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Rainer F. V. Witte: Antwort zu den Bemerkungen von Dr. Schulze zu meinem Artikel zum 50-jährigen Jubiläum der DBH im Jahr 2004

Lieber laufen oder mit dem Zug fahren?

Walking Strehl ... steht hier weniger in Bezug auf eine Whisky-Marke, als auf den Mitbegründer von blista und Deutscher Hörbücherei; um Letzteren geht es hier. Aber auch von ihm kann man sagen, dass er, - "still going strong" - im Blindenwesen der 50er Jahre weiter wirkte und hier besonders als Betreiber des Hörbuch-Gedankens, was ihm das Epitheton ornans "the walking talking book" einbrachte.

Es ist schön, lieber Herr Doktor Schulze, dass Sie diesen Farbtupfer meiner eher nüchternen Darstellung hinzugefügt haben und ich danke Ihnen für die Gelegenheit, noch einmal kurz auf die Sache der Hörbüchereien einzugehen.

Sie beginnt in 1878 mit Edisons "Phonogaph" von dem der Erfinder in der Patentschrift N° 200.521 schreibt: " phonograph books (...) will speak to blind people without effort on their part." - Vor einem Einsatz in Bibliotheken stand aber noch die mit der unpraktischen Staniolfolie umhüllte, unhandliche Walze. Das änderte sich ein Jahr später, als der gebürtige Hannoveraner Emil Berliner sein "Grammophon" vorstellte, das mit rußgeschwärzten Zinkplatten als Speichermedium arbeitete; 1895 erhielt er darauf das USA-Patent N° 534.534; die Schallplatte war geboren. 1900 zeigte auf der Pariser Weltausstellung der Däne Valdemar Poulsen mit dem "Telegraphon" das erste arbeitsfähige Ton - "band" - gerät, bei dem ein Klavierdraht magnetisiert wurde. Das aus beschichtetem Kunststoff bestehende Magnettonband im heutigen Sinne wurde 1934/35 von der BASF zusammen mit der AEG entwickelt und das "Magnetophon"-Gerät erstmals 1935 auf der Berliner Funkausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt. Auf den deutschen Markt kamen diese Geräte erst nach dem Krieg, 1949/50 ... da war die US-amerikanische Blinden-Bibliothek (NLSB) bereits 18 Jahre per Gesetz verpflichtet, Bücher "in sound-reproduction records", d. i. Schallplatten, bereitzustellen.

Dass Carl Strehl, als "Spiritus Rector" den Zug der Zeit (so wie es immer seine Art gewesen sein muss, wenn er von einer Sache überzeugt war) erkannt und ihn kräftig unter Dampf gehalten sowie ihm das Gleis gelegt hat, wird wohl kaum jemand bestreiten. Vor allem hat er Verhandlungen mit den verschiedensten europäischen Herstellern über die beste verfügbare Technik geführt und sich schließlich für das Tonband entschieden und nicht den Umweg über den Tondraht gewählt (wie die zeitlich vorauseilende "Schweizerische Blindenhörbücherei" in Zürich).

Auch wird nicht zuletzt er es gewesen sein, der die Gründungs-Gesellschafter zusammengebracht hat: den Deutschen Blindenverband e. V., den Bund der Kriegsblinden Deutschlands e. V., die Hochschulbücherei, Studienanstalt und Beratungsstelle für blinde Studierende e. V. (heute: blista) und der Verein zur Förderung der Blindenbildung e. V.

Die technischen Möglichkeiten habe ich in meiner Chronologie "Die Entstehung der Hörbüchereien" in der kleinen Festbroschüre zum 50-jährigen Jubiläum der DBH aufzulisten versucht. Sie kennen den Text, lieber Herr Dr. Schulze, und wissen, dass die beiden letzten Zeilen des ersten Absatzes lauten: "Als koordinierende, treibende Kraft bewährt sich der Direktor der blista, Dr. Carl Strehl."... 1954, also, setzt er den Zug bei uns in Bewegung ... und jeder, der möchte , kann das aufgesprochene Heft in Kürze bei der Deutschen Blinden-Hörbücherei beziehen und damit an der Fahrt durch die jüngere Geschichte der Hörbüchereien teilnehmen und dabei nachvollziehen, wie - in Deutschland nach 1954 - dem Zuge der Zeit folgend, anfangs jährlich immer neue "Wagen" an die Marburger "Lokomotive" angehängt werden: 1955 die Westdeutsche Blindenhörbücherei zu Münster, 1956 die Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig, 1957 die Süddeutsche Blindenhör- und Punktschriftbücherei in Stuttgart und als Abschluss des Jahres-Rhythmus´ das gründungsfreundlichste Jahr 1958 mit der Berliner Hörbücherei für Zivil- und Kriegsblinde, der Bayerischen Blindenhörbücherei zu München und der Hamburger Norddeutschen Blindenhörbücherei". Hinzu kamen dann später noch Einrichtungen in Saarbrücken, Essen und Köln u. a.

Obwohl manches Institut auf schwieriger Strecke auf ein totes Geleis geschoben wurde, kam bis heute eine stattliche Anzahl Blindenhörbüchereien zusammen und die nun allenthalben anstehenden Jubiläen bieten viele Möglichkeiten, einmal auf die Geschichte der Hörbüchereien in Deutschland, in Europa und weltweit einzugehen; aber auch, und das ist der wichtigere Punkt, sich andererseits mit der Zukunft der Blindenbibliotheken auseinander zu setzen und ihre Rolle neu zu definieren, um in der digitalen Medienwelt berechtigt weiter zu bestehen. Die technische Seite ist dabei im Prinzip gelöst ... der Zug fährt beschaulich durch Gänseblümchen übersäte Wiesen, aber am Horizont zeichnet sich kahles Gebirge ab, in dem die Trasse noch nicht gelegt worden ist, auf der der Zug künftig fahren soll und dies, obwohl leicht festzustellen ist, dass das alte Gleisbett nicht so recht taugt für die neuen Hochleistungszüge ... und eine Entsprechung zum "Einheizer", wie weiland Carl Strehl, nicht erkennbar ist.

Lassen Sie uns beide hoffen, lieber Herr Dr. Schulze, dass sich hier das Bild bald ändern wird und die anstehenden Jubiläums-Feierlichkeiten nicht nur durch die Festmenüs zu Bauchschmerzen führen, sondern dass die Jahrestage Zeitzeugen, die eine entsprechende Erfahrung haben, zu einem Gedanken-Austauschen anregen und dabei einmal zumindest ein farbiges Bild vom Heraufkommen der Hörbüchereien nachvollziehbar erstehen lassen ..., nebenbei könnten sich dabei neue Ideen für die künftige Arbeit der Blinden-Bibliotheken entwickeln. Das wäre schließlich auch eine Gelegenheit, jene Personen, die den Zug am Laufen gehalten haben, ohne den Nimbus von Carl Strehl erreicht zu haben, in ihrer Arbeit und ihrem Stellenwert zu schildern ... die Zugbegleiter, die Streckenwärter, die Weichensteller u. v. a. m.

Vielleicht lassen auch Sie, verehrter Herr Dr. Schulze, uns an Ihrem reichen Erfahrungsschatz teilhaben ... als "Walking Story Book"? Mit Ihnen würde sicher manch einer gern die Landschaft der Blindenbibliotheken erwandern, während der Zug etwas verschnauft, wie z. B. eingedenk der Tatsache, dass sowohl Laufen wie Zugfahren seine Zeit hat.

Ihr Rainer F. V. Witte

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