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Hans Junker: Laudatio für Mieczyslaw Kozlowski

Lieber Mieczyslaw Kozlowski, sehr geehrte Damen und Herren!


Es ist für mich eine große Ehre, aber zugleich auch eine Freude, die Laudatio für meinen alten Freund Mieszyslaw Kozlowski aus Krakau zu halten. Wenn ich sage "alter Freund", wird zugleich auch das Problem des Laudators offenbar: die vielleicht zu große Nähe und Vertrautheit zur Person, eine gewisse Befangenheit, die Gefahr, nicht mit dem geforderten Abstand in objektiver Weise über den zu Ehrenden zu berichten. Ich werde mich deshalb also bemühen, es an der notwendigen Objektivität nicht fehlen zu lassen.

Mieczyslaw Kozlowski ist der Direktor unserer polnischen Partnereinrichtung in Krakau, die in unmittelbarer Nähe der Altstadt - einem Weltkulturerbe der Menschheit - auf dem gegenüberliegenden Weichselufer liegt. Wir kennen und schätzen uns seit 15 Jahren, seit dem Beginn unserer Zusammenarbeit.

Blickt man auf das Leben von Mieczyslaw Kozlowski, so wird bereits mit seiner Geburt deutlich, wie eng sein Leben an das Schicksal seiner polnischen Nation verknüpft war. Er wurde am 6. Juli 1939 in Wola Wilsona, einem kleinen Dorf in der heutigen Ukraine, geboren, knapp zwei Monate vor dem Überfall deutscher Truppen auf Polen und damit unmittelbar vor Beginn des 2. Weltkrieges.

Mieczyslaw Kozlowski studierte Geschichte an der Universität in Posen und arbeitete danach von 1964 bis 1975 als Lehrer in Skawina in der Nähe von Krakau. 1975 bis 1981 leitete er einen Schulbezirk in Krakau. Seit dem 1. August 1985 ist er Direktor der Schule für Blinde und Sehbehinderte in Krakau.

Krakau besaß bis zu diesem Zeitpunkt lediglich eine Grundschule für Blinde, die von den sehgeschädigten Schülerinnen und Schülern Südpolens und Oberschlesiens in den Klassen 1 bis 8 besucht wurde. Mit der Übernahme der Verantwortung für diese Einrichtung durch Mieczyslaw Kozlowski begann zugleich ihr Aufschwung.

Seine zentrale Leitfrage war von Anfang an: Wie kann ich mit meiner Einrichtung die Schülerinnen und Schüler optimal auf ein Leben in der sehenden Gesellschaft vorbereiten?

Sehr schnell wurde ihm dabei bewusst, dass neben der Vermittlung klassisch schulischer Bildungsinhalte auch berufsbezogene Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten mit dazu gehören mussten.

Unter seiner Leitung wurde in Kooperation mit der Krakauer Universität eine Musikschule ersten Grades errichtet. Damit gewann die Schule eine berufsbildende und zugleich gymnasiale Oberschule hinzu. Mit dem Erwerb des Abiturs, der "Matura", wurden die Schüler gleichzeitig zu Klavierstimmern ausgebildet. Klavierspielen als Unterrichtsfach für besonders musikbegabte Schülerinnen und Schüler eröffnete vielen zugleich die Perspektive, an den Hochschulen und Musikkonservatorien Polens beruflich Fuß zu fassen und eine Karriere als Musiklehrer, Organisten oder Pianisten einzuschlagen.

Gleichzeitig entwickelte er an seiner Einrichtung - wiederum in Zusammenarbeit mit der Universität - eine Abteilung für die stationäre Frühförderung sehgeschädigter Kinder, aus der sich dann später ein regionales Beratungszentrum (Diagnose und Therapie) für sehbehinderte und blinde Menschen entwickelte.

Parallel dazu wurde ein Ratgeber für Eltern und Lehrer sehbehinderter und blinder Kinder herausgegeben.

Ein weiterer berufsbildender Zweig entstand Anfang der 90er Jahre: Mit der Eröffnung des modernsten Tonstudios Polens begann man mit der Ausbildung von Tontechnikern an der Schule, danach mit der Qualifizierung von Bürotechnikern und Landschaftsgärtnern. Pädagogisch und wissenschaftlich begleitet wurden diese Entwicklungen immer von Sonderpädagogen und Fachwissenschaftlern der Krakauer Universität.

Das Resultat dieser dynamischen Veränderungen war die sehr schnelle Erhöhung der Schülerzahlen, was die Modernisierung und den Ausbau des Internats zur Folge hatte. Einige Zahlen mögen diese geradezu stürmischen Entwicklungen dokumentieren:

Bei Amtsantritt von Mieczyslaw Kozlowski waren 164 Schülerinnen und Schüler an der Krakauer Einrichtung beschult, heute sind es 580. Die Schulabgänger haben ausgesprochen gute Aussichten, Universitäten und Hochschulen zu besuchen oder in die Berufsausbildung zu wechseln. Das erklärt den hohen Zuspruch für die Krakauer Einrichtung, die auch viele externe Schülerinnen und Schüler zu Abschlüssen führt.

Die Anzahl der beschäftigten Personen (Lehrer, Erzieher, Hauswirtschaft, Hausmeister etc.) entwickelte sich ähnlich. Arbeiteten 1985 127 Mitarbeiter an der Krakauer Einrichtung, so sind es heute 305.

Man muss dabei wissen, dass es sich bei der Spezialoberschule in Krakau um eine staatliche Schule handelt und nicht um eine Privatschule wie z. B. das katholische Gymnasium in Lasky westlich Warschaus, das seit vielen Jahrzehnten massive finanzielle Unterstützung durch die katholische Kirche erfährt. Es ist dem Manager Mieczyslaw Kozlowski zu verdanken, dass er mit großem Erfindungsreichtum immer wieder neue Geldquellen für seine Einrichtung erschließen konnte, dass sogar viele Regelschulen mit einem gewissen Neid auf sie schauten und auch heute noch schauen. Die Schule ist mittlerweile mit den modernen Computerarbeitsplätzen ausgestattet und das schulische Niveau kann sich mit den Regelschulen jederzeit messen.

In den Sommerferien werden die Internatsräume an ausländische Schüler- und Jugendgruppen vermietet, die in Krakau Sprachkurse absolvieren. Für Krakauer Privatfirmen wurden PC-Kurse an der Schule eingerichtet. Die Sporteinrichtungen - Schwimmbad und Turnhalle - werden an externe Gruppen vermietet. Damit machte sich Mieczyslaw Kozlowski auch für seine Heimatstadt verdient, die ihn 1997 mit dem Titel "Krakauer des Jahres" ehrte.

Neben den innovativen Aspekten seiner Tätigkeit war er zugleich auch immer ein fürsorglicher Chef. Seine Stellung als Direktor in der Krakauer Institution ist unangefochten. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprechen ausnahmslos mit großer Hochachtung von ihrem Direktor.

Mieczyslaw Kozlowski ist ein den Schülern zugewandter Pädagoge.
Damit z. B. zwei Schülerinnen Mitte und Ende der 90er Jahre an der Marburger Augenklinik operiert werden konnten, veranstaltete er eine Sammlungsaktion bei den Taxifahrern Krakaus. Dies erledigte er so ganz nebenbei, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Wie er bei seinen Schülerinnen und Schülern ankommt, wurde im Jahre 2000 deutlich, als ihm auf Antrag seiner Schülerschaft der polnische "Orden des Lächelns" überreicht wurde.

Bei jedem Besuch in Krakau haben wir Marburger Kollegen - ich möchte hier zuerst Joachim Lembke, Wilfried Laufenberg und Volker Hahn erwähnen, die mit mir viele Schüleraustauschprojekte mit Krakau begleitet haben - viele Anregungen für unsere pädagogische Arbeit mit an die blista nehmen können.

Mieczyslaw Kozlowski ist aufgrund seiner Lebenserfahrungen aber auch aus seinem Wissen als Historiker ein überzeugter Europäer. In vielen persönlichen und privaten Gesprächen wurde von ihm deutlich gemacht, dass es unabdingbar sei, aus der jüngsten Geschichte zu lernen. Nur ein gemeinsam gestaltetes Europa, in dem alle Völker friedlich zusammen leben, kann für uns - nach dem Vernichtungskrieg, der Polen am härtesten von allen Nationen Europas getroffen hatte, der Erfahrung von zwei Diktaturen und dem Ost-West-Konflikt, der Europa und die Welt spaltete - die einzig vorstellbare lebenswerte Zukunft bedeuten. Mit großer Zustimmung und Genugtuung hat deshalb auch Mieczyslaw Kozlowski die Aufnahme Polens in die NATO 1998 und - seit mehr als einem Jahr - die Aufnahme Polens in die EU miterlebt.

Er selbst hat aber auch aktiv die Entwicklung europäischer Beziehungen seiner Einrichtung in Polen initiiert und weiterentwickelt. Auf meine Anfrage 1990, als die Krakauer Schule Spezialoberschule geworden war, einen gemeinsamen Schüleraustausch mit Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 11 zu beginnen, antwortete er prompt mit Zustimmung. In diesem Jahr findet der 15. Schüleraustausch mit Krakau statt. Unsere Schulen sind mit die ersten gewesen, die - bevor es ein Deutsch-Polnisches Jugendwerk gab - ein solches Projekt in Angriff genommen haben. Bei allen Begegnungen wurden wir von seiner großen menschlichen Wärme und Gastfreundschaft überwältigt.

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Krakauer Schule 1998 veranstaltete Mieczyslaw Kozlowski ein internationales Kolloquium zur Frage der integrativen Beschulung blinder und sehbehinderter Schüler, an dem Wissenschaftler und Pädagogen aus vielen Nachbarländer Polens teilnahmen. Im Jahr 2000, dem Jahr, in dem Krakau Kulturmetropole Europas war, veranstaltete die Krakauer Einrichtung unter seiner Regie die Europäische Konferenz des ICEVI, des Europäischen Verbandes der Blinden- und Sehbehindertenpädagogen.

Mieczyslaw Kozlowski war der Mit-Initiator der Sommerakademien, die abwechselnd in Krakau, Marburg und Angers stattfinden.
Neben den Schüleraustauschprojekten mit Angers, Chemnitz, Levoca (Slowakei), Waldkirch und Marburg besitzt die Krakauer Schule Kontakte zu Blinden- und Sehbehinderteneinrichtungen in Spanien, Tschechien, England, Litauen, Slovenien und der Slovakei.

Mit seinem Namen verbunden ist auch der Aufbau eines europäischen Netzwerkes der Sehbehinderten- und Blindenbildungseinrichtungen im Rahmen ihrer länderübergreifenden europäischen Zusammenarbeit.

Der Privatmann Mieczyslaw Kozlowski findet nur selten Zeit, seinem Hobby - der Jagd - zu frönen. Zerstreuung findet er - je älter umso lieber - in seinem großen Obst- und Gemüsegarten seines Hauses im Tatravorland. Dort gedeihen auch aufs Vortrefflichste in zwei Gewächshäusern wunderbar schmeckende, zuckersüße Tomaten, die wir während der Südpolen-Exkursion der Marburger Geographischen Gesellschaft 1999 probieren durften. Während unseres einwöchigen Aufenthaltes in Krakau wohnten wir im Internatstrakt der Schule und erfreuten uns dabei auch der logistischen Unterstützung unserer Partnerschule.

Rückhalt für seine aufreibende Arbeit findet er in seiner Familie, bei seiner Frau Janina, dem guten Geist im Hause Kozlowski und seinem Sohn Karol, der kürzlich mit Bravour die Aufnahmeprüfung für die Universität in Krakau bestanden hat.

Mieczyslaw Kozlowski liebt es, mit Freunden gesellige Stunden zu verbringen. Dann blitzen seine Augen, wenn er amüsante Geschichten und Anekdoten zum Besten geben kann. Aber er schätzt auch ernsthafte Gespräche über pädagogische Fragen oder wenn es darum geht, politische Ereignisse zu analysieren oder komplizierte historische Prozesse zu entflechten und zu interpretieren.

Man kann es sich überhaupt nicht vorstellen, dass er demnächst - in zwei Jahren? - in den wohlverdienten Ruhestand wechselt und seine über vier Jahrzehnte währende Berufszeit abschließt.


Lassen Sie mich zum Abschluss zusammenfassen:


Mieczyslaw Kozlowski hat mit viel Engagement, innovativer Kraft und Kreativität nicht nur seine Krakauer Institution maßgeblich nach vorne gebracht, sondern darüber hinaus auch wesentliche Impulse für die Weiterentwicklung der Sonderpädagogik für Blinde und Sehbehinderte in Polen aber auch über die polnischen Grenzen hinaus gegeben. Er hat es verstanden, seine Visionen mit Mut und großer Umsicht umzusetzen. Er ist uns Vorbild und Freund. Dafür gebühren ihm Dankbarkeit, Respekt und Hochachtung.

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