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Klaus Sommer: DVBS, quo vadis? – Arbeitsausschusssitzung und Ehrenamtlerseminar des DVBS in Bad Meinberg

Welche Anforderungen sind in der Zukunft an eine Selbsthilfeorganisation der Sehgeschädigten zu stellen (Prognosen und Szenarien)?

Wen soll der DVBS in der Zukunft vertreten und mit seinen Angeboten ansprechen?


Koordination der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen der Sehgeschädigtenselbsthilfe in der Zukunft!


Neue Aufgaben und neues Selbstverständnis der ehrenamtlich geleisteten Arbeit im DVBS!


Diese Themen bildeten die inhaltlichen Schwerpunkte der Arbeitsausschusssitzung vom 11. vom 13. November 2005, die diesmal wieder - wie alle zwei Jahre - mit einem Wochenendseminar für ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des DVBS verbunden war. Die Vertreterinnen und Vertreter von 20 Fach- und Bezirksgruppen waren der Einladung ins Aura-Zentrum nach Horn-Bad Meinberg gefolgt.


Ein Vortrag, den der Geschäftsführer des hamburgischen Blinden- und Sehbehindertenvereins vor dem Verwaltungsrat des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) - durchaus gewollt provokativ - zur Zukunft der Sehgeschädigtenselbsthilfe gehalten und dabei die Fragen nach einem Qualitätsmanagement (QM) und einer Qualitätssicherung (QS) auch für Ehrenamtler aufgeworfen hatte, gab den Anlass, sich auch im DVBS mit dieser Thematik auseinander zu setzen. Im Kern standen fünf Thesen zur Diskussion:




In der Aussprache wurde u. a. angemerkt, dass die vorgetragenen Thesen hinsichtlich des so genannten Neumarktes zu seniorenlastig seien, als dass sie für den DVBS herausragende Wichtigkeit besitzen könnten, und dass zum "Neumarkt" wenigstens auch solche Personen gezählt werden müssten, die ihre Berufstätigkeit wegen eingetretener Sehschädigung nicht mehr ausüben könnten. Im Übrigen müsse auf Seiten des DVBS die Gruppe der stark Sehbehinderten in der Selbsthilfearbeit vermehrt berücksichtigt werden.


Die spezifische Aufgabe des DVBS als Berufsverband wurde betont. Auch könnten die Eltern sehgeschädigter Kinder, die sich in einer weiterführenden Schulausbildung befänden, für den DVBS eine Zielgruppe des "Neumarktes" sein. Schließlich werden noch Bildung, intellektuelle Arbeit und Behinderungsbewältigung als Schwerpunkte der DVBS-Selbsthilfetätigkeit herausgestellt.


Der Vorstand wird eine Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der vorstehenden Thematik bilden.


Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit mit anderen Sehgeschädigten-Selbsthilfeorganisationen werden im DVBS-Vorstand schon seit einiger Zeit erörtert. Der Verein ist übrigens bereits korporatives Mitglied im DBSV. Zu diesem Thema meinten einige Tagungsteilnehmer, eine Verschmelzung des DVBS mit dem DBSV könne dem DVBS Strukturprobleme lösen helfen und der Profilbildung des DVBS dienen; die Wahl der Selbsthilfeorganisation, der sich eine sehgeschädigte Person anschließe, vollziehe sich heute ohnehin nur zufällig.


Dem wurde entgegen gehalten, dass es sich beim DBSV (nur) um einen Verband von Verbänden handele, es also allenfalls um eine ordentliche Mitgliedschaft des DVBS im DBSV gehen könne. Die Herausarbeitung eines eigenständigen Profils des DVBS und die Bestimmung klar umrissener Aufgabenschwerpunkte seien die Zukunftsherausforderung für den DVBS. So könne er unverkennbar und unverwechselbar nach außen auftreten und zugleich eine Aufgabenüberschneidung mit dem DBSV vermeiden. Die Schwerpunktkompetenz des DVBS wurde auf den Gebieten der weiterführenden schulischen und beruflichen Aus- und Fortbildung sowie der Rechtsberatung und Rechtsvertretung gesehen.


Die Serviceangebote des DVBS betreffend, wird jetzt auch die Anerkennung des Vereins als Integrationsfachdienst (IFD) für Blinde und Sehbehinderte in akademischen und verwandten Berufen angestrebt. Hierfür muss sich der DVBS zunächst als Bildungsträger profilieren, weil IFDs in privater Trägerschaft üblicherweise als Bildungsträger tätig sind. Eine Gelegenheit dazu könnte sich in der optierenden Kommune Marburg ergeben, in der ein Kreisjobcenter entsprechende Aufträge vergibt. Der Geschäftsführer betonte in diesem Zusammenhang, dass der DVBS dem Aufgabenspektrum eines IFD im Wesentlichen entspreche, was er bereits heute in seiner Beratungstätigkeit tue.


Die Bereiche Rechtsberatung und -vertretung durch den DVBS sind ausgelastet. Hier ist mittelfristig mit einem weiteren Anstieg der Nachfrage zu rechnen. Dadurch wird zusätzliches Personal im Bürobereich schon jetzt erforderlich. Mittel- und langfristiges Ziel ist, für Rechtsberatung und -vertretung einen weiteren Rechtsanwalt zu beschäftigen. Um das finanzieren zu können, muss ein höherer Anteil der Beratungsleistungen als bisher kostenpflichtig erbracht werden. Es wird angestrebt, mit einer Versicherungsgesellschaft ein Rechtsschutzprodukt einschließlich Sozialrecht für Sehgeschädigte zu kreieren; der DVBS soll dann hierbei gutachterlich tätig werden.


Dem digitalen Textservice des DVBS sind mittlerweile in zwei Studios der Geschäftsstelle DAISY-fizierte Audioaufnahmen möglich. Der DVBS erhielt den Auftrag, eines der Nachfolgeprodukte der "Brücke", nämlich die "Telekom-Brücke" digital zu produzieren. Im Bereich der Individualaufsprachen stiegen die Auftragszahlen nach der Umstellung auf DAISY wieder an. Die Zeitschriften "Bild der Wissenschaft" und "Spektrum der Wissenschaft" erscheinen ebenfalls im DAISY-Format.


Das Textserviceteam in der Geschäftsstelle widmete sich außerdem verstärkt der Übertragung von digitalen Vorlagen in barrierefreies HTML. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig und der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista) in Marburg soll demnächst ein Produkt auf den Markt gebracht werden, das den Service der Übertragung PDF- in HTML-Dokumente realisiert.



Zum Themenkreis "Neue Aufgaben und neues Selbstverständnis der ehrenamtlich geleisteten Arbeit im DVBS" hatte sich im Vorfeld eine aus Mitgliedern des Vorstandes und der Geschäftsstelle bestehende Arbeitsgruppe befasst. Nach deren Auffassung kommt externes freiwilliges Engagement im DVBS eher sporadisch vor, als dass es systematisch akquiriert wird. Besonders engagierter Einsatz von Vereinsmitgliedern werde durch persönliche Danksagung und auch kleinere Identifikation stiftende Geschenke honoriert. Hinsichtlich der Honorierung von Mitgliedern in ihrer Eigenschaft als Seminardozenten sollten auch künftig die Seminarrichtlinien gelten. Die Arbeitsgruppe ist mehrheitlich der Meinung, dass es sich nicht mit dem Selbsthilfegedanken verträgt, wenn Vereinsmitglieder für ihren Einsatz bei vereinsinternen Seminaren marktgerecht entlohnt werden. Die unentgeltliche Zur-Verfügung-Stellung von Fachlichkeit sei ein wesentliches Merkmal für freiwilliges Engagement, denn Menschen helfen Menschen und nicht Organisationen.


Diese Thematik wurde in der sich anschließenden Aussprache kontrovers diskutiert. So bestand z. B. die Forderung, Redakteure von Fachgruppeninformationsdiensten des DVBS von den Abonnementsgebühren zu befreien und eine marktgerechte Entlohnung von Mitgliedern für ihre Arbeit als Dozenten bei DVBS-internen Seminaren dann als berechtigt anzuerkennen, wenn diese Personen mit solcherlei Aufträgen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Demgegenüber wurden Honorarzahlungen an Mitglieder mit Blick auf den Selbsthilfegedanken überhaupt strikt abgelehnt.


Zur Regelung der Angelegenheit wird die genannte Arbeitsgruppe bis zur nächsten Arbeitsausschusssitzung Empfehlungen vorlegen.


Über Neues und Bewährtes aus der blista berichtete deren erster Vorsitzender Jürgen Hertlein. Nach der letzten Satzungsreform organisiert sich diese Einrichtung in die Mitgliederversammlung, den siebenköpfigen Verwaltungsrat und dem aus dem 1. und 2. Vorsitzenden bestehenden Vorstand; der Vorstand ist für die fünf Abteilungen Schule, Internat, RES, Bibliothek und Verlag verantwortlich.


Die blista hatte im November 2005 286 Schüler und Rehabilitanden; zusätzlich betreut sie 50 Kinder in der integrierten Beschulung und etwa 75 Frühförderfälle.


Im November 2005 erfolgte der Spatenstich für den Neubau für die Jahrgangsstufen 5 und 6 der Carl-Strehl-Schule (CSS). Der Bereich taktile Medien wurde reaktiviert. Die blista erhielt die Aufträge für die Fertigung der gesetzlich geforderten Blindenschriftaufdrucke auf Medikamentenschachteln und für die Vertonung von Beipackzetteln. Außerdem produziert sie mit Bezuschussung den sechsten Band der Harry-Potter-Serie in Punktschrift.


Die Ausbildung zum Rehabilitationslehrer, wie sie von der Abteilung RES angeboten wird, wurde inzwischen staatlich anerkannt. - Ein europaweites Projekt forscht nach dem Stand der schulischen Integration sehgeschädigter Schülerinnen und Schüler. Ein zweites Projekt vergleicht Informationstechnik und Kunst in Deutschland, Frankreich, Polen und Rumänien. An der CSS werden derzeit die Fächer Politik und Sozialkunde zweisprachig in Englisch und Deutsch unterrichtet. Die CSS könnte eventuell die erste Europaschule für sehgeschädigte Schülerinnen und Schüler werden, so hofft Jürgen Hertlein. blista-intern wird mehrheitlich für die Beibehaltung einer neunjährigen Gymnasialzeit plädiert; jedoch will man das Zentralabitur umsetzen.


Im Rahmen der Arbeitsausschusssitzung wurden freilich auch die satzungsmäßigen Aufgaben dieses Gremiums erledigt: nämlich die Entgegennahme des geprüften Jahresabschlusses 2004, die Entlastung des Vorstandes und die Verabschiedung des Haushaltsplanes für das Jahr 2006. Außerdem berichteten die DVBS-Mitglieder in den gemeinsamen Fachausschüssen über ihre Arbeit. Der Arbeitsausschuss fasste noch den Beschluss, der Mitgliederversammlung im September 2006 einen Satzungsänderungsantrag vorzulegen, nachdem der DBSV im Arbeitsausschuss des DVBS Stimmrecht erhält.


Die nächste Sitzung des Arbeitsausschusses findet am 18. November 2006 in Marburg statt.

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