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Wo immer man es mit behinderten Menschen zu tun hat, ist Integration eines der häufigst verwendeten Schlagwörter. Unzählige Wünsche und Vorschläge werden dazu geäußert, Maßnahmen in die Wege geleitet, Projekte unterstützt. Doch beileibe nicht alles, was wünschenswert wäre, kann in die Tat um gesetzt werden. Und umgekehrt sind auch nicht alle Aktivitäten so erfolgreich, wie erhofft.
Vielfach erweist es sich schlicht, dass Integration nicht "gemacht" oder verordnet werden kann, sondern dass man in der Regel nur eine Plattform schaffen kann, von der aus Integration ermöglicht, erleichtert werden kann. Ist eine solche Plattform geschaffen, gestaltet sich die Zusammenführung von behinderten und nichtbehinderten Menschen oft zum Selbstläufer.
In dieser Hinsicht zeigten sich verschiedene sportliche Anlässe im vergangenen Jahr als mustergültig im Umgang zwischen Behinderten und Nichtbehinderten.
Die Radsportfreunde in Reute richteten in diesem Jahr die Deutsche Meisterschaft im Einzelzeitfahren der Radfahrer aus. Bemerkenswert war dabei, dass der Organisationsleiter dieser Veranstaltung der Bruder des Bundestrainers für den Behindertensport im Bund Deutscher Radfahrer ist. Dieser familiären Verknüpfung war es wohl zu verdanken, dass man das eigentlich Selbstverständliche in die Tat umsetzte: Diese Meisterschaft im Einzelzeitfahren wurde für behinderte wie für nicht behinderte Sportler gemeinsam ausgerichtet!
Auch ohne behinderte Sportler werden in dieser Sportart (wie auch in anderen) die Rennen in verschiedenen Wertungsklassen gestartet. Da werden Männer und Frauen schon immer in verschiedene Altersstufen gewertet, was auch bedeutet, dass man unterschiedlich lange Strecken fährt. Was lag also näher, als einfach die verschiedenen Grade von Behinderung in diese Klassifikationen mit einzubauen?
So konnte man an der Rennstrecke die Juniorinnen fahren sehen, worauf dann die zerebral geschädigten Fahrer (Spastiker) auf ihren Dreirädern vorbeifuhren. Nach den Junioren kamen dann die Handbiker (Rollstühle, die mit einer der Tretkurbel ähnlichen Handkurbel vorwärts bewegt werden). Die Zuschauer staunten, wie Radfahrer mit Bein- bzw. Armamputationen ihre Rennmaschinen beherrschten oder wie Blinde auf dem Tandem an Zeiten heranfuhren, die fast an die Leistung der Profis heranreichten!
Doch nicht nur die rein sportliche Aktivität trug zur selbstverständlichen Integration bei - auch und gerade im Umfeld der Rennen wurde dies noch viel deutlicher. Bei Start und Ziel in Reute machten Behinderte ein nicht unerhebliches Potential der Zuschauer aus. Und zwischen den Rennen konnte man manch einen der fernsehbekannten Radprofis mit einem behinderten Sportler fachsimpeln sehen - und offensichtlich war für viele dieser Berufsradfahrer die Begegnung mit ihren behinderten Kollegen neu. Deutlich zeigte sich dabei eine gewisse gegenseitige Hochachtung für die Leistung aller Teilnehmer dieser Deutschen Meisterschaft.
Bei vielen City-Marathons ist es eigentlich schon lange Usus, das Rollstuhlfahrer das Rennen eröffnen. Sie bilden, wie zuvor bei den Radlern beschrieben, einfach eine eigene Disziplin bzw. Wertungsgruppe auf dieser Renndistanz.
Diese Praxis wurde nun auch bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Paris übernommen. Die gehandicapten Sportler starteten nicht in einer getrennten Veranstaltung, wie den Paralympics, sondern waren in den Programmablauf der Weltmeisterschaften eingegliedert. Dadurch wurde für die ganze Welt sichtbar, dass die Leistungen der behinderten Sportler genau so hoch zu bewerten sind, wie die der nicht behinderten Athleten. Ja in einigen Disziplinen brachten die behinderten Athleten oft bessere Ergebnisse, als manch nicht behinderter Sportler! Ihre Teilnahme an der regulären Weltmeisterschaft brachte für die behinderten Wettkämpfer in gutem Sinne ein Stück "Normalität". Und auch für die Zuschauer wurde deutlich, dass es sich hier in erster Linie um Sportler handelt und dass erst dann die Behinderung gesehen werden muss.
Ein Stück weiter bei der Integration Behinderter geht der Internationale Seglerverband. Da haben Spezialisten ein Segelboot entwickelt, das in Form und Gestalt den Hochseeyachten der Amerika-Cup-Regatta sehr ähnlich ist - allerdings quasi im Maßstab 1: 5. Diese Bootsklasse wird lediglich von einem Segler gesteuert, der in einem ziemlich engen Cockpit sitzt (fast wie ein Formel-1-Rennfahrer). Der Skipper bleibt während des Törns in diesem Cockpit sitzen und benötigt lediglich die Hände, um das Boot zu segeln - d.h. Querschnittsgelähmte können dieses Schiff ebenso leicht bedienen, wie Menschen ohne Bewegungseinschränkungen.
Dieser Bootstyp ist unter dem Segelzeichen 2.4 bereits klassifiziert und es bestehen gute Aussichten, dass diese Klasse olympisch wird. Das wäre dann das erste Mal, dass sich körperbehinderte mit nicht behinderten Menschen in einer Sportart direkt und ohne Einschränkungen messen können.
Einen anderen Weg, vor allem blinden Menschen Segeln näher zu bringen, geht der langjähriger Freund unserer Schule, Jan Schippers. Zusammen mit einem australischen Bootsbauer entwickelte er einen Bootstyp, der einem polynesischen Auslegerboot nachempfunden wurde.
Der Vorteil dieses Schiffes liegt darin, dass der Wohn- und Aufenthaltsbereich vollständig getrennt von den Segeln und der Takelage ist. Blinde Menschen können sich also auf diesem Schiff frei bewegen, ohne befürchten zu müssen, irgendwo gegen Stage, Wanten, Masten oder bewegliche Teile zu stoßen. Der Schiffstyp selbst verspricht hohe Geschwindigkeiten, gleichzeitig muss man aber Abstriche bei der Manövrierfähigkeit machen. Doch gerade das Gefühl für Geschwindigkeit, der Wind und der Seegang sind Eindrücke, die blinde Menschen auf dem Wasser verstärkt wahrnehmen und darum auch Spaß am Segeln entwickeln. Dieses Schiff ist nun nicht für Regatten konzipiert, aber logischerweise werden Blinde dieses Boot nun nicht völlig allein bedienen können - so ist auch bei diesem Beispiel für Möglichkeiten der Integration gesorgt.
Nicht zuletzt ist auch unser Schullandheim-Programm ein wichtiger Beitrag zur Integration. Als Sehbehinderter ist man naturgemäß am liebsten da, wo man sich auskennt: Zu Hause. Auf unseren Schullandheimen lernen unsere Schüler darum, sich aus dem heimelig-kuscheligen Schneckenhaus heraus zu trauen. Das ist sehr wichtig, denn integriert werden kann nur jemand, der sich selbst nach draußen wagt. Wer sich immer nur in den eigenen vier Wänden aufhält, wird von der Gesellschaft wohl kaum wahrgenommen.
Darum ist jede Gelegenheit, sich auf neuem Terrain zu bewegen, neue Menschen kennen zu lernen, mit neuen Gegebenheiten umzugehen, ein äußerst wichtiger Schritt, um in unsere Gesellschaft integriert zu werden. Und es kommt daher nicht von ungefähr, dass viele unserer Schullandheime und mehrtägigen Ausflüge in irgend einer Form mit Sport zu tun haben, sei es der Skilanglauf im Winter oder das Reiten, die Leichtathletik bzw. viele Formen des Wassersports in den wärmeren Jahreszeiten. Welchen Sport man immer auch treibt, man kommt damit fast automatisch mit anderen Menschen in Berührung.
Die genannten Beispiele möchten aufzeigen, dass eine gelungene Integration schlicht Praxis ist. Das sinnvolle Überlegen, was ist bei dieser oder jener Situation machbar - und dann das Machbare einfach und selbstverständlich in die Tat umsetzen. Der Sport bietet hier gute Möglichkeiten und es bleibt zu hoffen, dass die Ansätze, die hier zu sehen sind, auch in den übrigen Bereichen menschlichen Zusammenlebens aufgenommen und durch kreative Überlegungen im täglichen Leben angewandt werden!
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