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Mit Beginn des neuen Schulhalbjahres startete im Februar 2004 eine weitere wichtige Etappe des Laptop-Projekts der Carl-Strehl-Schule Marburg: In vier Klassen der Jahrgangsstufen 6 und 7 erhielten alle Schülerinnen und Schüler einen eigenen Laptop. Nach der feierlichen Übergabe der Computer wurden diese dann auch gleich im Rahmen einer Laptop-Projektwoche im Unterricht eingesetzt und erprobt.
Dies war für alle Beteiligten gleichermaßen ein spannendes Unternehmen, wurde dabei doch gleich in mehrfacher Hinsicht Neuland betreten. Aus technischer Sicht stellte der Einsatz neuster PC-Technik einschließlich drahtloser Vernetzung der Klassenräume mit Anbindung ans Intranet und Internet eine neue Herausforderungen dar. Pädagogisches Neuland wurde betreten mit der Verlagerung des EDV-Anfängerunterrichts in die unteren Jahrgangsstufen, mit der Integration der Arbeitsgerätes Computer in die einzelnen Unterrichtsfächer und durch die Einführung vernetzter, mobiler PC-Systeme als einem einheitlichen Kommunikations- und Unterrichtsmedium für die gesamte Lerngruppe.
Für eine abschließende Beurteilung des Projektes ist es derzeit zwar noch zu früh, aber die ersten Rückmeldungen von Schülern und Lehrkräften geben Anlass zu einer optimistischen Erwartungshaltung: Auch wenn absehbar ist, dass sich aus der täglichen Praxis noch zahlreiche Fragen ergeben werden, für die eine Lösung erarbeitet werden muss, so sind doch einige Vorteile des eingeschlagenen Weges bereits erkennbar und ermutigen zu weiteren Schritten in diese Richtung.
Das Projekt basiert konzeptionell auf folgenden Eckpunkten:
Natürlich waren dem Start der Unterrichtsphase im Februar 2004 umfangreiche Vorbereitungsarbeiten vorausgegangen. Nach einer intensiven Diskussion in den Leitungsgremien der Schule unter Beteiligung des Elternbeirates begann die konkrete Planungsphase mit der Ausarbeitung eines ersten Konzeptentwurfs. Kurze Zeit später startete das Land Hessen mit der Bildungsinitiative "schule@zukunft" ein Programm zur Förderung von Laptop-Klassen. Da die CSS ein überzeugendes Konzept quasi schon "in der Tasche" hatte, wurde sie als eine von drei Pilotschulen in Hessen für das Projekt ausgewählt.
Im Rahmen dieser landesweiten Laptop-Initiative erhielten 15 Kolleginnen und -Kollegen aus dem inzwischen gebildeten Laptop-Team der CSS die Möglichkeit, an zwei mehrtägigen Fortbildungs-Veranstaltungen teilzunehmen. Hier stellten Lehrkräfte des "Evangelisch Stiftischen Gymnasiums Gütersloh", das bereits über mehrjährige Erfahrungen mit Laptop-Klassen verfügt, ihre konkreten Unterrichtserfahrungen in Vorträgen und Workshops vor und zur Diskussion. Auch der Gedankenaustausch mit den anderen beiden hessischen Pilotschulen war sehr fruchtbar.
Parallel zu dieser Fortbildung in allgemeiner Medien-Pädagogik begann in der CSS eine hausinterne Fortbildungsreihe mit sonderpädagogischem Schwerpunkt zum Thema "Windows ohne Maus", bei der es darum ging, Kenntnisse im Umgang mit den blinden- und sehbehindertenspezifischen Hilfsmitteln wie Screenreader, Braillezeile, Sprachausgabe und Vergrößerungssoftware zu vermitteln. Motto: "Verlange von Deinen Schülern nichts, was Du nicht selbst auch wenigstens ein Stück weit beherrschst."
In der Anschaffungsphase wurde der Markt auf geeignete Geräte hin untersucht. Kriterien hierfür waren u.a. die Kompatibilität mit Hilfsmitteln, geeignete Tastatur, Robustheit, lange Akku-Laufzeiten, geringes Gewicht, günstiges Preis-Leistungsverhältnis. Die Tatsache, dass der Vater eines CSS-Schülers eine Vertriebsfirma für Bürokommunikationssysteme leitet, erwies sich dabei als ausgesprochen hilfreich. Die Projektleitung konnte außerdem in direkten Verhandlungen mit einer Laptop-Herstellerfirma besonders günstige Preise aushandeln. Bei der Konfiguration der Geräte erwies sich die gute und enge Zusammenarbeit zwischen den Technikern der Lieferfirma und dem EDV-Team der Schule als ein wichtiger Faktor.
Die feierliche Übergabe der Laptops an die Schülerinnen und Schüler bildete den Auftakt zu einer Laptop-Projektwoche, in der der sorgfältige und sachgerechte Umgang mit den Geräten und das Kennen lernen erster Grundfunktionen im Vordergrund stand. Die Projektwochen fanden unter der Federführung der Klassenlehrerinnen und -lehrer statt und waren im Vorfeld u.a. während eines pädagogischen Tages vorbereitet worden. In den Klassen der Stufe 6, in der bisher erst relativ wenig Textverarbeitungsunterricht unterrichtet worden war, fand die Laptop-Einführung in einigen ausgewählten Unterrichtsfächern wie Deutsch und Geschichte in enger Kooperation (Team-Teaching) mit den Textverarbeitungslehrerinnen statt.
Es ist deutlich geworden, dass die Realisierung des Projekts nur durch die gemeinsame Anstrengung vieler Beteiligter möglich geworden ist. Die Eltern haben eine erhebliche finanzielle Belastung auf sich genommen und den gesamten Diskussionsprozess mit viel Engagement begleitet, die Schulleitung hat ebenfalls finanzielle und personelle Mittel in erheblichem Umfang zur Verfügung gestellt und die beteiligten Firmen haben das Projekt durch ihr Entgegenkommen sehr unterstützt. Das Land Hessen hat mit der Initiative schule@zukunft einen wertvollen Beitrag geleistet.
Besonders hervorgehoben werden muss an dieser Stelle auch der vorbildliche Einsatz der beteiligten Lehrkräfte, der IT-Spezialisten des EDV-Teams der Schule, aber auch der Kollegen aus der Abteilung RES. Und schließlich soll auch die Begeisterung und konzentrierte Mitarbeit der Schülerinnen und Schüler nicht unerwähnt bleiben, die zum Gelingen des Ganzen beigetragen hat.
Warum Laptops?
Computer können dazu beitragen, diejenigen Nachteile auszugleichen, die Blinde und Sehbehinderte innerhalb der Informationsgesellschaft haben, weil ihr Zugang zu visuellen Informationen eingeschränkt ist. Die Vermittlung von EDV-Kenntnissen und -fertigkeiten muss daher ein integraler Bestandteil der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik sein.
Neben der sonderpädagogischen Zielsetzung gibt es aber auch noch weitere, allgemeine pädagogische Aspekte, die z.B. von Herrn Dr. Engelen (Schulleiter der Laptop-Schule in Gütersloh) hervorgehoben werden. [1] Danach geht es beim Laptop-Einsatz keineswegs in erster Linie um die Erschließung eines zusätzlichen, modernen Lerngegenstandes. Vielmehr erweist sich der Laptop als ein Arbeitsgerät, das dazu beitragen kann, "wichtige reformpädagogische Grundsätze zur Verbesserung von Lehren, Lernen und Kommunikation zu fördern. Dazu gehören:
Veränderung der Einstellung zu Schule: Koordination und Kooperation innerhalb eines umfassenden Schullebens" [1]
Eine im Vorfeld des Projektes durchgeführte Umfrage unter den Oberstufenschülerinnen und -schülern der CSS ergab: Einen Computer besitzt dort praktisch jeder und bei vielen handelt es sich dabei um einen Laptop. Dieses Ergebnis ist angesichts der offensichtlichen Vorteile mobiler PC-Systeme nicht erstaunlich: Sie können nicht nur innerhalb der Schule in verschiedenen Unterrichts- und Kursräumen eingesetzt werden, sondern auch an außerschulischen Lernorten (Praktikum, Exkursionen), in der Wohngruppe und zu Hause.
So erfreulich die breite Akzeptanz der neuen Medien in der Schüler- und Elternschaft einerseits ist - so notwendig ist es doch auch andererseits, die individuellen Kauf- und Ausstattungsaktivitäten zu bündeln und in pädagogisch sinnvolle Bahnen zu leiten. Wenn die Schülerinnen und Schüler nämlich zu ganz verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Geräte mit unterschiedlichen Hardwarekomponenten, Betriebssystemen, Softwareprodukten und Hilfsmitteln anschaffen und damit in den Unterricht kommen, dann führt dies in den Lerngruppen zu einer nicht mehr beherrschbaren Heterogenität und unproduktiven Vielfalt der Arbeitstechniken. Während eine blinde Schülerin vielleicht schon virtuos mit ihrem Laptop Texte aus dem Internet herunterladen und bearbeiten kann, hat ein anderer Schüler der gleichen Lerngruppe noch Schwierigkeiten mit dem Tastatur-Layout und mit den Grundbefehlen seines eigenen - von dem seiner Mitschülerin verschiedenen - Hilfsmittelprogramms. Ein dritter Schüler bekommt seinen Computer vielleicht erst in ein paar Monaten und schreibt seine Texte daher noch ausschließlich mit der Bogenmaschine in Punktschrift.
Gegenseitig helfen könnten sich die Schüler in einem solchen Szenario wegen der unterschiedlichen PC-Konfigurationen und Vorkenntnisse kaum. Und die Lehrkräfte - selbst wenn sie alle technischen Spielarten beherrschten, was praktisch kaum zu leisten ist - müssten bestimmte Arbeitsabläufe nicht nur einmal für die ganze Gruppe erläutern, sondern für jeden Schüler gesondert - abgestimmt auf seine individuelle Arbeitstechnik.
Da eine solche Situation natürlich unakzeptabel wäre, stünde man letztlich vor der Alternative, die Vermittlung der PC-Kenntnisse entweder von der individuellen PC-Ausstattung abzutrennen oder vom allgemeinen Schulunterricht. Beides wäre aber gleichermaßen bedauerlich, denn einerseits lernt man nirgendwo den Umgang mit dem Computer sicherer und intensiver als an seinem eigenen Gerät, andererseits findet man aber auch nirgendwo motivierendere Lernanreize für den PC-Einsatz als im allgemeinen Unterricht.
Der gemeinsame Beginn des Laptop-Einsatzes für alle Schüler der Jahrgangsstufe 6 mit einheitlichen Geräten hat dagegen zahlreiche Vorteile:
- Alle Kinder haben weitgehend die gleichen Ausgangsbedingungen. Laptops gehören zur Standardausstattung und sind kein Privileg einzelner Computer-Freaks oder von Kindern mit besonders wohlhabenden Eltern.
- Gerade für Blinde und Sehbehinderte ist es wichtig, dass ihnen beim Erlernen der EDV-Fertigkeiten ausreichend viel Zeit zum Einüben der Arbeitsschritte eingeräumt wird. Je früher mit dem PC begonnen wird, desto eher können sie die EDV-Technik auch schon während ihres schulischen Bildungsgangs nutzbringend einsetzen und um so mehr Zeit bleibt bis zum Schulabschluss, um die EDV-Technik sicher zu beherrschen.
- In Lerngruppen, in denen Blinde und Sehbehinderte gemeinsam unterrichtet werden, fördert der Laptop die schriftliche Kommunikation zwischen den Schülerinnen und Schülern. Neben die behinderungsspezifischen, traditionellen Arbeitstechniken und Medien, die auch weiterhin ihre Bedeutung behalten, tritt nun eine neue gemeinsame Arbeitstechnik.
- Die Vermittlung und Anwendung der EDV-Fertigkeiten kann nun stärker als bisher in die allgemeinen Unterrichtsfächer integriert werden. Dadurch wird einerseits die Motivation der Schülerinnen und Schüler gefördert, sich auf diese Technik einzulassen, weil sie ihren Nutzen unmittelbar im konkreten Anwendungszusammenhang erfahren. Umgekehrt kann der Fachunterricht in dem Maße zunehmend von den neuen Möglichkeiten der Kommunikation und Interaktion profitieren, in dem diese Technik von den Schülerinnen und Schülern beherrscht wird.
- In den Laptop-Klassen der CSS erhalten die Kinder durch den Computer keine Sonderstellung innerhalb der Lerngruppe - der PC stellt weder ein besonderes Privileg noch eine besondere Belastung gegenüber den Mitschülern dar. Vielmehr können neue Arbeits- und Kooperationsformen in der Gruppe gemeinsam genutzt werden, die sonst so nicht möglich wären.
- Die Einheitlichkeit der PC-Systeme ist nicht nur eine unabdingbare Voraussetzung für das Unterrichten in der Gruppe, sondern auch dafür, dass das EDV-Team der Schule eine Art "first-level-support" bei technischen Problemen anbieten kann.
Das Laptop-Projekt der CSS - eine einzigartige Chance für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler
Das Laptop-Projekt der Carl-Strehl-Schule ist nur realisierbar durch den Einsatz und die Mobilisierung umfangreicher Ressourcen: Sowohl die investierten Sachmittel als auch die bereitgestellten Personalmittel für die DV-technische Betreuung, die Fortbildung der Lehrkräfte, die curriculare Arbeit und die praktische Umsetzung sind beachtlich. Aber durch diesen hohen Aufwand wird ein entsprechend hoher Qualitätsstandard der sonderpädagogischen Arbeit an dieser Schule sichergestellt. Dabei wird der Computer hier nicht als Ersatz für die traditionellen - und nach wie vor wertvollen - Arbeitstechniken (Blindenkurzschrift, taktile Medien usw.) eingesetzt, sondern als deren Ergänzung verstanden. Wie dieses Verhältnis von herkömmlichen und neuen Medien in Zukunft aussehen wird, dies ist eine der vielen spannenden Fragen, die es nun anzupacken gilt. Auch wenn wir damit erst ganz am Anfang stehen - eines lässt sich heute schon absehen: Mit dem Laptop-Projekt hat die Carl-Strehl-Schule einen weiteren Baustein für eine optimale Schulausbildung blinder und sehbehinderter Schülerinnen und Schüler hinzu gewonnen.
Literatur:
[1] Ulrich Engelen (Schul- und Projektleiter am Evangelisch Stiftischen Gymnasium Gütersloh): Das Laptop-Projekt http://www.ev-stift-gymn.guetersloh.de/medienprojekt/laptopprojekt
[2] Homepage der Carl-Strehl-Schule: http://www.blista.de/cssweb/css/index.htm
[3] Schulprogramm der Carl-Strehl-Schule: http://bjost.de/blista/
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