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Heidi Röger: "Mit Händen sehen":

Sondermarke zum 200-jährigen Bestehen der Berliner Blindenschule und zum 150-jährigen Stiftungsjubiläum der Nikolauspflege  

Mit einer eigenen Sondermarke geehrt zu werden, davon träumen viele. Rund 800 Anträge und Themenvorschläge aus allen Teilen der Gesellschaft bekommt das Referat Postwertzeichen im Bundesministerium für Finanzen Jahr für Jahr auf den Tisch. Tatsächlich können am Ende nur rund 50 ins Jahresprogramm aufgenommen werden. Die Berliner Blindenschule, die dieses Jahr ihr 200-jähriges Bestehen feiert, und die Stiftung Nikolauspflege, die 2006 150 Jahre alt wird, haben es geschafft.


Die Marke im Wert von 55 Cent (ohne Zuschlag) trägt den Titel "Mit Händen sehen". Dieser Titel ist in Punktschrift eingedruckt, ebenso die Ziffer 55. In Schwarzschrift wird auf die beiden Jubiläen "200 Jahre Berliner Blindenschule und 150 Jahre Stiftung Nikolauspflege" hingewiesen. Auf das Erscheinungsbild der Marke hatten die beiden geehrten Einrichtungen keinen Einfluss. Die Visualisierung wurde, wie bei der Gestaltung von Sondermarken üblich, von durch das Ministerium beauftragten Grafikdesignern vorgenommen.


Am 21. März 2006 wurde das neue Postwertzeichen in einer offiziellen Feierstunde in der Berliner Johann-August-Zeune-Schule für Blinde vorgestellt.


Ministerialdirigent Kühn, Zentralabteilungsleiter im Bundesministerium der Finanzen, verwies darauf, dass seit 1999 die Briefmarkenserie "Dienst am Nächsten" herausgegeben wird, mit der in loser Folge Organisationen und Institutionen gewürdigt werden, die sich oft außerhalb des Rampenlichtes für die Belange der Menschen einsetzen. Und zur Vorstellung der besagten Briefmarke sagte er u. a.:


"Die Marke trägt den Titel "Mit Händen sehen"; dieser Text ist in Punktschrift eingedruckt. In Schwarzschrift wird auf die beiden Jubiläen 200 Jahre Berliner Blindenschule und 150 Jahre Stiftung Nikolauspflege hingewiesen. Der verwendete Prägedruck ist ein Novum für eine deutsche Briefmarke ... Beachten Sie auch die Darstellung des Nennwertes. Neben der kleinen Version in Schwarzschrift ist im Hintergrund eine große Version zu erkennen, die schwach eine hellgraue Zahl 55 zeigt, letztere als Symbol für die Sicht eines Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen. Rechts unten erscheint zusätzlich der Nennwert in Punktschrift."


Der ehemalige DBSV-Präsident Jürgen Lubnau hob in seiner kurzen Ansprache hervor, dass die Bildung blinder Menschen Ausgangspunkt für die Gründung von Selbsthilfeorganisationen war. Dass es gelungen sei, anlässlich der Jubiläen eine Briefmarke zu veröffentlichen, werde uns helfen, die Probleme blinder und sehbehinderter Menschen noch stärker in die Öffentlichkeit zu tragen, so Lubnau, und er beglückwünschte die beiden Einrichtungen zu diesem Erfolg.


Über die Berliner Blindenschule:

Die schulische Blindenbildung in Deutschland nahm vor 200 Jahren 1806 seinen Anfang mit der Gründung der ersten Blindenschule in Berlin (Gipsstraße). Der Gründer der "Preußisch-Königlichen Blindenanstalt" war der Gymnasiallehrer und Geographieprofessor Johann August Zeune (1778 - 1843).


Der Unterricht wurde anfangs in Zeunes Privatwohnung mit nur einem blinden Schüler (Wilhelm Engel) durchgeführt. Die vorher für kaum möglich gehaltene erfolgreiche Beschulung Blinder führte zu einer schnellen Zunahme der Schülerzahl. Zeune war ein vielseitiger wissenschaftlich, politisch und sozial sehr engagierter und gefragter Bürger, der auf Grund der vielen Terminverpflichtungen wichtige Unterrichtstätigkeiten an der Blindenschule seiner Ehefrau Auguste übertrug.


In Folge des steigenden Bedarfs und der Erfolg der Arbeit wurde bald ein neues Schulgebäude bezogen und mehr Lehrer eingestellt, u. a. Emanuel Gottlieb Flemming, der 1809 in Dresden eine weitere Blindenschule eröffnete. 1822 zählte man schon 15 Blindenschulen in Europa. 1883 waren es 138 weltweit.


Die erste Blindenschule wurde 1784 in Paris von Valentin Haüy gegründet. Die zweite Blindenschule wurde 1804 in Wien von Johann Wilhelm Klein (1765 - 1848) gegründet mit der damaligen revolutionären und bis heute gültigen Forderung Kleins auf das Recht auf Schulbildung für alle blinden Kinder, und zwar für die Mehrzahl zweckmäßigerweise in den Volksschulen der Heimatorte - ein Gedanke, der die modernen Konzepte der Integration / Inklusion bereits umsetzte.


Die Punktschrift wurde erst 1825 vom 16-jährigen blinden Schüler Louis Braille (1809 - 1852) in Paris entwickelt. Bis dahin wurden verschiedene tastbare Schriften entwickelt, die sich an der normalen Schwarzschrift orientierten. Das geniale "6-Punkt-Braille-Schrift-System" konnte sich in Deutschland erst nach dem Blindenlehrerkongress in Berlin 1879 durchsetzen und ist bis heute weltweit die anerkannte Blindenschrift.


Schon 1886 wurde das Blindenhilfswerk Berlin unter dem damaligen Namen "Verein zur Beförderung der wirtschaftlichen Selbständigkeit Blinder" gegründet und existiert bis heute erfolgreich weiter - wie viele andere Blinden-Selbsthilfeorganisationen.


An der Berliner Blindenschule wird seit der Gründung bis heute an dem übergeordneten blindenpädagogischen Ziel der Berufstätigkeit der Blinden festgehalten, nicht nur wegen der finanziellen Unabhängigkeit, sondern besonders wegen der sozialen Anerkennung. Die blinde Sängerin und Lehrerin Betty Hirsch hat zusammen mit dem Augenarzt Dr. Silex nach dem 2. Weltkrieg 1914 eine Kriegsblindenschule in Berlin gegründet, um den Kriegsblinden (später allen Blinden) eine Berufsausbildung und eine Arbeitsplatzvermittlung anbieten zu können. Berlin entwickelte sich zum Zentrum der deutschen Blindenbildung und als größte Arbeitsstätte für Blinde.


Betty Hirsch musste 1933 als Jüdin emigrieren. Tausende Blinde wurden im "Dritten Reich" zwangssterilisiert, deportiert und ermordet.


Nach dem 2. Weltkrieg wurde das zerstörte Schulgebäude in Berlin-Steglitz (Rothenburgstraße) wieder aufgebaut und die spätere Berufsfachschule Dr. Silex der Johann-August-Zeune-Schule für Blinde angegliedert.


Die heutige Berliner Blindenschule steht seit 1877 in Steglitz und umfasst nahezu alle Schularten: Grundschule, Hauptschule, Realschule, Gymnasium in Kooperation mit dem auf demselben Gelände befindlichen Fichtenberg-Gymnasium, Berufsschule, Berufsfachschule, Schule mit dem Förderschwerpunkt "Lernen" und "Geistige Entwicklung", vorschulische Förderung, Frühförderung. Die Blindenschule legt großen Wert auf Integration durch den gemeinsamen Unterricht in der Regelschule und unterstützt dies durch ein ausgebautes Ambulanzlehrersystem. Ziel ist die Inklusion Blinder und Sehbehinderter in unsere Gesellschaft durch optimale individuelle Förderung.


Über die Nikolauspflege:

Die Stiftung Nikolauspflege bietet blinden und sehbehinderten Menschen Hilfeleistungen an, fördert ihre schulische und berufliche Bildung sowie die gesellschaftliche und berufliche Eingliederung. Die Stiftung ist Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg.


Neben einer wachsenden Zahl stationärer Angebote an verschiedenen Standorten (schwerpunktmäßig in Baden-Württemberg und in Sachsen) sind ambulante Hilfen kennzeichnend für die Arbeit der Nikolauspflege. Diese Hilfen werden von der Stiftung möglichst wohnortnah zu den betroffenen Menschen gebracht. Kooperation und Integration sind Leitmotive in den Bereichen schulischer und beruflicher Bildung, ebenso die gesellschaftliche Teilhabe von blinden Menschen aller Altersgruppen, die wegen zusätzlicher Beeinträchtigungen auf Dauer einen hohen Förder- und Betreuungsbedarf haben.


Im laufenden Schul- und Ausbildungsjahr 2005/2006 betreut die Stiftung rund 1.800 blinde und sehbehinderte Menschen. Ziel aller Hilfeleistungen ist ein gleichwertiges Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung.


Die Sondermarke "Mit Händen sehen" ist seit 2. März bei jeder Postagentur in ganz Deutschland erhältlich. Mit dem Kauf dieser Briefmarke kann jeder dazu beitragen, die beiden Institutionen - stellvertretend für alle Einrichtungen der Blinden- und Sehbehindertenbildung bekannt zu machen.


Wir alle können Ministerialdirigent Kühn nur zustimmen, wenn er sagt, dass mit dieser Marke unsere Alltagskultur um ein weiteres Element bereichert wird.


Anmerkung der Autorin:

Dieser Artikel wurde zusammengestellt aus


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