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Seminar der Gruppe Ruhestand in Bad Liebenzell, Teil 2
Dass zur Bewältigung des Alltags und zur Verbesserung der Lebensqualität im Alter ein "wacher Geist in einem gesunden Körper" gehört, vermittelte uns einmal mehr Herr Dr. H.E. Schulze aus Karlsruhe. Das Thema gesunde Ernährung und körperliche sowie geistige Fitness steht in fast regelmäßigen Abständen immer wieder auf der Agenda unserer Seminare.
Eine gesunde Ernährung gerade im Alter sorgt nicht nur für mehr Lebensqualität, sie kann auch manchen Risiken, denen ein älterer Mensch ausgesetzt ist, vorbeugen. Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes und ähnliches sind nicht selten Folgen falscher Ernährung. Wenn die körperliche Belastung durch Bewegung, Kraftanstrengung u. dgl. nicht mehr so viel Energie verbraucht, kann oder sollte auch die Energiezufuhr durch die Nahrungsaufnahme kontrolliert werden.
In diesem Kontext verwies Dr. Schulze ebenfalls auf den Body-Maß-Index (BMI) als Möglichkeit einer Gewichtskontrolle. Es ist nicht leicht, sein richtiges Körpergewicht zu halten, denn kurzfristige Diätkuren nutzen gar nichts, da schon bald danach der ursprüngliche Zustand wieder erreicht ist. Seinen Heißhunger auf bestimmte Nahrungsmittel, z. B. auf Süßigkeiten, kann man dadurch zügeln, dass man geringere Mengen intensiv und lange kaut oder auf der Zunge zergehen lässt.
Non-verbale Kommunikation ist ein Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen, bei denen blinde Menschen schlechte Karten in der Hand haben. Leicht können dadurch im Alter soziale Kontakte verloren gehen. Leider musste dieses Thema in unserem Seminar wegen plötzlicher Erkrankung des Referenten ausfallen.
Im Kontext zu diesem Thema stand ein anderes, das ebenfalls für blinde und sehbehinderte Menschen von besonderer Bedeutung ist. Wie kann ich mir als Blinder ein Bild von meinem Gegenüber machen, wenn ich ihn nicht sehen kann? Woran und wie kann ich mir Menschenkenntnis verschaffen und ein Urteil über andere Menschen bilden, manchmal vielleicht auch, um mich vor anderen zu schützen? Frau Prof. Weinläder von der PH Heidelberg hatte es übernommen, sich diesem sicher nicht ganz einfachen und leichten Thema anzunähern.
Es sind oftmals zwei Aspekte, aus denen heraus wir unser Gegenüber "erkennen" und "beurteilen" können wollen, wenn wir ihm schon nicht "ins Gesicht schauen" können. Kann ich ihm mit Vertrauen begegnen oder muss ich eher misstrauisch sein, kann und will ich mit ihm offen reden oder ihm nicht alles sagen und anvertrauen? Die Ausgangssituation und Absicht, in der ich jemandem begegne, spielt ebenso eine Rolle wie die Häufigkeit und Intensität einer Begegnung oder Auseinandersetzung mit einer Person.
Auch die Eigenpersönlichkeit, ob eher ängstlich oder unbekümmert, zurückhaltend oder spontan, wirkt sich auf unsere Urteilsbildung aus. Andere Einflussfaktoren in unserer Urteilsbildung sind das unterschiedliche Alter des Gesprächspartners, Voreingenommenheiten oder Voreinstellungen, d. h. bestimmte Erwartungshaltungen. Eine andere Differenzierung oder Herangehensweise ist das so genannte self-monitoring, d. h. der eine spielt in unterschiedlichen Situationen die jeweils von ihm erwartete Rolle (high self-monitoring), der andere ruht gleichsam in seiner Persönlichkeit, er bleibt sich in unterschiedlichen Situationen ähnlich (low self-monitoring). Hierzu hatte Frau Prof. Weinläder im Vorfeld ihres Referates einen kurzen Fragebogen beantworten lassen, der für viele scheinbar widersprüchliche Aussagen enthielt, wobei es nicht um richtige oder falsche Antworten ging, sondern darum, dass in unterschiedlichen Situationen durchaus unterschiedliche Verhaltensweisen möglich sind.
Kritisch angemerkt wurde wiederholt, dass die Ausführungen zu allgemein gehalten waren und die spezifische Situation blinder und sehbehinderter Menschen zu wenig zur Sprache gekommen sei. In der Diskussion angesprochen wurde von einigen das Phänomen, dass Blinde oder Sehbehinderte aus der Stimme eines Gesprächspartners Stimmungen, Untertöne heraushören, die etwas anderes vermitteln als das gesprochene Wort, denn Sehende können zwar ihre Gestik und Mimik verstellen, aber nicht ihre Stimme.
In letzter Zeit mehren sich kritische Berichte über unhaltbare Zustände in Einrichtungen der Altenhilfe, insbesondere im Bereich der Pflege. So lag es nahe, einmal danach zu fragen, ob und wie die spezifischen Bedürfnisse älterer Menschen mit Behinderungen, in Sonderheit blinder und hochgradig sehbehinderter, berücksichtigt werden. Henry Kieschnick vom Kuratorium Deutscher Altershilfe (KDA) zuständig für Fort- und Weiterbildung der Pflegedienstleitungen und des Pflegepersonals sowie für das Pflegeorganisationsmanagement, hatte es übernommen, dieses heikle Thema zu hinterfragen.
Seine erste These zielte darauf, dass die gegenwärtigen rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen in den Alteneinrichtungen die Qualität der Pflege erheblich beeinträchtigen. Zwar setze die Festschreibung der Pflegesätze seit Einführung der Pflegeversicherung den Einrichtungen enge Grenzen, aber es sei auch ein kritischer Blick auf die Einrichtungen selbst notwendig. Einerseits sei die Praxis der Einstufung in eine Pflegestufe recht unterschiedlich, andererseits sei auch die Kompetenz der Pflegeleitungen nicht immer gewährleistet.
Die Umsetzung gesetzlicher Bestimmungen, nicht die Frage nach Ideen und Konzepten, lasse oft zu wünschen übrig. So gibt es daraus gute Beispiele, wo die Organisation und Kooperation von Pflegeteams, auch unter Einbeziehung der Klienten, sehr gut funktioniert. Eine qualitative Verbesserung in der Betreuung älterer pflegebedürftiger Menschen in Heimen könne auch durch die Schaffung von Wohngruppen und Hausgemeinschaften unter dem Dach einer Einrichtung erreicht werden. In kleinen Gruppen können die Mitglieder einer solchen Wohn-/Hausgemeinschaft in den "normalen" Alltagsablauf einbezogen werden und aktiv mitwirken, auch an Demenz Erkrankte.
In seiner vierten These ging Henry Kieschnick auf das Problem ein, dass das Pflegepersonal oft nicht für den Umgang mit älteren Menschen mit einer Behinderung geschult sei. Einerseits gab es bis vor kurzem keine einheitliche Ausbildung bundesweit, andererseits erfolgte die Ausbildung fachorientiert und nicht fächerübergreifend, d. h. die körperlichen Gebrechen standen im Mittelpunkt der Ausbildung. Mit einer ganzheitlichen Betrachtung des Pflegeprozesses von der Anamnese bis zur Wirkungskontrolle werden auch sozial-kommunikative Aspekte in die Ausbildung einbezogen. Dadurch können auch die spezifischen Bedürfnisse älterer blinder und sehbehinderter Pflegebedürftiger in die Ausbildung einbezogen werden, durch Sensibilisierung und durch Simulation von "Betroffenheit". Es gehe dabei auch um den Erhalt von Selbstständigkeit im Rahmen des Möglichen.
In einer abschließenden These ging Henry Kieschnick auf das Problem der Selbsthilfe ein, d. h. inwieweit Blinde und Sehbehinderte sich selbst einbringen können, um auf die spezifischen Probleme und Bedürfnisse pflegebedürftiger blinder und sehbehinderter älterer Menschen in stationärer und ambulanter Pflege aufmerksam zu machen. Zum einen können sie in Pflegeschulen und bei Weiterbildungen ihre persönlichen Erfahrungen und Kenntnisse anbieten und einbringen. Zum anderen sieht er Möglichkeiten in der Beratung von in stationärer und ambulanter Pflege Tätigen und in der Mitwirkung in Heimbeiräten.
Schließlich haben wir uns über aktuelle Fragen der Alternsforschung und Forschungsbefunde der Gerontologie von Prof. H. W. Wahl vom Deutschen Zentrum für Alternsforschung (DZfA) informieren lassen. Er ging in seinen Ausführungen von einem Zitat Paul P. Baltes aus: "Als Gesellschaft stehen wir erst am Anfang eines Lernprozesses über das Alter. In diesem Sinne ist das Alter noch jung, sein Potenzial noch weitgehend unausgeschöpft. Eine differenzierte Kultur des Alterns gilt es erst noch zu entwickeln", um anzudeuten, dass nicht nur die Alternsforschung eine noch relativ junge Wissenschaft ist, sondern auch die Lebenserwartung im Laufe des letzten Jahrhunderts sich nahezu verdoppelt hat. Gesellschaftlich wird heute die Generation der Älteren als Last und Belastung empfunden, individuell betrachtet sind den Älteren Fähigkeiten und Kompetenzen zugewachsen wie nie zuvor.
Einerseits erwachsen daraus Verpflichtungen, seine neu gewonnenen Fähigkeiten, Kompetenzen und Potenziale in die Gesellschaft zurückzugeben, andererseits können Verluste in den Alltagskompetenzen nicht übersehen werden. Die demographische Entwicklung deutet darauf hin, dass immer mehr Menschen immer älter werden. Gleichzeitig wird die Vielfalt der Lebensverläufe immer differenzierter. Es wird mehr Hilfe- und Pflegebedürftigkeit geben, aber auch andererseits die Zunahme von Kompetenzen, bürgerschaftliches Engagement. Auf dem Hintergrund einer Definition von Gerontologie, wie sie bei Baltes/Baltes zu finden ist: "Gerontologie beschäftigt sich mit der Beschreibung, Erklärung und Modifikation von körperlichen, psychischen, sozialen, historischen und kulturellen Aspekten des Alterns und des Alters einschließlich der Analyse von alternsrelevanten und alternskonstitutiven Umwelten und Institutionen" hob er vier Forschungsschwerpunkte hervor:
Hoch angstbesetzt ist der Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit als Voraussetzung für alle anderen Fähigkeiten und Kompetenzen. Zwar lässt im Alter die Schnelligkeit des Denkens nach, aber andere geistige Fähigkeiten wie Wissen, Erfahrungswissen, praktisches Wissen - die klassischen Ressourcen des Alterns - bleiben bis ins hohe Alter konstant. In der emotionalen Befindlichkeit spielt zwar die Depressivität eine Rolle, aber sie liegt im Alter keineswegs höher als in jüngeren Jahren. Dass die Suizidrate in der Altersgruppe der 80- bis 90-Jährigen im Vergleich zu allen anderen Altersstufen am höchsten ist, hat nach Prof. Wahl nichts mit der allgemeinen Depressivität zu tun, sondern ist eher als entschlossene Reaktion auf Erfahrungen wie Einsamkeit, Mobilitätsverlust, körperliche Einschränkungen und psycho-soziale Anfälligkeit zu sehen. Wohlbefinden im Alter, Lebenszufriedenheit, wie sie im 4. Altenbericht der Bundesregierung schwerpunktmäßig betrachtet wurde, meint ja nicht körperliche Unversehrtheit, sondern Anpassen seiner Ziele an seine Möglichkeiten.
Wie in jedem Jahr, so haben wir auch heuer wieder an zwei Nachmittagen Ausflüge in die nähere Umgebung gemacht. Zum einen haben wir die alte Klosterruine Hirsau besichtigt, von der außer einer Kapelle nur noch einige Grundmauern existieren. Während wir in der Kapelle noch ein wunderschönes ausgemaltes Kreuzrippengewölbe bestaunen konnten, vermittelte das Ausschreiten der Grundrisse einen Eindruck von der einstigen Größe der alten Zisterzienserabtei, die im Mittelalter hohe Bedeutung für die Geschichte des Ordens hatte. Ergänzt wurden diese Eindrücke durch den Besuch eines kleinen Museums am gleichen Ort, in dem wir zahlreiche Exponate, Skulpturen, Stelen und Säulenkapitelle ertasten konnten.
Der zweite Ausflug führte uns in die Hesse-Stadt Calw, wo wir nach einem Stadtrundgang im Hermann-Hesse-Haus einem engagierten Vortrag über das Leben Hermann Hesses lauschten.
Mit einem gemütlichen Abend, an dem wir mit einigen Parodien auf die Glocke auch des 200. Todestages von Friedrich von Schiller gedachten, endete das Seminar.
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