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Eine Betrachtung aus existenzanalytischer und logotherapeutischer Sicht
Erwartungen sind psychologisch gesehen Einstellungen des Menschen, die sich auf mehr oder weniger klare Zielvorstellungen beziehen. Es ist eine vorstellungsmäßige Vorwegnahme von Ereignissen, von bestimmten Denk- und Handlungszielen, die in der Zukunft liegen. Erwartungen sind eine Art Schwebezustand, der das Verhalten und Erleben bestimmt. Erwartungen sind vorwegnehmende Reaktionen auf Handlungen, die erwartet, gewollt, gewünscht, erhofft oder vermutet werden. Ist ein Mensch ausgeglichen und zufrieden, offen und glücklich, selbstbestimmt lebend, sind seine Erwartungen geringer, die Erwartungsspannung auf ein Minimum reduziert.
In meinen telefonischen psycho-sozialen Beratungen und in meinen Seminaren nehmen die Enttäuschungen über nicht erfüllte Erwartungen an Partner, Angehörige, Freunde und Bekannte einen breiten Raum ein. In der Erwartung mache ich mir die Welt so, wie ich sie gern hätte. Die Welt ist jedoch so wie sie ist und richtet sich nicht nach meiner Erwartung. Die Enttäuschung ist also vorprogrammiert. In der Erwartung mache ich mir die Welt ein Stück sicherer und beruhige dadurch meine Verunsicherung und Angst. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, den alle Menschen kennen, verstärkt wird dies durch den Erblindungsprozess. Besonders tragisch wird es dann, wenn so "schleichend" wie die langsame Erblindung ganz unmerklich eine Haltung entsteht, die durch Erwartungen an das soziale Umfeld einsam macht. Wir können durch Selbstkontrolle vorbeugen. Wie das geschehen kann, will ich im Folgenden erläutern.
Unter bestimmten Voraussetzungen können Erwartungen sehr hilfreich sein. Zum Beispiel ist die Erfüllung von Erwartungen gewährleistet in Versprechen, Verabredungen, Absprachen, Vereinbarungen, Verträgen, wenn sie auf gleicher Augenhöhe stattfinden. Die "Vertragspartner" können erwarten, dass die eingegangenen Verbindlichkeiten erfüllt werden. Ohne solche Regelungen ist das Leben nicht denkbar, sie verschaffen uns ein Gefühl von Verlässlichkeit und Sicherheit. Enttäuschungen halten sich bei solchen Regelungen in Grenzen.
Fast vorprogrammiert ist die Enttäuschung, wenn zu einer Stehparty eingeladen wird und ich mich mit der Erwartung auf den Weg mache, "die wissen ja, dass ich nicht gut sehen kann, die werden mir gleich ein Glas bringen und mich einbeziehen in ihren Gesprächskreis". Mit dieser Erwartung bekämpfe ich nur meine Angst und habe mir dabei die Welt etwas sicherer gemacht. Leider werden solche Erwartungen selten so ablaufen, wie ich es gern hätte. Wie kann ich nun aus der erwartenden, einengenden und abhängigen Position herauskommen?
In meinen Seminaren versuche ich, den Erblindungsprozess so aufzuarbeiten, dass wir aufeinander aufbauend die einzelnen Phasen des Erblindungsprozesses - Abschied - Trauer - Loslassen - Akzeptanz - bearbeiten und dann die Teilnehmer/innen wieder öffnen für die Anfragen des Lebens, auf die wir zu antworten haben. In jeder Situation fragt mich das Leben und ich habe zu antworten. Um neue Sinnmöglichkeiten zu entdecken, muss ich aktiv werden und ins Handeln kommen. Die innere Einstellung für den Partybesuch heißt jetzt: "Mal sehen, wie ich mich in das Partygeschehen einklinken kann und wie meine Antwort auf die Anfrage dieser Situation ausfällt." Meine Ausstrahlung ist nun auch für die anderen anziehender, als wenn ich da am Rande mit einem langen Gesicht in erwartender Position stehe.
Die Erwartungen und unsere Erwartungshaltung werden im Rahmen des Themas über Angst bearbeitet. Durch den schleichenden Prozess der Erblindung erleiden wir ständig Kompetenzverluste, die uns verunsichern und Angst machen und unseren Selbstwert schmälern. Ein frühzeitiges Gegensteuern, zum Beispiel sich bewusst machen, dass Erwartungshaltungen uns in eine Opferrolle drängen, wenn Erwartetes nicht geliefert wird, hilft uns. Eine freiwillig und gern gegebene Hilfeleistung ist etwas Wunderbares, aber mit einer Erwartung oder gar Einforderung der Hilfe nehme ich dem Helfer die Freiheit, so zu handeln wie er es gern getan hätte. Denn nun spürt er die Verpflichtung und aus dem Helfen-wollen wird ein Helfen-müssen und der Rückzug ist vorprogrammiert. Der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung bleibt uns oft verborgen, daher ist es wichtig, dass wir uns die Auswirkungen von Erwartungen bewusst machen.
Erwartungen machen den Menschen einsam, klein und abhängig. Außerdem haben wir alle permanent die Tendenz, aus jeder Erfahrung eine Vorstellung und schließlich auch eine Erwartung zu entwickeln. Diese Vorstellungen und Erfahrungen helfen uns, das Leben zu strukturieren und einschätzbarer zu machen. Wenn ich zum Beispiel eine Reise mit einem Reiseführer vorbereite, dann entsteht von dem Reiseland bereits eine Vorstellung und damit auch eine bestimmte Erwartung. Das Wichtige ist hierbei aber nicht, dass wir Erwartungen haben oder nicht, sondern dass Erwartungen nur meine Vorstellungen in den Vordergrund bringen. Die Erwartungen reduzieren das, was ist, auf das, was in der Erwartung erwartet wird. Das ist die Enge der Erwartung.
Ich muss deshalb dieser Tendenz der Erwartung nicht auf den Leim gehen und versuchen, offen für jede Situation zu bleiben. Zum Beispiel erfüllt die Verfilmung eines Romans oft genug nicht die eigenen Vorstellungen. Es kostet Mühe, Erwartungen loszulassen und offen für die Ideen des Drehbuchautors und des Regisseurs zu bleiben. Die eigenen Erwartungen sind bereits fixiert, so dass sich eine Enttäuschung einstellen kann.
In meinen Seminaren werden gehäuft Beispiele eingebracht aus Erziehung, Schule und anderen Bildungseinrichtungen. Die Erwartungen - vor allem an Kinder und Jugendliche - beruhen auf ungleichen, hierarchischen Strukturen. In den seltensten Fällen kann in diesem Beziehungsprozess von Partnerschaft und Gleichberechtigung ausgegangen werden. Hohe Erwartungen an Kinder, Jugendliche, Lehrer und Ausbilder sind kontraproduktiv. Gerade in Zeiten von "Pisa" fördert die verunsicherte Bildungspolitik den Druck auf alle Beteiligten. Die Untersuchungen zeigen deutlich, dass Druck und Erwartungen die Qualität des Lehr- und Lernverhaltens mindern. Ändern können wir das nur, wenn Sicherheit, Geborgenheit, Teamgeist, Gespräche und vor allem Begegnungsmöglichkeiten auf vielfältigen Ebenen angeboten werden.
Personale Kompetenz und nicht defizitorientiertes Arbeiten sollten unseren Lehr- und Lernalltag bestimmen. Wünschenswert wäre ein Schulsystem, in dem alle zusammen lernen und dabei individuell gefördert werden. Die Erwartungen von Eltern an ihre Kinder führen zu einem Erwartungsdruck, weil Leistung, Erfolg und Aufstieg im Mittelpunkt stehen und nicht das Kind mit seinen individuellen Fähigkeiten.
Wie lähmend sich hohe Erwartungen im Sport, zum Beispiel an eine Fußballmannschaft, auswirken können, haben wir schon bei einer Übertragung eines Spiels am Fernseher miterlebt.
Auch in der Zweierbeziehung kann die Erwartung zu großen Problemen führen, denn beide Partner müssen sich selbst kennen und vertreten können. Kenne ich bereits mein Ich und kann ich dazu stehen? Nehme ich mich wichtig oder übergehe ich mich oft? Wenn ich nicht die Beziehung zu mir selbst aufrechterhalten kann, bin ich nicht in der Lage, mich offen auf den Partner einzulassen und gehe in der Beziehung verloren.
Kann ich nicht zu mir in Beziehung stehen, wird das Defizit dadurch ausgefüllt, indem der Partner benutzt wird. Ein Gefühl von Abhängigkeit entsteht. Es wird unerträglich, wenn Vorstellungen und Erwartungen nicht erfüllt werden, weil der Partner sein Eigenes lebt. Begegnungen finden in einer solchen Beziehung kaum statt. Begegnung kann nur da stattfinden, wo kein Hindernis ist, keine Forderung, keine Erwartung, kein Zwang, kein Zweck. Begegnung ist immer unmittelbar und gegenseitig, orientiert sich an individuellen Fähigkeiten und nicht an Defiziten.
Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft für den Partner wird oft mit Liebe verwechselt. Wenn beide diese Einstellung haben, heißt das für die Liebe, dass beide sich aufgegeben haben. Dies gilt ebenso, wenn beide der Erwartung des Partners entsprechen wollen, d. h. vorauseilenden Gehorsam üben und seine eigenen Bedürfnisse nicht zu formulieren und darauf hoffen, dass der andere sie zufällig entdeckt. Auf diese Weise selbstlos zu lieben heißt, sich selbst nicht zu lieben. Es gibt keine Begegnung und bald stellt sich ein mieses Gefühl ein, dass irgendetwas nicht stimmt. Der liebende Dialog braucht Mut, Mut für sich selbst und Mut für die Begegnung mit dem Anderen. Liebe lebt von der Begegnung, das bedeutet weit mehr als eine Beziehung pflegen. Liebe hat auch viel zu tun mit den ursprünglichen Beziehungserfahrungen zu Vater und Mutter und oftmals weniger mit dem Lebenspartner selbst. Dies zu unterscheiden bedeutet, dass jedes Paar die Balance finden muss zwischen Selbst und Gemeinsamkeit. In der Liebe gibt es kein Recht aufeinander, weil die Liebe ein freiwilliges Geschenk ist. Es ist als Geschenk des Anderen zu betrachten und man sollte dankbar dafür sein. Wer diese Freiheit achtet und diesem Geschenk Dankbarkeit zollt, vertieft die Liebe.
In den vorangegangenen Ausführungen über die Tücke der Erwartungen habe ich deutlich zu machen versucht, wie wir uns fixieren und abhängig machen von den Erwartungen und nicht offen bleiben für die Situation und damit authentisch, aktiv und handelnd das Leben gestalten. Wer im Rahmen seiner sich entsprechend dem fortschreitenden Erblindungsprozess ständig verändernden Wirklichkeit versucht sinnvoll und erfüllt zu leben, ist nicht nur zufriedener und glücklicher, sondern er verliert sich auch weniger in Erwartungen und erspart sich damit auch viele Enttäuschungen. Weil Erwartungen jedoch zum Leben gehören, ist es hilfreich, wenn wir uns immer wieder bewusst werden, was Erwartungen mit uns selbst und mit denen machen, die unsere Erwartungen spüren.
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