



Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:
Auf Einladung der AKADEMI FÜR SPORTWISSENSCHAFT UND KÖRPERKULTUR (AWF) besuchte Hermann Herwig (Sportkoordinator der Carl-Strehl-Schule) Krakau. Beherbergt von der Blindenschule in Krakau und betreut von Wojciech Swedziol (Assistent am Lehrstuhl für Alpinsport und Qualitätstourismus, Institut für Touristik, Sportakademie Krakau) leistete Hermann Herwig Unterstützung für die Kooperation der Blindenschule mit der Akademie.
Es ließ sich ein wenig an wie 1979 in Marburg, als die Kooperation der Carl-Strehl-Schule mit dem Institut für Sportwissenschaft und Motologie der Philipps-Universität begann. Damals war es der Initiative von Dr. Nitsch (Carl-Strehl-Schule) zu verdanken, der mit dem damaligen Bundesausbilder des Deutschen Skiverbandes Hans-Georg Scherer und dem Professor für Sportwissenschaft Dr. Eberhardt Hildenbrandt einen Schulskikurs für Blinde und Sehbehinderte konzipierte. So begann eine heute mehr als 25-jährige Zusammenarbeit der Deutschen Blindenstudienanstalt mit dem Institut für Sportwissenschaft und Motologie.
Die Blindenschule in Krakau ist seit vielen Jahren Partnerschule der Carl-Strehl-Schule, mit den Jahrgangsstufen 11 finden jährlich Schüleraustauschprogramme statt. Seit zwei Jahren begleitet Wojciech Swedziol den Sportunterricht an dieser Schule und bietet insbesondere Kletterkurse an. Lassen wir ihn selbst von diesem Pilotprojekt berichten:
"Radek und Piotrek sind 17 Jahre alt und Schüler an der Krakauer Blinden- und Sehbehindertenschule in der Tynieckastr. Radek ist geburtsblind, Piotrek kann aus etwa einem Meter Gesichter erkennen. Voriges Semester startete ich mein Kletter-Projekt für Blinde und Sehbehinderte in Krakau. Wir haben uns nur ein Mal an der Kletterwand getroffen. Die Jungs lernten, den Klettergurt anzuziehen, einen Achter-Knoten zu knüpfen und probierten, ob ihnen das Klettern "schmeckt". Nach zehn Monaten hatten sie nichts von dem, was sie gelernt hatten, vergessen. Studenten der Akademie fällt dies deutlich schwerer! Mittlerweile treffen wir uns regelmäßig ein Mal pro Woche. Dieses Interview habe ich nach dem ersten Treffen in diesem Semester mit den beiden Schülern gemacht.
W: Sag mir was du magst und was du nicht magst.
R: Hmm … sicher mag ich Musik hören. Ich mag nicht, wenn jemand zu mir nicht OK ist.
W: Passiert das oft?
R: Na ja, ab und zu.
P: Ich mag mich nicht beeilen und ich mag, alles ordentlich zu Ende zu führen.
W: Ich habe es bemerkt: Man sieht es, wenn du kletterst.
W: Voriges Semester haben wir das erste Mal geklettert, was hast du damals erwartet?
P: Ich habe keine speziellen Erwartungen gehabt. Ich wusste nicht um was geht es beim Klettern, aber du weißt das, du bist hier der Leiter. Aber ich wollte kommen, weil ich gedacht habe, es kann interessant sein, und man kann sich vielleicht testen. Falls ich gut bin, kann ich beim Klettern bleiben.
R: Etwas Neues. Fast immer, wenn etwas in der Schule passiert, will ich dabei sein und ausprobieren, ob es mir gefällt oder nicht. Das Klettern hat mich immer interessiert, ich habe einige Bücher gelesen.
W: Oh! Was für Bücher?
R: Jetzt weiß ich es nicht mehr.
W: Waren das Bücher in Brailleschrift?
R: Nein, das waren Hörbücher.
W: Das interessiert mich, probiere doch mal dich zu erinnern, was für Bücher das waren. Aber noch einmal zu deinen Erwartungen: Weißt du jetzt, was das "Neue" am Klettern ist?
R: Es ist eine große Befriedigung für mich, dass ich oben war! Ich hatte viel Spaß während des Kletterns, außerdem ist hier in der Akademie das Klima ganz anders als in der Schule.
W: Was für ein Klima ist das?
R: Mehr freundschaftlich.
W: Was ist für euch anders und interessant beim Klettern?
R: Ich kann lernen, was mir irgendwann helfen kann. Ich kann zu dir "Du" sagen, in der Schule passiert es nicht.
W: Und du, Piotrek?
P: Ich kann meine Ausdauer testen.
W: Es geht um Ausdauerkraft?
P: Nicht nur. Auch psychisch, dass ich keine Angst vor Höhe habe.
W: Noch etwas?
P: Es ist eine interessante Aufgabe.
W: Ist heute für euch etwas Besonderes, das ihr nicht vergessen werdet, wenn ihr nach Hause geht?
R: Das Vertrauen zu dem Partner, der das Seil hält. Z. B. habe ich heute beim Klettern plötzlich einen Muskelkrampf gehabt und ich wusste, dass ich mich ruhig dem Seil anvertrauen kann und nicht runterfalle.
P: Ich war selbstzufrieden und stolz.
W: Stell dir vor, dass wir heute einen Besuch haben. Eine wichtige Person, ein Minister kommt und behauptet, dass das Klettern mit Blinden und Sehbehinderten riskant und zu gefährlich ist und gar nichts bringt. Was würdest du ihm dazu sagen?
R: Sicher, dass Klettern sehr interessant und an der Kletterwand auch nicht gefährlich ist.
W: Fühlst du dich sicher?
R: Ja. Und man muss alles probieren, und nicht nur deshalb auf das Klettern verzichten, weil man blind ist - es ist nämlich geil!
P: Alles ist für die Menschen da, jeder darf alles probieren, was er will - und das Klettern ist erreichbar. Wenn unser Besucher das nicht glaubt, soll er es selbst probieren.
W: Gute Lösung. Was soll ich als Kletterlehrer anders machen?
R: Gar nichts, ist okay so!
W: Diese Frage ist aber sehr wichtig für mich und gilt immer.
W: Welche Pläne hast du für die Zukunft?
R: Ich weiß nicht - Abitur ablegen und dann - vielleicht ein Studium im Fach Geschichte.
P: Abitur und weiter das, was mich jetzt interessiert, irgendwas mit Klang, Lautsprechersystemen …
W: Willst du etwas fragen?
P: Wie lange kletterst du?
W: Ojoj, ich habe Probleme mit Zahlen - ich denke zehn Jahre.
P: Kletterst du auch außen?
W: Ja, und ich mag es sehr, ich habe auch vor, dass wir im Frühjahr ins Grüne fahren.
P: Geil!
R: Warum willst du mit Blinden klettern?
W: Ganz ehrlich: Ich habe nachts davon geträumt. Ich habe auch ein Buch darüber gelesen. Ich bin Kletterer und Physiotherapeut - und apropos Minister: Ich glaube, dass viele Leute denken wie er. Ich hingegen denke ganz anders!"
Während zwei Besuchen in den Jahren 2002 und 2003 in Marburg lernten Wojciech Swedziol und Hermann Herwig sich kennen. Es begann ein intensiver Austausch zu Fragen des Sportunterrichts mit Blinden und Sehbehinderten und der sportwissenschaftlichen Forschung auf diesem Feld. Mit vielfältiger Literatur ausgestattet und dem Versprechen auf Intensivierung der Zusammenarbeit fuhr Wojciech Swedziol nach Krakau zurück. Das Projekt "Equal-Chances" der EU bot eine passende Plattform, und so kam es am 28.11.2003 zu einem bemerkenswerten Einladungsschreiben:
"Wir sind sehr an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert und laden Herrn Hermann Herwig ein, unsere Hochschule zu besuchen sowie einen Vortrag für die Mitarbeiter und Studenten zu halten. Die Auswahl des Termins sowie des Themas seines Vortrags überlassen wir Herrn Herwig."
Der Besuch wurde in Marburg ebenso wie in Krakau vorbereitet. Neben einem Vortrag mit dem Thema
"Handeln und Lern-Handeln aus der Innensicht - was wir von blinden Sportlern lernen können"
war auch ein Praxis-Workshop in der Krakauer Akademie geplant. Als Besuchstermin wurde der 03. bis 07.11.2004 vereinbart und die schriftliche Fassung des Vortrags lag im August 2004 in Krakau zur Übersetzung vor.
Der Vortrag fand am 04.11.2004 vor ca. 80 Studierenden, Mitarbeitern und Sportlehrern der Krakauer Blindenschule statt und stieß auf sehr großes Interesse. Dank der großartigen Leistung des Übersetzers Dr. Steffen Huber , der sich intensiv in das Fachvokabular der Sportwissenschaft und Pädagogik eingearbeitet hatte, konnte der Vortrag weit mehr als nur die schriftlich eingereichte Fassung umfassen. Hinterfüttert mit Ergebnissen handlungswissenschaftlicher Forschung, Wahrnehmungs- und Lerntheorien und veranschaulicht durch Videosequenzen aus Original-Unterrichtssituationen, beeindruckte sowohl der Vortrag als auch der Workshop die polnischen Studierenden und Mitarbeiter der Akademie gleichermaßen. Zur Übersicht mag die Gliederung des Vortrags dienen, der gesamte Text kann beim Autor angefordert werden:
Handeln und Lern-Handeln aus der Innensicht - was wir von blinden Sportlern lernen können
1. Begrüßung und Danksagung
2. Windsurfen - ohne Augenlicht?
2.1 Videosequenzen, die kaum zu glaubende Leistungen blinder Sportler dokumentieren
3. Handeln und Lern-Handeln aus der Innensicht
3.1 Subjekte machen keine Bewegungen - sie handeln
3.2 Scherer"s situationsorientiertes Lernmodell für eine situative Sportart
3.3 Wahrnehmung - ein ökologisches Phänomen
3.3.1 Aus Sich-Änderndem erzeugt Wahrnehmung Invarianten
3.3.2 Beispiel: Inline-Skating
4. Methoden adäquat konstruieren
4.1 Das Problem der Handlungs-Vor-Orientierung und das von Trockenübungen
4.2 Methodische Gliederung als Aufgabentransformation
4.3 Aufgabenfolge zum Fahrradfahren-Lernen
5. Bilder, Metaphern, Beschreibungen und Aufgaben
5.1 Beispiel: Das "Durch-eine-Lücke-Hindurchschlüpfen"
5.2 Sprache als Mittel der Instruktion von Bewegungen
5.2.1 Sprache im Sportunterricht
5.2.2 Wie kann Sprache semantische Einheiten codieren?
5.2.3 Aufgabenformulierungen über Sprachbilder
5.3 Sprachbilder und Aufgabentransformation im Skiunterricht
6. Fehlerbegriff - Fehlerkorrektur
7. Schlusswort
8. Literatur
Am Praxis-Workshop nahmen am Tag darauf noch acht Personen teil, meist Doktoranden und wissenschaftliche Mitarbeiter der Akademie. Natürlich stand das Klettern dabei im Mittelpunkt:
- Wie erlebt man eine Kletterwand, die "bodenlose Tiefe" unter einer Augenbinde?
- Wie kann man von außen relevante Information beisteuern, wenn jemand blind klettert?
- Wie kann man eine "kognitive Landkarte" einer Kletterroute aufbauen, ohne sie gesehen zu haben?
- Welche methodischen "Kniffs" gibt es, um sich Klettertechniken "blind" zu erarbeiten?
- Wie erhält man sein Gleichgewicht beim Klettern, ohne dabei Hände und Arme zu überanstrengen?
Diese und viele weitere Fragen beherrschten den Workshop, und es kam zu einem regen Gedankenaustausch.
Mit dem Besuch in Krakau verbindet sich die Hoffnung, dass Studierende und Mitarbeiter der AWF Interesse an der besonderen Situation der blinden und sehbehinderten Sportler der Krakauer Blindenschule entwickeln und eine ebenso fruchtbare und zukunftsweisende Zusammenarbeit entsteht, wie sie 1979 in Marburg begann und heute auf ein 25-jähriges Jubiläum zurück blickt. Ein wesentlicher Schritt hierzu ist die Übersetzung von Texten und Veröffentlichungen der Marburger Arbeitsgruppe "Sport mit Blinden und Sehbehinderten" ins Polnische, die jetzt in Angriff genommen werden soll. Ein Besuch von Wojciech Swedziol in Marburg steht für 2005 ebenso auf dem Programm wie ein weiterer Besuch von Hermann Herwig in Krakau: Dieses Mal in seiner Funktion als Klassenlehrer der 11 c, die im Mai 2005 die Blindenschule Krakau besuchen wird, wobei die persönlichen und wissenschaftlichen Kontakte zur Akademie vertieft werden können.
Obwohl die finanzielle Unterstützung durch das EU-Projekt "Equal-Chances" ausblieb, konnte einer der ursprünglich geplanten Bausteine internationaler Zusammenarbeit mit diesem Besuch in Krakau realisiert werden. Die Reisekosten wurden je zur Hälfte von der Deutschen Blindenstudienanstalt e. V. und der Krakauer Akademie übernommen, Verpflegung und Unterkunft bot die Blindenschule Krakau, wofür an dieser Stelle Herrn Direktor Kozlowski nachdrücklich gedankt wird.
1) Akademia Wychowania Fizycznego
2) Zaklad Alpinizmu i Turystyki Kwalifikowanej
3) Specjalny Osrodek Szkolno-Wychowawczy dla Dzieci Niewidomych i Slabowidzacych
4) In Polen ist es nicht erlaubt, zu Lehrern "Du" zu sagen. Im Gegenteil dazu ist das Duzen eine alte polnische Kletterer-Tradition, das machen wir Kletterlehrer auch mit unseren Studenten. Das "Du" symbolisiert die Partnerschaft beim Klettern, auch wenn ein Professor zusammen mit einem Maurer eine Seilschaft bildet
5) Dr. Huber lehrt an der Universität Krakau "Mittelalterliche Philosophie"
6) unter Hermann.Herwig@web.de
Zurück zum Inhalt von 2/2005 |horus im Überblick
Startseite
|
Kontakt
|
Impressum |
Hilfe