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Dr. François Van Menxel: Die Westdeutsche Blindenhörbücherei e. V. (WBH) feierte ihr 50-jähriges Jubiläum

Am 6. Oktober 1955 trafen sich zu einem vorbereitenden Gespräch in Münster drei Herren zur Gründung der zweiten Blindenhörbücherei in Deutschland (im Jahr zuvor war die BHB-Marburg gegründet worden): Dr. H. Thiekötter (ehem. Direktor der Stadtbücherei Münster), Hr. Jonas (ehem. Vorsitzender des Blindenvereins Münster) und H. Alstede (ehem. Abteilungsleiter im Landschaftsverband Westfalen-Lippe). Am 3. November 1955 wurde dann die "Blindenhörbücherei des Landes NRW" als Verein gegründet. Am 6. Oktober 2005 hatte nun die Münsteraner Hörbücherei, heute als Westdeutsche Blindenhörbücherei e. V. bekannt, zu einem Festakt anlässlich des 50-jährigen Jubiläums zahlreiche Gäste geladen. Neben Vertretern des sozialpolitischen Lebens, die seit vielen Jahren mit der WBH verbunden sind, waren viele Delegierte der Ortsvereine NRWs und Rheinland-Pfalz" sowie Freunde und Unterstützer der Einladung gefolgt. Da Medibus e. V. ihre jährliche Tagung ebenfalls in Münster abgehalten hatte, konnte die WBH sich über die Anwesenheit vieler Verantwortlicher der Blindenhörbüchereien freuen. Als besonderen Ehrengast konnte die WBH die Witwe des Gründers, Maria Thiekötter, begrüßen, die immer noch mit Interesse die Entwicklung unserer Institution verfolgt.

Diese Entwicklung lässt sich kurz und prägnant darstellen: Ende 1955 waren 10 Hörbücher mit 40 Kopien auf Tonband ausleihbar, im Herbst 2005 stehen knapp 21.000 Titel zur Verfügung, davon ca. 19.000 auf Audiokassetten und ca. 4.100 als digitale DAISY/MP3-CDs. Über 8.500 Hörer genießen den Service der WBH, fast 250.000 Hörbuchtitel werden jährlich ausgeliehen.

Diese rege Ausleihaktivität wird mit einem sehr knappen Personalbestand bewältigt, was nur mit einem von der WBH eigens für Blindenhörbüchereien entwickelten, klugen EDV-Programm gelingen kann. Die WBH war 1981 die erste Hörbücherei, die auf die EDV umgestellt hatte, wobei die Programme zum Selbstkostenpreis auch an andere Hörbüchereien "abgegeben" wurden. Diese sind auch heute noch mit regelmäßigen Aktualisierungen nicht nur in Münster sondern auch in den Hörbüchereien Berlin, Bonn, Leipzig, München und Wien in Gebrauch.

Selbstverständlich hat das digitale Zeitalter auch in Münster Einzug gehalten: seit Herbst 2004 wird nur noch digital produziert. Über 2.500 Hörer nutzen bereits die digitalen Hörbücher, die Kassettenausleihe läuft allerdings ebenfalls weiter. Von den ca. 4.100 vorhandenen DAISY-Titeln sind über die Hälfte WBH-Produktionen. Der digitale Titelbestand wächst sehr schnell, sodass sich die Hörer auf eine rasch wachsende Auswahl freuen können.

Das Bemerkenswerte an dieser Leistung einer "privaten" Hörbücherei ist ihre finanzielle Grundlage: Da die öffentliche Hand in NRW immer sehr restriktiv für die Münsteraner Hörbücherei war und mit ihren finanziellen Zuwendungen weit unter ihrer eigentlichen Pflicht geblieben ist, haben die Verantwortlichen der WBH seit Jahren an die Hörerinnen und Hörer appelliert und um Unterstützung gebeten. Zurzeit stammen jährlich über die Hälfte der benötigten Geldmittel aus den freiwilligen Spenden der Hörer/innen, die nicht nur aus NRW, Rheinland-Pfalz und dem Saarland kommen,  sondern aus allen Teilen der BRD und dem deutschsprachigen Ausland. Die Blindenselbsthilfe kann stolz sein auf "ihre" Blindenhörbücherei - ein Beispiel echter Selbsthilfe. Selbstverständlich dürfen die Nutzer der WBH den freundlichen und effizienten Service der WBH voraussetzen.

Geburtstage und Jubiläen sind zum Feiern da, aber auch Anlass zur Selbstreflexion und zum Nachdenken. Daher wollte die WBH den üblichen Rahmen eines Festaktes überschreiten und bei der Zusammenstellung der Wortbeiträge mehr auf Information und Anregung setzen. Neben den traditionellen Grußworten der Träger der WBH wurden drei Wortbeiträge mehr in Form von Referaten gehalten, die den Dialog zwischen den Hörbüchereien initiieren bzw. fördern sollten. Günter Rohkämper-Hegel, mit seiner eloquenten Stimme seit 40 Jahren Sprecher der WBH, beschrieb die hohen Anforderungen, die an die Sprecherinnen und Sprecher der Hörbüchereien gestellt werden. Er gab für die Kolleginnen und Kollegen einen Einblick in die Welt des Vorlesens und die damit verbundenen Aufspracheregeln, die Grundlage für die Produktion von Hörbüchern sind. Auf amüsante Weise stellte er auch die Störungen und deren Ursachen dar, die sich zuweilen bei der Aufnahme im Studio ereignen können.

Herr Rolf Pitsch, Direktor des Borromäusvereins in Bonn, spornte die Hörbüchereien an, sich noch mehr zu engagieren und die Integration in das deutsche Bibliothekswesen auch von politischer Seite her voranzutreiben. Die Medienwelt und damit auch die Bibliothekswelt sind stark in Bewegung geraten. Im jetzigen Verteilungskampf um noch vorhandene Ressourcen sind strategische Überlegungen in Allianz mit Vertretern ähnlicher Institutionen erforderlich.

Als letzter Redner warnte Klaus Hahn, Vorsitzender des BSV-Westfalen, vor einem unnötigen und sterilen Konkurrenzdenken zwischen den einzelnen Blindenhörbüchereien. Angesichts der Möglichkeiten der neuen digitalen Technik plädierte er für eine neue Organisationsform unter den Institutionen, die dem Gebot der Sparsamkeit und Effizienz in den knapper werdenden Ressourcen und deren Verwendung Rechnung trägt.

Die WBH hofft, dass ihre Jubiläumsfeierlichkeiten zu einer größeren Bekanntheit der verdienstvollen Arbeit der deutschen Hörbüchereien führen und damit die unverzichtbare Funktion für einen barrierefreien Zugang zur Literatur und gedruckten Information für blinde und sehbehinderte Personen deutlich wird.

Anlässlich des Jubiläums sind einige Sonderproduktionen der WBH für alle interessierten Hörer/innen aufgelegt worden. Sie stehen daher nicht nur für Hörer/innen der WBH auf Anfrage kostenlos zur Verfügung. Allerdings würde sich die WBH aber über eine Jubiläumsspende freuen, daher liegt den Sendungen ein vorbereiteter Spendenüberweisungsträger bei. Falls eine Spendenbescheinigung gewünscht wird, sollte dies auf dem Überweisungsträger vermerkt werden, der dann auch die vollständige Adresse enthalten müsste. Folgende Publikationen können also bei der WBH angefordert werden:

  1. Die Festschrift der WBH "Lesen fürs Hören in Münster. 50 Jahre Westdeutsche Blindenhörbücherei 1955 - 2005". Diese Festschrift mit unterschiedlichsten Beiträgen zum Blindenbibliothekswesen ist als DAISY-Hörbuch inkl. Word- und PDF-Dateien erhältlich.
  2. Ein Portrait des langjährigen WBH-Sprechers Günter Rohkämper-Hegel in Form einer Audio-CD beinhaltet kurze Auszüge aus zehn von über 700 Titeln, die er im Laufe von 40 Jahren für die WBH gelesen hat. Der Titel lautet: Lesen mit Günter Rohkämper-Hegel.
  3. Eine DAISY-Fassung des schon 1994 zu Ehren der ersten Sprecherin der WBH, Margret Schmidt-John, herausgegebenen Gedächtnisbuches auf Kassette. Unter dem schlichten Titel "Margret Schmidt-John" sind Auszüge aus ihren Lesungen mit einer Gesamtspieldauer von 250 Minuten veröffentlicht.
  4. Ein vollständiger Mitschnitt des Festaktes vom 6. Oktober 2005 in einer DAISY-Fassung.

Bestellungen können telefonisch, schriftlich oder per E-Mail an die WBH gerichtet werden:

Westdeutsche Blindenhörbücherei e. V. (WBH)

Harkortstr. 9, 48163 Münster

Telefon: 0251  719901, Fax: 0251 712846

E-Mail: wbh@wbh-online.de, Internet: www.wbh-online.de

Der Autor ist Geschäftsführer der WBH.

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