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Dörte Severin: Bericht über den Workshop "Ausblick und Ausdruck"

Am zweiten Workshop nahmen sechs Frauen und zwei Männer teil; er wurde von Pernille Sonne, einer hochgradig sehbehinderten Dipl.-Sprachgestalterin und Schauspielerin geleitet.

Ziel des Workshops war es, durch das Experimentieren mit unserem Körper, unserer Stimme und Sprache im geschützten Raum Selbstbewusstsein zu erlangen, das es uns ermöglicht, unsere Stärken wahrzunehmen und mit unseren Schwächen, also auch unserer Sehbehinderung, gelassener umzugehen.

Zunächst ging es um Gesten und Körpersprache. So versuchten wir beispielsweise durch das Gestalten von Gefühlen wie Wut, Trauer, Stolz, Freude und Leichtigkeit nachzuspüren, inwieweit unsere Körperhaltung und unsere Gefühle übereinstimmen. Beeindruckend war für mich, dass sich eine Teilnehmerin beispielsweise durch eine Körperhaltung an Gefühle erinnerte, die sie in einer für sie wichtigen Situation empfunden hatte. Für mich ein eindeutiges Zeichen dafür, dass bei ihr die Körpersprache und das Gefühl im Einklang waren, was bei sehgeschädigten Menschen häufig nicht selbstverständlich ist und nicht selten zu Missverständnissen führen kann.

Natürlich kam auch der Umgang mit unserer Stimme, dem wohl wichtigsten Kommunikationsmedium sehgeschädigter Menschen nicht zu kurz: im zweiten Teil des Workshops übten wir anhand von kurzen, sehr ausdrucksstarken Gedichten von Rose Ausländer das chorisch rhythmische Gestalten von Gedichten, das durch große, deutliche Gesten noch unterstrichen wurde.

Vom Gestalten fremder Gedichte ging es dann im Rahmen einer "Schreibwerkstatt" an die eigene Textproduktion. Um die Gedanken anzuregen, bewegten wir uns wieder, tanzten und sammelten dann im Gesprächskreis und zu zweit, - Wörter, Assoziationen und Erinnerungen ...

So entstanden am letzten Abend für mich sehr beeindruckende so genannte "Haikus", japanische Verse mit einem festen Versmaß, zum Thema Abschied, in denen jede und jeder von uns sehr persönliche Erlebnisse gestaltete. Hier zwei "Kostproben":

Niemand

Niemand schiebt sie weg.
Dinge, die im Weg stehen,
Lauern als Gefahr.

Niemand schiebt sie weg.
Dinge, die im Weg stehen,
Fletschen die Zähne.

Niemand schiebt sie weg.
Dinge, die im Weg stehen,
Nehmen mir den Raum.

-

Loslasen befreit,
und es reinigt die Seele.
Lasse los dein Los!

-

Weitere Haikus zum Thema "Sehbehinderung" finden Sie auch online unter www.dvbs-online.de/dvbs/ag_sehbehinderte.

Viel Spaß hatten wir auch bei einigen Rollenspielen, einer Satire über die Probleme einer jungen blinden Frau in der Disko, später dann beim Kleidereinkauf sowie an der Haltestelle. Spontan wurde unser Frust über ähnliche Erlebnisse geweckt, vermischte sich gleichzeitig mit unserer Spielfreude und wir konnten uns wunderbar ausleben.

Den krönenden Abschluss bildete eine "Choreografie mit sechs Blindenstöcken" - der Stock als Taktstock, Besen, Fechtsäbel, Mikrofon - der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt, die am letzten Morgen den übrigen Seminarteilnehmern präsentiert wurde.

Mir hat dieser Workshop viel Spaß gemacht, zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern entstand schnell eine freundliche, von gegenseitiger Empathie getragene Atmosphäre, zu der Pernille mit ihrer Professionalität und Warmherzigkeit entscheidend beigetragen hat.

Dir, liebe Pernille, im Namen aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer, noch einmal herzlichen Dank!

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