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Der vorliegende Text entstand aus meinen Notizen zu einem
gleichnamigen Referat, das ich im Rahmen des Seminars der
DVBS-Fachgruppe "Ruhestand" am 23. September 2004 in Bad Meinberg
gehalten habe. Nach dem Vortrag war es mir jedoch ein Bedürfnis, die
Beiträge und Anregungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu
berücksichtigen. Der im Folgenden abgedruckte Text enthält somit die
Erfahrungen und Gedanken vieler Betroffener.
Bereits der Überschrift lässt sich anmerken, dass wir uns im Folgenden
mit einem komplexen Thema auseinander setzen: Grundlagenliteratur über
jede einzelne der vier genannten psychischen Funktionen (Empfindung,
Wahrnehmung, Erinnerung, Vorstellung) füllt ganze Bücherregale. Dabei
haben wir uns zusätzlich mit den individuellen Besonderheiten bei
sehgeschädigten Menschen zu beschäftigen. Außerdem müssen wir zwischen
geburtsblinden, spät erblindeten und sehbehinderten Personen
unterscheiden. Leider existiert keine ausgereifte Wahrnehmungs-,
Vorstellungs- oder Erinnerungspsychologie Blinder und Sehbehinderter,
so dass meine Ausführungen in einigen Punkten spekulativ und subjektiv
bleiben müssen.
Trotzdem
möchte ich versuchen, Ihnen im Folgenden die spärlich vorhandenen
Erkenntnisse zu unserem Thema vorzutragen. Ich möchte aber ein paar
allgemeiner gehaltene Abschnitte voranstellen, in denen ich auf
medizinisch/physiologischer sowie auf philosophischer Ebene auf die
Mechanismen und den Stellenwert des Sehens eingehe.
Bei Geburtsblinden, Späterblindeten und Sehbehinderten liegen bezüglich
unseres Betrachtungsgegenstandes grundsätzlich verschiedene
Voraussetzungen vor:
Das bedeutet, dass die Erblindungsursache
im Auge selbst oder auf dem Transportweg zum Gehirn zu suchen ist.
Retinopathia pigmentosa, Netzhautablösung, retrolentale Fibroplasie
(Brutkastenblindheit), Anophthalmie und Unfälle, bei denen der Augapfel
bzw. der Sehnervkopf zerstört wird, sind Beispiele für periphere
Erblindungsursachen.
Im Gegensatz dazu spricht man von
zentraler Blindheit, wenn die Erblindungsursache direkt im Gehirn liegt
(vor allem Tumoren des Sehzentrums und Schlaganfälle). Wenn bei
zentraler Blindheit Sehzentren des Gehirns zerstört werden, so kann
auch die Fähigkeit des visuellen Erinnerns bzw. der visuellen
Vorstellung verloren gehen.
Ungefähr 25 % aller Nervenzellen im Gehirn beschäftigen sich direkt mit
dem Sehen. Indirekt sind es sogar bis zu 40 %. Etwa 70 % der von einem
vollsichtigen Menschen aufgenommenen Sinnesinformation entfällt auf das
visuelle System. Im Laufe der Evolution unserer Gattung wurden andere
Sinneskanäle wie das Hören und das Riechen zugunsten des Sehens
zurückgedrängt, so dass man davon ausgehen kann, dass das Sehen
vielleicht besser als andere Sinne in unserer nahen Vergangenheit das
Überleben sichern konnte. Bei nahezu jedem vollsichtigen Menschen ist
das Sehen der sogenannte Dominanz-Sinn; das ist derjenige Sinneskanal,
auf den man sich am ehesten verlässt und dessen Informationen in der
Lage sind, widersprechende Informationen aus anderen Sinneskanälen zu
überstrahlen. Entsprechend ist für die meisten Menschen die
Vorstellung, das Augenlicht zu verlieren, eine der schlimmsten
Visionen, womit sich natürlich gut erklären lässt, warum die Begegnung
mit einer blinden Person vor allem Mitleid auslöst.
Bedeuten
all diese Tatsachen, dass das Sehen eine grundsätzliche oder vollkommen
natürliche Sonderstellung unter den Sinnen einnimmt - gewissermaßen
also der menschliche "Königssinn" ist?
Ich möchte provokativ mit "nein" antworten.
Das soll nicht heißen, dass ich dem Sehen die Bedeutung absprechen will,
die es für unsere bisherige biologische, soziale und kulturelle
Entwicklung zweifellos gehabt hat. Vielmehr geht es mir um eine
Kampfansage gegen die bei Blinden und Sehbehinderten zuweilen
beobachtbare unverhältnismäßige Aufwertung des Sehens. Was ich genau
darunter verstehe und wie ich mir das Zustandekommen dieses Phänomens
erkläre, will ich kurz darstellen:
Trotz der großen Zahl blinder
und sehbehinderter Menschen bilden wir eine bevölkerungsstatistische
Minderheit. Das heißt, die meisten Menschen um uns herum verfügen über
einen Sinn mehr als wir. Dieser Sinn hat zwei entscheidende
Eigenschaften:
Eltern, die ein blindes Kind bekommen, müssen diese Tatsache erst einmal
verarbeiten, sie dann in ihrem Verhalten dem Kind gegenüber
berücksichtigen und schließlich den gesamten Erziehungsprozess darauf
ausrichten.
Spätestens im Kindergartenalter kommt aber noch
eine vierte Anforderung hinzu: Die Eltern müssen damit umgehen, dass
sich das Kind des völligen oder teilweisen Fehlens eines Sinnes bewusst
wird. Das Kind beginnt zu lernen, was es bedeutet, blind zu sein.
Hierfür liefern vor allem die Eltern - bewusst oder unbewusst, direkt
oder indirekt - durch ihr Verhalten Erklärungsmodelle. Grob
vereinfachend könnte man sagen, dass es hinsichtlich der psychischen
Gesundheit und Ausgeglichenheit des Kindes ein günstiges und ein
ungünstiges Erklärungsmodell gibt.
Das günstige
Erklärungsmodell aus der Sicht des Kindes lautet: "Ich kann zwar nicht
sehen, bin aber in der Lage, diese Tatsache durch die optimale Nutzung
meiner übrigen Sinne größtenteils auszugleichen. Eine hundertprozentige
Kompensation kann es nicht geben, aber das liegt in der Natur der
Sache, ist nichts Verwerfliches und nichts, an dem ich Schuld trage."
Das
ungünstige Erklärungsmodell lautet: "Ich kann nicht sehen, also fehlt
mir eine grundsätzliche Sinnesqualität, die ich auch durch noch so
große Anstrengung meiner Restsinne nicht erlangen kann. Egal wie gut
ich meine Restsinne einsetze: Sehende haben mir immer etwas voraus."
Psychologisch
geschulte Leserinnen und Leser werden in letzterer Interpretation des
Nichtsehenkönnens Elemente der so genannten gelernten Hilflosigkeit
erkennen und sich über die weit reichenden psychischen
Folgeerscheinungen eines solchen Denkstiles im Klaren sein. Wenn das
Kind das ungünstige Erklärungsmodell verinnerlicht, kann es dazu
kommen, dass es das Sehen als etwas einschätzt, das seinen "Restsinnen"
qualitativ hoch überlegen ist. Es wird vielleicht nicht begreifen, dass
ein Teil der "Überlegenheit" sehender Personen in der Beschaffenheit
der Umwelt begründet liegt; es wird seine "Unterlegenheit" auf seinen
"Mangel" zurückführen.
Ich möchte Ihnen anhand einiger Stichworte
aufzeigen, dass das Sehen aus wahrnehmungspsychologischer Sicht keine
natürliche Sonderstellung innehat:
Sieht man einmal von Alterungsprozessen ab, so ist eine Fotografie
unveränderlich - sie zeigt in einem Jahr noch das gleiche Bild wie
heute. Ganz anders sieht es dagegen bei Erinnerungsbildern aus, die
alles andere als "Schnappschüsse" sind. Es gibt im Gehirn keine passiv
abgelegten Gedächtnisinhalte, also keine verschlossenen Schubladen.
Unsere gesamten Wissensinhalte sind vielmehr Teil unseres sich ständig
wandelnden Erfahrungsschatzes und unserer veränderlichen Werthaltungen.
Dies bedeutet, dass sich unsere Erinnerungen im Allgemeinen und
Erinnerungsbilder im Besonderen nicht regellos, sondern im Lichte
unserer Vorurteile, Einstellungen und auch unserer Zukunftserwartungen
vielmehr systematisch verändern. Einige Mechanismen, die der
Veränderung aber auch dem Unverändertbleiben unserer Gedächtnisinhalte
zugrunde liegen, sind von der Psychologie gründlich erforscht worden.
Zunächst zwei zur Veränderung beitragende Mechanismen:
Vermutlich kennen Sie das Spiel, unter Zeitdruck ein Werkzeug, eine
Farbe und eine Obstsorte zu nennen. Die meisten Menschen antworten mit
"Hammer", "rot" und "Apfel". Diese drei Begriffe kann man deshalb mit
gutem Recht als prototypische Vertreter ihrer jeweiligen Kategorie
ansehen. Wir Menschen haben nicht nur von jeder Begriffskategorie,
sondern auch von jedem Einzelobjekt und sogar von Vorgängen eine
typische Vorstellung. Bei Objekten bezeichnet man diese als Prototypen,
bei Vorgängen wie beispielsweise einem Restaurantbesuch, als Skripte.
Erinnerungsbilder haben nun eindeutig die Tendenz, Prototypencharakter
anzunehmen. Etwas flapsig und übertrieben ausgedrückt: Die Erinnerung
macht alle Schwäne weiß, alle Wiesen grün, alle Chinesen klein und alle
Anzüge grau. Es könnte also sein, dass Sie sich das Bild eines Sees
eingeprägt haben, auf dem acht weiße und zwei schwarze Schwäne
schwammen. Mit der Zeit werden Sie vermutlich entweder die genaue Zahl
der schwarzen Schwäne vergessen oder sich nur noch an weiße Schwäne
erinnern.
Wenn wir Ereignisse beobachten, die entweder komplex sind oder in
großer Geschwindigkeit ablaufen, können wir in der Regel weder
sämtliche Details wahrnehmen noch verstehen. Das Gedächtnis neigt dazu,
solche kleinen Lücken nach und nach mit Inhalten zu füllen, die unter
den vorliegenden Umständen am plausibelsten erscheinen.
Gerichtspsychologen müssen diese Tatsache bei der Beurteilung der
Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen berücksichtigen.
Ein
Mechanismus, der zur Unveränderlichkeit von Erinnerungen beiträgt, ist
das Blitzlichtgedächtnis: Kehren wir zum Beispiel der weißen und
schwarzen Schwäne zurück. Stellen Sie sich vor, Sie wären von einem der
schwarzen Schwäne verfolgt und schmerzhaft gebissen worden. Dieses
bedeutsame Erlebnis würde sich in ihrem Gedächtnis einbrennen und Sie
würden nie vergessen, dass es an dem See schwarze Schwäne gab. Die
äußerst exakte Erinnerung an einschneidende, bedeutsame oder emotional
aufgeladene Ereignisse nennt man Blitzlichtgedächtnis. Sicher wissen
Sie noch recht genau, wo Sie waren und was Sie gerade erlebten, als Sie
am 11. September 2001 von den Flugzeugattentaten auf das World Trade
Center erfahren haben. Blitzlichterinnerungen sind äußerst stabil und
verändern sich weniger als "unspektakuläre" Erinnerungen.
In der
Tat haben mir zahlreiche spät Erblindete berichtet, dass sie noch nach
Jahrzehnten entscheidende Szenen ihres Lebens (Hochzeitsfotos, das im
zweiten Weltkrieg durch einen Bombentreffer zerstörte Elternhaus ...)
"vor Augen" haben, während andere Vorstellungsbilder weitgehend
verblasst sind.
Kommen wir nach den eher allgemeinen Betrachtungen nun zu den
speziellen Erkenntnissen, die an sehbehinderten und blinden Menschen im
Laufe der letzten 75 Jahre gesammelt wurden.
Die
Überschrift dieses Abschnittes lehnt sich an einen der interessantesten
Artikel zu unserem Thema an, den ich finden konnte. Brigitte Schwinert
untersuchte in den 50er Jahren bei insgesamt 36 Personen zwischen zehn
und 26 Jahren mit unterschiedlichem Sehvermögen unter Einsatz des so
genannten Deutungstests von August Vetter das visuelle Erleben
sehbehinderter und blinder Menschen. Anhand ihrer Sehfähigkeit, die
überwiegend durch Fingerzählen, Farbtafeltests und subjektive Berichte
der Betroffenen beurteilt wurde, teilte Brigitte Schwinert die 36
Personen in drei Gruppen ein.
Gruppe A umfasste die
sehbehinderten Probanden mit gut erhaltenem Sehrest; die Probanden der
Gruppe B werden als hochgradig sehbehinderte Personen beschrieben,
deren visueller Wahrnehmungsraum etwa einen Meter weit reicht.
Schwinert ergänzt hierzu: "... da sie Einzelheiten nur unmittelbar vor
den Augen erkennen, sind sie gezwungen, sich ihr optisches Weltbild
mosaikartig zusammenzusetzen, was nicht eben leicht ist und häufig zu
stark subjektiven Vorstellungen führen kann." Die Teilnehmerinnen und
Teilnehmer mit dem geringsten Sehvermögen wurden der Gruppe C
zugeordnet. Schwinert beschreibt sie wie folgt: "Schatten- und
farbenhafte Umrisse umgeben die Versuchspersonen der Gruppe C. Die
vielartigen Formen der Dinge und ihre Bedeutung erfahren sie aber nur
auf haptischem Wege, wenn nicht früher gewonnene optische Vorstellungen
oder eine reiche Phantasie diese schattenhaften Gebilde beleben."
Jeder
Testperson wurden die Bildtafeln des Deutungstests vorgelegt. Die
Bildinhalte sind bewusst mehrdeutig gehalten, so dass bei ihrer
Beschreibung nicht die Fähigkeit zur Objekterkennung, sondern die der
subjektiven Interpretation gefordert ist. Bei der Bearbeitung des
Reizmaterials durch die drei unterschiedlichen Gruppen machte Schwinert
interessante Beobachtungen:
Die Personen der Gruppe A
betrachteten die Bildtafeln zwar länger als vollsichtige
Vergleichspersonen, setzten bei der Erkundung des Materials jedoch ein
rein visuelles Explorationsverhalten ein. Einige Personen der Gruppe B
und fast alle Mitglieder der Gruppe C nahmen bei der Erkundung des
visuellen Reizmaterials zusätzlich die Finger zu Hilfe. Frau Schwinert
beschreibt und kommentiert: "Die Versuchspersonen fuhren mit den
Fingern die geschauten Linien und Formen nach und suchten offenbar so,
das Haptische auf das Optische zu übertragen. Das mag daher rühren, daß
sie es wenig gewohnt sind, optische Bilder zu betrachten; und nun
versuchen sie, die empfangenen visuellen Eindrücke taktil zu
"begreifen" und zu erfassen."
Bei geringerem
Sehvermögen waren die gelieferten Interpretationen zuweilen von der
visuellen Reizvorlage abgekoppelt. Hierzu Schwinert: "Wandten die
Versuchspersonen der Gruppe A während des Deutungsvorganges ihre Blicke
kaum von den Bildvorlagen ab, so neigten manche Versuchspersonen der
Gruppe B und vollends die der Gruppe C dazu, die Tafeln nach
eingehender Betrachtung zeitweilig völlig aus den Augen zu lassen und
angestrengt nachzudenken. - "Na, was gibt"s denn da so", reflektiert
eine 14-jährige laut, "was könnte man denn da sagen?" - "Ich find"
schon etwas", sagt ein 11-jähriges kleines Mädchen, "ich muß bloß
nachdenken."" Schwinert interpretiert diese Beobachtung wie folgt:
"Möglicherweise sind diese Reflexionen aus einer eventuell vorhandenen
Vorstellungsarmut heraus zu erklären."
Ich persönlich neige zu
der gegenteiligen Auffassung: Die Probanden mit besser erhaltenem
Sehvermögen brauchten aufgrund der reichlich vorhandenen visuellen
Stimulation nur vorhandene Assoziationen zu aktivieren und
auszuschmücken, wozu es nicht unbedingt eines ausgeprägten
Vorstellungsvermögens bedarf. Die nahezu blinden Probanden haben
hingegen die Fähigkeit unter Beweis gestellt, anhand nur spärlich
verfügbarer Vorlagen teilweise recht ausführliche Geschichten zu
erzählen, wofür wohl ein gerüttelt Maß an Vorstellung benötigt wird.
Brigitte
Schwinert fährt fort: "Wenn überhaupt nur wenige klare und lebendige
visuelle Vorstellungen vorhanden sind, dann mag es auch schwer fallen,
sie hier zu vergegenwärtigen. Zum anderen mag sich die Erschwerung des
visuellen Wahrnehmungsvorganges ja wohl auch auf die Rückerinnerung
auswirken. Was mühsam tastend in langsamem additivem Vorgang gesehen
wird, kann schwerlich spontan und leicht vorgestellt werden."
Diesen
Gedankengang halte ich für sehr wichtig, und er mag
Sehbehindertenpädagogen dazu veranlassen, mit höchstgradig
sehbehinderten Kindern das oft sehr nützliche Bilden visueller
Vorstellungsbilder anhand taktil erfasster Vorlagen zu üben.
Bei schwächerem Sehvermögen steigt nicht nur die Betrachtungszeit der
Vorlagen, sondern auch die für die Deutung benötigte Zeitspanne an.
Bei schwächerem Sehvermögen sinkt die Zahl gegebener Deutungen: Von den
insgesamt abgegebenen 496 Deutungen stammten 204 von Gruppe A, 172 von
Gruppe B und nur 120 von Gruppe C. Dieses Phänomen war unabhängig von
der betrachteten Bildtafel.
Bei den Deutungen der
Tafeln werden vom Testautor unter anderem bildhafte und sachliche
Deutungen unterschieden. In den Gruppen B und C nahmen die bildhaften
Deutungen auf Kosten der sachlichen Lösungen zu. Schwinert kommentiert
dies wie folgt: "Wo die visuellen Eindrücke dürftiger werden, finden
sie eine intensivere Aufnahme und werden tiefer in die Innerlichkeit
hineingenommen und verarbeitet. Der subjektive und auch der aktive
Anteil an den Wahrnehmungen, also der visuellen Auffassung, wird umso
größer, je geringer die optischen Empfindungen werden, je kleiner der
Sehraum ist."
Aus der Tatsache, dass bei abnehmendem Sehvermögen
bildhafte Deutungen zunehmen, leitet Schwinert die Folgerung ab, dass
es bei höchstgradig sehbehinderten Menschen leicht sein dürfte, anhand
der Deutungen auf Persönlichkeits- und Charaktereigenschaften der
Testperson zu schließen. Sie versucht dies, anhand einiger
Beispieldeutungen zu belegen. Diese Aussage ist meiner Ansicht nach mit
großer Vorsicht zu betrachten, denn der Zusammenhang zwischen
Deutungsinhalt und Persönlichkeit könnte auch von der Art der visuellen
Vorerfahrung und der emotionalen Bewertung des Sehens an sich
beeinflusst sein, wie ich bereits in den ersten Abschnitten angedeutet
habe. Die Reaktion auf eine visuelle Reizvorlage könnte dann weniger
die Gesamtpersönlichkeit als vielmehr die Einstellung zum Thema "Sehen"
widerspiegeln. Überhaupt glaube ich, man sollte in zukünftigen
Untersuchungen nicht nur fragen "Wie stehst Du zu Deiner Blindheit?"
sondern "Wie stehst Du zum bzw. welche Bedeutung hat für Dich das
Sehen?"
Diese Einstellung zum Thema "Sehen" ist bei hochgradig
Sehbehinderten sicherlich eine andere als bei Menschen mit geringeren
Sehbeeinträchtigungen, denn mit abnehmendem Sehvermögen schwindet die
Verlässlichkeit des Sinnes. Visuell nicht mehr klar erfassbare Objekte
und Vorgänge werden vom Gehirn durch prototypische oder plausible
Objekte und Handlungen ersetzt (siehe oben). Dadurch kommt es immer
häufiger vor, dass Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht mehr
übereinstimmen. Bei Menschen, deren Sehkraft langsam schwindet, kann
das einst so nützliche Restsehvermögen so zu einer Belastung werden -
und tatsächlich haben mir gegenüber schon einige Menschen geäußert:
"Ich bin froh, dass ich schlagartig erblindet bin, so ist mir ein
langer Abschied vom Sehen erspart geblieben."
Dr. Otto Mayer
setzt sich in seinem 1933 erschienenen Aufsatz "Strindbergs
"Traumspiel" und das Umweltbild eines Späterblindeten" mit der Tatsache
auseinander, dass bei spät Erblindeten Vorstellung und Phantasie einen
Großteil der Rolle einnehmen müssen, die einst das Sehen gehabt hatte.
Mayer selbst wähnt hier die Geburtsblinden im Vorteil, weil deren
Vorstellungs- und Erfahrungswelt durch visuelle Erinnerungen und eine
nahezu automatisch sich einstellende visuelle Vorstellung nicht
durcheinander gebracht wird. Zu der ungünstigeren Lage spät Erblindeter
schreibt er: "Anders aber verhält es sich mit dem Weltbild des
Späterblindeten. Dieses wird keinesfalls auf optische Qualitäten
verzichten und sich mit den körperhaften begnügen. Mir wenigstens will
sich jeder Tasteindruck sofort in einen optischen verwandeln, und was
mich umgibt, hat Licht und Farbe, nur - und das ist das Schwerwiegende
bei der Sache - dies Licht, diese Farbe sind immer mein
Vorstellungsprodukt und brauchen sich nicht mit der Wirklichkeit zu
decken; tun es genau vielleicht in den seltensten Fällen, wenn sie auch
ungefähr richtig sein mögen. Also die Welt, die mich umgibt, ist in
einer ihrer wesentlichsten Qualitäten mein Gebilde, ist demnach hierin
unwirklich. Und eine so geartete Welt, die sich bei näherer Prüfung auf
Schritt und Tritt als Illusion erweisen kann, wenigstens so weit es
sich um das optische Bild derselben handelt, erzeugt ... dieses
unsichere, schwebende und ängstlich machende Gefühl, wie ich es
eingangs andeutete. Immer läuft das Vorstellungsvermögen Gefahr, durch
die intakten Sinne oder durch das Zeugnis anderer Menschen eines
Irrtums überführt zu werden und sein ganzes Gebäude zusammenbrechen zu
sehen."
So negativ getönt wie Mayer betrachten weder ich noch
meine Zuhörer, die ich mit Mayers Aussagen konfrontiert habe, die
Diskrepanz zwischen Vorstellungsbild und Wirklichkeit nicht: Uns kommt
es weniger darauf an, dass unsere Vorstellungen von einem Stück Umwelt
perfekt sind; Hauptsache, sie sind funktional, das heißt, ihre Qualität
reicht aus, um damit arbeiten zu können.
Hierzu ein Beispiel:
Ich bin beruflich viel unterwegs und habe nur begrenzte Zeit, die
Örtlichkeiten, an denen ich zum Beispiel EDV-Schulungen gebe oder
Vorträge halte, genau zu erkunden. Meine Vorstellungen vom groben
Aufbau der Örtlichkeiten reichen in der Regel jedoch zur
selbstständigen Orientierung aus. Da ist es mir einerlei, wenn ich bei
einer näheren Betrachtung der Gegebenheiten oder durch die Beschreibung
eines Sehenden erfahre, dass es noch weitere, von mir bisher
unentdeckte Details gibt oder ich mir Zusammenhänge falsch vorgestellt
habe. Im Notfall - und ich sage das nur teilweise ironisch - haben wir
als Vollblinde ja immer die Möglichkeit, die Augen vor den Tatsachen zu
verschließen und unsere Vorstellungsbilder zum Maßstab der Dinge zu
machen.
Unter allen Formen der Sehbehinderung wurde von jeher der
Farbenblindheit (Achromatopsie, Farbuntüchtigkeit) besondere
Aufmerksamkeit geschenkt. Dies ist nicht verwunderlich, setzen doch
viele Menschen die Begriffe "Sehen" und "Farbsehen" gleich bzw. heben
die Farbe gegenüber den weiteren visuellen Qualitäten Helligkeit,
Kontrast, Konturschärfe, visuelle Objekterkennung und visuelle
Bewegungswahrnehmung heraus. Außerdem wird Sehenden eine unbunte
Farbwelt durch Schwarz-Weiß-Filme oder Schwarz-Weiß-Fotos häufig vor
Augen geführt.
Ein
Farbeindruck setzt sich aus den drei Bestimmungsstücken Farbton,
Helligkeit und Sättigung zusammen. Wie Sie vielleicht wissen, ist Licht
physikalisch gesehen ein winzig kleiner Ausschnitt aus dem Spektrum der
so genannten elektromagnetischen Wellen, zu denen auch Radio-, Fernseh-
und Mikrowellen sowie die Infrarot-, die Ultraviolett-, die Röntgen-
und die Gammastrahlung gehören. Der wahrgenommene Farbton (zum Beispiel
rot, blau, grün) hängt von der Wellenlänge des Lichtes ab und lässt
sich immer einer der Spektralfarben zuordnen. Die wahrgenommene
Helligkeit wird durch die Intensität der Wellen bestimmt (stellen Sie
sich für Helligkeit einfach hohe, für schummrige Beleuchtung einfach
niedrige Wasserwellen vor). Neben den Spektralfarben, die die Farbtöne
ausmachen, gibt es die sogenannten achromatischen Farben. Dies sind
schwarz, weiß und sämtliche Grautöne. Schwarz, weiß und grau sind also
keine Farben im strengen physikalischen Sinn. Die Sättigung einer Farbe
gibt den Grad wieder, in dem eine "echte" Farbe mit einer
achromatischen Farbe "verunreinigt" ist: Je weniger Beimischungen von
Grautönen in einer echten Farbe vorhanden sind, um so reiner ist sie.
Das
voll funktionstüchtige Auge verfügt nun über drei verschiedene Arten
von Farbsinneszellen (die Rot-, Grün- und Blauzapfen), die dem sehenden
Menschen die Unterscheidung von mehreren Millionen Farbeindrücken
ermöglichen.
Bei Farbenblinden (den sogenannten Achromaten)
fehlen entweder alle drei Zapfenarten oder funktionieren nicht. Bei
ihnen sind lediglich die für die Helligkeits- und Bewegungswahrnehmung
zuständigen Sehzellen (die so genannten Stäbchen) aktiv. Farbenblinde
können keine Farbtöne wahrnehmen und deshalb auch nicht entscheiden, ob
eine Farbe gesättigt oder ungesättigt ist. Von den drei
Bestimmungsstücken der Farbe steht ihnen lediglich die Helligkeit zur
Verfügung. Das heißt: Farbenblinde nehmen Farben nur anhand ihrer
Helligkeit wahr. Dies hat einige entscheidende Konsequenzen:
Der Neurologe
Oliver Sacks, der mit Büchern wie "Zeit des Erwachens", "Der Mann, der
seine Frau mit einem Hut verwechselte" und "Eine Anthropologin auf dem
Mars" Weltruhm erlangte, beschreibt in "Die Insel der Farbenblinden"
eindrucksvoll die Welt der farbenblinden Bewohner der Insel Pingelap.
Beispielsweise können die farbenblinden Kinder nur in der Morgen- oder
Abenddämmerung mit ihren farbtüchtigen Kameraden im Freien spielen.
Sacks zählt neben den genannten Problemen farbenblinder Personen auch
einige besondere Fähigkeiten auf:
Da
Farbenblinde in einer Welt von Farbtüchtigen leben, müssen sie um die
Bedeutung und Wirkung von Farbe wissen. Entscheidend ist eine adäquate
Begriffsbildung. Wie Christel Burghof in ihren Arbeiten ausführt,
besteht ein erster wichtiger Schritt darin, beim farbenblinden
Kleinkind mit Hilfe konstanter Beleuchtung und unter Verwendung
vertrauter Gegenstände Assoziationen zwischen dem Erscheinungsbild
eines Objektes und einem Farbnamen anzubahnen. Entscheidend ist ferner,
dass das Kind um die Signalwirkung von Farben (grüne Ampel, rote
Warnleuchten) weiß.
Eltern oder Rehabilitationslehrer können
Analogien aus dem Wahrnehmungsbereich des Kindes dazu nutzen, ihm auch
die emotionale Bedeutung von Farben beizubringen. Beispielsweise kann
anhand eines disharmonischen Klanges das Zusammenwirken zweier
unpassender Farben veranschaulicht werden. Spätestens in der Pubertät
muss dem Kind bei der Bewältigung der Probleme beigestanden werden, die
dadurch entstehen, dass Farben auch gesellschaftlich/kulturelle Werte
transportieren und Bedeutungen haben (Schminke,
Kleiderzusammenstellung, Diskussionen über Kunst und Ästhetik ...).
Ich habe im Laufe meines Referates zu viele Themen angesprochen, um
eine sinnvolle abschließende Zusammenfassung zu geben, wie es sich
eigentlich gehört. Deshalb möchte ich mit einigen persönlichen
Anmerkungen schließen.
Es
wäre unhöflich von mir, wenn ich mir nicht auch ein paar Gedanken über
die Bedeutung unseres Themas für Seniorinnen und Senioren gemacht
hätte. Mein wichtigster Ratschlag für spät Erblindete und für Personen,
deren Sehkraft derzeit altersbedingt abnimmt ist: Bewahren Sie Ihre
visuellen Erinnerungen und Vorstellungsbilder gut auf! Hüten Sie sie
wie Schätze und beachten Sie dabei, dass sich die Schatzkammern in
Ihrer Situation vermutlich leichter leeren als füllen lassen! Nutzen
Sie Ihre visuelle Vorstellungskraft und Ihre visuelle Erfahrung, um mit
Hilfe Ihrer Restsinne neue Aspekte an bekannten Dingen zu entdecken und
generell Neues hinzuzulernen! Auch wenn Sie jetzt gar nichts mehr oder
nicht mehr so gut sehen: Ihre über das Sehen erworbenen Erkenntnisse
und Erfahrungen können Sie auch unabhängig von jeglicher Sehleistung an
Freunde, Bekannte, Kinder und Enkel weitergeben - selbst wenn diese
sehbehindert oder gar geburtsblind sind.
Seminarteilnehmer
ergänzten, dass es für sie wichtig ist, ihre Vorstellungsbilder vor dem
Verblassen zu schützen, indem sie sich diese immer wieder vors geistige
Auge rufen und sogar grundsätzlich das Hervorbringen visueller
Vorstellungen und Erinnerungen üben. Hierbei helfen ihnen vor allem
vertraute Personen, Erinnerungsstücke, aber auch elektronische
Blindenhilfsmittel wie Farberkennungsgeräte.
Geburtsblinde
sollten bedenken, dass auch Sehenden bezüglich vieler Dinge eine
direkte Erfahrung verwehrt ist. Kein noch so gut sehender Physiker hat
je Atome, Elektronen, radioaktive Strahlung oder ein schwarzes Loch,
kein Mathematiker hat je einen Hilbertraum, kein Philosoph hat je die
Gerechtigkeit direkt mit eigenen Augen gesehen. Über viele wesentliche
Begriffe des täglichen Lebens müssen sich auch sehende Personen
abstrakt (also ohne unmittelbare sinnliche Wahrnehmung) verständigen.
Die Vorstellungswelt eines Geburtsblinden mag deshalb ein wenig
abstrakter, sie muss aber nicht zwangsläufig ärmer als diejenige eines
vollsichtigen Menschen sein!
Burghof, Christel (1990).
Die Begriffsbildung "Farbe" in der Rehabilitationsarbeit
Sehgeschädigter mit totaler Farbenblindheit (Achromatopsie):
grundlegende Gedanken zu Integrationsmöglichkeiten eines Farbenblinden
in die Welt der Farbsehenden.
Marburg, Deutsche Blindenstudienanstalt, Examensarbeit
Burghof, Christel (1991).
Sehbehindert - Farbenblind: Überlegungen zur Problematik und zum
pädagogisch-rehabilitativen Umgang mit totaler Farbenblindheit
(Achromatopsie) im Orientierungs- und Mobilitätsunterricht.
Marburg, Deutsche Blindenstudienanstalt, Hausarbeit
Mayer, Dr. Otto (1933).
Strindbergs "Traumspiel" und das Umweltbild eines Späterblindeten.
Beiträge zum Blindenbildungswesen, Heft 12, S. 537 - 545 (Punktschrift)
Sacks, Oliver (2003).
Die Insel der Farbenblinden / Die Insel der Palmfarne.
Reinbek: Rowohlt (3. Aufl.)
Schwinert, Brigitte (1957).
Zur Frage des visuellen Erlebens bei praktisch Blinden (eine Untersuchung mit dem Auffassungstest nach Vetter).
horus / Marburger Beiträge, Heft 3, S. 108 - 123
Schwinert, Brigitte (1957).
Zur Frage des visuellen Erlebens bei praktisch Blinden (Schluss).
horus / Marburger Beiträge, Heft 4, S. 174 - 186
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