Dr. Werner Liese: Chemie auch für Blinde und Sehbehinderte im neu eröffneten Chemikum Marburg

Am 4. Oktober 2005 wurde am Fachbereich Chemie der Philipps-Universität Marburg das Chemikum Marburg in Anwesenheit von Oberbürgermeister Egon Vaupel durch die hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger und Dekan Professor Dr. Ulrich Koert eröffnet.



Eine Woche lang konnten insgesamt über 700 Chemie-Interessierte mehr als drei Dutzend Experimente im Mitmach-Labor in jeweils zwei Durchgängen am Tag unter Anleitung fachkundiger Assistenten selbst durchführen. Neben den zusätzlich angebotenen Experimentalvorträgen fanden an zwei Tagen auch noch spezielle Veranstaltungen für Kinder von vier bis zehn Jahren statt.



Von Anfang an war die Deutsche Blindenstudienanstalt an den Vorbereitungen beteiligt. Professor Dr. Dr. hc. Kurt Dehnicke, emeritierter Hochschullehrer für anorganische Chemie, Erfinder und Spiritus Rector des Chemikums, stellte dafür im Januar 2005 die Weichen. In einem Gespräch mit dem Vorsitzenden der Deutschen Blindenstudienanstalt, Herrn Jürgen Hertlein, dem kaufmännischen Vorstand, Herrn Arno Kraußmann, dem Direktor der Carl-Strehl-Schule (CSS), Herrn OStD Dr. Weström und Dr. Werner Liese, ehemaliger Doktorand von Professor Dehnicke und Lehrer für Chemie und Biologie an der CSS, wurde vereinbart, dass das Chemikum auch für Blinde und Sehbehinderte zugänglich gemacht werden soll.



Mehr als zwei Jahrzehnte lang wurden im Elektroniklabor der CSS spezielle Verfahren und Geräte entwickelt, die erstmals blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schülern Experimente zugänglich machten, die ihnen bisher weitgehend verschlossen waren. Helligkeiten werden dabei in unterschiedliche akustische Signale umgesetzt, Messwerte der unterschiedlichsten Instrumente werden per Sprachausgabe angesagt. Gleichzeitig können zahlreiche Geräte direkt an digitale Großanzeigen und Computer angeschlossen werden, um sie für Sehbehinderte ablesbar zu machen. Diese einzigartige Technologie soll nun auch nach und nach dem Chemikum Marburg zur Verfügung stehen.



In ihrer Einführungsansprache sagte Sozialministerin Silke Lautenschläger: "Das Chemikum ist eine wunderbare Idee, die mir selber wieder Lust am experimentellen Entdecken macht. Ganz typisch für die Marburger Universität, werden auch hier explizit blinde Mitbürger aktiv in die Welt des eigenen Experimentierens mit einbezogen."



Nach umfangreichen Vorbereitungen, an denen neben Professor Dehnicke auch Dr. Michael Schween, maßgeblicher Motor beim Aufbau dieses Chemie-Museums sowie weitere Wissenschaftler beteiligt waren, konnte ein Laborbereich des Chemikums speziell mit Experimenten, die auch für Blinde und Sehbehinderte zugänglich waren, ausgestattet werden. Für die grafische Ausgestaltung der aufgestellten Schautafeln im gesamten Laborbereich sowie für das Logo war Michael Weitzel, technischer Zeichner und Mitarbeiter des Medienzentrums in der Carl-Strehl-Schule, verantwortlich. In einem Experiment wurden Gasgemische aus vier Alkanen sowie Feuerzeuggas mit einem einfachen Gaschromatografen untersucht. Die Ausgabe der Messwerte erfolgte hier durch einen angeschlossenen Tongenerator, der die auf dem Computerbildschirm sichtbare Kurve als akustische Tonfolge für Blinde ausgeben konnte. Gleichzeitig waren die Messwerte per Sprachausgabe sowie über eine 110 mm hohe Leuchtanzeige zugänglich. In einem anderen Experiment wurde der Hochofenprozess in einer Haushaltsmikrowelle bei Temperaturen von fast 1400° C durchgeführt, wobei die Farben der Ausgangs- und Endprodukte mit einem Farbmesser per Sprachausgabe erkennbar wurden. Helligkeitsunterschiede, Magnetismus und elektrische Leitfähigkeit wurden mit dem an der Deutschen Blindenstudienanstalt entwickelten OPTOPHON und unterschiedlichen Sonden akustisch dargestellt, wobei zusätzlich eine Kamera mit Teleobjektiv die Versuchsbeobachtung unterstützte.



Darüber hinaus konnten die Besucher zwei für Blinde und Sehbehinderte besonders geeignete Computerprogramme ausprobieren. Zum Thema "Roheisen- und Stahlherstellung" wurde eine CD mit natürlicher Sprachausgabe zum Einsatz gebracht, die unter Mitarbeit der Deutschen Blindenstudienanstalt entstanden ist. Diese Produktion erhielt als Auszeichnung im Jahr 2003 den Corporate Media Award: "Sonderpreis beste barrierefreie Anwendung für Eisengewinnung und Stahlherstellung". Das vom Stahlwerk "Dillinger Hütte" im Saarland und dem Land Rheinland-Pfalz finanziell unterstützte Werk der Firma plonsker media, Ludwigshafen, steht auch im Internet unter www.stahl4you.de zur Verfügung.



An einem anderen PC-Arbeitsplatz mit Sprachausgabe und Vergrößerungssoftware konnte das neu entwickelte und sehr leistungsfähige MS-Word TM  - Zusatzprogramm LiTeX gezeigt werden, das Blinden und Sehbehinderten das Schreiben chemischer und mathematischer Formeln deutlich erleichtert. Das umfangreiche Programm steht jetzt im Internet unter www.werner-liese.de zum kostenlosen Download bereit.



Nähere Informationen zum Chemikum können unter www.chemikum-marburg.de nachgelesen werden. Wegen der vielen Anmeldungen konnten nicht alle Interessenten einen Termin bekommen, sodass weitere Veranstaltungen für das Jahr 2006 geplant sind.

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