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Uwe Boysen: Ungehaltene Rede von der Demonstration am 8. Oktober 2005 in Erfurt

Der DVBS-Vorsitzende wollte auf der Abschlusskundgebung vor der Staatskanzlei sprechen. Hier sein Redemanuskript:


Mitdemonstranten, Bürger Thüringens, Freunde,


der Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, Herr Althaus, ist gewiss ein ehrenwerter Mann. Er sorgt sich um die Zukunft, die kommenden Generationen, das sagt er. Und das ist bestimmt ehrenwert. Und wenn das Blindengeld dieser rosigen Zukunft im Wege steht, so muss es abgeschafft werden. Und das sagt der Herr Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, und er ist bestimmt ein ehrenwerter Mann wie seine Parteifreunde, alles ehrenwerte Männer und Frauen. Und wenn das so ist, dann hätten wir Unrecht, hier zu demonstrieren, uns die Lungen aus den Hälsen zu schreien und unsere Wut zu zeigen.


Keinem wirklich bedürftigen blinden Menschen wird es nach der Reform schlechter gehen, so sagt der Herr Ministerpräsident, und er ist gewiss ein ehrenwerter Mann. Aber warum hat man dann das Blindengeld in allen Bundesländern und auch in den neuen, in denen es von Anfang an große finanzielle Probleme gab, überhaupt eingeführt? Man hat es getan, um blinden Menschen einen Nachteilsausgleich zu schaffen, einen Ausgleich für Mehraufwendungen, die unzweifelhaft mit der Blindheit verbunden sind. Weiß der Herr Ministerpräsident darum, wie es ist, blind zu sein, wie es ist, sich täglich mit einer sich ständig ändernden Umwelt neu auseinanderzusetzen?



Ich muss glauben, dass er es weiß; denn er ist ein ehrenwerter Mann. Auf jeden Fall könnte er es wissen. Wir haben ihm die Möglichkeit dazu in vielen Gesprächen geboten. Aber der Herr Ministerpräsident hat es vorgezogen, sich unsichtbar zu machen, sich wortlos fortzustehlen, während wir noch meinten, mit ihm zu sprechen. Er hat es vorgezogen, nicht uns anzuschauen, sondern die Kameras. Er hat es vorgezogen, bei einer Wahlveranstaltung die Junge Union vor blinden Menschen aufmarschieren zu lassen, damit sie mit ihrem Protest nicht gesehen werden. Er zieht es vor, der Eisheilige der sozialen Kälte zu werden. Mit dieser sozialen Kälte hat seine Partei gerade einen fast uneinholbar geglaubten Vorsprung in der Wählergunst beinahe noch verspielt.


Herr Ministerpräsident, Frau Landtagspräsidentin, meine Damen und Herren Abgeordneten von der CDU, schauen Sie auf diese Menschen. Schauen Sie ihnen in die Gesichter. Glauben Sie wirklich, dass wir hier für Privilegien demonstrieren? Glauben Sie, dass Sie eine Finanzkrise mit der Streichung eines Betrages meistern können, der im Landeshaushalt wahrscheinlich weniger als ein Prozent ausmacht? Und glauben sie schließlich wirklich, mit einer solchen Maßnahme zu mehr Gerechtigkeit beizutragen?


Wir glauben das nicht. Und wir wollen auch noch nicht glauben, dass unsere Argumente im Winde verwehen. Zu einer Entscheidung gegen den ehrenwerten Herrn Ministerpräsidenten und seine liebe Magd, die vielleicht wirklich lieber Knecht geworden wäre, gehört Mut. Aber wir fordern Sie auf, diesen Mut zu haben, so wie ihn vor fast 800 Jahren die heilige Elisabeth von Thüringen hatte, als sie sich kranker und armer Menschen annahm, so wie ihn viele Menschen auch heute im Land Thüringen haben, die sich für unsere Sache einsetzen, und so wie auch wir ihn weiter unter Beweis stellen werden; wenn die Ritter der Entsolidarisierung der Menschen ihr abenteuerliches Spiel weitertreiben und blinde Menschen zurückdrängen und ausgrenzen wie im 19. oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts.



Wir werden Ihnen weiter unangenehme Fragen stellen. Wir werden weiter auf unserem Platz in der Gesellschaft, nicht am Rand der Gesellschaft bestehen. Und wir werden über kurz oder lang damit erfolgreich sein. Dafür sind wir nach Erfurt gekommen. Dafür stehen wir hier und dafür werden wir weiter mit all unseren Kräften kämpfen.

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