Prof. Birgit Dankert: "Mehr Licht" - Die neue Wirklichkeit der Bibliotheken für Blinde und Sehbehinderte

"Mehr Licht", als vermeintlich letzte Worte Goethes, ist dieser Wunsch inzwischen zum eindrucksvollen Bild für die Sehnsucht nach der Kraft des Sehens, nach Erkenntnis im übertragenen Sinne, nach Klarheit geworden. Die Europäische Aufklärung, European "Enlightenment", forderte das Licht der Erkenntnis für jeden Einzelnen. Ihre Vertreter erhoben das Lesen und Schreiben, die Information, das Wissen, die Sinngebung per Lektüre, die jedem Mann und jeder Frau zugänglichen Wissensspeicher, nämlich die Bibliotheken, zum bürgerlichen Programm und definierten menschliche Defizite nicht mehr als göttliche Fügung und Objekt von Mitleid oder Barmherzigkeit, sondern als Ansporn zu ihrer Überwindung. Seit der Antike und nicht nur in der abendländischen Kultur gilt der im biologischen Sinne nicht Sehende als für die andere Art des Sehens, für die Erkenntnis, die Vorausschau, die Sinngebung besonders begabt - von den Göttern (aus-)gezeichnet. Der blinde Seher Theiresias verfügte also über ein Wissen, das über das normale, kognitive Sammeln hinausgeht. Und obwohl es wie ein Paradoxon erscheint, gibt es in der Weltliteratur nicht wenig blinde Bibliothekare. Jorge von Burgos aus Umberto Ecos "Der Name der Rose" ist uns allen präsent. Als sein Vorbild diente bekanntlich der argentinische Dichter und Direktor der Nationalbibliothek von Buenos Aires, Jorge Luis Borges, der einmal sagte, er habe sich das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt. Borges ist im Alter zwischen 40 und 50 Jahren erblindet - von ihm wird noch die Rede sein.




Mit der Europäischen Aufklärung, mit Theiresias, Eco und Borges zu beginnen, ist nicht nur als einführende kulturgeschichtliche Betrachtung gedacht. Die "Stiftung Centralbibliothek für Blinde" ist in ihren Vorläufern 1905 als Einrichtung des aufgeklärten Bürgertums entstanden. Sie liegt seither in bürgerlicher und damit politischer Verantwortung der Stadt Hamburg. Wir alle haben keinen Grund, geiziger zu sein als unsere Vorfahren 1905.



Wie sehr Bibliotheken als "Licht der Finsternis" betrachtet werden, ist in den Geschichten und imponierenden Kurzberichten des Preisausschreibens zur Blindenschrift anlässlich des Jubiläums, das wir heute feiern, nachzulesen. Sie bieten überzeugende Dokumente von der Kraft des Schreibens und des Lesens, der Wissens- und Weltaufnahme durch die unterschiedlichen Techniken des Kodierens und Dekodierens, die jeder Form des "Lesens" zugrunde liegt.



Von der Strukturierung der Daten, der lebenswichtigen Aufnahme von Informationen und der gesteigerten  Sensibilisierung der Wahrnehmung im Prozess des Lesens und des Schreibens, ist ebenfalls in Gedichten und kurzen Berichten zu lesen. "Licht der Finsternis" ist ein Zitat aus einem dieser Texte.



Die Bibliothek für Blinde gilt als Lebenselixier, als Garantie zur Teilnahme am bürgerlichen, selbst bestimmten Leben. Ganz neu, berührend und eindrucksvoll, wird geschildert, was Lesen und Schreiben, das wir bis zur PISA-Studie immer für so selbstverständlich nahmen, bedeuten kann. Wir haben offensichtlich ein selbst definiertes Recht auf Bibliotheken - die Sehenden wie die Nichtsehenden.



Aber wo wird dieses Recht eigentlich verbrieft? Sehr allgemein berufen wir uns in Deutschland zunächst auf das Grundgesetz, in dem Informationsfreiheit und die Gleichbehandlung aller Menschen garantiert werden. In einigen Landesgesetzgebungen finden sich Hinweise auf die Verpflichtung zu Bibliotheken. In den Kommunen gehören Bibliotheken zu den so genannten freiwilligen Leistungen. Es gibt kein Bibliotheksgesetz wie in Dänemark oder beim PISA-Sieger Finnland. Aber es existiert eine zumindest im Öffentlichen Bibliothekswesen nach 1945 gewachsene bibliothekarisch demokratische Tradition. Für Deutschlands circa 82 Millionen Einwohner stehen etwa 3.000 professionell geführte Öffentliche Bibliothekssysteme mit 10.500 Bibliotheken und daneben 1.200 wissenschaftliche und Spezialbibliotheken zur Verfügung: in Europa nach Großbritannien und den skandinavischen Ländern so etwas wie der dritte Platz. Einige dieser öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken verfügen über Spezialabteilungen und Service - Angebote für Sehbehinderte und Blinde.



Eine zentrale Rolle spielen jedoch die autarken Spezialbibliotheken, die sich ganz auf ihre blinde oder stark sehbehinderte Klientel einstellen kann, wie die Centralbibliothek für Blinde, deren hundertjähriges Bestehen wir heute feiern. Es gibt sie auf Landesebene und als vereinzelte zentrale Einrichtungen in sehr unterschiedlichen Organisationsformen. Sie arbeiten für in Deutschland 155.000 Blinde und ungefähr 500.000 stark Sehbehinderte. Der demografische Faktor spielt auch hier eine Rolle. Die Altersblindheit ist dominant: 70 % aller Blinden sind älter als 60 Jahre. Aber das sind statistische Zahlen, die generalisieren. Die Realität jeder einzelnen Persönlichkeit liegt anders. Wer wirklich in Bibliotheken arbeitet, erkennt schnell, dass hier die Routine keinen Platz hat und es z. B. sehr schwierig ist, so etwas wie zentrale, international oder regional abrufbare zentrale Bibliotheksdienste für Blinde und Sehbehinderte zu entwickeln.



Das Recht auf Blindenbibliotheken und Bibliotheken für stark Sehbehinderte ist allerdings in Deutschland ein hergeleitetes Recht aus der Sozialgesetzgebung. Sie alle kennen den Paragrafen 10 der Sozialgesetzgebung:



"Menschen, die körperlich oder seelisch behindert sind oder denen eine solche Behinderung droht, haben zur Förderung ihrer Selbstbestimmung und gleichberechtigten Teilnahme ein Recht auf Hilfe, die notwendig ist; Benachteiligungen auf Grund der Behinderung entgegen zu wirken."



Hinzu kommt - sehr wichtig für die bibliothekarische Wirklichkeit - § 11 des Gesetzes zur Gleichstellung behinderter Menschen. Hier wird von der Notwendigkeit einer "barrierefreien Informationstechnik" gesprochen. Wer Bibliotheken für Blinde und stark Sehbehinderte politisch durchsetzen und fördern will, muss gleichzeitig für allgemeine bibliothekarische Versorgung und für die Gleichberechtigung der Behinderten und sozial Benachteiligten kämpfen und dabei zwei fragile Bereiche zur Balance bringen. Es entsteht eine doppelt alarmierende Situation, wenn gleichzeitig Bibliotheken geschlossen und das Blindengeld gekürzt wird. Denn dann droht ein sich selbst verstärkender Abwärtstrend und es bedarf ganz besonderer Aktionen und eines ganz besonderen Engagements, um beiden Einbrüchen entgegenzuwirken. Blinde und Sehbehinderte haben allen Grund die neue Antidiskriminierungsgesetzgebung auch daraufhin zu untersuchen und zu beurteilen, wie ihr verbrieftes aber immer mittelbar definiertes Recht auf bibliothekarische Versorgung darin behandelt und garantiert wird.



Die Organisation und Interessenvertretung von Blinden und Sehbehinderten ist stark föderativ organisiert. Der deutsche Kulturföderalismus ordnet auch die Bibliotheken. Man ist sozusagen als Niedersachse blind und ein Schleswig-Holsteiner Bibliothekar. Die aktuelle Föderalismusdebatte ist doppelt relevant für eine Bibliothek, die Blinde versorgt. Wie werden in Zukunft die Verantwortlichkeiten von Bund, Ländern und Gemeinden liegen? Das Projekt "Bibliothek 2007" von der Bertelsmann Stiftung und der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände sucht nach Innovationen in deutschen Bibliotheken und hat zusammen mit INFAS und einer international arbeitenden Unternehmensberatung noch einmal auf das "missing link" zwischen Bund, Ländern und Gemeinden in der politischen Verantwortung für Bibliotheken hingewiesen. Kultusministerkonferenz (KMK) und Deutscher Städtetag sind zwar ausgleichend tätig, aber es fehlt die durchgehende Verantwortungsschiene für die Bibliotheken ebenso wie ein Fördermechanismus, der den Bund mit einzelnen Bibliotheken verbindet. Es macht Sinn, auch bei Überlegungen zur zukünftigen Organisationsform blindenbibliothekarischer Bemühungen auf eine Verbindung zwischen bundespolitischer Verantwortung und lokaler Förderung zu achten.




Bei der Best-Practice-Analyse des Innovationsprojektes "Bibliothek 2007", die in vier Ländern von der Unternehmensberatung Booz Allen & Hamilton durchgeführt wurde, habe ich den PISA-Sieger Finnland untersucht und auch unseren nahen Nachbarn Dänemark genau analysiert. Beide Länder haben Methoden entwickelt, die Falle des Föderalismus bei der Förderung und Gestaltung von Bibliotheken zu vermeiden. Finnland bemüht sich intensiv um landesweite, also nationale Bibliotheksprogramme - auch für Behinderte, auch für Blinde und Sehbehinderte. In Dänemark herrscht das schöne Prinzip des "Ich gebe - wenn du gibst". Dieses Fördern und Fordern, das die lokale Ebene und den Staat zusammenbringt, könnte für Bibliotheken wie die Centralbibliothek für Blinde und die deutschen öffentlichen Bibliotheken - auch wenn Sie als Stiftungen organisiert sind - ein Vorbild sein.



Auch Blindengeld ist föderativ geordnet. Es gilt: "Sage mir, woher du bist, und ich sage dir, über wie viel Beweglichkeit Du verfügst, mit Deiner Blindheit umzugehen." Man kann zweifeln, ob wir mit dieser Regelung die Krone des Föderalismus errungen haben. Dabei erleben wir einen national wie international fruchtbaren Moment zur Entwicklung der bibliothekarischen und informationstechnischen Versorgung für Blinde und Sehbehinderte: Die Elektronik, die Digitalisierung der Information bietet immer weiter entwickelte Brückenfunktionen zwischen Bild, Schrift und blinden Rezipienten. Im Schiller-Jahr darf das passende - sinngemäß wiedergegebene - Zitat nicht fehlen: "Und was Du der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück."



Wenn man Studenten fragt, warum gerade das Blindenbibliothekswesen national und international so gut organisiert ist, kommen folgende Antworten: "Da gibt es eine politische Verantwortung wegen des Ersten und Zweiten Weltkriegs, wo so viele blind wurden. Das ist so eine Sache der Geschichte." Die zweite Antwort: "Blinde haben keine intellektuellen Defizite. Die können ein Bibliothekswesen aufbauen wie alle anderen und es sind ja auch alle Berufsgruppen vertreten. Das potenziert die Qualität."



Auch wer hier teilweise unterschreiben würde, sucht doch nach tieferen Gründen. Die Kodierung und Dekodierung durch Schrift, die Strukturierung in Klassifikationen und Systeme und der Zugang durch Schlagwort und Stichwort zu einzelnen Bereichen sind bereits intellektuelle Brücken und Abstrahierungen, die bei Blindheit und Sehbehinderung lediglich einer "Zusatzeinrichtung" oder einer anderen Technik, z. B. die der Brailleschrift, bedürfen, aber nicht eines grundsätzlich anderen Systems.



Nirgendwo ist das deutlicher als in der elektronischen Informationstechnik, die ja inzwischen alle Bereiche der Bibliotheken und Informationszentren beherrscht. Lesekompetenz wird ergänzt durch Medienkompetenz und Informationskompetenz. Wissensmanagement entwickelt sich zu einem lebenswichtigen Tätigkeitsbereich. "Die Information einer Beschreibung hängt von der Fähigkeit eines Beobachters ab, aus dieser Beschreibung Schlussfolgerungen abzuleiten." So abstrakt und für Sehende wie Blinde gleichermaßen gültig hat der Kybernetiker und Vertreter des Konstruktivismus, Heinz von Foerster, das Geheimnis der Informationsaufnahme beschrieben.



Erst die Fähigkeit des Aufnehmenden macht einen Text zur Information. Daher ist Zielgruppenorientiertheit, d. h. auf diejenigen einzugehen, für die man Informationen weitergibt, von höchster Wichtigkeit. Foersters ethische Maxime für das Informationszeitalter war: "Handle stets so, dass die Wahlmöglichkeiten steigen." Und als ihn US-Bibliothekare - er ist nach dem Krieg in die USA gegangen und hat dort gelehrt - schon vor zwanzig Jahren fragten, wie sie denn verantwortungsvoll mit der allgegenwärtigen globalen Information im Computerzeitalter umgehen sollen, antwortete er konsequent und bis heute gültig: "Wählen Sie konstant die Variante, die den breitest möglichen Zugang gewährt."



Besser kann man auch die optimale Fortentwicklung elektronischer Medien für Blinde und Sehbehinderte nicht beschreiben. Die Zielgruppe der Blinden und Sehbehinderten hat in der Tat das Internet zu ihrem Medium machen können. Es gehört zu den positivsten Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, dass die so leicht daher gesagte Losung "local access to global information" keine Barriere, sondern neue Möglichkeiten für Blinde und Sehbehinderte geschaffen hat, die mehr als Kompensation bedeutet.



Ein Beispiel ist "DAISY" ( Digital Accessible Information System), das von den Bibliotheken für Blinde, insbesondere für die neue Hörbuchgeneration entwickelt wurde. Hier wird der volle Text geboten. Die Ein- und Ausstiegsstellen können individuell gewählt werden. Das Rezeptions-Tempo wird selbst bestimmt. Authentizität des Textes auf der einen Seite und Individualität der Rezeption auf der anderen Seite sind durch diese Art der Literatur- und Textvermittlung gewährleistet.



Auch die elektronischen Braillezeilen mit all ihren noch vorhandenen Unzulänglichkeiten müssen erwähnt werden. Die Übersetzung in frühzeitig eingeübte abstrahierte Kodierung, in die international gebräuchliche Brailleschrift ist damit möglich. Auf einen Vorzug der digitalen Medien, die Interaktivität, braucht der Blinde nicht zu verzichten. Allerdings besitzen diese technischen Möglichkeiten den Charakter eines Zugangs für Minderheiten, sind ein auf dem Markt daher schwieriger zu platzierendes und verfügbar zu haltendes Produkt, das sich neben dem Produkt für die Mehrheit behaupten und entwickeln muss - eine etwas komplizierte Beschreibung für höhere Preise! Verzichten müssen blinde Menschen immer noch auf eine ihnen zugängliche elektronische Visualisierung.



"Zu jeder Zeit an allen Orten jede Information" ist eine Utopie, deren diktatorischer Grundton glücklicherweise erkannt worden ist. Aber die so genannte barrierefreie Internetseite, die Barrieren für den Benutzer nicht auf-, sondern abbaut, ist ein legitimes Desiderat der Internetbenutzung für Blinde und Sehbehinderte. Es gibt inzwischen überzeugende Beispiele wie die Website der "Hamburger Öffentlichen Bücherhallen". An ihr lassen sich die Indikatoren für barrierefreie Websites ablesen:





Die Probleme bleiben allerdings nicht aus. Die zunehmende grafische Gestaltung der Informationen vergrößert die Umsetzungsmenge. Der Vorgang von Selektion und Bewertung der Internetseiten für diese spezielle Benutzergruppe ist noch nicht standardisiert und organisatorisch bewältigt.



Es ist schon darauf hingewiesen worden, wie viel Material und Raum notwendig sind, um die Romane "Vom Winde verweht" oder "Harry Potter" in der so zu bewundernden Brailleschrift darzustellen. Die Komprimierung der Daten auf ein raumsparendes Speichermedium bzw. eine ständige Verfügbarkeit unendlicher Daten, die bei Hosts zum Abruf aufbewahrt werden, gehören zu den vorhersehbaren Komponenten digitaler Blindenbibliotheken der Zukunft. Die Gedichte des Jubiläums-Preisausschreibens erzählen von den voluminösen Braillebänden eines Wörterbuchs oder eines Romans der Weltliteratur.



Bis vor einigen Jahren arbeitete in der Auskunft des Hauptbahnhofs Hamburg ein Mann mit Braille-Fahrplänen. Wenn man Glück hatte, kam man zu ihm, denn dort war die Auskunft schnell und präzise. Aber das ist eine Anekdote aus der Vergangenheit. Die Speicherkapazitäten erlauben die Bibliothek in der Handtasche. Und auch der unendliche Speicher des Internet - Google digitalisiert zur Zeit die Bestände der Universitätsbibliotheken von Stanford, Harvard, Michigan und der New York Public Library zu einer digitalen Weltbibliothek - erlaubt Handtaschen-kompatible Zugänge zu Bibliotheken.



Allerdings existiert auch hier der "Menschliche Makel", wie ihn Philip Roth in seinem US-Campus-Roman als allgegenwärtig ausgemacht hat. Google ist ein Unternehmen mit den Regeln einer globalen Firma. Angelsächsische Kultur und Interpretation von Copyright und Urheberrechten werden dieses Angebot bestimmen. Die EU-Interpretation des Urheberrechtes, die zur Zeit in deutschen Gesetzen umgesetzt wird, reguliert auch den Zugang zu den digitalen Welten des Internet. Die Interessenverbände der Blinden und Sehbehinderten sollten sich diese neuen Gesetze genau ansehen, weil hier der öffentliche Zugang zu elektronischen Medien neu geregelt wird.



Kulturelle Verantwortung und Qualitätssicherung bedeutet eine Schnittstelle zwischen Bibliothek und Interessenvertretung für Blinde und Sehbehinderte. Als ein Beispiel für den hohen Grad der Selbstverantwortung im kulturellen Bereich soll hier der Hörspielpreis der Kriegsblinden genannt werden. Mit kenntnisreicher und glücklicher Hand hat er eine historische Situation, eine Kunstform und eine Rezipientengruppe zusammengeführt und damit sozusagen einen Urknall erreicht, der bis heute nachwirkt und die Prämierungen immer noch zu einem Qualitätssiegel und Erlebnis macht.



Vor kurzem wurde im Norddeutschen Rundfunk noch einmal die historische Einspielung des Hörspiels gesendet, das 1952 den Preis der Kriegsblinden erhielt. Es war Günter Eichs "Die Andere und Ich". Dabei erfuhr der Hörer nicht nur den Text und die Atmosphäre des geschilderten Geschehens, sondern konnte auch die Zeit der ersten Aussendung erinnern - eine doppelte Zeitreise, die nicht visuell, sondern ausschließlich akustisch stattfand. Der Hörspielpreis der Kriegsblinden hat ein sehr glückliches kulturelles Zeichen gesetzt, kulturelle Verantwortung übernommen und eine Tradition gegründet, Qualität unterstützt. Und ich würde Ihnen sehr wünschen, dass Ihnen mit dem neuen Hörfilmpreis, einem Hörbuchpreis und vielleicht auch einem Preis aus dem Bereich der Informationselektronik ein solcher Urknall, eine solche kulturhistorische Innovation von den Blinden und Sehbehinderten noch einmal gelingt. Die wichtige Aufgabe von Qualitätssteigerung und -sicherung im Bereich der Medien, zu denen Blinde einen besonderen Zugang haben, sollten Sie sich nicht nehmen lassen.



Um abschließend dem utopischen Element in der Zukunft des Lesens Referenz zu erweisen, sollen Entwicklungen angesprochen werden, die - nicht nur bei Blinden und Sehbehinderten - auch Ängste aufkommen lassen. Was kommt nach dem Lesen? Wird es dann noch einmal eine so erfolgreiche Brückenfunktion wie die Brailleschrift, das Hörbuch und die Braillezeile für den Computer geben?



Allen utopischen und wissenschaftlichen Voraussichten nach wird die Zukunft oder besser die Weiterentwicklung des Lesens nicht in einer zunehmenden Visualisierung, sondern in einer veränderten Aktivierung des Gehirns liegen. Die Hirnforschung ist nach eigenen Aussagen so weit, dass sie in ungefähr zehn Jahren die Vorgänge der menschlichen Informationsaufnahme entschlüsselt hat. Dann wird das, was wir lesen nennen, neu organisiert.



Jorge Luis Borges hat die Bibliothek als Modell des Universums empfunden und ihre Geräusche als Töne des Weltalls gedeutet. Eines der Gedichte des Preisausschreibens erinnert daran. Zusammen mit einem Gedicht von Borges soll es als utopisches Element und als Hinweis auf die gesteigerte Sensibilität für das Licht der Bibliotheken den Abschluss bilden.



Zunächst das Gedicht aus dem Preisausschreiben:



Das leise und heisere Kratzen


von Bleistift und Kugelschreiber,


den Tastendruck mit Wagenbewegung und Anschlagsknall,


das moderne Antippen mit der Gedankenstraße


an das Klappern kleiner Holzbausteine weggeschaufelt



Und ihn wieder entdeckt,


den Handritt von Blechfeld zu Blechfeld.


Der Zeigefinger sitzt mit seiner Wurzel im Griffelsattel


und schlängelt sich bis an seinen unteren Rand.


Daumen und Mittelfinger berühren den Holzleib



Ein spitzes Bein piekt Punkte in dickes Papier:


Schreiben spüren, Schreiben hören.



(Robert Huber)



Dazu gesellt sich das Gedicht von Borges. Er schrieb es, als er nach einjähriger Abwesenheit - inzwischen völlig erblindet - zurück nach Buenos Aires in seine Bibliothek kam:



"Juni 1968":



An dem Abend aus Gold


oder in einer Ruhe, deren Sinnbild


der Abend aus Gold sein könnte,


reiht der Mann die Bücher


in die wartenden Regale


und er fühlt das Pergament, das Leder, die Leinwand


und das Vergnügen, das


die Vorahnung einer Gewohnheit verleiht


und die Herstellung einer Ordnung.


Stevenson und der andere Schotte, Andrew Lang,


werden hier auf magische Weise


die bedächtige Diskussion wiederanknüpfen,


die Meere und Tod unterbrochen hatten, und sicherlich wird Vergils Nähe


Alfonso Reyes nicht missfallen.


(Bibliotheken ordnen heißt auf schweigsam bescheidene Art,


die Kunst der Kritik üben.)


Der Mensch, der blind ist


weiß, dass er nicht mehr


die schönen Bände, die er handhabt,


entziffern kann


und dass sie ihm nicht helfen werden,


das Buch zu schreiben, das ihn vor den anderen rechtfertigen wird,


doch an dem Abend, der vielleicht aus Gold ist,


lächelt er angesichts des merkwürdigen Schicksals


und fühlt das eigenartige Glück


der alten geliebten Dinge."



Meine Damen und Herren, ich wünsche uns allen, dass wir viele solcher lichtbeschienenen goldenen Stunden in Bibliotheken, in dieser Bibliothek zubringen können und gratuliere vor allem Ihnen, liebe Frau Dittmer und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, zum Jubiläum der Bibliothek. Danke Ihnen für die wundervolle Arbeit, die Sie leisten.



Die Autorin ist Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Fachbereich Bibliothek und Information.

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