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"Abschied von Dr. Mittelsten Scheid". So überschrieb Karl Britz eine kleine Traueranzeige, mit der Heft 4/1981 unserer Zeitschrift beginnt. Kurz zuvor, am 30. Juli 1981, verstarb Dr. Friedrich Mittelsten Scheid im Alter von 90 Jahren nach einem reichen und erfüllten Leben.
Karl Britz berichtete vor 15 Jahren, als Dr. Mittelsten Scheid 100 Jahre alt geworden wäre, ausführlich über ihn (siehe "Marburger Beiträge", H. 2/1991 sowie "horus", H. 1/1991). Damals stand dem DVBS und der blista, für die Dr. Mittelsten Scheid wirkte, ein Jubiläum bevor - so wie in diesem Jahr, in dem sich sein Todestag zum 25. Mal jährt.
Die Jüngeren in unserer Leserschaft kennen Dr. Mittelsten Scheid nicht mehr, die Älteren hingegen erinnern sich stets gerne an ihn zurück. Genau 50 Jahre - von 1923 bis 1973 - war er Lehrer an der Blindenstudienanstalt. Von seinen Schülerinnen und Schülern wurde er nicht nur respektiert, sondern auch sehr geschätzt. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass er selbst blind war und somit ein stärkeres Einfühlungsvermögen in die Probleme seiner "Schützlinge" besaß als so mancher Sehende.
Er wirkte auch viele Jahre nach seiner offiziellen Pensionierungsgrenze weiter als Lehrer. Als er mit - sage und schreibe - 82 Jahren seinen aktiven Schuldienst beendete, sollte ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen werden, das er jedoch nicht annahm. Stattdessen wurde ihm 1975 in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste für blista und VbAD/VbGD (dem heutigen DVBS) die ein Jahr zuvor gestiftete Carl-Strehl-Plakette verliehen.
Friedrich Mittelsten Scheid wurde am 1. Februar 1891 in Wuppertal-Barmen als Sohn eines wohlhabenden Fabrikbesitzers geboren und verlor bereits in den ersten Lebensjahren sein Augenlicht vollständig. Seinem Vater lag viel an einer guten Ausbildung seines Sohnes, und so erhielt Friedrich zunächst Privatunterricht im Elternhaus durch eine vorgebildete Blindenanstaltslehrerin, bis er 1904 in die Obertertia (9. Klasse) der Oberrealschule in Barmen eintrat. Man kann sagen, dass dies ein früher Fall von "integrativer Beschulung" war, die ja in unseren Tagen so sehr diskutiert wird. Die damit verbundenen Probleme wurden sowohl mit Hilfe des Elternhauses, als auch durch die Zusammenarbeit mit Friedrichs Klassenkameraden gelöst. Was er von diesen an Hilfe benötigte, konnte er sehr gut mit seinen bereits früh erworbenen mathematischen Kenntnissen wettmachen. 1909 bestand er das Abitur "mit Auszeichnung" und wurde damit einer der Besten seines Jahrgangs.
Danach studierte er in Freiburg, Berlin, München und schließlich Göttingen. Dort legte er im Februar 1917 sein Staatsexamen in Mathematik, Physik und Philosophie für Oberstufe "mit Auszeichnung" ab und promovierte fünf Jahre später mit einer Dissertation über "Die Zerlegung irreduzibler integrabler Gruppen hyperkomplexer Größen in unzerlegbare Faktoren" - "summa cum laude". In seine Studienjahre fallen auch ehrenamtliche Tätigkeiten für verschiedene Kriegsblindeneinrichtungen sowie die Heirat mit einer Studienkollegin 1918. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor, von denen der jüngste, noch lebende Sohn lange Jahre Vorstandsmitglied der blista war.
1916 nahm Mittelsten Scheid auch erstmals Kontakt mit Carl Strehl, dem Geschäftsführer der Blindenstudienanstalt und Gründer des "Vereins der blinden Akademiker Deutschlands" (VbAD) auf. Er wurde Mitglied im VbAD und von Strehl beauftragt, eine Mathematik- und Chemieschrift für Blinde auszuarbeiten, was er zusammen mit dem ebenfalls blinden Dr. Willi Windau tat. In diese Zeit fällt auch seine Mitgliedschaft im "Reichsdeutschen Blindenverband" (dem späteren "Deutschen Blindenverband"), für den er ebenfalls viele Jahre ehrenamtlich tätig war.
Durch die Inflation wurde das elterliche Vermögen quasi "aufgefressen", und so kam es Dr. Mittelsten Scheid sehr gelegen, als Strehl ihn im Oktober 1923 als wissenschaftlichen Lehrer für Mathematik an die Blindenstudienanstalt berief. Das Haus in der Wilhelm-Roser-Straße 42, das dann seine Frau und er bauen ließen, machte den Mittelsten Scheids Marburg zur bleibenden Heimat. Auch für die Vielzahl der Schülerinnen und Schüler Dr. Mittelsten Scheids wurde es oft zum Anziehungspunkt für ernste Gespräche, aber auch so manche launige Stunden.
Während seiner Zeit als Lehrer hat er nie seine aufrechte Lebensart verloren, und auch in den zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur hat er trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten nie einen Hehl daraus gemacht, dass er diese Ideologie ablehnte, auch wenn er dies natürlich nicht öffentlich kund tun durfte und sich an die bestehenden Verhältnisse anpassen musste, soweit es nötig war.
Nach dem Krieg war er Beisitzer im "Verein der blinden Geistesarbeiter Deutschlands" (VbGD) von 1948 bis 1968 und hat sich auch weiterhin um die Reform der Blinden-Mathematik- und -Kurzschrift verdient gemacht.
Dr. Mittelsten Scheid konnte seinen 90. Geburtstag noch erleben, starb jedoch etwa ein halbes Jahr später. Einige Monate danach, am 2. Oktober 1981, veranstaltete die blista eine Gedenkstunde zu seinen Ehren, bei der Dr. Otto Hauck, der damalige VbGD-Vorsitzende, einen Nachruf auf den Verstorbenen hielt, der in den "Marburger Beiträgen", H. 5/1981 sowie "horus", H. 4/1981, abgedruckt ist.
Viele der in früheren Jahren erschienenen Lebensberichte von ehemaligen Blistanerinnen und Blistanern beweisen, wie viel sie Dr. Mittelsten Scheid während ihrer Schulzeit verdanken, und sogar einige seiner jüngeren Kollegen, die noch heute im Schuldienst an der blista tätig sind, sprechen manchmal über ihn und finden dabei stets anerkennende Worte über seine außerordentlichen Verdienste als Lehrer, der für viele ein väterlicher Freund wurde.
Wer sich einen akustischen Eindruck von seiner Stimme machen will, sollte sich die Jubiläumsausgabe der DVBS-Hörzeitschrift "intern" besorgen. Dort wird er nämlich in einem Originaltondokument des Jahres 1966 zu hören sein.
Ein vollständiges "Werkverzeichnis" Dr. Mittelsten Scheids in den "Beiträgen" mit allen bibliographischen Angaben seiner Artikel - in Punktschrift (PS) bzw. Schwarzschrift (SS) - können Sie anfordern bei
Jochen Schäfer, E-Mail: schuelerbibliothek@mailer.blista.de
oder bei der DVBS-Geschäftsstelle,
Frau Heidi Röger, Telefon: 06421 94888-13, E-Mail: horus@dvbs-online.de.
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