigsten Augenerkrankungen im Alter" zu informieren. Anknüpfend an die Woche des Sehens vom 10. bis 15. Oktober und das Programm Vision 2020 betonte er eingangs die Wichtigkeit von Vorsorgeuntersuchungen im Bereich von Augenerkrankungen und die unterschiedliche Situation zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern in der Welt. So liege beispielsweise die Operationsrate bei grauem Star in den entwickelten Ländern um das 100fache höher als in den unterentwickelten Staaten.

Schwerpunktmäßig befasste er sich mit der Makuladegeneration (AMD) als der am weitesten verbreiteten Augenerkrankung im Alter, der Diabetes-Retinopathie, dem Glaukom und dem Katarakt. Weltweit sind zur Zeit etwa 35 Mio. Menschen mit einer AMD belastet. In den nächsten 25 Jahren, so wird geschätzt, wird sich diese Zahl verdreifachen. Unterschieden wird zwischen der feuchten und der trockenen AMD, wobei die feuchte wesentlich häufiger auftritt. Das Bewusstsein in der Bevölkerung, im Alter von AMD betroffen zu werden, ist sehr niedrig im Gegensatz zur Gefährdung der Augen durch Diabetes. Mit zunehmendem Alter ab 50 Jahren steigt auch die Zahl der AMD-Erkrankungen an. Frauen sind von dieser Erkrankung doppelt so häufig betroffen wie Männer. Besondere Risiko-Faktoren sind neben genetischer Disposition Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen und falsche Ernährung.

Dr. Fröhlich wies auch auf die Bedeutung von regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen hin, die etwa bei Diabetes eine mögliche Augenerkrankung rechtzeitig erkennen lassen. Wegen Diabetes müsste heute eigentlich niemand mehr einen Sehverlust erleiden. Wichtig ist auch bei einem Glaukom eine regelmäßige Beobachtung, um einen operativen Eingriff nicht zu lange hinauszuschieben. Großes Interesse bestand natürlich auch, Neues über die Entwicklung von Retina-Implantaten zu erfahren. Zwar machten die Forschungen Fortschritte, aber noch seien keine Versuche an Menschen vorgenommen. Auch dämpfte er die Erwartungen hinsichtlich des Sehvermögens, das durch ein solches Implantat wiedergewonnen werden kann. Bisher sei ein Implantat mit zehn Elektroden entwickelt, dessen Kosten bei etwa 100.000 Euro liegen. Das Hundertfache an Elektroden aber sei notwendig, um etwas Strukturiertes erkennen zu können. Insofern schloss er seine Aussagen mit einem sehr verhaltenen Optimismus.

Der Geschäftsführer des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes, Christian Seuß, zog in seinem Referat am Nachmittag eine erste Bilanz über die Auswirkungen der Gleichstellungsgesetze im Bund und in den Bundesländern, die solche Gesetze bereits beschlossen haben. Lang war der Weg, ausgehend vom Americans with Disabilities Act (ADA) von 1990 über die Erweiterung des Grundgesetzes Artikel 3 Abs. 2 Satz 3 im Jahre 1994, dass niemand wegen einer Behinderung benachteiligt werden darf bis hin zur Verabschiedung des Bundesgleichstellungsgesetzes 2002.

Die Erfahrungen mit dem Benachteiligungsverbot führte zur Gründung eines "Forums behinderter Juristinnen und Juristen", das 1999 einen ersten Entwurf für ein Bundesgleichstellungsgesetz vorlegte. Begriffe wie "barrierefrei", "Teilhabe" etc. fanden erstmals Eingang in die Gesetzgebung, um so den Paradigmenwechsel im Verständnis von Behinderung auch gesetzlich zu verankern. Ausgeklammert wurde der Bereich Antidiskriminierung, da dieser in einem eigenen Gesetz umfassender geregelt werden sollte. Für Blinde und Sehbehinderte besonders wichtig sind Regelungen wie barrierefreier Zugang zu Informationen, Verlautbarungen, Bescheide von Bundesbehörden. D.h. nicht nur blindengerechte Gestaltung moderner Informations- und Kommunikationsmittel wie das Internet, sondern auch das Recht, diese Informationen in Punktschrift erhalten zu können. Hiervon sollte man etwa bei Steuerbescheiden nun auch Gebrauch machen, um das Gesetz mit Leben zu erfüllen. Das bayerische Gleichstellungsgesetz geht hier noch weiter, in dem auch "barrierefreie Medien" erfasst werden. Damit werden auch die Rundfunkanstalten in das Recht auf barrierefreie Information einbezogen.

Weitere Schwerpunkte in seinen Ausführungen bildeten die "Zielvereinbarungen" zwischen Selbsthilfeorganisationen und öffentlichen und nach Möglichkeit auch privaten Unternehmen sowie die Vertretung der Selbsthilfeorganisationen in Behindertenbeiräten auf Landes- und Kommunalebene. Jetzt komme es darauf an, auch über den Tellerrand der eigenen Selbsthilfe hinauszublicken und gemeinsam mit anderen die gesetzlichen Möglichkeiten mit Leben zu erfüllen und die berechtigten Interessen gemeinsam zu vertreten.

Am Dienstagmorgen stand ein Thema auf dem Programm, das viele blinde und sehbehinderte Menschen beschäftigt, Schlafstörungen. Dr. Susanne Jaacks aus Bremen legte ihren Ausführungen die Ergebnisse ihrer medizinischen Dissertation zugrunde, die sie Anfang der 90-er Jahre in Marburg abgeschlossen hat. (vgl. Susanne Jaacks: Das Schlafverhalten von vollblinden Personen - mögliche Einflußfaktoren. Diss. FB Humanmedizin Universität Marburg. Marburg, 1991. ADW-Nr. 5991, 4 C 90-Kassetten. (28,00 Euro/ermäßigt 16,00 Euro).

Zur Beobachtung und Messung von Schlafstörungen stellte sie unterschiedliche Modelle vor, von der westlichen Diagnose bis hin zu ganzheitlichen Betrachtungsweisen der chinesischen Heilkunde. Ausgehend von der westlichen Diagnose erläuterte sie die unterschiedlichen Phasen des Schlafs und des Schlafrhythmus, die rem- (rapid-eye-movement) und non-rem-Phasen, die sich im Laufe des Schlafes mit unterschiedlicher Dauer wiederholen. Aus der biologischen Rhythmus-Forschung weiß man, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus nicht exakt 24 Stunden dauert und dass die Abweichungen bei Blinden größer sind als bei Sehenden. Auch kann man bei "Nacht-" und "Morgen-Typen" Unterschiede hinsichtlich von Schlafstörungen feststellen. Im heilkundlichen Modell spielt der Einsatz des Johanniskrautes eine besondere Rolle. Das Hypericum in dieser Pflanze regt die Melatoninproduktion an und führt damit zu einer Verbesserung der Schlafstörungen. In der traditionellen chinesischen Medizin kommt dem Ying und dem Yang besondere Bedeutung zu, wobei das Ying für das Dunkle, die Nacht und Ruhe steht, während dem Yang das Helle, der Tag zugeordnet ist. Beide durchdringen sich wechselseitig.

Abends erläuterte Dr. Joh.-Jürgen Meister die Möglichkeiten einer altengerechten Wohnungsanpassung, um auch im Alter ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben führen zu können. Es gibt zahlreiche Mittel und Möglichkeiten, seinen persönlichen Bedürfnissen entsprechend bauliche und technische Veränderungen vorzunehmen, die die Bewältigung des Alltags trotz Behinderung ermöglichen. Um Sturzgefährdungen zu vermeiden oder vorzubeugen, ist die Beseitigung von Türschwellen und anderen Stolperfallen am Boden notwendig. Ein zu niedriges Bett oder weiche Polster im Wohnzimmer können das Aufstehen erschweren, Sitzmöglichkeiten oder Stehhilfen beim Arbeiten in der Küche entlasten das Rückgrat. Besondere Aufmerksamkeit verdienen relativ kleine und enge Bädern, hohe Duschwannen, fehlende Möglichkeiten zum Abstützen etc. Hier sind bauliche Veränderungen sinnvoll und erforderlich, z.B. bodengleiche Dusche, die jedoch nicht ohne Zustimmung des Vermieters möglich sind.

Breit und vielfältig sind die Möglichkeiten der elektronischen Überwachung und Steuerung von Haushaltsgeräten, Fenstern, Türen, Lichtschaltern und dergleichen mehr. Sinnvoll und hilfreich sind auch elektronische Geräte zur Sicherheitsüberwachung wie Hausnotruf zur Kontaktaufnahme mit Hilfs- und Servicestationen usw. Wohnberatungsstellen überall im Lande gewährleisten umfassende individuelle Information, Beratung und Unterstützung, auch bei der Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen. In den DIN-Normen 18024 und 18025 Teil II sind Standards für ein barrierefreies Wohnen festgelegt, deren Umsetzung nur allzu oft daran scheitert, dass sie den verantwortlichen Behörden, Architekten oder Bauherren nicht bekannt sind.

Kurzfristige Absagen von Referenten machten Programmänderungen erforderlich. So berichteten anstelle eines Referates über "Orientierungsprobleme bei Gleichgewichts- und/oder Hörstörungen" Jürgen Fischer, Waren, und Dr. Joh.-Jürgen Meister über das Engagement der Fachgruppe "Ruhestand" auf dem 7. Deutschen Seniorentag (s. "Nachrichten"), der vom 06.-08.10.2003 in Hannover stattgefunden hat. Neben einem ganztägigen Workshop hatten sich der DVBS zusammen mit dem niedersächsischen Blinden- und Sehbehindertenverband und dem Verein zur Förderung der Blindenbildung auf einem Stand im Rahmen der SenNova präsentiert. Ergänzt wurden diese Berichte am Mittwochmorgen von Herrn Dr. Otto Hauck über die Gemeinschaftsstiftung unseres Vereins.

Überschattet wurde unser Seminar von der schweren Erkrankung von Frau Margot Michaelis und ihrem Tod, von dem wir im Verlauf des Seminars erfuhren (siehe Nachruf in horus 6/2003, S. 251 f. - Schwarzschrift -, S. 826 ff. - Punktschrift-). Ihr geplantes Referat zum Thema "Stellung und Bedeutung der älteren Generation in unserer Gesellschaft" hatte sie gleichsam als Vermächtnis hinterlassen. Herr Dr. Otto Hauck übernahm es, dieses Referat zu verlesen. In den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellte sie drei Lebensbereiche, an denen sie die Situation und Rolle der älteren Generation verdeutlichen wollte: Familie, Kirche und Gesellschaft.

Aufgrund der demographischen Entwicklung wächst der Anteil älterer Menschen kontinuierlich. Sie gelten als gut versorgt, machen Reisen und genießen ihr Leben, was in der Gesellschaft zu Konflikten führt. Noch ist die ältere Generation fest in die Familienstruktur eingebunden und die Kontakte zu den erwachsenen Kinder sind gut, auch wenn diese nicht in unmittelbarer Nachbarschaft leben. Die ältere Generation hilft und unterstützt aber auch die mittlere und jüngere. Wird Pflege erforderlich, so übernehmen diese zunächst die Lebenspartner, danach die erwachsenen Kinder, vornehmlich Töchter, gelegentlich auch nahe Freunde und Bekannte und schließlich ambulante Dienstleister. Auch bei Alleinstehenden wird der Umzug aus dem häuslichen und familiären Umfeld in ein Heim so lange wie möglich hinausgeschoben.

Anknüpfend an Worte der Bibel zeigte Frau Michaelis, dass das Thema der älteren Generation schon immer ein Problem war. Heute sind Gottesdienste dadurch gekennzeichnet, dass sie überwiegend von älteren Menschen besucht werden und nochmals eingeschränkt überwiegend von Frauen. Zwar werden zahlreiche Angebote für ältere Menschen gemacht, aber eine aktive Teilhabe an der Leitung der Kirche ist bei presbyterial geführten Kirchen nur bis zum 75. Lebensjahr möglich, während andererseits schon den 14-Jährigen das Wahlrecht eingeräumt wird.

Im dritten Teil ihres Referates wandte sie sich der Gesellschaft im Allgemeinen zu und der Frage, welche Bedeutung die ältere Generation innerhalb der Gesellschaft hat. Außer Frage steht, dass sie wahrgenommen wird. Ältere Menschen nehmen in vielen verschiedenen Gruppen und Vereinen eine dominierende Rolle ein, weil es oftmals an Nachwuchs mangelt. Offen für die Referentin ist die Frage, ob ältere Menschen nicht auch als Belastung empfunden werden. Die Teilhabe älterer Menschen an der Gesellschaft wird in vieler Hinsicht behindert und erschwert, sei es in öffentlichen Verkehrsmittel, bei der Nutzung von Automaten aller Art, beim Einkaufen usw. Wenngleich sie nicht eigens auf die spezifischen Problem älterer blinder und sehbehinderter Menschen eingehen wollte, so betonte sie doch abschließend, dass es darauf ankomme, dass wir uns über unsere im Laufe des Lebens erworbenen Erfahrungen und Kompetenzen in diese Diskussionen einbringen müssen und uns gegenseitig Mut machen müssen.

Die Fortsetzung folgt im nächsten Heft.

Dr. Joh.-Jürgen Meister ist Leiter der Fachgruppe "Ruhestand"

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