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Prof. Dr. Kurt Jacobs: Blinde und sehbehinderte Menschen als Manager ihrer eigenen Behinderung

- eigene Erfahrungen und kritische Überlegungen im Rahmen einer autobiographischen Skizze

Teil 2 (Beruf und Sehschädigung)

3. Beruf - Auf der Suche nach kollegialer Solidarität und menschlichem Miteinander

Nach Abschluss meines Referendariats als Diplom-Handelslehrer an der Kaufmännischen Berufsfachschule der Carl-Strehl-Schule an der Deutschen Blindenstudienanstalt und nach meiner vollständigen Erblindung im Oktober 1968 unterrichtete ich nach Ablegung der Zweiten Staatsprüfung im Sommer 1968 noch zwei Jahre lang als blinder Berufsschullehrer an der Kreisberufs- und Berufsfachschule in Kirchhain im Bezirk Kassel.

Nachdem die nach meiner vollständigen Erblindung noch erfolgten zwei Operationen es nicht vermocht hatten, mir das Augenlicht wiederzugeben, war nunmehr endgültig das eingetreten, was ich zwar im tiefsten Innern immer befürchtet, aber bis dahin auch gut verdrängt hatte: Ich war nun endgültig blind! Für meine weitere Lebensplanung stand ich am Scheideweg und entschloss mich in einem tiefgehenden Auseinandersetzungsprozess schließlich dazu, das Management meiner Blindheit nunmehr als zentrale Lebensaufgabe auf dem Fundament meines mir von meinem Vater eingepflanzten Lebenszutrauens anzunehmen.

Dennoch begleitete mich in den kommenden Wochen ein großes Maß an Existenzängsten, befand ich mich doch als junger Ehemann und Vater von zwei kleinen Söhnen von sieben und einem Jahr im Status eines Beamten auf Probe, dem jeden Tag gekündigt werden konnte, wenn seine Blindheit entdeckt wurde. Daher trainierte ich in den drei Wochen Weihnachtsferien 1968/69 fast täglich in der leeren und winterlich kalten Schule die Wege vom Lehrerzimmer zu den Klassenräumen, in denen ich unterrichtete, prägte mir die Sitzanordnung in den einzelnen Klassenräumen ein und übte Tafelanschrieb in Druckschrift. Der Erfolg dieses Trainings hatte zur Folge, dass ich nunmehr durchweg viel sicherer meine Wege in der Schule bewältigen konnte als zu dem Zeitpunkt zuvor, da ich noch als Sehbehinderter in Ausnutzung meines Sehrestes doch oft sehr unsicher wirkte. So blieb meine Blindheit nicht nur für zwei Jahre mein Geheimnis, sondern ich musste mich auch mit einer gewissen schauspielerischen Leistung mit darüber freuen, wenn meine Kollegen sich über den vermeintlichen Erfolg meiner Operationen und die vermeintliche Verbesserung meines Sehvermögens wunderten. Rückblickend kann ich auch heute noch erfreut feststellen, dass ich an der Kreisberufs- und Berufsfachschule ich Kirchhain in den zwei Jahren nach meinem Referendariat ein hohes Maß an solidarischem Verhalten und unaufgeforderter Hilfestellung von Seiten des Kollegiums und der Schülerschaft erleben durfte, auch wenn mich die ständige Bewunderung für meine Rolle als vermeintlich immer noch sehbehinderter Kollege wiederum in eine Sonderrolle brachte, die einer e c h t e n Integration hinderlich zu sein schien. In Anbetracht angestrebter Normalität stellt sich da natürlich immer wieder die Frage "Wer will schon gerne immer bewundert werden?"Auch wenn mir nach Annahme meines Rufes in den Hochschuldienst am Institut für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik der Universität Dortmund mein Abschied recht schwer fiel, so verband ich diesen Abschied dennoch mit der Hoffnung, dass an einem Universitätsinstitut, an dem ausschließlich Blinden- und Sehbehindertenpädagogen als Wissenschaftler arbeiteten, mir ein bisher nicht geahntes Quantum an Solidarität und Einfühlungsvermögen bezüglich der Auswirkungen meiner Blindheit zuteil werden würden. Der markante Satz des Institutsdirektors, "Ihre Blindheit ist hier kein Problem!", erinnerte mich an den Abwehrmechanismus der Verleugnung in meinem Elternhaus. Natürlich war und ist Blindheit ein Problem in einer Gesellschaft der Sehenden! Im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass dieser Satz zum Ausdruck brachte, dass die Probleme eines im Hochschuldienst tätigen blinden Mitarbeiters nicht in ihrer Konkretheit bekannt waren.

Leider nutzten weder er noch die übrigen 'fachkompetenten' Kolleginnen und Kollegen die Chance, sich über den Zusammenhang der Art meiner Augenerkrankung (und der damit zusammenhängenden Wahrnehmungs- und Managementerfahrungen) und der damit verbundenen alltäglichen Auswirkungen im Sinne gewisser Erschwernisse zu informieren. Auch erfassten sie nicht die Notwendigkeit einer Arbeitsplatzassistenz für mich als blinden Kollegen (wobei zu erwarten gewesen wäre, dass der Arbeitgeber über dieses im Schwerbehindertengesetz verankerte Recht auf eine Arbeitsplatzassistenz im Institut Kenntnis hat), sodass ich erst selbst aufklären und dann in dieser Angelegenheit handelnd tätig werden musste. In den nächsten fünf Jahren erhielt ich leider auch nicht die Möglichkeit, den Kolleginnen und Kollegen Einblicke zu gewähren, wie ich mich in meine neue Rolle als blinder Hochschullehrer eingefunden hatte und wie ich mit der Bewältigung der alltäglichen Erschwernisse zurechtkam. Über diese erlebte Gleichgültigkeit und die damit verbundene Enttäuschung haben mir zum Glück die solidarische Hilfsbereitschaft sowie das Interesse an der Bewältigung meiner alltäglichen Erschwernisse von Seiten der Studierenden der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik hinweggeholfen.Nach fünf Jahren wechselte ich dann im Jahr 1975 an das Institut für Heil- und Sonderpädagogik der Johann Wolfgang Goethe-Universität nach Frankfurt, allerdings aufgrund der gemachten Erfahrungen ohne ähnliche Hoffnungen wie die, die ich mir beim Eintritt in den Hochschuldienst in Dortmund gemacht hatte.

Ich erlebte hier ähnliche Unwissenheit darüber, welche Hoffnungen über das Verhalten von sehenden Interaktionspartnern ein sehbehinderter bzw. blinder Hochschullehrer hegt und inwieweit und inwiefern Hilfestellungen, Unterstützungen, Anteilnahme, Fragen an ihn von Seiten der Kollegen wünschenswert und der Situation angemessen sind. Einige Beispiele möchte ich hier erwähnen, die mich betrafen:

Hier möchte ich drei Beispiele anfügen: Wie mir durch eine studentische Hilfskraft in der ersten Zeit berichtet wurde, gingen auf dem Institutsflur zeitweilig Kollegen ohne Gruß an mir vorbei, sicherlich mit dem Gedanken im Hinterkopf "Er sieht mich ja sowieso nicht!" (Inzwischen hat der sonderpädagogische Paradigmenwechsel seine Wirkung gezeigt: ich werde regelmäßig gegrüßt.).

Jahrelang bedienten sich die Kolleginnen und Kollegen bei Institutskonferenzen mit Kaffee, Brötchen und Kuchen, ohne auf die Idee zu kommen, mir einmal unaufgefordert mitzuteilen, welche Köstlichkeiten auf dem Tisch standen. Damit wurde ich jahrelang in die Rolle des Fragenden und Bittenden gedrängt, wollte ich auch an Kaffee, Tee, Brötchen oder sonstigem teilhaben (Auch dies hat sich im Rahmen des sonderpädagogischen Paradigmenwechsels nunmehr positiv geändert!).

Als drittes Beispiel möchte ich (als ein Beispiel für soziale Integration) anfügen, dass Vorträge bzw. Darlegungen im Rahmen von Institutsgesprächen, die unter Zuhilfenahme von gezeigten Tabellen, Diagrammen, Schaubildern und Fotos erst verständlich werden, für mich nicht nachvollziehbar waren, weil mir in den seltensten Fällen diese Tabellen, Diagramme, Schaubilder und Fotos in einer Weise beschrieben wurden, dass ich sie als Blinder in Bezug setzen konnte zum Gehörten.

Hier möchte ich gerne einen Fall als trauriges Beispiel anfügen: Trotz dieses mangelnden Interesses traf mich vor sieben Jahren auf einer Institutskonferenz völlig unvorbereitet eine Initiative einer Kollegin, die aufgrund der knappen räumlichen Ressourcen den Antrag stellte, den Arbeitsplatz meiner Assistenz in mein Büro zu verlegen, da ja wohl ein Raum genug sei. Diesen Antrag stellte sie, ohne jemals zuvor die Arbeitsplatzsituation in meinem Bereich näher inspiziert zu haben.

Es geht also um Interessensbekundung, Einfühlungsvermögen und solidarische Unterstützung.Rückblickend stelle ich mir seit kurzem immer häufiger die Frage "Wo ist die Mitmenschlichkeit in einem Bereich geblieben, in dem fast täglich in sonderpädagogischen Lehrveranstaltungen das dialogische Prinzip von Martin Buber ("Am Du wird der Mensch zum Ich") propagiert wird? Rückblickend auf die letzten dreißig Jahre (seit dem 01.10.2002 bin ich im Ruhestand) ist immer deutlicher geworden, dass Integration nicht mit der Vermittlung wissenschaftlicher Theorien im Kopf, sondern zunächst einmal und vor allem im Herzen beginnt.

Somit ist ein Mensch, gleichgültig welche Behinderung er alltäglich mit allen Erschwernissen zu bewältigen hat, in dieser Gesellschaft zur benachteiligten Randgruppenexistenz verurteilt, hatte er aufgrund ungünstiger Sozialisationsbedingungen nicht die Chance, ein eigenes, starkes Selbst, gekoppelt mit Lebensoptimismus und Durchsetzungsvermögen, zu entwickeln. Aber auch derjenige Mensch mit Behinderung, der sich aufgrund günstigerer Sozialisationsbedingungen mit Leistungsbereitschaft und Durchsetzungsvermögen allmählich ein 'dickes Fell' hat aneignen müssen, bleibt trotzdem immer noch verwundbar, zumindest an einer kleinen Stelle, die in der Siegfried-Sage so eine große Bedeutung hatte.

4. Sehschädigung im Spannungsbogen von sozialer Abhängigkeit und Selbstbestimmung

Martin Hahn war der erste, der 1981 in seiner Veröffentlichung "Behinderung als soziale Abhängigkeit" das Phänomen 'Behinderung' aus der Sicht des behinderten Individuums definitorisch gefasst hat: "Behinderung ist ein quantitatives und qualitatives Mehr an sozialer Abhängigkeit."

Schon das kleine Kind strebt danach, gemäß seinem Entwicklungsstand, möglichst alles selbstständig machen zu wollen. Die Selbstständigkeit ist also sozusagen ein "Urtrieb" des Menschen. Gleichgültig um welche Behinderung es sich handelt, durchkreuzt diese mit ihren behinderungsspezifischen Lebenserschwernissen immer wieder diesen "Urtrieb" nach Selbstständigkeit. Dabei ist das quantitative Maß und der qualitative Grad von sozialer Abhängigkeit von Behinderung zu Behinderung sehr unterschiedlich.

Es ist nicht die Blindheit, also das Nicht-Sehen-Können anderer Menschen oder schöner Landschaften, sondern die latente soziale Abhängigkeitssituation, in der ich mich oft auch schon bei kleinen Verrichtungen oder Vorhaben befinde. Als blinder Wissenschaftler kann ich zwar völlig selbstständig am Schreibtisch wissenschaftliche Theoriekonstrukte entwickeln, aber für den Weg durch den Frankfurter Hauptbahn zur S-Bahn muss ich die sehende Begleitung durch Mitarbeiter/innen der Bahnhofsmission in Anspruch nehmen, will ich nicht Gefahr laufen, von einigen daher hetzenden Passanten angerempelt oder gar umgerannt zu werden. Wie gerne würde ich von zu Hause aus mit dem eigenen Auto zumindest bis zur S-Bahn-Station fahren können, muss jedoch jedes Mal meine Frau bitten, dass sie mich fährt und muss dabei sozusagen stets "auf der falschen Seite" des Autos einsteigen, ein oftmals nervender Frust - selbst nach nunmehr 36 Jahren Blindheit. Wie schön wäre es doch, auf das stets im Zusammenhang mit solchen Hilfeleistungen vorgebrachte Dankeschön verzichten zu können, um letztlich dieses Dankeschön gegen eine eigene, d. h. selbstständige und von fremder Hilfe unabhängige Handlung eintauschen zu können.

Zur Verdeutlichung hier ein letztes Beispiel:

Ich bin allein zu Hause und habe Hunger auf einen Apfel. Beim Herunternehmen des Apfels vom Obstteller fällt mir dieser aus der Hand und rollt geräuschlos über den Teppich des Esszimmers, ohne dass ich weiß, in welche Richtung er gerollt ist. Entweder krabbele ich jetzt in alle Richtungen über den Teppich, um den Apfel wiederzufinden, was ich unter Umständen nach einigen Minuten genervt aufgebe, um dann auch noch auf mein ursprüngliches Bedürfnis nach einem Apfel zu verzichten. Die andere Alternative wäre, meine Nachbarin anzurufen, sie zu bitten herüberzukommen und mir bei der Apfelsuche behilflich zu sein. Gleichgültig, für welche Alternative ich mich entscheide, entsteht in mir ein Spannungsgefühl und wieder einmal ein augenblicklich hochkommender Ärger über meine Behinderung und die damit verbundene soziale Abhängigkeit - ein Ärger, der sich auch in den zurückliegenden 34 Jahren jeglicher Rehabilitationsmöglichkeit entzogen hat.

Zwar bin ich mit Martin Hahn der Auffassung, dass selbstbestimmtes Handeln die Voraussetzung dafür ist, dass der Mensch sich wohl fühlt, es bleibt jedoch zu konstatieren, dass bei behinderten Menschen der Lebenskristall Selbstbestimmung stets durch die latent vorhandene soziale Abhängigkeit von größerer Quantität und Qualität als bei nicht behinderten Menschen getrübt wird.

Auch wenn das Selbstbestimmt-leben-Konzept im Rahmen des sonderpädagogischen Paradigmenwechsels immer stärker als Maxime für die Lebensgestaltung von Menschen mit Behinderung herausgestellt wurde, so bin ich gerade in Anbetracht der (zum Teil zuvor aufgezeigten ) Individualisierungstendenzen, den Ellenbogenstrategien, der Uneinfühlsamkeit, der Entsolidarisierungstendenzen und letztlich der aufgezeigten Kommunikationsstörungen zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen in unserer Gesellschaft der Auffassung, dass das Selbstbestimmungskonzept erweitert werden muss zu einem "Selbstbehauptungskonzept" (K. Jacobs)(1).

(1) Das "Haupt" macht eigentlich den Menschen erst zum Menschen. Mit dem hochgetragenen Haupt signalisiert man körpersprachlich, dass man sich der Welt stellt und davon überzeugt ist, dass man auf die vielfältigen Interaktions- und Kommunikationsstrukturen aktiv Einfluss nehmen und damit auch Probleme angehen kann.

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