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Volker F. Hahn: Festansprache anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der "Schachfreunde Marburg"

gehalten am 16. April 2005

Lieber Herr Oberbürgermeister Möller!
Liebe Festgesellschaft!

"Dreimal ist Bremer Recht", so sagt eine alte hanseatische Volksweisheit. Diese könnte man am heutigen Abend auch auf den vor Euch stehenden, vor gut 50 Jahren in Bremen geborenen, Festredner anwenden. Bereits zum silbernen Jubiläum 1980 im damaligen Offizierskasino an der Schwanallee und zur 40-Jahr-Feier 1995 unseres Vereines, die wir vor zehn Jahren im Hause des Männergesangvereins in Cölbe begangen haben - an der übrigens auch schon Herr OB Möller als Schirmherr zu unserer großen Freude und Dankbarkeit teilgenommen hat! - stand ich am Rednerpult. Beide damaligen Festansprachen wurden von den Anwesenden mit viel Zustimmung und freundlichem Beifall aufgenommen - ja, ich kann rückerinnernd sagen: sie kamen an! - Kritiker haben sich jedenfalls niemals bei mir gemeldet.

Heute, anlässlich des 50-jährigen Vereinsjubiläums der "Schachfreunde Marburg" stehe ich also ein drittes Mal am Rednerpult, vor der fast unlösbaren Aufgabe, einen geistigen Spagat zu vollführen. Dieser Spagat hat zwei Pole: An seinem einen Ende lauert die sichere Gefahr, Altbekanntes über die Historie unseres Vereins erneut zu wiederholen und damit die Zuhörerschar zu langweilen - der Alptraum jedes Festredners! An seinem anderen Ende lockt die Beifall heischende Idee, einen noch nicht da gewesenen, vielleicht sogar unerwarteten Blickwinkel auf "50 Jahre Schachfreunde Marburg" einzunehmen und damit euer Interesse hoch zu halten und Langeweile gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Ich will diesen Spagat wagen und lade euch ein, mit mir zusammen das heutige Motto in vier Teile zu gliedern und zu betrachten.


Erster Teil: "50 Jahre"


Versuchen wir einmal, uns die Bedeutung dieser zeitlichen Dimension begreifbar zu machen: Ein kleiner Verein wie der heutige Jubilar besteht nunmehr seit 50 Jahren. Wählt man eine andere zeitliche Bezugsgröße bedeutet dies: seit 2600 Wochen! Unterstellt man, dass sich die Schachspieler mindestens einmal pro Woche zum königlichen Spiel zusammen gefunden haben, so sind dies weit über 2600 persönliche Begegnungen, in denen es natürlich nicht nur um das reine "Schach spielen" im sportlichen Wettkampf ging, sondern auch um den Austausch von Gedanken, Ideen, Sorgen, Alltäglichem. Wo kann man den zeitlichen Anfangspunkt dieses gemeinsamen Interesses finden? Am 29. Januar 1955 fand das allererste Turnier des Vereins statt. Es war das in der Presse so bezeichnete Gründungsturnier. Daran nahmen 21 Spieler teil.

Zwei von diesen Gründungsmitgliedern sind heute noch aktiv und hier im Saal anwesend: Dr. Otto Hauck und Dieter Richter. Wenn nur diese beiden Spieler wöchentlich eine Partie Schach miteinander gespielt hätten und bei guten Spielern eine Partie im Durchschnitt dreieinhalb Stunden dauert, so hätten sie in den zurückliegenden fünfzig Jahren ca. 9.100 Stunden damit verbracht, eigene Gedanken zu entwickeln und diejenigen des anderen zu ergründen; ganz zu schweigen von der gemeinsam verbrachten, oft geselligen Zeit vor und nach einer solchen Schachpartie. Eine derart lange Zeitspanne verbindet, weckt Gefühle, stiftet Freundschaft.

Alle Mitglieder des Vereins waren einmal Schüler der Carl-Strehl-Schule (CSS), also blistaner. Im Laufe der 50 Jahre wies die Mitgliederliste 144 Namen von "A" wie "Anderer" bis "Z" wie "Zoubek" aus. 14 von ihnen sind bereits verstorben - auch ihnen gilt am heutigen Jubiläumsabend unser Andenken.

Zu seinen besten Zeiten spielte jeder Vierte blistaner aktiv Schach bei den "Schachfreunden". Der aus Schülerinitiative hervorgegangene Verein prägte damit über viele Jahrzehnte das Freizeitverhalten nach innen und außen, denn auch schon früh suchten blinde und sehbehinderte Schachspieler den Kontakt zu Vereinen Sehender in und außerhalb Marburgs.

Auf historische Beispiele zur Veranschaulichung des Zeitraumes "50 Jahre" möchte ich hier verzichten. Wer dennoch eine weitere Annäherung an diesen - aus menschlicher Sicht großen - Zeitrahmen wünscht, der möge doch nur an sein eigenes Lebensalter denken und sich erinnern, was während dieser Zeitspanne inzwischen geschehen ist - ausgenommen sind natürlich diejenigen, die dieses Alter noch nicht erreicht haben.


Zweiter Teil: "Schach"


Über die Bedeutung des Schachs ist viel geschrieben worden. Schach spielen im Kindes- oder Jugendalter gelernt, eröffnet ungeahnte Lebensperspektiven. Im freundschaftlichen und sportlichen Wettstreit miteinander entwickeln sich schon früh Fairness und Achtung vor dem Gegenüber. Mit dem Schach spielen entwickeln sich folgerichtiges Denken, kreatives Planen, Sinn für Schönheit und Ästhetik sowie das akzeptieren Lernen von Niederlage und Verlust, um nur wenige Aspekte herauszustellen. Für blinde Menschen sind darüber hinaus zwei weitere Gesichtspunkte besonders bedeutsam:

1. Schach schult das räumliche Vorstellungsvermögen und vervollkommnet es durch die Praxis des regelmäßigen Spieles. Es schafft somit geistige Grundlagen, auch den Alltag zu meistern, z. B. darin, sich mobil und unabhängig bewegen zu lernen.

2. Schach kann - außer einigen kleinen Modifikationen am Spielmaterial selbst - gleichberechtigt zwischen sehenden und nicht sehenden Menschen auf allen Niveaustufen miteinander gespielt werden. Es trägt damit zur gesellschaftlichen Teilhabe und Integration bei.

Dass es von blinden und sehbehinderten Schülern der CSS in den letzten 50 Jahren als Sport unter Wettkampfbedingungen oder einfach nur als Freizeitbeschäftigung betrieben worden ist, hat sie für das Leben neben der schulischen Ausbildung maßgeblich mit gerüstet! Ich selbst bin seit nunmehr 37 Jahren Mitglied des Vereins und habe während dieser Zeit viele Schachfreunde kennen gelernt. Es war keiner dabei (nun ja, vielleicht ein einziger), der nach seiner Blistazeit nicht erfolgreich sein Leben gemeistert hätte. Dies alles haben die Gründungsväter der "Schachfreunde Marburg" vor 50 Jahren mit initiiert; für sich selbst und für alle späteren Vereinsmitglieder.


Dritter Teil: "Freunde"


Wer über 50 Jahre oder doch über viele Jahrzehnte gemeinsam in einem Verein aktiv ist, geht sich nicht aus dem Weg, schon gar nicht bei einem eher kleinen Verein wie dem unsrigen. Viele von den hier Versammelten kennen sich aus gemeinsamen Internatszeiten, von gemeinsamen Fahrten zu Wettkämpfen, von manch feucht-fröhlicher Feier. Schach hat uns verbunden und hat diese Verbindung bei manchen intensiver, bei anderen loser über die Jahre aufrechterhalten. Durch die Gründung des Vereines vor 50 Jahren sind echte Lebensfreundschaften entstanden. Dies empfinde ich persönlich als eine besondere Form von Lebensqualität.

Wie bereits angedeutet, gab es aber auch außerhalb der reinen Vereinsgrenzen menschliches Miteinander. Schon in den 50er Jahren gab es Kontakte zwischen blinden und sehenden Schachfreunden. Ab 1968 spielte unser Verein in Ligen des Hessischen Schachbundes jährlich mit. In der Saison 1977/78 gelang mit dem Aufstieg in die damals vierthöchste Spielklasse Deutschlands, die Hessische Landesliga, der wohl größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Wir konnten zwei Jahre diese Klasse halten!

Der schachliche Wettstreit mit Sehenden hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass viele blinde Einzelspieler wenige Barrieren wegräumen mussten, wenn sie in heimischen Clubs am Wohnort mitspielen wollten. In den zurückliegenden 50 Jahren führten die "Schachfreunde Marburg" ca. 520 offizielle Mannschaftskämpfe durch. Schachfreunde pflegten und pflegen untereinander ein freundschaftliches Miteinander!


Vierter Teil: "Marburg"


Marburg war und ist bildungspolitisch - ich bin geneigt zu sagen, heute mehr, denn je! - als das "Mekka der Blinden" in Deutschland und über die Grenzen hinweg bekannt. Dafür steht die Deutsche Blindenstudienanstalt mit der Qualität ihrer Arbeit in den verschiedenen Abteilungen seit fast 90 Jahren. Aber auch im Schach hat bis heute der Name Marburg mit seinen "Schachfreunden" einen ehrfurchtsvollen Ruf bei der Konkurrenz hinterlassen. Dieser Ruf hat sich vor allem über die Erfolge bei nationalen Einzel- und Mannschaftsturnieren des DBSB herausgebildet. Drei Deutsche Meisterschaften und viele Turniererfolge von einzelnen Spielern unseres Vereins begründeten diesen "Marburgnimbus"!

Die Erfolge kamen neben der schachlichen Qualität der Spieler aber auch deshalb zustande, weil wir immer als ein gefestigtes Team aufgetreten sind, in dem es niemals z. B. zu Unstimmigkeiten darüber kam, wer das erste Brett oder das achte spielen sollte oder gar bei einem Wettkampf einmal aussetzen musste. Ganz im Gegenteil: Diese unsere jahrzehntelange menschliche Verbundenheit und mannschaftliche Geschlossenheit, gepaart mit der taktischen Stärke, wurde von der Konkurrenz bewundert, manchmal beneidet.

Sie, lieber Herr Oberbürgermeister, wissen längst, dass noch ein weiterer Aspekt genannt werden muss: Die meisten unserer ehemaligen Spieler haben längst, nach Abitur und Studium, Marburg wieder verlassen und leben inzwischen über die ganze Bundesrepublik verteilt an anderen Orten. Viele von ihnen spielen natürlich noch Schach, jetzt in anderen Vereinen.

Ich möchte beispielhaft einige Namen nennen: Willi Beckers in Gießen, Ludwig Beutelhoff in Homberg, Peter Staubach in Würzburg, Manfred Heinich in München, Reinhard Niehaus in Hannover, Norbert Antlitz in Hamburg. Allein an dieser Aufzählung wird deutlich, wie sich sternförmig von Marburg aus die schachliche Saat in alle Himmelsrichtungen verbreitet hat. Ohne die Gründung des heutigen Jubilars wäre dies so nicht möglich gewesen.

Ich habe vier Bausteine mit euch betrachtet, "50 Jahre Schachfreunde Marburg". "Dreimal sei Bremer Recht", so leitete ich meine Ansprache ein. Lasst mich am Ende meiner Gedanken dieser hanseatischen Spruchweisheit eine andere Richtung und Deutung geben:
"Dreimal war es mir eine Ehre", den "Schachfreunden Marburg", meinen Freunden, eine Festrede halten zu dürfen!

Ob mir der Spagat zwischen dem Wiederholen bekannter Fakten und dem Würdigen der Bedeutung dieses Vereines gelungen ist, werde ich gleich an euren Reaktionen ablesen können. Lasst mich eines zum Schluss noch ausrufen und ich bekenne, dass dabei auch Stolz mitklingt, weil ich selbst schon so lange dazu gehöre:

Herzlichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag, "Schachfreunde Marburg"!

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