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Uwe Boysen: Vorangestellt

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Mitglieder,

Wenn diese Zeilen in den Druck oder die Vertonung gehen, steht das große Fußballfest unmittelbar bevor. Im Juni wird man wohl kaum noch etwas anderes zu hören bekommen als Kommentare über fulminante Schüsse und Abschüsse, Abseitspositionen und gelbe und rote Karten. Einigen von Ihnen und Euch wird es sogar vergönnt sein, Weltmeisterschaftsluft in einem der Stadien zu schnuppern.

Der Aufwand, der da für die schönste Nebensache der Welt betrieben wird, ist immens. Er reicht bis zu erbitterten Markenrechtsstreitigkeiten, wie das jüngste Urteil des Bundesgerichtshofs zeigt.

Aber bei aller Sportbegeisterung (der auch ich nicht abhold bin): brauchen wir all das wirklich? Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland wird diese Frage bejahen.

Und doch regen sich bei mir gewisse Zweifel, wenn ich erfahre, wie groß die Diskrepanz zwischen reich und arm in unserem Land wird, und wenn ich weiß, wie sehr einmal sicher geglaubte Errungenschaften (und das meine ich im wahrsten Sinne dieses Wortes) verloren zu gehen drohen.

Deshalb ist es erfreulich, dass sich die "Aktion Mensch" die Aufgabe gestellt hat, uns dazu zu befragen, in welcher Gesellschaft wir in Zukunft leben wollen. Auch unsere großen politischen Parteien scheinen diese Diskussion aufnehmen zu wollen. Da ist bei der SPD nicht mehr vom "aktivierenden", sondern jetzt vom "vorsorgenden" Sozialstaat die Rede, und auch die CDU hebt die Frage der Gerechtigkeit wieder aufs Paneel.

Dass hier ein Denkprozess in Gang kommt, zeigt auch die Vielzahl der Tagungen zum Thema Sozialstaat, die in diesem Jahr stattfindet. Über eine davon, ausgerichtet von der Lebenshilfe, wird in diesem Heft unter dem Titel "Wie sozial bleibt unser Land?" berichtet. Eine weitere, organisiert von ver.di, konnte ich im Mai in Berlin besuchen.

Und dann ist da natürlich noch unsere eigene Tagung anlässlich des 90-jährigen Jubiläums von DVBS und blista, die sich dem Thema aus der Sicht blinder und sehbehinderter Menschen zu nähern versucht.

Hoffen wir gemeinsam, dass diese Impulse nicht im Sande verlaufen, sondern ein wirkliches Umdenken veranlassen, bei dem sich die Erkenntnis durchsetzen möge, dass Sozialstaat kein Schimpfwort, sondern eine mit Demokratie und Entfaltung der Menschen untrennbar verbundene Kategorie ist.

Das wünscht sich

Ihr und Euer

Uwe Boysen

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