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Dr. Michael Richter: "Fit für den Job"

- Betrachtung und Auswertung der Auftakt-Veranstaltung vom 22. bis 24. September 2005 in Kassel -



Blinden und hochgradig Sehbehinderten muss und wird der DVBS als Kompetenzpartner zur Seite stehen, wenn es um den Eintritt ins Berufsleben oder Begleitung der beruflichen Karriere geht. Dies erkannten alle Verantwortlichen der Selbsthilfeorganisation verstärkt, als 2004 die Aktivitäten rund um Einführung und Umsetzung des Rechtsanspruchs auf eine selbst organisierte Arbeitsassistenz begannen. Nicht nur weil im Zuge der Arbeitsmarktreform neue Probleme für Schwerbehinderte auftauchten (siehe Artikel ""Blinde Kuh" oder nur "Bäumchen wechsel dich"?", horus 3/2005) und Betroffene im Umgang mit dem Rechtsanspruch auf eine Arbeitsassistenz weiterhin im Unsicheren blieben. Vor allem war es die Erkenntnis: Auf dem "engen Arbeitsmarkt" können derzeit selbst die kleinsten behinderungsspezifischen Defizite nicht mehr durch überdurchschnittliche fachliche Qualifikationen ausgeglichen werden.



So kam es zur Seminarreihe in der jetzt begonnenen Form. Als kompetente Partner konnten das SZS-Karlsruhe für die Themen "Blinden- und sehbehindertengerechtes Bewerbungstraining" und "Spezielle Weiterbildungsmöglichkeiten" gewonnen werden (Referenten: Joachim Klaus und Andrea Gaal), die ZAV (Herr Schwarzbach) vertrat das Thema "Auswirkungen der Arbeitsmarktreform", das ZSL-Mainz (Frau Trapp) beschäftigte sich mit "Schwerbehinderte Existenzgründerinnen/Existenzgründer", und die blista (Herr Schwede) informierte zum Bereich "Arbeitsplatzausstattung und Reha".



Einen Eindruck, was professionelles Berufscoaching für blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen leisten kann, wurde durch Herrn Dr. Pfeiffer und Herrn Datenée vermittelt - zwei Experten, die mit den Ansprüchen von Arbeitgebern an Bewerber in der Praxis vertraut sind. Michael Richter (DVBS) komplettierte das Referententeam mit Ausführungen zu berufsrelevanten rechtlichen Aspekten.



34 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden von Karsten Warnke, dem 2. DVBS-Vorsitzenden, begrüßt. Nach einer Vorstellungsrunde sowie ausführlicher Konzepterläuterung im Plenum folgte eine Einteilung in drei Gruppen. Jede absolvierte in unterschiedlicher Reihenfolge die jeweils dreistündigen Blöcke:





Ausnahmslos alle Angebote stießen auf ein großes Interesse. Die Themen trafen den Bedarf der Betroffenen, so der Eindruck der Referenten am Donnerstagabend nach einem ersten Erfahrungsaustausch. Eine Einschätzung, die durch die Auswertung von 30 Fragebögen, die Teilnehmende nach Durchlauf aller "Themenstationen" ausgefüllt hatten, eindrucksvoll bestätigt wurde. In einer vierstelligen Bewertungsscala von "sehr gut" bis "nicht gut" bewerteten acht Teilnehmer/innen das Auftaktseminar mit "sehr gut", 18 mit "gut" und nur vier mit "befriedigend", keiner aber mit "nicht gut". Hauptkritikpunkt war - neben kleineren organisatorischen Mängeln (z. B. nicht genügend Tagungsassistenz) - der Wunsch nach einer größeren Themenvertiefung.



Der riesige Bedarf an weiterer Unterstützung zu den angebotenen Workshop-Themen wurde bei der Frage nach dem Interesse an Folgeveranstaltungen überdeutlich: Von den 30 "ausgewerteten" Teilnehmenden äußerten 26 ein ernsthaftes Interesse an einem speziellen und umfangreicheren Seminar zum Thema "Berufscoaching", 24 für ein spezielles Bewerbertraining, 15 für eine vertiefende Fortbildung zu den Themen "Arbeitsmarktreform, Existenzgründung und rechtliche Ansprüche" und zwölf für ein Angebot im Bereich der Beratung "Arbeitstechnik und Rehabilitation".



Eine Resonanz, die von den Referenten in dieser Eindeutigkeit nicht unbedingt von Anfang an erwartet worden war. Denn schließlich standen die Teilnehmer/innen in verschiedensten Stadien des Berufslebens, repräsentierten die unterschiedlichsten Berufsbilder, und bildeten von ihrer Sehbehinderung her eine heterogene Gruppe - Blinde, Sehbehinderte und "Sehrestler" verschiedener Stufen.



Das erfreuliche Ergebnis dürfte den DVBS als Veranstalter der Seminarreihe aber auch mit erheblichen Problemen konfrontieren. Denn auf der einen Seite wurde deutlich, dass ein enormer Bedarf für behinderungsspezifische Seminarangebote besteht, die es Betroffenen ermöglichen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Veranstaltungen dieser Art liefern ein deutliches Zeichen in Sachen Themenbesetzung und tragen damit zur Profilbildung und Mitgliedergewinnung des Vereins bei - etwa die Hälfte der Teilnehmer waren (noch) keine DVBS-Mitglieder.



Auf der anderen Seite ist die Finanzierung solcher Angebote aber äußerst schwierig - sie ist nach derzeitiger Rechtslage nur über Projektfinanzierungen möglich.

Selbstverständlich spricht für das weitere Engagement des DVBS, dass er als spezifische Interessenvertretung - vielleicht als einzige Organisation - in der Lage ist, verschiedene Kompetenzpartner zu gewinnen und ein sinnvolles und effektives Gesamtangebot in diesem Bereich zu konzipieren. Auf der anderen Seite muss aber auch gesehen werden, dass er mit dieser Aufgabe einer Verantwortlichkeit nachkommt, die für "nichtbehinderte" Menschen durch öffentlich finanzierte Angebote von Bildungsträgern abgedeckt wird.



Schon wenn es nur einer Person gelingt, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, sich selbstständig zu machen oder den Arbeitsplatz zu behalten, werden der Öffentlichkeit schnell Kosten in Höhe einer ganzen Seminarreihe mit mindestens sechs Veranstaltungen (ca. 40.000 Euro) erspart. Gelder, die zuständige Stellen derzeit häufig ausgeben, um blinde oder hochgradig sehbehinderte Menschen in Weiterbildungsmaßnahmen zu schicken und die z. B. aufgrund einer fehlenden Hilfsmittelausstattung oder wegen der zwangsläufig fehlenden Kompetenz der Veranstalter für behinderungsspezifische Fragen völlig am Bedarf der Betroffenen vorbeigehen und eine echte Fehlinvestition darstellen.



Obwohl eine Refinanzierung für Folgeveranstaltungen derzeit noch nicht gesichert ist, wird bereits dieses Jahr - vom 2. bis zum 4. Dezember in Karlsruhe - mit einem speziellen Bewerbertraining das erste Folgeseminar stattfinden. Seminare zu den Themen "Berufscoaching" und "Arbeitsmarktreform, Existenzgründung und rechtliche Fragen" sind für das erste Halbjahr 2006 vorgesehen. Die genauen Termine werden von Finanzierungszusagen und der notwendigen Organisationsvorlaufzeit abhängen.



Auf jeden Fall werden im Jahr 2006 verschiedene so genannte "disability mentoring days" stattfinden. Hier haben namhafte Firmen (z. B. Daimler-Chrysler, Siemens, Telekom etc.) zugesagt, jeweils für einen oder mehrere Tage blinde oder hochgradig sehbehinderte Menschen mit unterschiedlichen Berufsbildern einen Einblick in ihre Arbeitswelt zu gewähren. Diese Angebote bieten Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Chance, sich (und das Unternehmen) zu fragen, ob sich vielleicht Beschäftigungsmöglichkeiten bieten und welche Voraussetzungen er/sie hierfür mitbringen muss.



Unabhängig von den weiteren Veranstaltungen hat das Auftaktseminar jedoch eindeutig gezeigt: Für Menschen mit einer wesentlichen Sehbeeinträchtigung ist ein spezielles Angebot zur Integration in das Arbeitsleben absolut notwendig, gerade unter den derzeit sehr eingeschränkten Möglichkeiten des allgemeinen Arbeitsmarktes.



Wenn es um Blinde oder hochgradig Sehbehinderte geht, sind es häufig nicht die mangelnden fachlichen Qualifikationen, die einer Einstellung im Wege stehen, sondern Defizite im Umgang mit Gestik, Mimik oder das Bewusstsein um seine/ihre Wirkung auf die Umwelt - wenn die alltägliche Umwelt in Bezug auf Kleidung oder Auftreten wenig Rückmeldung gibt. Dazu kommen Unsicherheiten im Umgang mit einer technischen Arbeitsplatzausstattung, beim Wissen um Fördermöglichkeiten für den Arbeitgeber oder um Finanzierungsansprüche für notwendige Ausstattungen.



Diese Erkenntnis wurde von allen beteiligten Referenten - die alle professionell mit der Integration von behinderten Menschen in das Arbeitsleben befasst sind - geteilt.



Weiterhin besteht ein großes Interesse daran, auch künftig weitere Organisationen oder Einrichtungen in die Seminarreihe einzubeziehen. Dies zeigt, dass das vorliegende Konzept einer vernetzten Struktur von "Integrationsexperten" auf dem Gebiet der Teilhabe am Arbeitsleben der richtige Ansatz ist. Einige dieser "Interessenten" haben bereits Teilnehmer zur Auftaktveranstaltung geschickt, so dass ein Ausbau der Seminarreihe rein fachlich problemlos möglich wäre.



Der Ausbau oder sogar eine Verstetigung einer solchen Veranstaltungsreihe wird jedoch von der Refinanzierbarkeit derselben abhängen. Der DVBS hat mit der Risikoübernahme und teilweisen Finanzierung einiger Veranstaltungen des laufenden "Pilotprojektes" sicherlich seinen Teil dazu beigetragen, eine sinnvolle und hochgradig notwendige Hilfe für hoch qualifizierte Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung zu entwickeln. Dauerhaft wird ein solches Angebot nur mit öffentlicher Refinanzierung durch Arbeitsagenturen, Arbeitsgemeinschaften und Kommunen oder mit Unterstützung durch Stiftungen und anderer Spender möglich sein. Kurzfristig ist durch eine Kostenübernahme durch die zuständigen öffentlichen Stellen allerdings nicht zu rechnen, da viele Erwerbslose oder Studienabgänger allenfalls im Rahmen von "Standardmaßnahmen" durch "allgemeine Bildungsträger" gefördert werden. Eine Refinanzierung über Seminarbeiträge der Teilnehmer ist natürlich auch nicht möglich, da gerade für die genannten Personenkreise ein mehr als symbolischer Beitrag in aller Regel finanziell nicht darstellbar ist.



Stellen wir uns also unserer zukunftsweisenden Aufgabe, machen wir uns an die Arbeit und stellen Anträge, Anträge, Anträge oder finden einen potenten Geldgeber.

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