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Der erste Teil meines Berichts als blinder Vater stammt aus dem Jahr 1997; dies ist der zweite Teil.
Wir steigen ein zu einer Zeit, da mein älterer Sohn Maximilian acht Jahre und der jüngere Sohn Constantin fünfeinhalb Jahre alt ist. Die Schilderung erstreckt sich über acht Jahre. Max ist gerade 16 geworden und Conni ist 13 1/2.
Ich (Christian) bin völlig erblindet; meine Frau Waltraud gehört zur Gruppe der Menschen mit wesentlicher Sehbehinderung (ca. 20 % Sehvermögen auf dem besseren Auge).
Wir wohnen in Gröbenzell, einer 18.000-Seelen-Gemeinde am Rande von München (20-S-Bahn-Minuten vom Hauptbahnhof entfernt).
Unsere Kids sind zwischenzeitlich - wie man so sagt - "aus dem Gröbsten" heraus. Kinderwagen, Buggy und ähnliches sind ausrangiert; die Jungs fahren mit dem eigenen Fahrrad, wir fahren bekannte Strecken mit dem Tandem. So z. B. den Weg zum Olchinger See - ohne Tandem wäre es schwierig, da ich dann entweder daheim bleiben, mit dem Taxi oder mit einer anderen Person mitfahren müsste.
Der angeborene Graue Star, den beide Jungs haben, wurde nach einer frühkindlichen Operation mit Hilfe von Kontaktlinsen bestmöglich korrigiert. Die Sehleistung liegt im Bereich 50 v. H. plus X. Die beiden gehen in die allgemeine Schule, verbringen ihre Freizeit mit Gleichaltrigen und sind im örtlichen Sportverein, dem FC Grün-Weiß Gröbenzell, aktiv.
Im Folgenden möchte ich aus meiner Erinnerung einige Impressionen geben. Der Fokus liegt bewusst auf meiner Rolle. Meine Frau verrichtet - ähnlich wie beim Großteil der Familien - die Erziehungsarbeit; sie ist auch vor allem für die Hausaufgabenbetreuung verantwortlich. Ich helfe gelegentlich - insbesondere im Fach Mathematik - aus. Bei Elternabenden bin ich - soweit es beruflich machbar ist - gemeinsam mit meiner Frau anwesend.
In "Familienkonferenzen", die früher wöchentlich stattfanden, jetzt aber seltener sind, besprechen wir regelmäßig aktuelle Themen, die uns auf den Nägeln brennen.
Viele Aktivitäten - Ausflüge, Besuche, Urlaube etc. - haben wir gemeinsam unternommen. Im letzten Jahr sind wir seit längerer Zeit zum ersten Mal wieder allein ohne unsere Kinder verreist.
Schwimmen gehen und Radfahren
In der Regel waren wir hier zu viert unterwegs. Ansonsten blieb uns, wenn meine Frau nicht dabei war, zunächst nur der Weg, mit dem Taxi zum Olchinger See zu fahren und uns für den Heimweg wieder mit dem Handy ein Taxi zu rufen. Das Schwimmen im See empfinde ich für mich als sehr schön und wesentlich erbaulicher als das Schwimmen im Freibad, bei dem ich aus Selbstschutz eine gelbe Bademütze mit drei schwarzen Punkten aufsetze, damit man mich leichter als blind erkennt und ich nicht in Verdacht gerate zu den "Grabschern" zu gehören.
Aber wie ist es mit der Aufsicht?
Solange die Kinder nicht sicher schwimmen konnten, war klar, dass sie sich nur im seichten Bereich aufhalten durften. Ich war dann auch stets in ihrer Nähe, und sie kamen in der Regel selbst zu mir und wollten durch meine Beine tauchen, mich nass spritzen oder ins Wasser geworfen werden.
Wenn ich dann mal kurz selbstständig schwimmen wollte, habe ich das mit ihnen abgesprochen und sie gebeten, mich regelmäßig zu rufen, damit ich wieder zurückfinde. Das klappte bis auf eine Ausnahme immer gut. Meistens riefen sie schon sehr bald "Papa!", "Papa, komm zurück" oder "Papi, bitte komm wieder!". Einmal bin ich irgendwie so weit abgedriftet, dass ich wegen des sonstigen Badelärms so weit außer Hörweite geriet, dass mir nichts anderes übrig blieb, als an den Rand des Sees zu paddeln und dann langsam am Ufer entlang zu gehen. Es dauerte dann nicht lange, bis wir uns wieder gefunden hatten.
Als Max knapp 13 war, konnte er bereits die Rolle des Tandempiloten übernehmen, so dass wir nicht mehr auf den Taxi-Service angewiesen waren. Zwischenzeitlich konnten beide sicher schwimmen, so dass wir gemeinsam weiter hinaus schwimmen konnten; gelegentlich paddelten wir mit unserem Schlauchboot auf dem See herum.
Jetzt mit 16 will Max mit mir nicht mehr so gern Tandem fahren; er möchte einfach nicht auffallen, wofür ich viel Verständnis habe. Conni ist noch etwas zu klein; ob er mit 14 mein Pilot sein will, bleibt abzuwarten.
Die Rolle als Einkaufsbegleiter, Helfer beim Mülltrennen oder als Vorleser für gewisse Dinge haben beide bis zum heutigen Tag - so weit dies nur gelegentlich nötig war - gerne gemacht.
Sie haben Schriftstücke, wie Kontoauszüge, Lohnabrechnungen oder unseren Einkommensteuerbescheid gelesen, was Kinder von voll sehenden Eltern in diesem Alter zumindest kaum tun. So haben sie eine Vorstellung davon bekommen, was ich verdiene und was so alles zu bezahlen ist.
Gemeinsame Kinobesuche gab es in den letzten Jahren immer wieder; hier fungierten beide als "Bildbeschreiber" und flüsterten mir wichtige Informationen ins Ohr.
Fußball ist für unsere Familie - wie für manch andere auch - eine wichtige Sache. Die Jungs spielen seit rund acht Jahren selbst im Fußballverein aktiv; außerdem verfolgen wir das Bundesliga-Geschehen und sind eingefleischte FC Bayern-Fans.
Als die Jungs noch kleiner waren, spielten wir häufiger zu dritt mit dem Klingelball. Das hat zwischenzeitlich völlig aufgehört.
Bei den Spielen von Max und Conni war ich aus beruflichen Gründen eher selten dabei; meine Frau hat sich zu einer richtigen "Fußball-Mama" gemausert und war in den ersten Jahren fast immer mit von der Partie.
Jetzt ist es für die Jungs nicht mehr so wichtig, ja fast eher unangenehm, wenn die Eltern ständig dabei sind, obwohl sie es hin und wieder dennoch schätzen, wenn auch ich zuschaue.
Etwas ungünstig ist es natürlich, dass wir kein Auto fahren und unsere Kinder (und auch wir) darauf angewiesen sind, dass wir bei Auswärtsspielen von anderen Eltern mitgenommen werden. Damit die Arbeiten halbwegs gerecht erledigt werden, trifft es meine Frau relativ häufig, die Trikots, Hosen und Stutzen der Mannschaft zu waschen. Bei zwei Fußballern in der Familie und wöchentlichen Spielen ist das eine nicht zu unterschätzende Zusatzbelastung.
Die Leidenschaft, zu Spielen des FC Bayern zu gehen wurde so richtig im Mai vor sechs Jahren entfacht. Zu einem entscheidenden Match am Sonntagabend im Münchner Olympiastadion gab es noch Eintrittskarten. Max und ich machten uns schon drei Stunden vorher auf die Socken; meine Frau war zuerst strikt dagegen; ich musste versprechen, dass wir regelmäßig anrufen und uns melden. Es ging alles glatt: wir bekamen Karten, fanden den Platz und Bayern gewann die Deutsche Meisterschaft! In der nächsten Spielzeit gingen wir dann häufiger; Max bewährte sich als talentierter Reporter.
Es dauerte nur knapp ein Jahr, da wollte der kleine Bruder auch mit ins Stadion. So marschierten wir zu dritt, wobei der feste Grundsatz galt: Keiner darf sich einfach entfernen.
Als Maximilian 14 Jahre alt war und ich einmal nicht mit konnte, ging er allein und dann gleich in die "Bayern-Fan-Kurve" (die Südkurve des Olympiastadions). "War das eine geile Stimmung!", sagte er. "Papa, ich möchte in Zukunft immer mit meinen Freunden gehen; da ist einfach mehr los als auf der Tribüne!"
Da schaute ich etwas "betröppelt" drein. Mein "persönlicher Reporter" wollte also nicht mehr mit mir ins Stadion. Conni war noch etwas zu jung, um die Berichterstattung gleichwertig übernehmen zu können. Auch wenn es mir etwas wehtat, konnte ich diese Entwicklung gut verstehen und finde sie auch absolut normal.
Nun wollte Conni aber auch in die "Südkurve" und ab sofort ging es auf den Stehblock, auch für mich. Allerdings nicht zu den "Wilden", wo man sehr eng steht, weil Conni dann nichts hätte sehen können.
Außerdem nahm ich mir in der Regel noch eine sehende Person mit, die mir das Spielgeschehen schilderte, und schaute darauf, dass auch Conni noch einen Freund dabei hatte.
So ging es in den letzten beiden Jahren gut weiter, wobei Max bei Abendspielen der Champions League, bei denen nur ein kleiner Teil seiner Freunde hinging, mit mir unterwegs war. Das war dann auch okay für ihn.
Ein besonderer Höhepunkt war unser gemeinsamer Ausflug zum Pokalendspiel 2005 zwischen Bayern und Schalke am 28. Mai; Max und sein bester Freund sowie dessen Vater und ich machten uns mit dem Zug auf nach Berlin. Ein begeisterndes Fußballfest mit Happyend für "unsere Roten".
Die "Pokalkarten" hatte ich dank der zwischenzeitlich aufgebauten Beziehungen zum Kartenverkauf des FC Bayern ergattert. Dank dieser "gewachsenen Verbindungen" gelang es mir auch, für uns und für etliche Kumpels von Max Dauerkarten für die Spielzeit in der neuen Allianz- Arena zu bekommen. Klar, dass da die Burschen begeistert waren!
Wie geht es Kindern mit einem blinden Vater? Wie denken Freunde, Klassenkameraden, Eltern hierüber?
Es hat sich bei beiden ergeben, dass ich persönlich im Unterricht der 3. Klasse sein konnte und "aus erster Hand" informieren konnte. Bei Conni war ich dann später in der 6. Klasse noch einmal.
Damit war ich bei den Mitschülern bekannt und, das war sicher gut, weil ein gewisser Informationsstand bei allen vorhanden war. Einige erlebten mich zudem bei Kindergeburtstagen oder bei anderen Gelegenheiten, wie Fußballspielen oder Ausflügen.
Da zu unserem Bekannten- und Freundeskreis auch blinde und sehbehinderte Menschen gehören und wir auch einige Male Urlaub im Aura-Hotel Saulgrub gemacht haben, hatten Max und Conni auch die Möglichkeit, andere blinde und sehbehinderte Leute kennen zu lernen. Sie haben erlebt, dass diese Personen trotz der gleichen Behinderung sehr unterschiedlich sein können, dass die meisten aber ziemlich okay sind.
Wir haben darauf geachtet, dass unsere Jungs genauso Geburtstagsfeten feiern können wie die anderen. Solange sie noch unter zehn Jahre alt waren, haben wir den Raum entweder auf das Haus beschränkt oder sind gemeinsam mit den Kindern und einer (voll sehenden) Mutter unterwegs gewesen (z. B. bei der beliebten "Schatzsuche").
Später, als die Kids sowieso auch allein im Ort ihre Wege gegangen sind, haben wir uns auch getraut, eine "Geburtstags-Ralley" zu veranstalten. Meine Rolle war hier meistens die des Moderators, der ein Quiz oder ähnliches vorbereitet hatte.
Einmal feierten wir den Geburtstag im Dunkelerlebnis, was den Kids durchaus Spaß machte, wenngleich einer häufig rief: "Mach doch mal einer das Licht an!"
Meistens habe ich mit meinem Walkman einige "Geburtstags-Impressionen" akustisch festgehalten, so dass wir neben Bildern auch noch hörbare Erinnerungen hatten.
Wir haben - wie andere Eltern auch - das Motto der "kontrollierten Verselbstständigung" verfolgt. Für den Besuch von Freunden oder Freizeitaktivitäten haben wir konkrete Uhrzeiten vereinbart.
Als Max zwölf Jahre alt war, erlaubten wir ihm, gemeinsam mit einem Klassenkameraden in die Stadt zu fahren. Hier vereinbarten wir, dass er sich regelmäßig per Telefon (Handy) daheim melden muss und pünktlich heimkehren soll. Das hat durchweg gut geklappt, so dass wir den Aktionsradius schrittweise ausweiten konnten.
Klar, auch wir konnten und können nicht alle Gefahrenquellen ausschalten; ein Restrisiko bleibt.
Ein Beispiel: Bei der Geburtstagsfeier zum zehnten Geburtstag von Max fingen zwei "Lausbuben" plötzlich an, im Haus eine Verfolgungsjagd zu machen. Einer knallte die mit Glaselementen besetzte Kinderzimmertür zu, der andere konnte nicht mehr bremsen und rannte förmlich hinein. Ein "Mordskrach", Klirr, Scherben und der Schrei "Hilfe!" Ein Mädchen rief panisch: "He, da tropft das Blut!"
In dieser Situation ist es Gold wert, wenn man hilfsbereite Nachbarn hat, die sofort mithelfen (Erste Hilfe, Scherben beseitigen, andere Kinder beruhigen ...).
Mir war und ist es wichtig, mit meinen Kindern hin und wieder allein auf Achse zu sein; gelegentlich holen mich Max oder Conni bei meiner Arbeitsstelle am Münchner Hauptbahnhof ab, und wir gehen dann gemeinsam zum Einkaufen oder besorgen etwas. Wir verständigen beim Eintreffen kurz meine Frau und dann geht's ab zum shoppen. Je älter sie wurden, um so lockerer ging das. Wir haben anfangs Spielsachen, CDs oder Computerspiele gekauft; später aber auch Kleidung oder Schuhe. Natürlich wollte ich nicht nur blind daneben stehen und habe durch Tasten kontrolliert, ob Hosen, T- und Sweatshirts oder Turnschuhe passen.
Nach Möglichkeit versuchte ich, Verkäufer als Berater hinzuzuziehen; je älter die Jungs sind, um so mehr lehnen sie diese oft als bevormundende Hilfe empfundene Unterstützung ab.
Für mich war es stets wichtig, dass Max oder Conni das Kleidungsstück wirklich wollten und sich darin wohl fühlten.
Umgekehrt haben sie auch mir ein Feedback gegeben; so bestanden sie zum Beispiel darauf, dass ich mir vor unserem Mallorca-Urlaub ein paar moderne knielange Hosen und T-Shirts kaufe.
Ich glaube, beide haben früher als Gleichaltrige ein gutes Orientierungsvermögen entwickelt, weil sie nicht "mitgelaufen" sind, sondern aktiv auf den Weg achten mussten. Mir war es jedoch wichtig, dass ich die Verantwortung für den Weg nicht völlig abgegeben habe. Das wäre gerade in jüngeren Jahren eine Überforderung gewesen.
Als Max 14 war, habe ich mit ihm ein Wochenende in Berlin verbracht und kurz nach seinem 15. Geburtstag mit ihm eine Bergwanderung unternommen; mit Conni besuchte ich kürzlich das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Brasilien in Nürnberg und war mit ihm auf dem Olympia-Fest.
Ein besonderes Highlight war unser erster Oktoberfest-Besuch zu dritt im vergangenen Jahr; wir sind in einigen durchaus heftigen Fahrgeschäften gewesen und waren auch im Bierzelt.
Unvergesslich ist für mich, als mich Conni als Achtjähriger zur Weihnachtsfeier der Bezirksgruppe Mittelfranken begleitete. Er ließ es sich nicht nehmen, mich selbst auf die Bühne zu bringen und blieb während meiner gut 20-minütigen Rede treu neben mir stehen und begleitete mich danach wieder auf den Platz. Für sein sympathisches Auftreten erhielt er großen Beifall. Auch bei den Ehrengästen - unter ihnen Innenminister Dr. Beckstein und Bezirkstagspräsident Lohwasser - kam er gut an.
Solche Begleitdienste würde er jetzt sicher altersbedingt nicht mehr übernehmen.
Und einmal - beim Schlittenfahren - ist uns vor gut 3 1/2 Jahren ein Unfall passiert; wir sind so unglücklich gestürzt, dass ich mir dabei das rechte Sprunggelenk gebrochen habe und ins Krankenhaus musste. Max als Pilot konnte nichts dafür, war aber sichtlich betroffen. Ich machte ihm keinerlei Vorwürfe und betonte, dass das anderen auch passiert. Das ist halt das immer bestehende Restrisiko!
Diesen Satz kennen wohl alle Eltern; pubertierende Mädels und Jungs finden ihre Eltern peinlich. Als blinder Vater bin ich gelegentlich in doppelter Hinsicht peinlich: in meiner Funktion als Vater und wegen meiner Behinderung, die man aufgrund der weißlichen Pupillen, aber auch des weißen Stockes und der Tatsache, dass ich mich beim Gehen anhängen muss, unschwer erkennt. Gerade wenn mancher Zeitgenosse völlig entgeistert starrt, bekomme ich die Rückmeldung von meinen Jungs: "Mensch, da glotzt wieder einer furchtbar."
Um diese Situationen zu "entschärfen" setze ich bei Unternehmungen mit Max oder Conni häufig in öffentlichen Verkehrsmitteln eine ansprechend gestaltete Sonnenbrille auf.
Besonders unangenehm findet Max die Begleitersituation derzeit im Ort selbst. Er möchte vermeiden, dass er gegenüber Gleichaltrigen die Situation seines blinden Vaters erklären muss. So kauft er lieber selbst ein, als dass er mich zum Lebensmittelgeschäft oder zum Bäcker begleitet.
Für mich war und ist es wichtig, dass ich hier nicht abhängig bin. Ich kenne mich im Ortskern so gut aus, dass ich derartige Einkäufe mit weißem Stock und Rucksack, ohne Begleitung, aber mit Assistenz im Supermarkt seitens des Personals, erledigen und meine Frau so ab und zu entlasten kann.
Besonders schätze ich die "Tante-Emma-Läden" (zum Beispiel unser Reformhaus am Münchner Hauptbahnhof), wo ich freundlich und zuvorkommend bedient und beraten werde, ohne dass ich erst darum bitten muss.
Der Satz "Es hat auch Vorteile, einen blinden Papa zu haben" ist bei uns genauso zu einem "geflügelten Wort" geworden wie der Satz "Ich bin blind, aber nicht blöd!"
Beispiele gefällig?
Vor rund vier Jahren wollten wir unbedingt zum Champions League-Spiel Bayern München gegen Real Madrid. Max holte mich ab, und wir fuhren zur Geschäftsstelle des FC Bayern. Dort fanden wir eine riesige Warteschlange vor. Es ging nur mühsam voran. Nach mehr als einer Stunde kamen wir in den Eingangsbereich und - wie durch ein Wunder - sagte ein Verantwortlicher zu uns: "Sie sind blind, (ich hatte den weißen Stock natürlich dabei), dann können Sie vorgehen." Wir gingen an den wartenden Leuten vorbei und bekamen unsere Eintrittskarten. Max war begeistert und sprach den oben erwähnten Satz.
Oder: Als ich vor einigen Jahren mit Conni im vollbesetzten ICE von München nach Nürnberg fuhr, wies uns der Schaffner den Weg in die 1. Wagenklasse. Das gefiel ihm und entlockte auch ihm diesen Ausspruch.
Von klein auf vermittelte ich den Jungs, dass sie nicht besonders Rücksicht auf mich wegen der Blindheit nehmen müssen, dass es aber Situationen gibt, bei denen ich einfach auf ihre Hilfe angewiesen bin. So etwa im Flughafengebäude, im Kaufhaus oder im Wald und im Meer. Meine Erfahrung ist, dass die beiden immer ein gutes Gespür dafür hatten, wann dieser "Ernstfall" bestand und dass wir uns in diesen Situationen immer auf sie verlassen konnten.
Diesen Ausspruch hörte ich nach meinem Schulbesuch bei Max kurz vor Weihnachten 1998 oder kürzlich, als Conni mit einem gewissen Stolz sagte, dass mich Spieler seiner Mannschaft "echt cool" finden.
Auftritte in der Kirche als Lektor oder im Fernsehen für die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe fanden sie früher mal spannend; die Zeit ist derzeit vorbei. Erfahrungsgemäß ändert sich diese Einstellung später wieder.
Es gibt übrigens keinen Unterschied zu meiner Frau. Hier heißt es auch: "Mama, wenn Du in der Kirche singst, gehe ich nicht rein."
Ich hoffe, unsere Jungs entwickeln sich weiter positiv, absolvieren ihre Schul- und Berufsausbildung gut und finden ihren Platz im Leben. Hauptwunsch ist für mich, dass sie zufriedene Menschen werden.
Ich wünsche mir, dass wir weiterhin gute Kontakte haben und dass wir immer wieder gewisse Dinge miteinander erleben und Zeit gemeinsam verbringen werden.
Inwieweit das gelingt hängt unter anderem davon ab, welches Verhältnis zu Partnern der Jungs besteht und wohin es Max und Conni später einmal "hin verschlägt".
Ich hoffe, dass das in den zurückliegenden Jahren geschaffene Fundament so gut ist, dass es auch in schwierigen Zeiten trägt.
2013 - also in acht Jahren - wäre es dann an der Zeit den dritten Teil des "Vaterschaftsberichts" zu schreiben. Dann vielleicht mit rückblickenden Äußerungen der Jungs versehen.
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