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Dr. Hans-Eugen Schulze: Universitätsoberrätin i.R. Dr. phil. habil. Annelise Liebe: "Zum Schauen geboren, zum Sehen nicht bestellt"

Die wahrscheinlich älteste noch schreibende deutsche Blinde, Ehrenmitglied des DVBS, Ehrenvorsitzende seiner Seniorengruppe, Trägerin der Carl-Strehl-Plakette und seit 1940 auch Mitglied des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin, hat ihren Lebensbericht vorgelegt. Er umfasst nur zwei Kassetten = 92 Seiten, weil die Autorin sich vorgenommen hatte, "nicht in aller Breite zu schreiben". Sie wollte ihren Lesern die Wiederholung von Ereignissen ersparen, die keine neuen Charakteristika aufzuweisen hatten.

"Primär lag mir daran - schreibt sie -, den Weg als Außenseiterin aufzuzeigen ... Mein Leben war anstrengend, aber bereichernd. Ich habe versucht, einen Mittelweg zu finden zwischen erstrebenswerter Selbstständigkeit und der Haltung "Du kannst Dir ruhig ein bißchen helfen lassen Wer kommt in seinem Leben schon ohne Hilfe aus, selbst wenn er über volle Gesundheit verfügt?" Sie hofft, ihr Lebensbericht möge anderen Betroffenen Mut machen, ihren Weg "kampfesfreudig in Anpassung an die heutigen Verhältnisse zu gehen". All dies einschließlich seiner Kürze macht ihren Bericht besonders lesenswert.

Geboren im Jahre 1911, wurde sie schon im Alter von nicht einmal zwei Jahren erstmals an den Augen operiert. Sie beschreibt den Stress, den es ihr bereitet hat, bis zum 15. Lebensjahr langsam völlig zu erblinden, aber auch den Wert, den ihre bis dahin erworbenen Seh-, insbesondere Farberinnerungen, die sie sorgfältig gepflegt hat, bis heute für sie haben.

Sie schildert die Bemühungen ihrer verwitweten und durch die Inflation vermögenslos gewordenen Mutter, die Familie durchzubringen, den Besuch einer Privatschule, danach - gemeinsam mit ihrer etwas älteren Schwester - eines allgemeinen Lyceums und nachher - allein - eines Oberlyceums, bis zum Abitur im Jahre 1931, weiter ihren vergeblichen Versuch, Blindenlehrerin zu werden, ihr Vollstudium zur Musikwissenschaftlerin, ihre Bemühungen um eine freiberufliche Tätigkeit während des Krieges, ihren und ihrer Schwester Überlebenskampf im zerstörten und hungernden Nachkriegsberlin, ihre Arbeit als Verwaltungsangestellte, wissenschaftliche Assistentin und schließlich Musikwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität bis zur Teilung der Stadt, ihre anschließende Tätigkeit an der Freien Universität und all die Schwierigkeiten, die sie bis dahin zu überwinden hatte. Wer auch nur zwanzig Jahre später die Schule und eine Universität besucht hat, wird überrascht und zum Teil schockiert sein, von alledem zu lesen.

Frau Liebe berichtet aber auch über ihre ehrenamtliche Tätigkeit im DVBS als Mitglied seines Vorstands, Leiterin des Bezirks Berlin und Leiterin der Seniorengruppe, und sie schreibt sehr sympathisch von dem Hund, der sie von 1934 bis 1940 durch Halle geführt hat.

Die wenigen Einzelheiten zu erwähnen, die ich aus Raumgründen allenfalls hätte anführen können, versage ich mir, weil ich sonst andere, ebenso wichtige und charakteristische zu Unrecht hätte übergehen müssen. Wer daran interessiert ist, wie Blinde vor ihm gelebt haben, wird diese kleine Schrift mit Gewinn lesen.

Sie ist als ein Teil (Band 14) der Marburger Schriftenreihe zur Rehabilitation Blinder und Sehbehinderter in Schwarzschrift für 6,00 Euro und auf Kassette für 8,00 Euro beim DVBS, Telefon: 06421/9.48.88-0, erhältlich.

Der Autor, Dr. Hans-Eugen Schulze ist Beauftragter für Seniorenangelegenheiten des DVBS

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