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Dr. Rüdiger Leidner: Reiseland Brandenburg: Schritte zu mehr Barrierefreiheit

Im Rahmen der von der EU unterstützten Innopunkt-Programme werden Qualifizierungsmaßnahmen für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) gefördert. Die Unternehmen müssen einen Teil der Kosten selbst tragen, den Rest übernehmen das jeweilige Land und die EU.

Das Land Brandenburg hat bisher an allen (mittlerweile sieben) Programmen teilgenommen und im vorvergangenen Jahr, dem Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen, in sein Innopunkt-6-Programm auch ein Projekt zur Schulung von KMUs zur Erreichung von mehr Barrierefreiheit aufgenommen (siehe dazu die Website www.brandenburg-barrierefrei.de).

Den Zuschlag zur Durchführung der Schulungsmaßnahmen erhielten die Beratungsunternehmen Neumann Consult und Reppel + Lorenz, die im vergangenen Jahr das Gutachten über "Ökonomische Impulse eines barrierefreien Tourismus für alle" erstellt haben. An der diesem Gutachten zugrunde liegenden Umfrage hatten sich auch viele DVBS-Mitglieder beteiligt.

An den in diesem Jahr zu Ende gehenden Qualifizierungsmaßnahmen im Rahmen des Innopunkt-6-Programms nehmen insgesamt 39 Betriebe und weitere etwa 30 Projektpartner teil. Ich habe Herrn Dr. Neumann im Mai bei einigen Coaching-Terminen begleitet (auch bei einigen Schulungsveranstaltungen waren DVBS-Mitglieder aktiv) und möchte über meine durchweg positiven Eindrücke kurz berichten.

Triangel Tour betreibt in Niederfinow einen kleinen Campingplatz, der aufgrund seiner Lage am Kanal die Möglichkeiten zu Bootstouren bietet. Die dazu nötigen Kanus können vor Ort ausgeliehen werden.

Der Geschäftsführer, Herr Kroel, zeigte sich im Gespräch zunächst vorsichtig bis skeptisch hinsichtlich der Unterbringung blinder Gäste auf seinem Campingplatz, da er das Gelände für zu schwierig hielt, und erst recht der Teilnahme an Kanuausflügen. Während des Rundgangs über den Campingplatz, auf dem auch einige kleine Bungalows stehen, wuchs bei ihm jedoch recht schnell die Erkenntnis, dass ihm in erster Linie Erfahrung im Umgang mit blinden/sehbehinderten Gästen fehlte und er daher die notwendige Unterstützung völlig überschätzt hatte. Auf meine Frage, wie man den Campingplatz mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen könnte (aus meiner Sicht das eigentliche Problem sehbehinderter Gäste) erklärte er sich ganz selbstverständlich bereit, nach Voranmeldung die Gäste vom Bahnhof Niederfinow abzuholen.

Der Bann brach vermutlich endgültig, als wir zusammen kleine Runden im Ruderboot und seinem Kanadier drehten. Die Schulungsveranstaltungen und die konkrete Erfahrung bei diesem Coachingtermin haben hier wirklich - wie es die Pressemitteilung am Ende dieses Berichts zum Ausdruck bringt - zum Umdenken und mehr Vorurteilsfreiheit geführt.

Ganz ähnlich war die Reaktion in der Naturtherme Templin. Natürlich kann man nicht erwarten, dass ein derartiger Komplex, der barrierefrei aus der Sicht von Rollstuhlfahrern konzipiert wurde, im Nachhinein auch für Blinde/Sehbehinderte völlig barrierefrei umgebaut wird. Es konnte insofern nur um besonders wichtige Orientierungsmerkmale gehen. Recht schnell überzeugte sich der Leiter der Therapie- und Badelandschaft, Herr Römer, davon, dass Handläufe, die noch vor der letzten Treppenstufe enden, letztlich ein Risiko für alle, besonders aber für blinde Gäste, darstellen. Hier soll unverzüglich Abhilfe geschaffen werden. Auch meine Hinweise, dass Türen mit tastbaren Beschriftungen versehen werden sollten und im Eingangsbereich allein schon durch das Verlegen von Teppichläufern wertvolle Orientierungserleichterungen gegeben werden könnten, stießen unmittelbar auf Verständnis, werden aber vermutlich eher mittelfristig (je nach Finanzlage) umgesetzt.

Deutlich wurde in diesem Gespräch auch, dass alle aus der Sicht blinder/sehbehinderter Gäste verbleibenden, weil nachträglich kaum zu korrigierenden, Unzulänglichkeiten durch gezielte Sensibilisierung des Personals ausgeglichen werden müssten. Offen blieb die Frage der Erreichbarkeit der Therme mit öffentlichen Verkehrsmitteln, insbesondere die Kennzeichnung des Weges von der Bushaltestelle zum Haupteingang. Hier ist die Gemeinde gefordert, das Ihre zu tun, um die innerhalb der Therme nun vorgesehenen Maßnahmen entsprechend zu flankieren.

In Templin gibt es weitere engagierte Tourismuspraktiker, wie z. B. Frau Achard, die am Lübbesee eine Ferienhausanlage betreibt. Ihr Personal hat bereits zahlreiche Erfahrungen mit behinderten Gästen sammeln können. Dieses macht sich in einer unaufdringlichen und sehr angenehmen Gastfreundschaft bemerkbar. Frau Achard ist gegenüber Verbesserungen ihres Angebotes für sehbehinderte und blinde Menschen sehr aufgeschlossen und möchte die Belange dieser Gästegruppe in Zukunft stärker in ihr Angebot einbinden. Darüber hinaus arbeitet sie innerhalb einer Arbeitsgruppe an der barrierefreien Erschließung des gesamten Ortes Templin mit - was ebenfalls ein schönes Ergebnis des Innopunkt- Projektes darstellt.

Auch die Inhaberin des Landgasthofs "Kleine Schorfheide" in Annenwalde zeigte sich den vorgeschlagenen Maßnahmen (taktile Zimmernummern, Bodenindikatoren zwischen der Gaststube und dem Übernachtungsbereich) gegenüber sehr aufgeschlossen und will in Kürze mit der Umsetzung beginnen.

Der Besuch in der Glashütte im Ort zeigte, dass das Personal sehr gutwillig ist, wenn es darum geht, die Herstellung von Glas auch für blinde Besucher anschaulich zu machen. Blinde Besucher sind dort nämlich nicht nur auf Beschreibungen dieses "heißen Vorgangs" angewiesen, sondern können die Stufen, die ein Trinkglas bei der Herstellung durchläuft, auch an Hand abgekühlter Beispiele für die verschiedenen Produktionsstufen betasten. Mein Eindruck war, dass der kleine Ort Annenwalde, der auch noch Konzertveranstaltungen in einer Kirche des berühmten Baumeisters Schinkel bietet, sich recht schnell auf den Besuch blinder und sehbehinderter Gäste umstellen würde, wenn die bestehenden Informationsdefizite abgebaut werden.

Insofern bleibt zu hoffen, dass die Überschrift des Berichts von Hartmut Mehls in Heft 1 und 2/2004 auch in Brandenburg gilt: "Sie reisen ja so gerne".


Pressemitteilung der Firma Neumann Consult

Kanutouren auch für sehbehinderte und blinde Menschen

Die Teilnahme am Qualifizierungsprojekt "Innopunkt 6" zur Förderung des barrierefreien Tourismus in Brandenburg hat für Johannes Kroel eine Reihe von messbaren Erfolgen gebracht. So kann der Geschäftsführer von Triangel Tour seit dieser Saison auch Kanutouren für sehbehinderte und blinde Menschen anbieten.

Getestet wurde das Angebot vom Tourismusbeauftragten des Deutschen Vereins Blinder und Sehbehinderter in Studium und Beruf e. V., Dr. Rüdiger Leidner. "Kanutouren bieten für alle Gäste Entspannung, Ruhe und Natur. Sehbehinderte und blinde Menschen stellen dabei keine Ausnahme dar", so Leidner. Wichtig sei es, dass die Mitarbeiter auf die besonderen Bedürfnisse behinderter Gäste eingestellt seien.

"Durch das Qualifizierungsprojekt konnten Ängste und Vorurteile im Umgang mit behinderten Gästen erfolgreich abgebaut werden", berichtet Kroel. "Ich hatte zunächst Bedenken, als sich Herr Leidner zu mir ins Kanu setzte. Aber jetzt weiß ich, dass es geht, wie es geht und dass ich eigentlich nur ganz wenig tun muss, um auch für diese Gäste etwas anzubieten!" "Wir sagen nicht, dass jedes touristische Angebot in Brandenburg 100 Prozent barrierefrei sein muss. In jeder Reiseregion sollte nur für alle Gäste auch etwas dabei sein. Dafür müssen sich die jeweiligen Tourismusanbieter auch miteinander vernetzen. Das Barnimer Land ist dabei auf einem guten Weg", erläutert der Qualifizierungsträger des Projektes, Dr. Peter Neumann. So sind es in erster Linie auch ganz pragmatische Lösungen, die behinderten Gästen den Zugang erleichtern, um Kroels Angebote am Finowkanal zu nutzen. Das betrifft nicht nur den Kanuverleih, sondern auch den Campingplatz als Ausgangspunkt für ausgedehnte Wanderungen und Radtouren im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin.

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