



Suchen Sie in horus aktuell, unserem Newsletter, und horus online, unserer Vereinszeitschrift:
"Wo steht denn der Kaffee?" "Hat jemand schon die Butter entdeckt?" "Aah, hier ist Marmelade! Riecht nach Erdbeere. Ähm, könnte aber auch Kirsch sein, oder Pflaume?" "Wie krieg ich den Honig aufs Brot?" "Ist das jetzt der Salz- oder Pfefferstreuer?" "Oh, ich glaube meine Kaffeetasse ist übergelaufen!"
Dies sind nur ein paar Äußerungen, die zu hören waren, als acht Angestellte der psychosomatischen "Edertal-Klinik" in Reinhardshausen bei Bad Wildungen gemeinsam unter der Augenbinde frühstückten - und das noch vor laufender Videokamera. Doch sollte niemand vorgeführt werden, sondern es ging darum, durch eine alltägliche Situation die Fortbildungsteilnehmer für das Erleben blinder Menschen zu sensibilisieren. Sie hatten die Möglichkeit, unter der Augenbinde, also "blind", Selbsterfahrungen zu machen. Mit Hilfe der Videoauswertung konnten zum Teil einfache Lösungsmöglichkeiten im lebenspraktischen Bereich durch Tipps oder mitgebrachte Hilfsmittel aufgezeigt werden.
Doch wie kam es zu dieser eintägigen Fortbildung in besagter Klinik?
Es fing damit an, dass die Klinik die Anfrage eines Kostenträgers erhielt, ob sie für die Aufnahme von blinden Patientinnen und Patienten mit Führhund geeignet sei. Um diese Anfrage beantworten zu können, nahm die Klinikleitung Kontakt zur Expertin der RES in Sachen blinden- und sehbehindertengerechte Umweltgestaltung auf.
Zunächst ging es darum, vor Ort eine Einschätzung und Beurteilung der baulichen Voraussetzungen der Klinik für die Aufnahme blinder Patienten mit oder ohne Führhund abzugeben. Ergänzend sollte auch geklärt werden, ob sehbehinderte Patienten aufgenommen werden können.
Nach einer ausführlichen Besichtigung der Einrichtung fertigte Frau Lemke eine schriftliche Stellungnahme an. Sie stellte darin fest, dass die Gestaltung des Hauses bereits in hohem Maße blindenfreundlich ist. Durch die Helligkeit der Räume und durch die vorhandene Kontrastgestaltung ist sie auch für sehbehinderte Menschen sehr geeignet. So setzten sich die Zimmertüren und das Treppenhausgeländer von den weißen Wänden farblich sehr gut ab. Natürlich wurden noch einige Ergänzungen und Optimierungen vorgeschlagen. Dazu gehörten die Beschriftung von Personal- und Funktionsräumen sowie den Aufzügen mit Brailleschrift und vergrößerter Schwarzschrift, das Anbringen kontrastreicher Lichtschalter oder die Markierung von Stufen mit gelber Farbe im Außenbereich.
Aber vor allem wurde für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die voraussichtlich mit den blinden und sehbehinderten Patientinnen und Patienten arbeiten werden, eine Schulung empfohlen, um einen qualifizierten Umgang zu gewährleisten.
So kam es also zu der genannten Fortbildung, bei der zwei Rehabilitationslehrer für Blinde und Sehbehinderte der RES neben der selbstständigen Alltagsbewältigung noch weitere Themen behandelten. So ging es auch um Langstöcke und die Schulung in "Orientierung & Mobilität", um das Einüben der sehenden Begleitertechniken, um Orientierungs- und Erkundungsprinzipien in Räumen und Gebäuden sowie um den Aufbau der Punktschrift.
An der Fortbildung nahmen insgesamt 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in zwei Gruppen teil. Interessant, weil ungewöhnlich, war die Zusammensetzung der Gruppen. Da gab es die Psychologin, die Ergotherapeutin, den Sportlehrer, Oberärzte, den Herrn von der Bäderabteilung und - wie im Titel dieses Artikels schon erwähnt - den Professor als Chefarzt und die Frau vom Reinigungsdienst, um nur einige zu erwähnen. Alle waren sehr offen, sehr interessiert und mit viel Engagement dabei. Dies hat letztlich wesentlich zum Gelingen dieser Fortbildung beigetragen.
Auch beim oben beschriebenen Frühstück hatte keiner der Teilnehmenden Hemmungen, sich auf die ungewohnte Situation unter der Augenbinde einzulassen. Manche waren sehr risikofreudig und äußerst kreativ. Ich habe noch nie so viele Varianten, sich Kaffee einzugießen, in so kurzer Zeit gesehen; nicht alles reif fürs Lehrbuch, aber doch zum Teil recht erfolgreich.
Eine Frau beispielsweise nippte während ihres vorsichtigen Gießvorgangs immer wieder an der Tasse, um darüber den aktuellen Pegelstand des Kaffees zu ermitteln. Ob dieser und anderer Szenen erzeugte das Anschauen des Videos natürlich sehr viel Gelächter, aber auch viel Interesse dafür, wie man die vielen auftretenden Schwierigkeiten beim Frühstück oder auch in anderen alltäglichen Situationen reduzieren oder gar vermeiden kann.
Danach lernten die Teilnehmer, im Rahmen eines Vortrags mit dem Titel: "Mobil zum Ziel - aber wie?", die Vielfalt an Langstöcken und Stockspitzen kennen, erfuhren etwas darüber, wie sich blinde Menschen orientieren und wie ein klassischer Orientierungs- und Mobilitätsunterricht aufgebaut ist. Außerdem konnten sie die mitgebrachten Modelle und taktilen Pläne ertasten und bestaunen.
Nach dem Mittagessen ging es in zwei Kleingruppen um das Einüben der "Sehenden-Begleiter-Technik" für drinnen und draußen, natürlich auch unter der Augenbinde. Im direkt angrenzenden Kurpark, begünstigt durch das schöne Wetter, lernten die Teilnehmenden auch die vielen sinnlichen Erfahrungen, die sonst durch die Dominanz des Sehens überdeckt werden, wertzuschätzen. Seien es die Gerüche der Blumen, das Geschnatter der Enten im Kurparkteich, verschiedene Bodenuntergründe unter den Füßen und vor allem die Wärme der Sonne auf der Haut. Bei den meisten war die Neugierde groß, nach kurzer Einweisung das Gehen mit dem Langstock auszuprobieren.
Beim letzten Thema des Tages erfuhren die Teilnehmer, wie blinde Menschen alleine oder mit Unterstützung einen unbekannten Raum, ein ganzes Gebäude bzw. bestimmte Wegstrecken darin systematisch erkunden. Orientierungsprinzipien und Vorgehensweisen, die man als Unterstützer wissen und berücksichtigen sollte, wurden vorgestellt. Sehr praxisorientiert wurden Raumerkundungen blind durchgeführt und konkrete Aspekte für die Vermittlung einer typischen Wegstrecke durch die Klinik für einen fiktiven blinden Patienten gemeinsam erarbeitet.
In der Abschlussrunde gab es die Möglichkeit, noch einmal Fragen zu stellen, uns ein Feed-back zu geben. Danach wurden die Teilnehmer mit reichlich Informationsmaterial, Broschüren und Handzetteln versorgt.
Trotz der anstrengenden Fortbildung hatten einige Teilnehmer noch genug Energie und wollten wissen, wie das mit der Punktschrift funktioniert. So gut vorbereitet wie wir waren, hatten wir selbstverständlich noch Punktschriftalphabete und Punktschriftmaschinen dabei. So brachten wir in kurzer Zeit die meisten so weit, dass sie mit etwas Stolz ihren in Braille geschriebenen Vornamen mit nach Hause nehmen konnten und natürlich, so hoffen wir, noch viel mehr. Zumindest gab es zu unserer Freude die Rückmeldung, dass sie viel gelernt haben und sich durch die Fortbildung sehr gut vorbereitet fühlen, wenn sie in Zukunft mit blinden und sehbehinderten Patientinnen und Patienten zu tun haben werden.
Der Autor, Holger Jungmann, ist Mitarbeiter der RES.
Zurück zum Inhalt von 3/2005 |horus im Überblick
Startseite
|
Kontakt
|
Impressum |
Hilfe