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Mit anderen Augen sehen ... Mit dem Tandem zur Loreley. Eine sieben Tage Fahrradreise mit Blinden und Sehenden

Tandemfahren ist eine feine Sache: Während vorne gerackert wird, kann der Hintermann die Beine hochlegen und sich chauffieren lassen ... So viel zu den Vorurteilen! Fakt ist: Wenn zwei auf dem Tandem unterwegs sind, kommen sie schneller voran, das - für die Stimmung beider so gefährliche - Warten des einen und gehetzt Fühlen des anderen hat ein Ende und obendrein kann man sich vorzüglich unterwegs unterhalten. Und für Blinde und Sehbehinderte ist das Tandem oftmals der einzige Weg, überhaupt Rad zu fahren. Gründe genug für den Reiseveranstalter "velociped" (www.velociped.de) Tandemtouren für Sehende und Blinde anzubieten.

Hier ein Erlebnisbericht der Auftaktreise entlang der Lahn.

Radreisen starten nicht von Null auf 100, sie beginnen gemütlich und so startete auch diese Reise "Mit dem Tandem zur Loreley" gemächlich. An einem Augustnachmittag in Marburg trafen sich 18 Radler. Neun Sehende, neun Blinde. Vier Teams kannten sich vor der Tour. Die anderen zehn Reiseradler wurden zu passenden Zweierteams zusammengestellt. Dass diese Tandemtour neue Wege geht, zeigte auch das Kulturprogramm.

Am ersten Nachmittag auf dem Programm: "Marburg aus einer anderen Sicht", eine spezielle Stadtführung. Die besonders geschulte Stadtführerin machte die Elisabethkirche, die engen Gassen der Oberstadt, den historischen Marktplatz und das Landgrafenschloss der mittelalterlichen Stadt begreifbar - im wahrsten Sinne: Anfassen war erwünscht! "Das war das erste Aha-Erlebnis für mich", erzählt einer der sehenden Teilnehmer. Und gelernt hat er auch was: Man kann am Wind spüren, ob man auf einem weitläufigen Platz steht oder in einer engen Gasse. "Hätte ich nie gedacht, dass bereits am ersten Tag solche intensiven Erlebnisse die Gemeinschaft der Gruppe prägen", erzählt Christian Rhode, Velociped-Geschäftsführer, der es sich nicht nehmen ließ, die Tour selbst zu leiten.

"Wie der Turm vom Rathaus aussieht, kriegt man als Blinder normalerweise wirklich nicht mit", sagt Konrad Gerull aus Bielefeld. Die fein gearbeiteten Dachpfannen auf den Giebeln rund um die Altstadt begeisterten den promovierten Mathematiker. Und auch das Traufenhaus, hier ging es abends zum Essen, wurde im Modell vorab erkundet.

Anschließend stand die erste Proberunde mit den bereitgestellten Tandems auf dem Programm. "Für Sehende wie Blinde, aber auch für das gesamte Konzept dieser Reise, war dies eine erste Bewährungsprobe", so Rhode. Passen die Teams zusammen? Funktioniert das Zusammenspiel aus Vertrauen und Verantwortung auch bei "Wildfremden"? Wie gehen die Sehenden mit ihrer Verantwortung für den blinden Mitfahrer um? Fühlen sich die Blinden in eine defensive Rolle als Mitfahrer gedrängt oder bleiben sie gleichberechtigt? Fragen über Fragen, die teilweise bis zum letzten Meter der Tour immer neu gestellt wurden.

"Schon nach dem ersten Tag fragte man sich, ob es so etwas wie Behinderung oder Blindheit überhaupt gibt", erzählt Rhode. "Da geht dem Sehenden ein Auge auf, wenn er hört, wie ein Blinder die Elisabethkirche beschreibt oder wie er die engen Gassen der Oberstadt Marburgs wahrnimmt - faszinierend", sprudelt es aus Rhode heraus. "Und genau das war auch die Idee dieser Reise. Wir sind alte Hasen in Sachen Radreisen und haben nicht selten das Gefühl, bereits alles erlebt zu haben, was man auf einer Radreise erleben kann. Aber schon nach wenigen Kilometern dieser Tandemtour war klar: Da tut sich eine neue Welt auf", so Rhode, "Und ich meine das nicht für die Blinden, sondern vielmehr für die Sehenden."

Solch eine Tandemreise ist eine Reise zu jenen Sinnen, die angesichts der Dominanz des Visuellen zunehmend in den Hintergrund geraten. Tasten, Fühlen, Schmecken, Riechen und Hören bieten auch Sehenden völlig neue Sinneserfahrungen. "Ideal für jeden, der auf Radtour geht, nicht um "Kilometer zu fressen", sondern um neue Impulse zu bekommen", erklärt Rhode und macht klar, dass diese organisierten Tandemreisen für Sehende und Blinde keine Samariter-Touren sind. Vielmehr Sinneserfahrungen der besonderen Art in einer Zeit, die allzu gerne auf plumpe visuelle Effekte setzt.

Am zweiten Tag hieß es, richtig in die Pedale zu treten von Marburg nach Wetzlar. Und es kam nicht von ungefähr, dass diese Tandemtour hier lang führte: Denn entlang des Lahn-Radwegs gibt es einen sechs Kilometer langen Planetenlehrpfad. Der weltweit erste blindengerechte Lehrpfad! "Die Unendlichkeit des Weltraums und seine undurchdringliche Schwärze geben manchem Sehenden einen "visuellen" Eindruck, was es heißt, blind zu sein", so Rhode. Im Weltall nützen einem Augen eigentlich wenig, ein weißer Punkt, ein Stern Millionen Kilometer entfernt, vielleicht sogar seit Millionen Jahren gar nicht mehr existent. "Es taten sich Fragen auf, die ich mir so noch nie gestellt habe", erinnert sich Rhode.

Eine Tandemtour als philosophisches Kolloquium? Mitnichten! Die Tour am Nachmittag führte entlang der Badeseen bei Gießen und ein Picknick stärkte alle Radler für die Weiterfahrt durch die weiten Wiesen und Felder des Lahntals.

In der mittelalterlichen Stadt Wetzlar war wieder Anfassen angesagt: Die Sammlung "Dr. Irmgard von Lemmers-Danforth" zeigt Möbelstücke, Keramiken, Skulpturen und Tapisserien aus Renaissance und Barock. Auch hier durften die Finger auf Erkundung gehen! Auch bei diesem Programmpunkt machte sich bemerkbar, dass Velociped eine Menge Herzblut in die Vorbereitung der Tour gesteckt hatte. "Wir haben mit dem Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V. (DVBS) zusammengearbeitet und für einen Monat eine blinde Praktikantin nur mit der Vorbereitung dieser Reise beauftragt", erklärt Rhode.

Die Tandemtour geht abwärts

Das Besucherbergwerk "Grube Fortuna" war das Highlight des dritten Tages. 160 Meter unter die Erde ging es per Förderkorb. Eine Grubenbahn führte zur ehemaligen Abbaustelle. Die Methoden der Eisenerzgewinnung wurden mit Originalmaschinen eindrucksvoll lautstark vorgeführt. "Fühlen statt Sehen" auch hier wieder das Motto. Schnell avancieren die Museumsbesuche auf dieser Reise zu den Highlights. Da sind sich Sehende wie Blinde einig. "Mich haben die "Nicht berühren"-Schilder in den Museen stets genervt. Hier werde ich sogar zum Anfassen aufgefordert. Das ist toll!", meint ein sehender Tandemfahrer.

Kanu, Sound und Schätze

Das enge Lahntal zwischen Taunus und Westerwald hat nicht einmal Platz für eine Straße. Und selbst die Bahn versteckt sich im Tunnel. Was lag näher in einem so romantischen Abschnitt, als die Szenerie bei einer gemütlichen Paddeltour im Kanu auf sich wirken zu lassen! Doch von Rafting und "Fluss ohne Wiederkehr" keine Spur. Die Lahn fließt gemächlich in engen Windungen durchs stille Tal und nass wurden nur jene Kanuteams, die eine Wasserschlacht anzettelten. Das anschließende "First Class Buffet" in Runkel kam gerade recht und anschließend ging es flott bis Limburg. Dort zeigten die Ordensschwestern im spätromanischen Dom so manche Besonderheit. "Die Akustik im Dom war einmalig. Die hätte ich glatt nicht bemerkt, weil das Gebäude so monumental und groß ist. Aber im Gespräch mit meinem Tandemhintermann brachte er mich darauf: Hier gibt es nicht nur was Besonderes zu sehen, sondern auch zu hören", so ein Mitfahrer.


Sause um Heilwasser

Am fünften Tag rollten die Tandems wieder weite Strecken abseits jeglichen Verkehrs durch eine unberührte Tallandschaft. Zwei Anstiege forderten die Tandemgespanne. Dafür gab es nach dem herzhaften Picknick neue Sinneseindrücke bei einer Weinprobe beim "Haxelwirt", einem von drei Winzern in Obernhof, dem einzigen Weinort an der Lahn. In Bad Ems schließlich angekommen, stand "kuren" auf dem Programm. Der Thermalkurort Bad Ems, einst Treffpunkt des europäischen Hochadels, war dafür genau recht. Statt Augen war der Geschmackssinn gefragt: Eine abschließende Kostprobe direkt aus einem der Thermalbrunnen war vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber es soll ja gesund sein ...

Die Mündung ins Weltkulturerbe

Kaum ein Dutzend Kilometer musste am sechsten Tag geradelt werden durch das Lahntal. Die Mündung in den Rhein war erreicht. Mit einer kleinen Fähre wurde über den Rhein übergesetzt. Nun ging es weiter im romantischen Mittelrheintal. Das ist übrigens seit kurzem UNESCO-Weltkulturerbe. Auf kleinen Wegen durch die Weinberge und auf dem Rhein-Radweg über Boppard und St. Goar bis zur Loreley. Als krönenden Abschluss der schönen Tandemreise genossen alle das Sonnendeck eines Rheindampfers: Die Rückfahrt in den kleinen Weinort Braubach. Den letzten Abend verbrachten alle Radfreunde im berühmten Gasthaus "Zum Weißen Schwanen": Beim Abschlussessen mit begleitender Weinprobe wurden echte Gaumenfreuden serviert und die Geschmackssinne wahrlich umschmeichelt. Ein krönender Abschluss dieser erlebnisreichen Pilotreise im Tandemsattel - so waren sich alle Teilnehmer einig und freuen sich einhellig schon auf neue Tandemtouren von Velociped im kommenden Jahr.

Nach dieser gelungenen Tandemreise führte Michael Herbst, der Referent für Öffentlichkeitsarbeit des DVBS (MH), ein Kurzinterview mit Christian Rhode, dem Geschäftsführer von Velociped (CR):

MH: Wie kamen Sie auf die Idee, eine solche Tandemreise anzubieten?

CR: Der DVBS hat uns darauf gebracht. Und als ich anfing, mich um die Sache zu kümmern, war auch mein Ehrgeiz schnell geweckt. Diese Reise bedeutete auch für das Velociped-Team neue Eindrücke, neue - andere - Mitfahrer, neue Erfahrungen, neue Kundenkreise.

MH: Welche waren die größten Hürden bei der Planung dieser Reise?

CR: Um eine gute Reise für Blinde zu machen, genügt es nicht, die Augen zu schließen und sich vorzustellen "Ach, so ist es also, blind auf Reisen zu gehen." Wir haben eine blinde Praktikantin in die Planung mit einbezogen und gemeinsam das Programm entwickelt. Man muss sich auch in die alltägliche Lebenswelt eines Blinden reinarbeiten. Sonst bekommt eine solche Tour schnell den Flair eines Zivi-Ausflugs. Das wollen weder die Blinden noch die sehenden Mitfahrer.

MH: Welche Rolle spielen die Tandems auf der Tour?

CR: Ohne Tandems gäbe es solche Reisen nicht. Wir hatten auch ein Team dabei, das mit einem Privattandem fuhr. Das war qualitativ spürbar unter den von uns genutzten "Zwei plus zwei"-Tandems. So hatten wir mit dem Tandem mehr Pannen und Probleme als mit den acht anderen Doppelsitzern zusammen. Bei einem Tandem muss man extrem auf Qualität achten. Wir kennen das von unseren Sololeihrädern. Die werden auch extremer beansprucht als viele andere Räder. Da haben wir mittlerweile ein Händchen für Qualität entwickelt.

MH: War die Reise eine einmalige Sache oder bieten Sie nun öfter Tandemreisen an?

CR: Die Reise war ein voller Erfolg. Das Experiment ist gelungen. Wir werden die Reise wiederholen und eine Vielzahl anderer Routen auf das Tandemkonzept weiterentwickeln. Von der Wochenendreise bis zur dreiwöchigen Hawaiitour. Es waren ja nicht nur die Blinden begeistert, sondern auch die Sehenden. Wichtig ist uns, dass wir auch bei neuen Strecken das hohe Niveau der "Sinnlichkeit abseits des Visuellen" erhalten.

Velociped bietet auch im Jahr 2005 Reisen mit dem Tandem an. Nicht nur die beschriebene Reise steht auf dem Programm, auch viele weitere Fluss- und andere Radwege

Weitere Informationen zu den Tandemreisen erhalten Sie bei

Velociped Fahrradreisen, Alte Kasseler Strasse 43, 35039 Marburg; Telefon: 06421/8.86.89-0, Fax: 06421/8.86.89-11, E-Mail: info@velociped.de, www.velociped.de/tandem

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