



Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:
Lange schon hatte ich mich auf diesen Tag gefreut! Lange schon hatte ich mir vorgestellt. ein Mal dabei zu sein!
Am 17. September 2004 war es dann endlich soweit: Schon seit Stunden sind wir an diesem Tag auf den Beinen. Stück für Stück geht es langsam vorwärts - eine endlose Schlange von Menschen, die in den letzten Jahren hart gearbeitet haben, um in den nächsten zehn Tagen ihr Können unter Beweis stellen zu dürfen. Mein Magen kribbelt. Ganz deutlich habe ich die Bilder vor Augen, als einen Monat zuvor die olympischen Sommerspiele in Athen begannen. Damals klebte ich vorm Fernseher und mir wurde bewusst, dass ich dies alles auch bald "live" erleben darf.
Und nun geht es wieder ein Stück vorwärts. Eine große Anzahl des Deutschen Paralympic Teams, das aus 211 Athletinnen und Athleten besteht, bewegt sich mit all den anderen 146 Länderabordnungen langsam auf das Olympiastadion zu. Rollstuhlfahrer, Prothesenträger, Sehbehinderte, Betreuer, Physiotherapeuten und Helfer schieben sich immer weiter. Es ist laut um mich herum, und meine Knie beginnen etwas zu schlottern. Nun höre ich schon die 70.000 Zuschauer im Stadion - erst leise und dann immer lauter. Noch ein letzter Tunnel, durch den wir hindurch müssen und dann gellt es durch die Stadionansage: "Germany".
Einfach Wahnsinn! 70.000 Zuschauer klatschen, schreien und jubeln und jeder weiß, dass der Beifall nur uns Sportlern und Betreuern gilt. Wir laufen eine Runde durchs Stadion und ich fühle mich absolut berauscht, nicht fähig zu fassen, was da eigentlich um mich herum passiert. Die nächsten zwei Stunden ziehen sich nun wieder etwas dahin. Die Euphorie weicht etwas der Müdigkeit und der Langeweile durch die Länge der Einmarschzeremonie. Aber dann erreichen die Gefühle wieder einen Höhepunkt. Die olympische Flamme wird entzündet - der für mich wohl ergreifendste Moment des Erlebnisses Olympia.
Die Spiele sind eröffnet!
Gemeinsam mit mir haben sicherlich alle Marburger Teilnehmer/innen so gefühlt wie ich. Maren Bossmeyer (Leichtathletik), Anna-Lena Knors (Leichtathletik), Robert Dorries (Schwimmen), Sebastian Junk (Judo) und ich, Christiane Möller (Goalball), vertraten Marburg und ganz besonders auch die Deutsche Blindenstudienanstalt bei den Paralympics 2004 in Athen. Am Ende konnte immerhin einer, nämlich Sebastian, eine Bronzemedaille im Judo mit heimbringen.
Aber auch ohne Medaille kann ich auf drei Wochen zurückblicken, die sicherlich für immer in meiner Erinnerung bleiben werden. Das olympische Dorf, in dem so viele verschiedene Menschen aus so vielen verschiedenen Nationen zusammenlebten, das Essenszelt, das mich wegen seiner Größe noch immer beeindruckt, die wirklich wunderbare Goalballhalle, das Gefühl für all die Strapazen der zurückliegenden Monate belohnt zu werden - all dies kann ich erst langsam wirklich begreifen.
Leider blieb neben dem Turnier nur wenig Zeit, um auch mal die Luft anderer Wettkampfstätten zu schnuppern. Das, was ich allerdings erleben durfte, hat mich schwer beeindruckt. Schwimmer, die kaum noch über Gliedmaßen verfügten, schwammen traumhafte Zeiten, Blinde spielten Fußball, armlose Reiter lenkten ihr Pferd einzig mit den Beinen und Zügeln, die sie im Mund trugen, mit Prothesen können Männer heute schon schneller laufen, als die schnellsten Frauen ohne Behinderung.
Immer wieder war ich fasziniert, wie viel Lebensmut all die Athletinnen und Athleten in Athen hatten, egal wie schlimm ihre Behinderung auch sein mochte. Ich möchte allen, die ihrer Zukunft sorgenvoll entgegen sehen, gern ein Stück von dieser Kraft abgeben und kann nur dazu auffordern, sich einmal Berichte über die Paralympics anzusehen.
Wie bei allen Ereignissen blicke ich aber auch dieses Mal mit einem kleinen weinenden Auge zurück. Der sechste Platz unserer Goalballmannschaft ist sicherlich im Rahmen des Möglichen ein realistisches Endergebnis, doch bin ich schon etwas neidisch, wenn ich sehe, mit welchen Trainingsmöglichkeiten andere Länder aufwarten können. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, in Marburg wieder eine starke Goalballmannschaft zu haben und mich freuen, wenn einige Schüler/innen der Carl-Strehl-Schule die nächsten Paralympics in Peking 2008 mit mir gemeinsam angehen würden. Ich hoffe, dass bei einigen der Funke überspringt, so wie damals bei mir, als ich noch Schülerin der Blista war.
Zurück zum Inhalt von 6/2004 |horus im Überblick
Startseite
|
Kontakt
|
Impressum |
Hilfe