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Georgien ist ein schönes Land. Eingezwängt zwischen dem großen Kaukasus im Norden mit seinen hohen, teilweise über 5.000 m aufragenden Bergen und dem kleinen Kaukasus, der die Grenze zur Türkei im Süden bildet, erstreckt sich ein Land etwa von der Größe Bayerns. Georgien hat ungefähr 4,5 Millionen Einwohner, von denen ca. 1,3 Millionen in der Haupstadt Tbilissi (Tiflis) leben. Alle Klimazonen sind in Georgien vertreten: im Westen, an der Schwarzmeer-Küste herrscht ein subtropisches Klima vor, mit Teeplantagen, Mandarinen-Hainen; in Nordost-Georgien befindet sich das bekannte Weingebiet mit gemäßigtem Mittelgebirgsklima, an welches sich ganz im Osten, im Grenzgebiet zu Aserbeidschan, eine beeindruckende Halbwüsten-Landschaft anschließt.
Das Interesse an den großartigen Kulturdenkmälern, den Zeugnissen einer der ältesten christlichen Kulturen dieser Welt, hat mich vor einiger Zeit dazu veranlasst, nach Georgien zu reisen, woraus sich dann eine intensivere Beziehung entwickelte. Die Reise im Herbst 2005 sollte auch eine Antwort auf die Frage bringen: Wie geht es eigentlich den Blinden in Georgien? - Und darüber will ich im Folgenden berichten.
Zur Vorbereitung der Reise traf ich mich mit einem mir von Freunden empfohlenen gut deutsch sprechenden georgischen Kaufmann, Georg Tschelidse, der seit einigen Jahren in Herdecke lebt. Die Absicht war, Kontaktadressen vertrauenswürdiger Menschen in der Hauptstadt zu erhalten, die mir verlässliche Auskünfte würden geben können. Lange hörte ich nichts, bis es kurz vor meiner Abreise hieß, ich sei am Tage meiner Ankunft in Tbilissi zu einer Festtafel eingeladen, und dort werde sich mir die Gelegenheit bieten, geeignete und glaubwürdige georgische Ansprechpartner kennen zu lernen.
Das war ein typisch georgischer Einstieg in eine Erkundungsphase, die ich mir völlig anders - eben westeuropäisch - vorgestellt hatte: während mein Ziel war, Telefonnummern und Adressen zu erhalten, die nüchtern abzuarbeiten ich mir vornehmen wollte, wurde ich hier nun mit großer Wärme und Aufgeschlossenheit in eine Gruppe von Menschen eingeführt, die an der Situation von Blinden in Georgien interessiert und auch durch Blindheit oder Sehbehinderung teilweise selbst Betroffene waren.
Gastgeber war Amiran (sehbehindert) und seine Ehefrau (blind), Lehrerin für georgische Literatur in der Blindenschule in Tbilissi, und anwesend waren die Freunde: Maler, Poeten, Philosophen, ein Biologe, Kaufleute, ein Sänger und ein Vertreter der Deutschen Botschaft. Jeder Gast - das ist so üblich bei einer georgischen Festtafel - trug etwas vor: Gedichte, ein Lied, einen Gedanken; es war ein überaus angenehmer und vergnüglicher Abend, an welchem mir zwar nichts entging, ich aber auch kaum etwas verstand.
Es folgte nun eine Woche, in welcher ein Treffen auf das nächste folgte, und in dichter, angenehmer Gesprächsatmosphäre wichtige Aspekte der Gesamtsituation Blinder in Georgien erörtert wurden. Unterstützt wurde ich dabei aufopferungsvoll durch Georg Tschelidse, der als Übersetzer, Fahrer und Organisator unablässig tätig war und ebenso durch seine Freunde in Tbilissi.
Es gibt nur eine Blindenschule in Georgien: eben die in Tbilissi. Eine Georgierin, Nino Abaschidse-Bugowskaja, hat sie um etwa 1900 gegründet. Man betritt ein wuchtiges dreistöckiges Gebäude mit düsteren Gängen (dafür aber schönen Treppenaufgängen). Die Klassenzimmer sind eng und schmal, wenig Licht fällt in die Räume, sie sind sämtlich ungeheizt. Die Räume und auch die sanitären Anlagen sind in einem sehr schlechten Zustand.
Bis zu 150 Schüler sollen diese Schule besuchen können (derzeit sind es etwa 60), und ein Internat befindet sich im dritten Stock des Gebäudes; dort allerdings wohnen nur wenige Schüler. Die meisten Schüler kommen aus der Hauptstadt und ihrer Umgebung. Was mit blinden jungen Menschen aus Westgeorgien - angesichts der Verkehrsverhältnisse eine Tagesreise von Tbilissi entfernt - geschieht, wusste man nicht.
Die Lerngruppen sind klein (ich sah 2 - 4 Schülerinnen und Schüler). Die Schule umfasst die Klassen 1 bis 11, letztere ist die reguläre Abschlussklasse. Schulabgänger, die studieren wollen, müssen an der Universität eine Aufnahmeprüfung machen. Alle Schülerinnen und Schüler sind blind oder haben nur einen geringen Sehrest.
Es gibt keine Sehrestberatung, keine Frühförderung, kein Orientierungs- und Mobilitätstraining. Die Schüler werden von den Eltern gebracht und abgeholt, teilweise warten die Eltern in der Schule auf das Unterrichtsende, um sie wieder nach Hause mitnehmen zu können. Es gibt auch keine berufliche Ausbildung.
Ich sah keine Punktschriftmaschine: alle Schüler schrieben mit der metallenen Schreibtafel, auf schlechtem, grobfaserigem Papier, auf welchem sich die Punkte nur schlecht hielten. Es gäbe eine Punktschriftmaschine in der Schule, man wusste aber nicht genau wo. Ich sah ein altes elektronisches Lesegerät im Lehrerzimmer, verstellt, verstaubt, kaum genutzt.
Nach ihrem dringlichsten Wunsch befragt, antworteten die Lehrer durchweg so: Wärme sei nötig - in der kalten Jahreszeit sei das Arbeiten mit der Brailleschrift in den ungeheizten Räumen nicht möglich (von Dezember bis März wird die Schule wegen der Kälte geschlossen); Bücher seien nötig - man habe noch die alten aus der sowjetischen Zeit, zum Teil nicht mehr leserlich, da mit schlechtem Papier hergestellt; in dem Musikbereich - Kernbereich georgischen Lebensgefühls - fehle es an Musikmaterialien, Abspielgeräten und dergleichen.
Den Behinderten, den Blinden zumindest, ging es in der "sowjetischen Zeit" besser: sie erhielten staatliche Zuschüsse für ihre Einrichtungen, für ihren persönlichen Lebensunterhalt, und sie konnten auch in Werkstätten sinnstiftende Arbeit finden. Nicht weit von der Blindenschule entfernt, in einem der besseren Stadtteile am Rande von Tbilissi, befindet sich das große Areal der Blindenunion: hier leben erwachsene Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung zusammen mit ihren Familienangehörigen, und früher konnten sie hier in den angegliederten Werkstätten auch arbeiten. Geldmangel führte dazu, dass diese Werkstätten an andere Gewerbetreibende vermietet werden mussten. Übrig blieb eine (öffentliche) Bibliothek und ein kleines Büro, in welchem die Zeitschrift "Sinatle" ("Das Licht") in einer Auflage von 30 Stück hergestellt wird. Da es keine georgische Kurzschrift gibt, wird alles über einen alten Punktschriftdrucker aus der Schweiz in Vollschrift auf schlechtem Papier ausgedruckt. Amiran, den ich beim Festessen kennen gelernt hatte, arbeitet hier und auch Zira, eine blinde junge Frau, auch Lehrerin in der Blindenschule, deren ausgesprochen gut artikulierte und gewählte Sprache (ich verstand natürlich nichts) mich begeisterte.
Man versucht, über Gesprächskreise in der Bibliothek und auch über einen Chor sich am kulturellen Leben in Tbilissi zu beteiligen, aber ich verhehle nicht, dass mich dort das Gefühl beschlich, mich in einem Ghetto zu befinden. Bedrückt verließ ich das Gelände. Werkstätten müssten dringend aufgebaut werden. Welche Dienstleistungen sollten eingerichtet werden (Massage?, Physiotherapie?, Gärtnerei?, Musik?)? Welche Persönlichkeiten aber könnten angesichts der außerordentlich beengenden und bedrängenden Lebensumstände in Georgien die Kraft - und die Mittel - zur Übernahme von Initiativen - und Verantwortung aufbringen?
Herr Revaz Maisuradze ist Vorsitzender der Blindenunion in Georgien: ein lebhafter kräftiger Mann. Er berichtete, dass die Union, eine nichtstaatliche Organisation, 1926 als "Blindengesellschaft Georgiens" gegründet, derzeit 3.785 Mitglieder im Lande habe (Jahresbeitrag: 1 Lari/Jahr, das sind ca. 50 Cent für Arbeitslose, aber kaum einer habe Arbeit). Natürlich sei die Union Mitglied in der EBU, der WBU und auch im ICEVI, aber man könne die Mitgliedsbeiträge nicht bezahlen, und schon gar nicht die Teilnahme an den Tagungen und Konferenzen. Die dringlichste Aufgabe der Blindenunion sähe er in der Sorge um die Beschäftigung Blinder und in dem Bemühen um die soziale und kulturelle Integration Blinder in die Gesellschaft. - Man bemerkt: die programmatischen Zielvorstellungen gleichen denen überall in Europa - hier allerdings vor dem Hintergrund einer gänzlich verschiedenen gesellschaftlichen Ausgangssituation!
Ältere Blinde erhielten 22 Lari/Monat (ca. 11 Euro) Rente vom Staat, und die Union unterstütze studentische Mitglieder mit ca. 10 Lari/Monat, berichtet der Vorsitzende (Anmerkung: das offizielle Existenzminimum liegt bei 220 Lari!).
In seinem Büro sieht man einen mit PC und Braillezeile ausgestatteten Arbeitsplatz; einen anderen - veralteten - PC konnte man im Büro der Zeitschrift "Sinatle" sehen - sonst nirgendwo in den Bereichen, die ich besuchen konnte.
Durch diesen Besuch vertiefte sich bei mir der Eindruck, dass ein Impuls in Richtung der Stärkung des Selbsthilfegedankens zwar im Ansatz nicht unrichtig ist, angesichts der tatsächlich vorherrschenden Bedingungen zurzeit aber kaum Widerhall finden dürfte.
An einem Sonntag (!) wurden wir von der stellvertretenden Ministerin für Bildung und Wissenschaft, einer eleganten, gut englisch sprechenden Dame, Frau Bela Tsipuria, empfangen. Das Ministerium befindet sich in einem älteren Stadtteil von Tbilissi mit Gebäuden, die die ehemalige Pracht der Stadt erahnen lassen. Es ist ein restauriertes ehemaliges Gymnasium mit herrlicher Eingangshalle, wunderschönen Treppenaufgängen und hellen, großen Räumen (so schön können Klassenzimmer sein!). Sie bewirtete uns mit georgischem Traubenmost und herrlicher Schokolade. Es herrschte - wenn auch sonntäglich gemäßigter - Betrieb im Gebäude.
Ihr waren die bedrückenden Zustände in der Blindenschule bekannt. Die Regierung habe aber sehr viele Aufgaben im Lande zu erfüllen, wofür natürlich viel zu wenig Geld vorhanden sei. Ihre Hauptsorge sei die Eingliederung junger Menschen in die Arbeitswelt; die allgemeine Arbeitslosigkeit in Georgien beunruhige die Regierung zutiefst. Infolgedessen gelte ihre Hauptsorge der beruflichen Ausbildung junger Menschen, natürlich auch die der Menschen mit Blindheit. Eine der Hauptschwierigkeiten sei es, dort, wo es nötig sei, verlässliche Menschen mit Gestaltungswillen zu finden, denen vertrauensvoll Mittel zur ergebnisorientierten Förderung geeigneter Projekte übergeben werden könnten. Wichtig sei aber auch die Kooperation mit in Georgien tätigen ausländischen Firmen - sie sprach von BP und von türkischen Firmen - , die Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen sollten. Insbesondere mit BP sei man hier auf einem Erfolg versprechenden Weg, wobei sie natürlich nicht junge blinde Menschen im Fokus hatte.
Am Tag meiner Abreise aus Georgien fand ein besonderes Ereignis statt, welches mich wieder völlig überraschte: Künstler, Dichter, Journalisten, die am ersten Festessen teilgenommen hatten, dazu ein Photograph, ein bekannter georgischer Bergsteiger und andere trafen sich alle in der Blindenschule in Tbilissi. So, als ob diese Menschen zum Ausdruck bringen wollten: "wir kommen zu Euch, wir nehmen Euch wahr und wir wollen mit Euch arbeiten". Die Schüler waren festlich gekleidet, und es fand eine rührende und ungezwungene Begegnung statt, in der auch die eine oder andere Verabredung vereinbart wurde (so wollte zum Beispiel der Bergsteiger mit einigen Schülern den 5040 m hohen Kazbek besteigen). Ich wurde bestürmt mit Fragen, wie es denn Blinden in Deutschland erginge und berichtete - wie ich hoffe - mit den in der aktuellen Situation in Georgien angemessenen Worten.
Dass ich während der Reise im Herbst diesen Jahres so vielen anregenden Menschen habe begegnen und dabei Einsichten in die Lage der Menschen mit Blindheit in Georgien habe gewinnen können, verdanke ich der umsichtigen Planung und sprachkundigen Führung durch Georg ("Gogi") Tschelidse, dem Kaufmann aus Herdecke und seinen vielen Freunden in Georgien.
Ich habe von dieser Reise die Überzeugung mitgenommen, dass in diesem Land vor allem im Bereich der Ausbildung junger Menschen mit Blindheit tatkräftige Unterstützung durch Fachkundige notwendig ist. Ich meine auch, in Georgien Menschen gefunden zu haben, mit deren Hilfe die zielorientierte Entwicklungsarbeit umgesetzt werden kann. Am vordringlichsten scheint mir Hilfe im Bereich der Ausstattung der Schule (PS-Maschinen, Papier, Musik-Bereich), in der beruflichen Ausbildung Blinder (z. B. IT-Technologie), in der Frühförderung und im Bereich der Rehabilitation.
Der hier vorgelegte Bericht sollte nicht nur informieren, sondern auch dazu führen, in Deutschland diejenigen Menschen zu finden, die an der Situation Blinder in Georgien interessiert sind und an ihrer notwendigen Verbesserung mitwirken wollen. Zur Koordination zielgerichteter Aktionen stehe ich bereit (Kontakt: westroem@blista.de).
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