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Oliver Nadig : Voiceeye lässt Seiten erklingen

Schon Louis Braille hat es gewusst: Informationen in Form von Punkten auf Papier zu bringen, ist eine gute Sache. Während die tastbaren Knubbel der Blindenschrift jedoch einiges an Platz benötigen, dürfen die Punkte dann sehr viel kleiner sein und sehr viel enger zusammen rücken, wenn sie nur sichtbar, nicht aber fühlbar sein müssen. Besonders winzig können solche Farbkleckse ausfallen, die gar nicht für menschliche Augen, sondern für die ungleich empfindlicheren Optiken elektronischer Lesegeräte (Scanner) bestimmt sind. Die Punktmuster, die die südkoreanische Firma AD Informations & Communications mit Hilfe hoch auflösender Laserdrucker erzeugt, sind so fein, dass sie dem vollsichtigen Auge eines Betrachters nur mehr als einheitliche dunkle Farbfläche erscheinen.



Warum man in Südkorea so viele Pünktchen auf so wenig Platz zusammenpfercht, erläuterte Dong-In Yi, die Geschäftsführerin von AD Informations am 31. Januar dieses Jahres bei einem Besuch der blista in den Räumen der Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte (RES). Der Kontakt war über Brita Kortus und Franz-Josef Visse von der Servicestelle für behinderte Studierende (SBS) der Philipps-Universität Marburg zustande gekommen. "Wir speichern auf diese Weise sehr viel Information auf kleinstem Raum", erläutert Dong-In Yi. "Auf einer Fläche, die 1,5 Zentimeter breit und ebenso lang ist, lässt sich der Inhalt von zwei bis drei Buchseiten unterbringen. Dieser wird nach dem Erfassen mit Hilfe eines kleinen Hand-Scanners blinden Menschen dann per Sprachausgabe vorgelesen. Das System haben wir auf den Namen Voiceye getauft. Der Begriff "Voiceye" (ausgesprochen "woiß ei") setzt sich aus den englischen Begriffen für Stimme und Auge zusammen. Das Punktmuster ist ein so genannter Matrix-Code. Die eineinhalb Zentimeter lange und breite Fläche auf einem Blatt, die unseren Matrix-Code enthält, nennen wir Voiceye-Symbol".



Frau Yi demonstriert das Prinzip: An ein Notebook schließt sie einen taschenlampenförmigen Hand-Scanner an und startet ein Programm. Mit dem quadratischen Scannerkopf fährt sie über ein Blatt Papier. Dort ist rechts oben ein Voiceye-Symbol abgebildet. Der Notebook-Lautsprecher gibt einige Klänge aus und signalisiert damit, dass jetzt mit dem Scanner auf der Textseite nach dem Voiceye-Symbol gesucht werden muss. Nach wenigen Sekunden hat Frau Yi die Fläche mit dem Matrix-Code gefunden. Der Kopf des Scanners ist so gebaut, dass das ganze Symbol auf einmal erfasst werden kann. Nach kaum zwei Sekunden beginnt eine erfreulich gut klingende und deutliche synthetische Sprachausgabe, den im Voiceye-Symbol gespeicherten englischen Text vorzulesen.



"Das Einlesen eines Voiceye-Symbols geht sehr viel schneller als das Erfassen einer Buchseite mit einem herkömmlichen Flachbettscanner", unterstreicht Frau Yi und berichtet, dass einige kleinere südkoreanische Verlage ihre Zeitungen bereits mit Voiceye-Symbolen versehen. "Ursprünglich", erzählt Yi, "sei das Produkt gar nicht für blinde Menschen entwickelt worden. In Südkorea braucht man für jede Kleinigkeit eine Menge Formulare. Um den Bürgern Behördengänge zu ersparen, haben die öffentlichen Stellen nun damit begonnen, ihre Formulare ins Internet zu stellen. Man kann sie sich dort herunterladen und zuhause selbst ausdrucken. Um die Echtheit eines Schreibens zu beweisen, enthält jedes Dokument ein Voiceye-Symbol, das die fälschungssichere digitale Unterschrift der zuständigen Behörde trägt."



Die in einem Voiceye-Symbol gespeicherten Informationen können jedoch nicht nur digital beglaubigt, sondern auch verschlüsselt werden. "So schützen wir die Urheberrechte", sagt Yi. "Kopiergeschützte Texte können zwar von der Sprachausgabe vorgelesen, aber auf elektronischem Wege nicht weiterverarbeitet werden."



Voiceye-Symbole können außer Texten auch Musiknoten speichern. Frau Yi hält ein weiteres Blatt an den Scanner und wenig später erklingt aus dem Notebook-Lautsprecher ein Klavierstück.



Wer Voiceye nicht an einem PC bzw. Notebook nutzen kann oder möchte, erhält auf Wunsch den Scanner auch zusammen mit einem Taschencomputer. Dieser verfügt nur über wenige Tasten, mit deren Hilfe sich das Einlesen und Vorlesen bequem steuern lässt.



Noch ist Voiceye nur in koreanisch und englisch erhältlich. Dong-In Yi möchte ihren Deutschlandaufenthalt aber auch zur Sondierung des hiesigen Marktes nutzen. Benötigt wird in technischer Hinsicht ein Anbieter für eine deutsche Sprachausgabe. Von der Präsentation in der RES, an der Klaus-Jürgen Schwede und Oliver Nadig für den blista-Bereich "Hilfsmittel und Informationstechnologie", Michael Herbst für den DVBS sowie Frau Kortus, Herr Visse und Frau Avaresch von der SBS Marburg teilnahmen, versprach sich die Koreanerin Expertenrat.



Als eher gering wurden die Chancen beurteilt, eine genügende Zahl deutscher Verlage davon zu überzeugen, ihre Bücher, Zeitungen und Zeitschriften mit Voiceye-Symbolen für blinde Leser auszustatten. Einwände werden wohl nicht nur wegen erhöhter Produktionskosten erhoben werden; das Vorhandensein einer mehr als zwei Quadratzentimeter großen Farbfläche stellt schließlich auch einen Eingriff in das Erscheinungsbild einer Druckseite dar. Letztgenanntes Problem ließe sich zwar mit einigen Extra-Seiten speziell für Voiceye-Symbole lösen, aber auch das bedeutet Zusatzaufwand für Verlage und Druckereien.



Das Voiceye-System selbst muss ebenfalls noch verbessert werden. So ist es zurzeit noch nicht möglich, strukturiert Informationen über eine vorgelesene Seite abzufragen. Wer beispielsweise auf der Suche nach einem bestimmten Kapitel ein dickes Buch aufschlägt und eine zufällig herausgegriffene Seite von Voiceye einlesen lässt, kann weder das zugehörige Kapitel noch die Seitenzahl per Knopfdruck abrufen. Er muss vielmehr darauf vertrauen, dass diese Informationen irgendwann im Laufe des Textes auftauchen.



Wenn aber bereits das Fehlen strukturierter Information zu bemängeln ist, muss auch gefragt werden, ob eine Technologie wie Voiceye angesichts der immer stärkeren Verbreitung von DAISY-Hörbüchern und gut aufbereiteter elektronischer Literatur überhaupt nötig ist. Zu hinterfragen ist auch, ob unter blinden Leserinnen und Lesern die Akzeptanz der Voiceye-Technologie so groß sein wird, dass sich die Markteinführung in Deutschland lohnt. Gleichwohl wäre es sicherlich für einige Betroffene ein erhebendes Gefühl, in einen Zeitschriftenladen gehen und die gleiche Papierausgabe lesen zu können wie alle sehenden Kunden auch.



Vielleicht, so eine Idee der Expertenrunde in der RES, sind ganz andere Anwendungen für Voiceye im deutschsprachigen Raum denkbar: Die für Blinde zugängliche Speicherung des Textes von Medikamentenbeipackzetteln etwa. Eventuell könnte sich Voiceye auch als Standard für barrierefreie Fassungen behördlicher Schreiben durchsetzen und damit gewissermaßen zu seinen Wurzeln zurückfinden.



All das sind wichtige und lohnende Gedanken zum potenziellen Nutzen einer an sich spannenden Technologie, die die Informationsversorgung blinder Menschen wieder um eine Facette bereichern könnte.



Der Autor, Oliver Nadig, ist Mitarbeiter der Rehabilitationsabteilung der blista.

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