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Traditionelle Kunstsammlungen und Galerien reihen in der Regel Kunstwerk an Kunstwerk ohne weitere thematische Aufbereitung, so dass sich in unserem Zusammenhang nur die eine Frage stellen würde: "Gebe ich ein Kunstwerk zum Anfassen frei oder nicht?". In Ausstellungen aber, in denen auch Zusammenhänge und Hintergründe mit dem Besucher aufgearbeitet werden sollen, werden vielleicht neben Landkarten, Zeitleisten, Schemazeichnungen, Schaubildern auch szenische Darstellungen mit Menschen und Tieren aufschlussreich sein. Und da taucht natürlich wieder die Frage nach der "be-greifbaren" Umsetzung auf. Wie bereits angesprochen, ließen sich Lebewesen oder Lebewesengruppen wie bei einem Scherenschnitt aus einem flachen, aber aufgrund seiner Dicke noch fühlbaren Material ausschneiden und aufkleben … Die Decodierung solcher Chiffren ist nicht unproblematisch … Auch wenn wir sie in Richtung "Strichmännchen" etwas abstrahieren würden. Bei szenischen Darstellungen sollte geprüft werden, ob man nicht die Figuren auf tastbare Punkte reduzieren kann, mit deren Anordnung und Beziehung zueinander soziale Sachverhalte verdeutlicht werden können. Solche Punkte lassen sich mit anderen Symbolen kombinieren (z. B. einem Fellstückchen als Tier, die Punkte als Jäger, kleine Punkte als Hundemeute zur Darstellung einer Jagdszene und ihrer strategischen Struktur). Herrscherdynastien lassen sich vielleicht durch unterschiedliche Kronen und Herrschaftsinsignien symbolisieren ... Ähnliche Schaubilder sind ja aus der Literatur bekannt.
Vielleicht erscheint manchem Pädagogen die Reduzierung von Figuren auf Punkt-Symbole als ein etwas grobes und zu stark vereinfachendes Verfahren. Ich erinnere an die sensationelle Erfindung der Punktschrift durch Louis Braille vor 150 Jahren: Dieser abstrakte Sechs-Punkte-Code hat nichts mehr mit der normalen Buchstabengestalt zu tun. In dieser "Unabhängigkeit" von der Schwarzschrift-Vorlage besteht gerade ihre außergewöhnlich gute Anwendungsmöglichkeit.
Zuweilen ist man erstaunt bis erschrocken, wie unüberlegt, lieblos und wenig einfühlsam auch in professionellen Fachabteilungen (z. B. Medienwerkstätten von Blindeneinrichtungen) flache zweidimensionale Abbildungen womöglich mit perspektivischen Problemen (die ja ihrerseits bereits die unvollkommene Übertragung von einer dreidimensionalen Welt in eine verkürzte zweidimensionale Abbildung darstellt mit vielen eingegangenen Kompromissen) einfach mechanisch in eine Dreidimensionalität weiterverwandelt werden. Dabei entstehen dann nicht selten merkwürdige Gebilde, vergleichbar den Textmonstern auf Beipackzetteln von digitalen Massenartikeln, bei denen sich offensichtlich durch mehrere weitergereichte Übersetzungsschritte ohne jeweils wieder zum Original zurückzukehren, Ungenauigkeiten, Verzerrungen, Missverständnisse bis hin zu Fehlern, sie schleichen sich ein und potenzieren sich … bis dabei schließlich eine ziemlich unverständliche Gebrauchsanweisung herauskommt (Kinder kennen ein Spiel, bei dem dieser Effekt bewusst erzeugt werden soll: Ein Begriff wird durch eine Kinderkette flüsternd weitergegeben … das Wort am Ende hat meistens nichts mehr mit dem ursprünglich eingegebenen Begriff gemein!).
Auch die Auswahl der Abbildungen (etwa bei der Übertragung von Sachbüchern für blinde Schüler) sollte nicht einfach unreflektiert übernommen werden. Womöglich muss man auf manche Abbildungen verzichten, weil sie nicht übertragbare bzw. nicht von blinden Schülern decodierbare Elemente (z. B. Farbe, Perspektive, Kleinstdetails, Objektfülle …) enthalten. Hingegen gibt es vielleicht die Notwenigkeit, Zusatzabbildungen einzufügen, was bei der normalen bildlichen Darstellung nicht notwenig ist. Das Problem entsteht häufig dann, wenn Dinge oder Sachverhalte bereits für eine bestimmte Personengruppe (hier: sehende Leser) aufbereitet worden waren. Entweder hat eine sachgerechte und sorgfältige Auseinandersetzung mit der Vorlage zu erfolgen (das kann beispielsweise auch eine Ausstellung sein!) oder aber man "befreit" sich von der Vorgabe und unterzieht sich der Mühe, die Dinge und Sachverhalte völlig neu und unabhängig von jeder Vorleistung kennen zu lernen, zu analysieren, zu strukturieren und zu ordnen, umzusetzen und zu gestalten (… in diesem Falle unter Einbeziehung sehgeschädigter Menschen …). Die Erfahrung zeigt, dass ein solcher Versuch nicht selten die Inhalte anders, "anschaulicher", "eindringlicher" und "eindrucksvoller", und damit insgesamt besser und effektiver aufbereitet als der vorherige, verkürzte Vorgänger, der sich auf eine optische Erfahrungsebene "beschränken" konnte.
Beim Flachrelief kennen wir als häufigste taktile Gestaltungsform im Prinzip nur die Anwendung der drei oben genannten Elemente bzw. Kombinationen und Mischungen daraus. Häufig ergibt sich die Gestaltungsweise sachlogisch aus dem Gestaltungsinhalt:
Zuweilen werden Konturen oder Linien auch in Punktreihen gebildet, was von der Herstellungstechnik her erforderlich werden kann, z. B. beim Punzieren von Zinkplatten.
Natürlich wirken sich die unterschiedlichen Darstellungsweisen auch auf das Tastgefühl aus: Während die Linie eigentlich zum linearen Verfolgen dieser Spur zwingt, fordert der Punkt eher zur kurzen Bewegungsunterbrechung und zum Stopp auf, die Fläche dagegen wird diffus anmutende, kreisende Suchbewegungen auslösen.
Als Positivform werden die erhabenen Linien, Punkte und Flächen, als Negativform die entsprechende Vertiefungen bezeichnet. Bei gut tastbaren Flächengrößen kann die Frage Positiv- oder Negativform vom Darstellungsobjekt her beantwortet werden: Städte oder Berge / Hochflächen wird man positiv - erhaben und Seen / Meere negativ - vertieft darstellen. Bei Linien und Punkten lassen die eingeschränkten Tastmöglichkeiten eigentlich nur die Positivform zu (es sei denn, Linien und Punkte sind so breit und groß, dass sie auch als Negativform ertastet werden können), da die fühlenden Fingerbeeren über alle kleinen Vertiefungen hinweg gleiten. Diese Einschränkung nutzt man beim Verfahren des Seiten sparenden, doppelseitigen "Zwischenpunktdruckes" (beidseitiges Beschreiben eines Bogens mit Punktschrift) … fühlbar sind nur die erhabenen Punkte (die Punktschriftmaschinen verschieben beim Wenden des Blattes den Bogen so, dass sich die Positiv- und Negativpunkte von Vorder- und Rückseite nicht gegenseitig aufheben und neutralisieren). Zuweilen widersprechen sich Darstellungsform und -inhalt, wenn man beispielsweise "kleine Tierspuren" (in den Boden getretene Trittsiegel) nicht vertieft, sondern um ihrer Fühlbarkeit willen erhaben darstellen muss … gleiches trifft auf in Ton / Stein geritzte Schriftzeichen zu. Solche Widersprüche (aus Gestaltungszwängen heraus) sollte man dem blinden Besucher durch einen kurzen Hinweis erklären.
Auch die unterschiedlichen Herstellungsverfahren wirken sich auf die Gestaltungsform und -möglichkeit aus. Mit dem Tiefziehverfahren lassen sich gleichmäßig flache Reliefs herstellen (besonders, wenn die abzuformende Vorlage chemisch im Nyloprint-Verfahren wie eine Stempelfläche hergestellt wird). Das Tiefziehverfahren erlaubt aber auch unterschiedliche Höhen im Relief (bei Landschaftsabformungen wichtig) und die Darstellung von Überschneidungen, z. B. bei Straßenüberführungen durch Brücken, wenn entsprechende Abbildungsmodelle (meist individuell angefertigt) benutzt werden. Die tiefgezogene Folie ist farblos bzw. einfarbig, gerade für integrative Ausstellungen müssten die Folien noch zusätzlich gedruckt werden. Auf jeden Fall ist die Herstellung der Form aufwendiger als bei der Schwellkopie, bei der auf dem Fotokopierwege gedruckte oder gezeichnete Schwarzweiß-Strukturen auf das wärmeempfindliche Spezialpapier übertragen werden … Gleichzeitig sind beim Endprodukt die erhabenen Stellen (die gleichmäßig flach geformt sind) geschwärzt, so dass ein zusätzlicher einfärbender Druckvorgang entfällt. Schwellkopien sind etwas weicher und stumpfer und für viele blinde Besucher tastangenehmer, die Tiefziehfolie ist dagegen glatt bis speckig, sie absorbiert keine Schweißfeuchtigkeit beim Tastvorgang, ist jedoch kratz- und stoßunempfindlicher und preiswerter. Letzteres gibt nicht selten den entscheidenden Ausschlag!
Das Gewicht von Exponaten oder Modellen spielt eine Rolle, wenn es darum geht, dass diese zur Betrachtung oder zum Ausprobieren ihrer Funktion auch in die Hand genommen werden dürfen oder sollen. Was allerdings die Standfestigkeit der Exponate betrifft, so ist schon ein beträchtliches Eigengewicht erforderlich, damit diese beim Tasten und Suchen mit den Händen nicht umgekippt oder umgestoßen werden können, besonders, wenn ihr Schwerpunkt relativ hoch liegt. In den meisten Fällen wird eine zusätzliche Sicherung durch die Fixierung am Boden, an der Wand oder auf der Unterlage notwendig sein.
Die Oberfläche der Exponate bzw. Modelle darf einerseits nicht so empfindlich sein, dass sie leicht durch Stoß- und Kratzspuren oder auch die Feuchtigkeit der Finger beschädigt werden können. Letzteres lässt sich unter Umständen durch die Ausgabe von dünnen Stoffhandschuhen vermeiden. Auf der anderen Seite darf durch scharfkantige Ecken und Spitzen, Holzsplitter, Metallgeräte oder Ähnliches auch keine Verletzungsgefahr für den blinden Besucher bestehen. Manche Oberflächenstrukturen weisen in der isolierten Detaildarstellung reizvolle Strukturen auf, dieses bewusste (für Sehende ungewohnte) Wahrnehmen von Dingen, über die meistens hinweg gesehen wird (z. B. Baumrinde, Bearbeitungsspuren an einer Steinplastik, "angewitterte" Holzmaserungen usw.) verblüfft gerade auch die sehenden Besucher …, besonders wenn es zusätzlich um sonst kaum erkennbare Strukturen geht, wie vergrößerte "Hautporen, Muster der Fingerabdrücke, Materialstrukturen".
Modelle sind bereits mehrfach angesprochen worden. Gegenüber dem Original und seiner Kompliziertheit und Komplexität kann das Modell vereinfachen, elementarisieren, analysieren, aufteilen, übertreiben, akzentuieren, um so zu überschaubaren Strukturen, klaren Gliederungen und eindeutigen Aussagen zu kommen. Nicht selten sind dafür zusätzliche Modelle, Funktions- und Verlaufsmodelle vielleicht sogar ganze Modellserien erforderlich. Bei der OH-Projektion kennen wir die "Aufbau-Folie", bei der auf eine Grund-/Basisstruktur schrittweise neue Informationsgruppen übereinander geschichtet werden (z. B.:
Auch im dreidimensionalen Bereich kennen wir Schichtenmodelle, die einzeln abgehoben werden können (im Spielzeugbereich gibt es "Schichtenpuzzles", bei denen man darunter oder dahinter sehen kann) oder Modelle mit Einsichtsmöglichkeiten durch Abnahme verdeckter Außenwände oder einfach nur durch Auseinandernehmen und durch Zerlegen in Einzelteile.
Früher gehörte es zur Ausbildung des Blindenlehrers, ein derartiges Modell zu konzipieren und handwerklich herzustellen … noch heute sind die Blindenschulen Nutznießer solcher Modelle von Landschaften, Bauwerken, Industrieanlagen, Gerätschaften, Körperorganen (teilweise zerlegbar, teilweise beweglich, um bestimmte Funktionszusammenhänge transparent zu machen) … Leider kommt aufgrund veränderter Ausbildungsanforderungen nur noch selten etwas Neues hinzu. Weisen solche Modelle bewegliche, mechanische Teile auf, ist natürlich beim "Handling" die Beschädigungsgefahr auf der einen Seite und die Verletzungsgefahr andererseits relativ groß. Qualität, Stabilität, Präzision, hochwertige Materialien beim Modell sowie zusätzliche Schutzvorrichtungen (Sperren, Schalter, Lichtschranken usw.) sind prophylaktische Entscheidungen.
Das Material, aus dem die Exponate bestehen, bestimmt natürlich wesentlich ihre Einsatzmöglichkeiten im "handelnden Umgang" und "Be-greifen von Umwelt". Eine Steinplastik ist geeigneter für Berührungskontakte als kleine empfindliche Goldschmuckteile. Dass beim künstlich angefertigten Modell die Hochwertigkeit seines Materials häufig seine Stabilität und Lebensdauer wesentlich bestimmt, liegt auf der Hand. Daneben gibt es natürlich auch pädagogische Gesichtspunkte, sich für oder gegen ein Material zu entscheiden. So wird man vielleicht allein aus ästhetischen Gründen natürlich vorkommende Materialien wie Holz, Stein, Knochen, Wolle, Pflanzenfasern, Metall gegenüber preiswerten Kunststoffen den Vorzug geben. Zu den pädagogischen Gesichtspunkten gehört aber auch der Aspekt der "Materialtreue" oder des Korrespondierens des Modellmaterials mit dem Material des Originals. Eine markante Steinplastik als "Stoff-Figur" oder die "Gummibärchen" nachzubilden, gehört sicher eher in eine Kuriositätensammlung als zu den ernst zu nehmenden Anschauungsmedien.
Eine Eisenbahn aus Brotteig oder Kaugummi verursacht aber nicht nur organisch "Bauchschmerzen", sondern auch von der Frage ihrer "Funktionstreue" her. In Bezug auf die Funktion eines Gegenstandes sollte stets eine sorgfältige Analyse erfolgen, die dann zu einer sinnvollen Elementarisierung führt und nicht zu einer Verkitschung. So gibt es beispielsweise beim Modell "Eisenbahn" mehrere Funktionsmerkmale:
Ein leeres Gefäß mit vier Rädern, das auf Schienen rollt, kommt sicher funktional dem Phänomen "Eisenbahn" wesentlich näher als jedes äußerlich so naturgetreue Sammlermodell in Form einer Blechattrappe. Das Wesentliche einer Funktion ist durch vorherige sorgfältige Analysen zu ermitteln, um daraus quasi als Konzentrat eine Elementarisierung (nicht Simplifizierung oder Vereinfachung!) zu gewinnen.
Wenn wir beispielsweise das hochkomplexe Phänomen "Verkehr" zur Formel "Bewegung im Raum unter Beachtung von Hindernissen" elementarisieren, dann haben wir damit für alle Modelle oder Medien (ob nun drei- oder zweidimensional) oder auch Aktionen die "wesentlichen" Grundbestandteile.
Wir leben in einer fantastischen Welt mit unterschiedlichen Signalen: Optischen, akustischen, taktilen, olfaktorischen, gustatorischen, kinästhetischen, elektromagnetischen, Vibrations- und Wärmesignalen bis hin zu radioaktiven Strahlungen. Die meisten traditionellen Museen beschränken sich darauf, allein den optischen Sinn anzusprechen. Für elektromagnetische Signale sind Menschen im Allgemeinen nicht sensibel genug und mit Strahlungen, die unsere Gesundheit gefährden, möchten wir natürlich möglichst wenig zu tun haben.
Aber wie steht es mit den vielfältigen Reizen, für die wir sinnlich durchaus empfänglich sind. Akustisch könnte ein Museum nicht nur, wie anfangs beschrieben, einen Walkman mit gesprochenen Informationen einsetzen, sondern man sollte überlegen, ob es nicht Stimmen, Geräusche, Klänge, Melodien gibt … Klagelieder, die heute noch in Ägypten gesungen werden, Musikweisen auf Instrumenten, die den auf historischen Reliefs dargestellten Instrumenten ähneln, Rhythmen auf Trommeln oder Gongs, aber vielleicht auch das Zirpen von Heuschrecken oder das Klappern historischer Wasserhebewerke. Über taktil-haptische Reize (inklusive Schwere-, Gewichtssinn) ist bereits mehrfach gesprochen worden, aber es gibt natürlich noch das Gefühl für Wärme, für Erschütterungen, für Feuchtigkeit usw. … Bei einer Kultur wie der ägyptischen, die immer wesentlich vom "Wasser" bestimmt war, sollte möglichst die sinnliche Begegnung mit dem Element "Wasser" stattfinden können.
Soll man im Museum den gustatorischen Sinn zusätzlich befriedigen oder sollte man dem Besucher in einem Museums-Cafe eher die Möglichkeit geben, seinen Geschmackssinn zu stimulieren (vielleicht stilgerecht mit einer orientalischen Geschmacksprobe!)? Aber daneben lassen sich dezent auch Gerüche von Gewürzen oder Kosmetika bewusst einsetzen. Sitzgelegenheiten und Treppenaufgänge sind für den Lage- und Bewegungssinn wichtig. Mit starken Ventilatoren lassen sich auch Luftbewegungen erzeugen, aber das wäre sicher der Ausstellung wie ihren Besuchern nicht gerade zuträglich … und eine Übertreibung der sinnlichen Angebote wäre nach längerer sinnlicher Abstinenz der berüchtigte Pendelschlag in die unseriöse extreme Gegenrichtung und würde womöglich einen nicht beabsichtigten, unerwünschten Geisterbahn-Effekt hervorrufen.
Die Überlegung, den Ausfall des optischen Sinnes durch Sinnesvikariate zu kompensieren, darf nicht dazu führen, dass etwa die Konzeption einer Publikation oder einer Ausstellung nur noch von den methodisch sich anbietenden Möglichkeiten her gesehen und bestimmt wird. Eine Biologie unter Berücksichtigung sehgeschädigter Menschen darf sich beispielsweise nicht in den Themen "Vogelstimmen" und "Duftgärten" erschöpfen … Eine Biologie unter Einbeziehung sehgeschädigter Menschen wird gern die Anregung aufgreifen, über eine antiquierte "Kreide-Biologie" hinaus auch unsere anderen sinnlichen Bereiche ergänzend und anregend einzubringen … so auch die akustischen Anteile der Biokommunikation, die olfaktorischen Seiten der Pflanzen- und Tiersexualität oder die taktilen Erlebnisse vom handelnden Umgang mit Erde bis zum Be-greifen von Knochen und Schädeln oder dem Aufbau von Fell- und Baumrinden-Sammlungen.
Bereits im Abschnitt über die "figürlichen und symbolischen Abbildungen" ist auf die Gefahr hingewiesen worden, dass bei einer rein mechanischen Übertragung von Publikationen oder Ausstellungen, die ursprünglich für einen anderen Adressantenkreis gedacht waren, Verzerrungen, Verkürzungen und Verarmungen auftreten können und dass man stattdessen die Inhalte von Grund auf neu überdenken und in ein in sich stimmiges, geschlossenes Gesamtkonzept einbringen sollte (unter Einbeziehung sehgeschädigter Menschen): zunächst muss der Inhalt stehen, dann kann man das Problem der methodischen Umsetzung angeben und die Methoden aus den Inhalten ableiten. Sicher kann man in der Pädagogik den Zugang zu Sachverhalten erleichtern bzw. Motivationen schaffen, wenn man den Adressaten dort abholt, wo er sich mit seinen Erfahrungs- und Verständigungsmöglichkeiten befindet. Man könnte sogar vermuten, dass sehgeschädigte Schüler auch ohne Führung und Anleitung auf "Vogelstimmen" und "Duftpflanzen" von selber kommen und in diesem Zusammenhang entsprechend Überzeugendes leisten. Schulische und volksbildnerische Erkenntnisse und Einsichten müssen aber gerade auch Informationen und Aufklärungen in Bereichen leisten, die nicht so populär sind. Eine einseitige Beschränkung auf methodisch nahe liegende Dinge droht zu einer kulturellen Ghettosierung zu führen.
Gerade Inhalte, die ohne optische Erfahrungen schwer zugänglich zu sein scheinen, müssen den Schul- wie Museumspädagogen herausfordern, über Umwege, über andere Wahrnehmungen, über Analogien, über zusätzliche Info-Schleifen und eingeschobene Lehrgänge die Inhalte auch für sehgeschädigte Menschen zugänglich, erfahrbar oder vorstellbar zu machen. Eine Vernachlässigung dieser Bereiche würde zu "weißen Flecken" auf dem Bildungsweg führen … es ist ein Irrtum zu glauben, dass sich solche Unebenheiten im Laufe des Gebrauchs wieder nivellieren oder auffüllen lassen … sie werden wie "Schlaglöcher" nur tiefer und tiefer!
Es scheint unglaublich, aber es sollen schon ernst gemeinte Architektenvorschläge gemacht worden sein zu einer "fensterlosen" Bauweise im Blindenbereich … nicht nur unser Auge benötigt Lichtreize, auch in unserer Haut laufen photochemische Stoffwechselprozesse … außerdem möchten sehgeschädigte Menschen unter sehenden Menschen leben!
Warum lassen wir uns nicht von unseren blinden Mitmenschen Dinge und Phänomene zeigen, die von uns "übersehen" wurden? Der blinde Bach-Experte und Orgelvirtuose Helmut Walcha gestand dem Pfarrer, der ihn durch seine Kirche führte: "Sie haben eine wunderschöne Kirche, Herr Pfarrer!", und der Fuchs im "Kleinen Prinzen" Antoine des Saint-Exupérys weiß, dass die wesentlichen Dinge für die Augen unsichtbar sind und nur mit dem Herzen gesehen werden können.
Medien sind die Mittler zwischen zwei unterschiedlichen Bereichen. Im Falle der Museumspädagogik sollen sie eine Verbindung schaffen zwischen dem Museum mit seinen Exponaten und dem Publikum / der Gesellschaft. Man kann auch das "Museum mit seinen Exponaten" als Medium benutzen, um eine Verbindung zwischen einer vergangenen Kultur (oder einer Idee) und dem heutigen Menschen, um eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen, um den Gegenwartsmenschen zu helfen, sich über das Medium "Geschichte" selbst besser verstehen zu können.
Für eine Theoriebildung ist es natürlich erschwerend, wenn sich die unterschiedlichen Bereiche immer wieder verändern und ihre Positionen und Funktionen untereinander austauschen. Ebenso könnte auch der Besucher zum Medium werden, wenn es beispielsweise um die Vermittlung einer bestimmten Vorstellung, einer Idee, einer Haltung, eines Programms, einer Weltanschauung, bestimmter Erfahrungen und Entwicklungen geht, die der Besucher verändernd in die Zukunftsentwicklung einbringen soll. Medien sind zwar bereits vielfach genannt worden, aber in Würdigung ihrer bedeutsamen Aufgabe sollen sie und ihre Funktionen selbst nochmals bewusst angesprochen und vorgestellt werden.
Die wichtigsten und zugleich kompliziertesten und störanfälligsten Medien sind "Menschen", z. B. die Mitarbeiter der Einrichtung: Die Wissenschaftler, die Museumspädagogen, Designer und das für den reibungslosen Betriebsablauf ebenso wichtige übrige Dienstleistungspersonal. Ihrer Aus- und Fortbildung, ihren Arbeitsbedingungen und -möglichkeiten, der Gestaltung ihres Arbeitsplatzes, der Förderung ihrer Qualifikation und Kreativität, ihrer Einsatzbereitschaft, ihrer sozialen Kompetenz zur Zusammenarbeit, ihres Verantwortungsbewusstseins, der Stabilisierung ihrer Belastbarkeit und ihrer Versorgung kommt höchste Priorität zu … zum Wohl und Nutzen der Einrichtung und ihrer Aufgabenstellung.
Wir beobachten derzeit im Museumswesen einen Prozess der Veränderung in Zielsetzung und Funktion. Waren die traditionellen Museen mehr oder weniger gut ausgestattete und gesicherte Depots (mit Konservierungs- und Restaurierungswerkstätten) für wertvolle Exponate, gewinnt heute zusätzlich der Bildungsgedanke und die Pädagogik mit anspruchsvollen "pädagogischen Baustellen und Werkstätten" an Bedeutung. Die Gefahr einseitiger Polarisierung zwischen diesen beiden Tendenzen ist natürlich groß. Wer kann wertvolles Kulturgut besser sachgerecht aufbewahren, konservieren und schützen, registrieren und verwalten als ein Museum mit seinen vielfältigen modernen technischen, handwerklichen, informationstechnischen und organisatorischen Möglichkeiten … es wäre fatal, diese Tradition und diesen Erfahrungsschatz leichtfertig einem plötzlichen modernistischen Aktionismus zu opfern.
Bei beiderseitigem guten Willen und gegenseitiger Toleranz sind viele abgestufte Zwischenlösungen und Syntheseansätze denkbar:
Ein Beispiel für eine sich anbietende Synthese der beiden Ausrichtungen, exemplarisch am Beispiel "Fledermaus" aufgezeigt:
Der Raum hat an einer Seite eine große Vitrine mit allen vorkommenden Fledermausarten, Objekt an Objekt, depotmäßig untergebracht und gleichzeitig einsehbar. Diese Vitrine würde aber vielleicht nur 1/5 des zur Verfügung stehenden Raumes beanspruchen. Die restliche Raumkapazität (4/5) wird hingegen nur von wenigen Präparaten (vielleicht sogar nur von einem einzigen Originalexemplar) gefüllt, von dem sich exemplarisch verschiedene Informations- und Erarbeitungsansätze ausgliedern und ausführlich aufbereiten lassen:
Zur Realisierung dieser Einheit unter dem Aspekt der "Mehrsinnigkeit" bieten sich verschiedene Ansätze an (evtl. auch teilweise in einer "Dunkelkammer / Höhle"):
Gerade blinde Menschen werden sich aus verständlichen Gründen in der Regel besonders für das Sonarsystem interessieren.
Neben den personalen Medien sind eine Vielfalt von Vermittlungsverfahren und -apparaten entwickelt worden.
Gerade in den Bereichen der Abbildung und Nachbildung wird der blinde Besucher zwangsläufig Einschränkungen hinnehmen müssen. Die Tatsache, dass ein wichtiges Sinnessystem ausfällt, kann nicht vollständig durch Ersatzverfahren, durch "Sinnesvikariate" anderer Organe oder die Versprachlichung von Sachverhalten kompensiert werden. Hier stellt oft die bewusste Bescheidung, die Einschränkung, der Verzicht, das exemplarische Beispiellernen, das "Weniger" ein "Mehr" dar. Derartige Auswahlentscheidungen oder Schwerpunktsetzungen müssen jedoch dem blinden Besucher mitgeteilt werden, d. h. er sollte erfahren, welche Exponate, Bereiche oder Informationen er nicht "sinnlich" wahrnehmen kann und sich bei Bedarf und Interesse erklären lassen muss. Der Versuch einer unkritischen "totalen Anpassung" an das Wahrnehmungssystem der Sehenden bzw. "Überspielung" ihrer vorhandenen Einschränkung bei Ausfall des optischen Systems (der "fotografierende Blinde"!) wird dann womöglich zur Karikatur; was Bewunderung provozieren sollte, löst vielleicht nur ein mitleidiges Lächeln aus, das der Blinde aber nicht sieht und was ihm wiederum aus falsch verstandener Rücksichtnahme nicht mitgeteilt wird. Wir sollten umgekehrt den blinden Museumsgast bitten, uns auf sinnvolle "sinnliche" Ergänzungsmöglichkeiten hinzuweisen und zu helfen, unsere gemeinsame Erfahrungswelt zu ergänzen, zu erweitern und zu bereichern.
Eine wichtige Funktion kommt den technischen Medien zu, die bestimmte Kontakte zwischen Besucher und Exponat erst herstellen. "Lebende Exponate" (z. B. Vögel) lassen es erfahrungsgemäß nicht zu, dass sich der blinde Besucher ihnen nähert (… erst recht nicht über die sich langsam vortastende Hand!). Sie sind längst auf- und fortgeflogen. Das mit einem Mikrophon präparierte Futterhaus (ein entsprechender Nistkasten oder ein bei den Vögeln beliebter, technisch ausgestatteter Busch) mit Distanz überwiegender Übertragungsmöglichkeit per Lautsprecher kann zumindest eine akustische Begegnungsmöglichkeit schaffen.
Um hohe, für den blinden Besucher unerreichbare Exponate (z. B. am Giebel angebrachte Relieffiguren) begreifen zu können, wären spezielle Aufgänge, Rampen, Gerüste, Leitern, Balkons oder Ähnliches erforderlich … ein hydraulisch ausfahrbarer Personen-Korb würde bestimmt eine Attraktion für alle Besucher darstellen, aber sicher auch den Kostenrahmen des technisch Machbaren sprengen.
In der Medienkette "vom Realobjekt zum Symbol" ist das Symbol wohl die abstrakteste Form der Vermittlung, ob es sich nun um grafische Zeichen, Piktogramme, Gebärdensprache der Gehörlosen, Übersichten, Graphiken, Schaubilder oder den riesigen unüberschaubaren Bereich der Verschriftlichung von Informationen geht. Unsere zusammengesetzte alphabetische Schrift, die sich inhaltsunabhängig analytisch/synthetisch ab- und aufbauen und verändern lässt und deren Zeichen zumindest in der Gestalt nichts mehr mit dem Sprachinhalt zu tun haben, findet (sieht man von den technischen Kommunikationsprozessen der Informatik oder der Formelsprache der Mathematik ab) in der genialen, bis heute fast unverändert gültigen Blinden-Punktschrift des Louis Braille ihren verfremdetsten und gerade unter Berücksichtigung der Einschränkung effektivsten Ausdruck.
PS: Übrigens sind blinde Menschen häufig schlechtere Begutachter von Adaptionsversuchen, sie sind sehr bescheiden in Erwartung und Anspruch und freuen sich häufig bereits über die Tatsache, dass solche Versuche überhaupt gemacht werden, sie verfügen über so viel Vorstellungskraft, dass sie selbst schwerwiegende Darstellungs- und Gestaltungsfehler ausgleichen, sie sind so auf Anpassung fixiert, dass sie dafür auch "Ungenauigkeiten", "Ungereimtheiten" oder "Widersprüchliches" in Kauf nehmen, und manchmal ist es einfach auch nur ein willkommener Gesprächsanlass.
Darum sollte man blinden Besuchern nicht gleich einleitend erzählen, was man mit der Abbildung darstellen wollte, sondern sie zunächst fragen, "welche Informationen bekommen sie von der Darstellung?"
Siegfried Schröder
Arminiusstr. 28
33100 Paderborn
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