horus

Startseite > horus & Broschüren > 3/2005

horus & Broschüren

Suche

Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:

Suchbegriff:

Suchen in:


Peter Brass: E-Learning unter besonderer Berücksichtigung der Nutzung durch sehgeschädigte Lernende

(Referat, gehalten bei der 11. Soester Fachtagung im November 2004)

Bevor ich einige Anmerkungen zum Stand der Realisierung von E-Learning-Konzepten im europäischen Ausland und in Nordamerika machen möchte, will ich zunächst eine Begriffsklärung von E-Learning versuchen, denn dieser Begriff ist sehr schillernd und wird auch recht unterschiedlich mit Inhalten gefüllt.

In zunehmendem Maße stellen Bildungsträger ihre Lerninhalte in elektronischer Form und bevorzugt im Internet zur Verfügung. Aber ähnlich wie vor Jahren der Einsatz von kommerzieller Lernsoftware weitgehend am Klientel der sehgeschädigten Schülerinnen und Schüler vorbei geschah, entstehen auch hier neue Herausforderungen im Bereich der Zugänglichkeit der Inhalte. Konnten wir damals diese Entwicklung vielleicht noch als "Spielerei" abtun, müssen wir uns heute dieser Herausforderung stellen, denn selbst wenn wir in unseren Schulen noch auf den Einsatz von E-Learning verzichten können, so müssen wir doch die Grundlagen schaffen, die für diesen Bereich des lebenslangen Lernens benötigt werden.

Zunächst soll elektronisches Lernen die Möglichkeit schaffen, zeitlich und räumlich unabhängig und flexibel Lerninhalte darzubieten. Dabei kommen unterschiedliche Komponenten zum Einsatz:





Je nach Kursinhalt und -typ kommen all diese Bestandteile oder nur einzelne zum Einsatz.

Viele der oben genannten Zugangsmodalitäten sind aufgrund moderner Screenreader-Technologie für blinde und stark sehbehinderte Nutzer keine Hindernisse mehr. Einige müssen jedoch als problematisch angesehen werden:





Besonders der übergeordnete Bereich des web-basierten Lernens ist problematisch. Hier geht es nicht nur darum, Webseiten aufzurufen, zu navigieren und Dateien herunterzuladen, vielmehr stellen die Nutzung von Whiteboards, der Umgang mit interaktiven Inhalten und die Bearbeitung von Online-Tests beachtliche Hürden dar. Nicht zuletzt deshalb werden in Italien, Norwegen und Österreich, wo adaptierte Konzepte zum Erwerb des Europäischen Computerführerscheins existieren, die Prüfungen bei Blinden und Sehbehinderten nicht online sondern offline durchgeführt.

Die Open University in Großbritannien, die einen Großteil ihrer Kurse als E-Learning-Module anbietet, verweist für ihre sehgeschädigten Nutzer auf diese Problematik. Kurse, die für diese Klientel als geeignet bezeichnet werden, enthalten nur solche Bestandteile, die mit moderner, sehgeschädigtenspezifischer Computerperipherie bearbeitet werden können. Text- und Soundfiles werden im Internet oder auf Datenträgern zur Verfügung gestellt, Tests und Prüfungsarbeiten werden per E-Mail zur Korrektur an die Lehrenden geschickt und dort, wo die Studierenden über Breitband-Internetzugänge verfügen, kommen ein eigenes Konferenzsystem oder VOIP-Anwendungen zum Einsatz.

Ähnliches gilt für das Access Technology Institute in Sacramento CA., wo vorwiegend computerbezogene Kurse für Blinde und Sehbehinderte angeboten werden. E-Mail, ein Konferenzsystem für interaktives online-Training und downloadbare Textbücher und Beispieldateien bilden hier die Komponenten des elektronischen Lernprozesses.

Ein gelungenes Beispiel für barrierefreies Lernen im Internet gibt es bei der Universität von Washington in Seattle, die einen Kurs zum Thema Informationstechnologie für Behinderte beispielhaft für die zukünftige Gestaltung ihres Angebots präsentiert. Aber auch hier wird auf die weiter oben aufgeführten problematischen Elemente verzichtet.

In der Kommunikation mit meinen ausländischen Kontakten und bei meinen Recherchen im Internet konnte ich überall dieselben Erfahrungen machen. Das Potenzial und die stetig wachsende Bedeutung von E-Learning wird überall gesehen.

So stellen Catherine Geoffroy und Philippe Mabilleau 1) schon im Jahr 2002 bei der CSUN-Konferenz fest, dass bereits 10 - 15 % aller Lerninhalte per E-Learning zur Verfügung gestellt werden, und dass in den Jahren bis 2007 mit einer Steigerung um mindestens 50 % zu rechnen sein wird. Wie der sehgeschädigten Klientel bei dieser Entwicklung gerecht werden könnte, ist jedoch zur Zeit noch nicht wirklich geklärt:

"The universal and fundamental character of this software necessitates the creation of an intuitive and user-friendly interface that allows the content-related learning to be the focus: one must not be required to learn how to use the interface in order to access (and to learn from) the content. The accessibility of the application and its content must therefore be designed to be available to the user in an intuitive and natural manner even for those users with disabilities, especially visual disabilities."2)

Die Signifikanz des Problems scheint allseits erkannt, bei meiner letzten Google-Recherche, bei der ich zunächst nur die Stichwörter "E-Learning" und "blind" eingab, erzielte ich über 88.000 Suchergebnisse. Es kann jedoch nicht heißen: Problem erkannt, Problem gebannt. Selbst ein von der EU gefördertes Projekt (VISUAL = Voice for Information Society Universal Access and Learning), das unter anderem die Entwicklung eines blinden- und sehbehindertengeeigneten E-Learning-Portals zum Ziel hatte, kam hier zu keinem befriedigenden Ergebnis. Die Komplexität vor allem der kommerziellen E-Learning-Angebote war dergestalt, dass sich die technischen Projektpartner außerstande sahen, eine auch nur annähernd befriedigende Lösung zu präsentieren.

Es wurde deutlich, dass selbst beim Einsatz der heutigen fortgeschrittenen Screenreader und unter Beachtung der international anerkannten Zugänglichkeitskriterien für das Internet - den Richtlinien der Webzugänglichkeitsinitiative des World Wide Web Konsortiums den "WAI guidelines" - E-Learning für Blinde und Sehbehinderte noch nicht uneingeschränkt nutzbar ist. Die Gesetzeslage in den USA sowie in einigen europäischen Ländern wird sich als hilfreich erweisen.

An vielen Orten und auf vielen Tagungen stellt man sich dieselben Fragen wie wir hier und heute. Ob es eine endgültige, voll befriedigende Lösung geben wird, möchte ich augenblicklich eher bezweifeln.


Was folgt aus all dem?

Nach meiner Einschätzung ergeben sich zwei Konsequenzen:



  1. Wir sollten alle die Inhalte und Methoden, die wir den kompetenten sehgeschädigten Lernern zumuten können, einsetzen, um sie auf diese zukünftige Herausforderung bestmöglich vorzubereiten.

  2. Screenreader-Entwickler, Zugänglichkeitsexperten, E-Learning-Fachleute, Sehgeschädigtenpädagogen und nicht zuletzt Betroffene werden massive Anstrengungen machen müssen, um das immer notwendiger werdende lebenslange Lernen auf elektronischem Wege auch Behinderten weitestgehend zu ermöglichen und zu erleichtern.

Anmerkungen:


1) vgl. CSUN 2002 Conference Proceedings. E-LEARNING: THE CHALLENGE FOR THE BLIND AND VISUALLY IMPAIRED Authors: Catherine GEOFFROY, Philippe MABILLEAU

2) ebenda
Die proceedings der CSUN Konferenzen sind über die Adresse http://www.csun.edu/cod/conf/proceedings_index.htm frei verfügbar.

Zurück zum Inhalt von 3/2005 |horus im Überblick

[Startseite]  Startseite  | [Kontakt]  Kontakt  | [Impressum]  Impressum | [Hilfe]  Hilfe