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Vom 24. September bis 1. Oktober 2005 trafen sich etwa 40 Mitglieder der Gruppe Ruhestand und ihre Begleitungen, darunter auch Mitglieder der Vereinigung Pro Retina, zu unserem alljährlichen Seminar in Bad Liebenzell. Gefördert wurde das Seminar, wie schon in den Jahren zuvor, vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, von der Barmer Ersatzkasse und nicht zuletzt vom Blindenhilfswerk Berlin. Die neue Leiterin des Hauses, Frau Schnierle, und ihr Team bemühten sich sehr, uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Zur guten Atmosphäre und zur engagierten Mitarbeit trugen auch die neu gestalteten Veranstaltungsräume bei. Das Seminarprogramm umfasste wieder ein breites Spektrum an Themen, die insbesondere auf neuere Erkenntnisse der Forschung und der Lebensqualität im Alter gerichtet waren.
Für uns Blinde und hochgradig Sehbehinderte ist der Tastsinn ein unverzichtbares Sinnesorgan zur Erfassung von Informationen und zur Wahrnehmung unseres unmittelbaren räumlichen Umfeldes. Die Wissenschaft hat erst im Kontext der Hirnforschung und insbesondere der Neuroinformatik diesen Sinn und seine Bedeutung für den Menschen entdeckt. In einer von visuellen Eindrücken und Wahrnehmungen dominierten Welt wird der Tastsinn nur mehr oder weniger intuitiv eingesetzt. Wo aber ist er im Menschen verortet, wie kann man ihn besser, gezielter nutzen, kann er trainiert werden? Diese und ähnliche Fragen werden für ältere Menschen interessant, wenn sie in höherem Alter einen Sehverlust erleiden. Prof. H. Dinse von der Universität Bochum verstand es hervorragend, uns diesen Forschungsbereich näher zu bringen.
Rezeptoren in der Haut nehmen Empfindungen auf und leiten sie an das Hirn weiter. In der Haut gibt es Regionen, wie z. B. die Fingerkuppen oder die Zunge, wo besonders viele Rezeptoren angesiedelt sind und solche, wo dies nicht der Fall ist, z. B. am Rücken. Erst im Hirn werden die physikalischen Hautreize erkannt und identifiziert. Das Tasten ist eng verknüpft mit Bewegung. Wenn z. B. die Finger beim Tasten bewegt werden, nehmen die Reize, die an das Hirn vermittelt werden, deutlich zu und demzufolge auch die Wahrnehmung des Ertasteten. Umgekehrt verkümmert z. B. unter einem Gipsverband die Tastwahrnehmung infolge Bewegungslosigkeit und entwickelt sich später wieder neu. Das Hirn ist mithin ständig in Bewegung und kann sich rasch veränderten Reizen anpassen. Prof. Dinse trat dem landläufigen Mythos, dass im Alter Hirnzellen abgebaut werden, entgegen mit der Darstellung, dass die Plastizität des Gehirns im Alter keineswegs abnimmt, nur das Lerntempo und damit die Anpassung verlangsamt sich. Damit die Beweglichkeit des Hirns erhalten bleibt, muss es ständig trainiert werden. Bisherige Forschungen über das Training des Tastsinns im Alter haben noch wenig Erfolge gezeigt. Es ist schwer, einen über lange Zeit wenig genutzten Sinn wieder zu aktivieren. Schon nach relativ kurzer Zeit geht die Stimulation und die Speicherung im Gedächtnis wieder verloren und der ursprüngliche Zustand stellt sich wieder ein. Das Lesen der Punktschrift ist ein so komplexer und diffiziler Vorgang, dass es für Menschen, die erst im Alter von einem Sehverlust betroffen sind, kaum möglich sein dürfte, dies noch zu erlernen.
Ein anderes Sinnesorgan, das für blinde und sehbehinderte Menschen von besonderer Bedeutung ist, ist das Gehör. Schon im vergangenen Jahr hatten wir deshalb Herrn Prof. Schneider vom neurootologischen Institut der Universität Würzburg zu Gast, der damals sehr engagiert und eindrucksvoll das Problem von Gleichgewichtsstörungen bei blinden und sehbehinderten Menschen im Alter behandelt hat. In diesem Jahr hatten wir ihn zum Thema "Tinnitus" eingeladen, eine nicht seltene Hörstörung. Als Phänomen bekannt ist das "Klingeln" im Ohr bzw. im Kopf schon seit nahezu 2000 Jahren. Die Liste hoch berühmter Namen, die unter Tinnitus zu leiden hatten, ist lang. Erwähnt seien nur M. Luther, J.J. Rousseau oder L. van Beethoven.
Man unterscheidet zwischen objektivem und subjektivem Tinnitus. Ersterer kann durch Strömungsgeräusche in den Arterien oder durch Herzklappen etc. ausgelöst werden. Erhöht oder vermindert wird dieser dauerhafte Schall im Ohr durch eine Versteifung der Membran oder durch den Funktionsausfall von Muskeln im Gehörgang. Der eigentliche und häufigste Tinnitus ist der subjektive, ein Phantomgeräusch, das von überall her im Ohr kommen kann und nicht auf einem objektiv messbaren Schall zurückzuführen ist. Das eigentliche Problem stellt der chronische Tinnitus dar, den ein Patient nicht mehr kompensieren kann. Schlafstörungen, Stress oder psychische Belastungen sind Folgen eines dekompensierten Tinnitus. Zwar sind heute die Anamnese- und Diagnosemethoden erheblich verfeinert, so dass man die Ursachen besser ergründen kann, aber eine dauerhaft wirksame Therapie gibt es nicht. Kurzzeitig können Erfolge mit Hilfe von Medikamenten erzielt werden, aber die Nebenwirkungen solcher Medikamente sind nicht unerheblich. Das öffnet manchen Heilsversprechungen und Wundermethoden Tür und Tor. Von "Ohrkerzen" bis Laser-Therapie, gelegentlich gepaart mit Ginkgo-Kuren, gibt es manche Therapien, die ohne Effekte bleiben oder deren Wirkung mehr als fraglich ist. Ob Druckkammer-, Hyperventilations-, Infusions- oder Akupunktur-Therapien, kurzzeitig mögen sich gewisse Besserungen einstellen, dauerhaft wirksam sind sie alle nicht bzw. ihre Heilwirkungen sind nicht erwiesen. Strategien zur Bewältigung eines chronischen Tinnitus können Entspannungsübungen nach Feldenkrais sein oder das Tinnitus-retraining ebenso wie die Neurofeedback-Therapie oder die kompetitiv-kinästhetische Therapie. Immer geht es im Endeffekt darum, dem Patienten Wege zum Aushalten des chronischen Geräusches im Ohr oder im Hirn aufzuzeigen.
Ein besonderer Höhepunkt des diesjährigen Seminars waren nach übereinstimmender Meinung die Ausführungen von Frau Dr. B. Metz, Chefärztin für Geriatrie am Diakonischen Krankenhaus in Karlsruhe-Rüppur. Hatten uns vor einigen Jahren ihre Ausführungen über die Alzheimer Erkrankung beeindruckt, so referierte sie in diesem Jahr sehr engagiert über ihren besonderen Schwerpunktbereich "Sturzgefährdung - Prävention und Prophylaxe". Nahezu jeder Dritte. im Alter ab 65 stürzt einmal im Jahr, im Alter ab 80 und bei Heimbewohnern erhöht sich die Häufigkeit erheblich. In der Regel bleiben Stürze auch im Alter ohne nennenswerte Folgen, doch nimmt die Schwere der Verletzungen mit zunehmendem Alter zu. Durch die Haltung beim Gehen, sind ältere Menschen eher gefährdet, nach hinten oder zur Seite zu fallen, was einen Oberschenkelhalsbruch zur Folge haben kann. Gravierend im Alter sind die Folgeerscheinungen eines Sturzes, Komplikationen durch das Liegen, Thrombosen, Dekubitus oder Lungenentzündung oder Lungenembolie. Wenn ältere Menschen nach einem Sturz länger am Boden liegen bis Hilfe kommt, besteht die Gefahr der Unterkühlung mit den entsprechenden Folgeerscheinungen. Diese Gefährdung besteht auch bei sommerlichen Temperaturen. Nach einem Oberschenkelhalsbruch versterben etwa 25 % der Patienten innerhalb der ersten zwei Jahre, 80 % schränken aus Angst vor einem erneuten Sturz ihre Aktivitäten erheblich ein, ziehen sich zurück, meiden außerhäusliche Mobilität, verlieren dadurch soziale Kontakte, werden depressiv. Es entwickelt sich geradezu eine scheinbar unentrinnbare Spirale abwärts.
Betrachtet man die Ursachen von Stürzen, so sind mit 10 % relativ niedrig Stürze infolge äußerer Ursachen, ebenfalls niedrig sind Stürze aufgrund innerer Störungen wie Durchblutung, Ohnmacht, vaskuläre Störungen. Hauptursache von Stürzen sind lokomotorische Störungen, d. h. die zielgerichtete Veränderung des Körpers im Raum. Eine Vielzahl von Wahrnehmungs-, Koordinations-, Kontroll- und Reaktionsfunktionen ist notwendig, allein um die Balance zu halten. Dieses komplexe, unterbewusst ablaufende System ist nicht mehr intakt, wenn eine Person nicht gleichzeitig neben einer Bewegung im Raum etwas anderes, z. B. Sprechen, ausführen kann. Neben äußeren, vornehmlich Umweltfaktoren und situative Faktoren sind es in besonderem Maße intrinsische Faktoren, die ein erhöhtes Sturzrisiko bedeuten. Neben dem Geschlecht und dem Alter sind vor allem Sturzangst und Nebenwirkungen von Medikamenten zu nennen. Kraft und Beweglichkeit im Alter nehmen ab, zwischen dem 20. und dem 70. Lebensjahr schwindet die Muskelkraft um etwa 40 %, sofern sich jemand überhaupt nicht in irgendeiner Weise sportlich betätigt oder ausreichend bewegt. Im Alter abgebaut werden die Sinneswahrnehmungen, seien es Tast-, Hör- oder Sehsinn, auch die Aufmerksamkeit und Konzentration lassen nach, gleichwohl bleibt das Denkvermögen als solches erhalten. Mangelernährung im Alter fördert den Muskelabbau und erhöht mithin die Sturzgefährdung. Weitere Risikofaktoren sind verschiedene Medikamente bzw. deren Wirkungsweise. Es gibt etwa 15 bis 20 verschiedene Risikofaktoren, die ursächlich sein können für einen Sturz. Das Sturzrisiko wächst mit der Anzahl vorliegender Risikofaktoren. Sind diese bekannt, so kann mit Hilfe von Therapie- und Rehabilitationsmaßnahmen das Sturzrisiko verringert werden. Inzwischen werden Hausärzte geschult, um eine entsprechende Risikountersuchung durchführen zu können, die auch von den Kassen anerkannt und bezahlt wird.
Zur Sturzprävention gehört zunächst einmal eine gewisse körperliche Kraft, d. h. Muskelmasse und mithin Körpergewicht. Bestimmt werden kann dieses Gewicht mittels des Body-Maß-Index (BMI), berechnet aus dem Körpergewicht dividiert durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Demgemäß hat eine Person bei einem Körpergewicht von 70 kg und einer Größe von 1,70 m einen BMI von 24,22. Dieser BMI-Wert sollte im Alter etwa zwischen 24 bis 29 liegen, bevor von bedenklichem Übergewicht die Rede ist, um gegen verschiedene potenzielle Erkrankungen vorzubeugen. Ähnlich einfach können andere Tests zur Messung der Körperkraft durchgeführt werden, z. B. Dynamometer, Beinkraft, Balancetest etc. Durch weitere Funktions- und Befindlichkeitstests lassen sich mit 90 % Sicherheit eine Sturzgefährdung feststellen.
Entsprechend den unterschiedlichen Risikofaktoren sind unterschiedliche Interventionen möglich und angeraten. Seh- und Hörstörungen bedürfen dabei besonderer Aufmerksamkeit. Hilfsmittel, Wohnraumanpassung, Hausnotrufsystem sowie eine gewisse sportliche Betätigung, d. h. ein gewisses Kraft-, Ausdauer-, Gleichgewichts- und Balancetraining kann dabei auch noch in einem hohen Alter erlernt werden. Bei blinden und sehbehinderten Menschen ist ein Risikofaktor schon immer vorgegeben, der jedoch die Behinderten von vorn herein an Vorsicht gemahnt. Umso sorgfältiger muss gerade dieser Personenkreis darauf achten, alles zu vermeiden, was das Sturzrisiko erhöht.
Lebensqualität im Alter bedeutet aber nicht nur, körperliche Beeinträchtigungen zu vermeiden, zu bewältigen und auszuhalten oder vorhandene Fähigkeiten zu trainieren, sondern es bedeutet auch, sein Leben trotz und mit einer Behinderung selbstständig und selbstbestimmt zu gestalten. Karin Schubert und Dr. Joh.-Jürgen Meister bemühten sich an einem Vormittag, aus der Fülle und Vielzahl technischer Hilfen zur Bewältigung des Alltags und des Einsatzes moderner Informations- und Kommunikationstechnologien einiges aus ihrer Erfahrung vorzustellen und zu erläutern. Wie kann ich als blinder oder sehbehinderter älterer Mensch meinen Alltag bewältigen und selbstständig gestalten, wenn der sehende Partner aus gesundheitlichen Gründen ausfällt, selber Hilfe bedarf oder verstirbt? Wie kann ich mir selber helfen, wenn das Sehen im Alter nachlässt und die lange gewohnte Selbstständigkeit und Mobilität erheblich beeinträchtigt wird? K. Schubert und Joh.-Jürgen Meister wollten mit ihrem Engagement zeigen, dass Verzagen, Sich-Zurückziehen und Sich-Aufgeben nicht der rechte Weg ist und auch keine geeignete Strategie darstellt. Ängste und Hemmungen vor Neuem, Ungewohntem sind nicht angebracht, vielmehr mutig und mit Selbstvertrauen sich den Herausforderungen stellen und die vorhandenen Hilfsmittel und Möglichkeiten seinen Bedürfnissen und Interessen entsprechend nutzen und so Selbstständigkeit (wieder)gewinnen. Das Informationsbedürfnis war groß und die Aufteilung der Gruppe in zwei kleinere mit unterschiedlichen Schwerpunkten erwies sich als sehr vorteilhaft. So konnten ganz konkrete Fragen beantwortet, Erfahrungen ausgetauscht und mancher Ratschlag erteilt werden. Nicht zuletzt wurde die Zeit auch genutzt, um auf aktuelle Entwicklungen, die insbesondere den Bedürfnissen älterer Menschen entgegenkommen bzw. den Forderungen nach einem "nutzergerechten Design" entsprechen, hinzuweisen. Gerade der Einsatz und die Anwendung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien wird für ältere Menschen mit und ohne Behinderung angesichts des demographischen und sozialen Strukturwandels unserer Gesellschaft zur Aufrechterhaltung eines selbstständigen Lebens und zur Teilhabe an der Gesellschaft immer dringlicher und notwendiger.
Die Fortsetzung folgt im nächsten Heft.
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