



Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:
Bielefeld. Vor einigen Jahren besuchte eine Schulklasse im Rahmen des Rechtskundeunterrichts eine Sitzung der 8. Zivilkammer des Bielefelder Landgerichts. Anschließend sollten die Schülerinnen und Schüler einen Bericht über das Erlebte zu Papier bringen.
Zum Zeichen dessen, dass sie ohne Ansehen der Person urteilt, werde Justitia stets mit einer Augenbinde dargestellt, hieß es in einem der Aufsätze. Der Richter, bei dem man an jenem Tag gewesen sei, habe insofern dem Ideal entsprochen: "Er ist blind". Bei diesem Mann handelte es sich um den Vorsitzenden Richter am Landgericht Bernhard Suermann, der jetzt nach Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand verabschiedet wurde.
Suermann wurde 1939 in Essen geboren. Er kam blind zur Welt. Acht Jahre besuchte er die katholische Blindenschule in Paderborn, anschließend, bis zum Abitur 1960, das Aufbaugymnasium für Blinde in Marburg. In Marburg nahm er auch das Studium der Rechtswissenschaften auf, das er in Münster fortsetzte. Das Referendarexamen legte Bernhard Suermann 1965 in Hamm, das Assessorexamen 1968 in Düsseldorf ab.
Mit der Bewerbung für das Richteramt Anfang 1969 begannen die Schwierigkeiten. Das nordrhein-westfälische Justizministerium äußerte Bedenken: Wie sollte denn ein Blinder, der noch nie ein Auto gesehen, geschweige denn gefahren hatte, zum Beispiel in Verkehrssachen urteilen? Mit der ihm eigenen Zähigkeit setzte sich Bernhard Suermann gegen alle Widerstände durch. Er erhielt eine Planstelle als Richter und wurde zur Erprobung an das Oberlandesgericht Hamm geschickt.
Obwohl er dort überdurchschnittlich gut benotet wurde, ließ die Ernennung zum Vorsitzenden Richter lange auf sich warten. "Irgendwann kamen sie wohl nicht mehr an mir vorbei", meint Suermann heute mit leichter Ironie und verschmitztem Lächeln. Im März 1991 erfolgte die längst überfällige Beförderung. Seit Anfang 1994 bis zu seiner Pensionierung leitete Suermann die 8. Zivilkammer, die unter anderem für Rechtsstreitigkeiten aus dem Bereich Minden-Lübbecke zuständig ist.
Alle ihm vorausgesagten Probleme hat der Vorsitzende mit Bravour gemeistert - auch in Verkehrssachen. Ein Sachverständiger fertigte für ihn ertastbare Skizzen an und Unfälle wurden mit Spielzeugautos auf dem Richtertisch nachgestellt. Als Erster im Landgerichtsbezirk bediente sich Suermann bei der Arbeit ab 1984 eines PC. Und wo die Technik nicht mehr weiterhalf, da sprang seine langjährige treue Vorleserin Margit Smith ein, die ihm dickleibige Akten auf Tonband sprach.
Suermann, dessen Vater Redakteur bei einer Tageszeitung war, hatte stets ein offenes, unverkrampftes Verhältnis zu den Medien, die ihm Informationen über zahlreiche interessante Urteile verdanken. Seit 1992 ist er 1. Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins Bielefeld e.V.. Für die 102 Mitglieder organisiert er Veranstaltungen, die ihnen das Alltagsleben erleichtern. Dieser Tätigkeit, dazu Hobbys wie dem Amateurfunk wird sich Bernhard Suermann im Ruhestand verstärkt widmen.
(aus: Neue Westfälische, 06.02.2004)
Zurück zum Inhalt von 3/2004 |horus im Überblick
Startseite
|
Kontakt
|
Impressum |
Hilfe