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Rainer F.V. Witte: Unternehmungslustig am Fuße der Kletterwand - 50 Jahre Deutsche Blinden Hörbücherei

Wer am Kommen verhindert war, sandte eine Grußbotschaft, wie der Bundespräsident Horst Köhler, oder schickte einen Vertreter, wie der Präsident des DBSV, Jürgen Lubnau, Repräsentanten der unterschiedlichsten Institutionen, Organisationen und Verbände des Blindenwesens und den ihm verbundenen Einrichtungen. Hinzu kamen Vertreter der Blinden- und der öffentlichen Bibliotheken, darunter die Vorsitzende von MEDIBUS (Mediengemeinschaft der Blinden und Sehbehinderten) und deutsches Mitglied im Vorstand des DAISY-Consortiums (Digital Accessible Information System), Frau Elke Dittmer. Auch aus dem Ausland hatten sich Gäste angesagt. Ganz zu schweigen von den zahlreichen ehemaligen und gegenwärtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Medienbereiches der blista und ihrer Carl-Strehl-Schule (CSS).

Persönlich schenkten etwa 200 Personen am 24. September d.J. ihre Aufmerksamkeit der Hörbücherei in der Deutschen Blinden-Bibliothek. Sie ist in diesem Jahr, ihres 50-jährigen Jubiläums, einen großen Schritt auf dem Weg in die Zukunft vorangekommen und hat dabei manche Hürde, manche "Kletterwand" überwunden: vom offenen Spulen-Tonband zur Compact-(Band-)Kassette über die analoge Compact-Disc bis zur digitalen CD und der bald möglichen körperlosen Ausleihe von (Literatur-)Daten.

Die Festversammlung fand in einem feierlichen, aber erfrischend heiteren Rahmen in der funktionalen Turnhalle der blista statt, den sportlichen Elan unterstreichend, mit dem man sich seit einem halben Jahrhundert immer wieder den Herausforderungen der Zeit gestellt hat, und den Unternehmungsgeist, mit dem man in die Zukunft antritt.

Die Bedeutung der Hörbücherei für Blinde war allen Anwesenden klar und wer in der Position war, etwas zum Versprechen zu haben, stellte die Prüfung erfüllbarer, berechtigter Wünsche in Aussicht, so wie man bereits in der Vergangenheit die Arbeit der Hörbücherei unterstützt hat. Gleich zu Beginn dankte der Vorsitzende der blista, Herr Jürgen Hertlein, der "Aktion Mensch" für ihre Hilfe bei der Einführung der Digitalisierung des tontechnischen Betriebes als eine maßgebliche Voraussetzung für die zufrieden stellende, blindengerechte Dienstleistung der Hörbüchereien für Blinde (die in dieser Form von keinem anderen Bibliothekstyp erfüllt werden kann).

Den Ablauf der Feierstunde, die in frischem Wechsel Rede und musikalische Darbietung (durch die Schülerin und Klavier-Virtuosin der CSS, Anja Braun, und dem Musiklehrer Dr. Roland Stephan, Gitarre, sowie Herrn Wilfried Laufenberg, Querflöte, und Herrn Burkhard Wind, Klavier) bot, moderierte der Kaufmännische Vorstand der blista, Herr Arno Kraußmann.

Den Reigen der Grußworte begann der Oberbürgermeister der Universitätsstadt Marburg, Herr Dietrich Möller, der in launiger Weise das gute Verhältnis, nicht nur der Bevölkerung, sondern auch der Verwaltung und der politischen Gremien der Stadt zu "ihrer blista" zum Ausdruck brachte.

Herr Andreas Bethke, Geschäftsführer des DBSV und langjähriger Nutzer der Hörbücherei, nutzte die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit der Zuhörer darüber hinaus auf die gegenwärtige Gefährdung des Blindengeldes zu lenken und mit schlüssigen Argumenten dessen Beibehaltung zu fordern. Herr Uwe Boysen, Vorsitzender des DVBS, forderte eine stärkere internationale Vernetzung der Blindenbibliotheken ein, womit er hoffentlich bei den anderen deutschen Hörbüchereien die Bereitschaft vergrößert, z.b. in der International Federation of Library Institutions and Organisations (IFLA) aktiv mitzuarbeiten; lediglich die blista (und seit 1997) die AG BHB gestalten hier die übernationale Bibliotheks-Entwicklung und technische Abstimmung mit.

Auf ein international erarbeitetes Ergebnis, das DAISY-Aufnahme- und Wiedergabe-Verfahren, wies Frau Elke Dittmer hin und auf den gerade beschlossenen Zusammenschluss der beiden Arbeitsgemeinschaften der Hörbüchereien und Punktschrift-Bibliotheken (letztere geleitet von Dr. Thomas Kahlisch, ebenfalls Gast der Veranstaltung) im Rahmen von MEDIBUS. Als weitere, relativ junge Entwicklung erwähnte sie die endlich erreichte, weitgehende urheberrechtliche Befreiung von Lizenzgebühren bei der Herstellung blindengerecht aufbereiteter Literatur für die Betroffenen. Sie schloss ihre Ausführungen mit einer launigen Schilderung des früheren, von menschlichen, durchaus individuellen Eigenheiten nicht freien Ausleihbetriebes, der als persönliche Nähe noch nicht durch elektronische Nüchternheit zurückgedrängt worden war.

Die von Herrn Direktor Hertlein eingangs dankbar erwähnte Hilfe durch die "Aktion Mensch" fasste deren Geschäftsführer, Herr Dieter Gutschick, in seinem Grußwort noch einmal in nüchternen, eindrucksvollen Zahlen zusammen. Für den Festvortrag konnte der Sprechwissenschaftler Prof. Dr. Lothar Berger von der Philipps-Universität gewonnen werden. Er ist der Hörbücherei seit genau 50 Jahren, als Mann der ersten Stunde, auf ganz besondere Weise verbunden. In seinen Ausführungen wurden die Anfänge der Hörbücherei lebendig, als es nicht nur um technische Fragen ging, sondern auch darum, wie ein sauberes Hochdeutsch und eine einwandfreie Hochlautung bei dem Auflesen der Hörbücher erreicht werden könne; denn deren strengen Maßstäben zu genügen, hatte man sich von Seiten der blista (Professor Carl Strehl) und der Universität (Lektor Dr. Winkler und Prof. Dr. Lothar Berger) zur Aufgabe gemacht.

So begutachtete das Institut bzw. Prof. Berger über 15 Jahre die Bewerber/innen als freiberufliche Sprecher/innen bei der Bücherei (auf einen Fundus wie Theater oder Rundfunkstationen konnte in Marburg nicht zurückgegriffen werden). Die treffsichere Auswahl und die Schulung in der Aufnahmepraxis führten dazu, dass zeitweilig ein Drittel der Sprecher des Hessischen Rundfunks von der Hörbücherei kamen - darunter solche "sprachlichen Naturtalente" wie Thomas Koschwitz, der in Marburg die Arbeit mit dem Mikrofon erlernte.

Professor Berger selbst hat das erste Hörbuch in der DBH aufgenommen, mit Professor Strehl am Regiepult und permanentem Gesprächspartner über die zutreffende Sprechweise (noch heute befinden sich zehn von ihm aufgesprochene Titel in dem aktuellen Ausleihbestand). Zwei Handlungsmaximen gab Herr Prof. Berger seinen Zuhörern mit auf den Weg. Sich immer klar zu machen: Spricht das Werk? Spricht der Sprecher? Und: Wer wird der Hörer sein des gelesenen Buches? Einige Jahre war es der Hörbücherei möglich, selbst Sprecherziehung anzubieten. Kostengründe zwangen zur Einstellung dieses Sprachbildungsangebotes.

Die heutige Qualität der Aufsprache wurde abschließend durch die Sprecher Manfred Fenner und Ralf Gehlen unter Beweis gestellt, bevor die Feierstunde mit einem musikalischen Beitrag in einen zwanglosen Gedankenaustausch, gefördert durch einen Imbiss, überging, in dem man die zahlreichen Anregungen aus dem Gehörten vertiefen konnte - sei es die Angebotseinschränkung aus Kostengründen (Aufsprache wissenschaftlicher Zeitschriften u.ä.) oder die Verbesserung der Versorgung durch Ausnutzen neuer technischer Möglichkeiten (Digitalisierung).

Zahlreiche Gäste nutzten das Angebot, sich die neu gestaltete Hörbücherei vor Ort anzusehen - mit den modernen Aufnahmestudios, der funktionalen Ausleihe und dem sanierten Gebäude, das in seiner lebendigen, aktivierenden Farbgestaltung den traditionellen Mut zum Unkonventionellen eines jung gebliebenen Mitarbeiterteams spiegelt und mit den Kolleginnen und Kollegen Fragen des Hörbücherei-Alltages zu diskutieren. Die gelungene Veranstaltung zeigte den Gästen, dass nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis vielgestaltige Schwierigkeiten bewältigt wurden, die Hörbücherei aber auch für die Lösung künftiger Probleme gut gerüstet ist. Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und wird als Hörbuch allen Interessierten zur Verfügung stehen, dies zugleich als eine Ergänzung zu der gefällig aufgemachten informativen Jubiläumsbroschüre (einschließlich der eingelegten CD mit Hörproben neuester Produktionen).

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