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Michael Herbst: Eine wertvolle Arbeit von Mensch zu Mensch.

DVBS-Mitarbeiter/innen besuchen das Taubblindenwerk Hannover

Ein Flugzeug zieht über den Himmel. Der gehörlose Mensch wird es sehen, der Blinde wird es hören und auf diese Weise wissen, dass es da ist und vielleicht sogar, in welche Richtung es fliegt. Der taubblinde Mensch weiß nichts von seiner bloßen Existenz. Die es uns mit den Worten eines Betroffenen erklärt, unterrichtet taubblinde und hör-/sehbehinderte Kinder. "Kommunikation ist für uns alles", sagt Gudrun Lemke-Werner.


Welche Kommunikationswege für den einzeln zu unterrichtenden Schüler genutzt werden können, hängt einerseits davon ab, wann die Sinnesbeeinträchtigungen aufgetreten sind und andererseits davon, wie hoch der Grad der Beeinträchtigungen ist.


Die es hören, sind zwölf Mitarbeiter/innen des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS); drei Blinde unter ihnen.


Sozusagen vorübergehend herabgestiegen vom "Elfenbeinturm der höheren Blindenbildung" standen sie 24 Stunden zuvor am Eingangsportal des Taubblindenzentrums Fischbeck vor den Toren Hannovers. Menschen tasten sich mit unorthodoxen Blindenstocktechniken langsam vorwärts. Andere nutzen Wegegeländer und Bodenindikatoren, um sich auf dem 56.000-Quadratmeter-Areal zurechtzufinden. Es mögen zehn oder zwölf Häuser sein, die wir sehen. Die meisten von ihnen flach gebaut, mit Giebeldächern verziert und aus roten Steinen errichtet. Mitunter ertönt ein Schrei, ein Winseln, ein Stöhnen. Zwei sympathische Herrschaften heißen uns willkommen: Einrichtungsleiter Jürgen Hennies und seine Stellvertreterin Kerstin Trester-Betka nehmen sich einen halben Tag Zeit, uns ihre Arbeit näher zu bringen.


Fünf Begriffe reichen aus, um die Bereiche ihrer Pädagogik zu umreißen:


Mobilität, lebenspraktische Fähigkeiten, soziale Kontakte/Stimulation und abermals Kommunikation.


Hier in Fischbeck leben knapp 100 mehrfach behinderte Menschen. Doch wer meint, Taubblindheit sei für sich genommen bereits eine Mehrfachbehinderung, wird korrigiert. "Wir verstehen Taubblindheit zunächst als eine eigenständige Behinderung und nicht als Kombination von Beeinträchtigungen", erklärt Kerstin Trester-Betka. In der Blinden- und Gehörlosenpädagogik spielt die Kompensation des ausgefallenen Sinnes die Hauptrolle. Bei Taubblinden fehlen beide primären Kommunikationssinne.


Die Hände sind Augen, Ohren und Mund in einem. Wer nicht hört und nicht sieht, für den ist Umwelt zunächst er selbst. Die Kommunikation mit der Außenwelt hört an den Körpergrenzen auf. Wer gar taubblind geboren wurde, der ist in sich ganz Zuhause. Niemand hat ihm je erklären können, was sich jenseits jener Körpergrenzen befindet, was zu ihm spricht und was ihm die Umwelt sagt. Allein die Kontaktaufnahme ist so gesehen eine anspruchsvolle Herausforderung. Wie man einen seiner Betreuten denn "ansprechen" könne, wird Jürgen Hennies gefragt. "Stellen oder setzen Sie sich neben ihn, tun Sie, was er tut, wackeln Sie beispielsweise vor und zurück, wenn er es tut", erklärt er. Die äußere Umwelt ist für diese Menschen zunächst Furcht einflößend, gar bedrohlich. Doch wer tut, was man selbst gerade tut, der schafft Vertrauen und dieses Vertrauen muss sein, ehe der nächste Schritt gegangen werden kann.


Der ist der Aufbau eines Kommunikationssystems. Bei Geburtstaubblinden versucht man z. B., durch Gebärden Dinge, Tätigkeiten, Gefühlszustände oder Bedürfnisse zu vermitteln. Hierzu greift man sich die Hände des taubblinden Menschen und führt mit ihnen die Gebärden aus. Wie weit man damit kommt hängt von den kognitiven Fähigkeiten des Taubblinden ab und in der Tat ist es schwer zu sagen, ob etwa eine geistige Behinderung Folge der Taubblindheit oder zusätzliche Beeinträchtigung ist.


Viele der hier lebenden Menschen sind behindert, weil Röteln während der Schwangerschaft ihrer Mütter auftraten. Dies führt üblicherweise zu Schädigungen der Augen, der Ohren, des Gehirns und des Herzens. Doch wir sehen auch gehbehinderte Menschen, wir sehen Kleinwüchsige und andere körperliche Fehlbildungen. Dann berichten uns die beiden Pädagogen über Tanzen, über eine eigene Musikgruppe, über Sport, über die Werkstatt und die Gärtnerei. Der unbedarfte Zuhörer nimmt ein schmackhaftes Mittagessen ein und fragt sich, wie das alles wohl funktionieren mag. Er bekommt es gezeigt.



Wir besuchen eine der Wohngruppen. Auch hier Orientierungsgeländer. Die einzelnen Räume sind mit tastbaren Symbolen gekennzeichnet. Ein Fahrradpedal verrät z. B., dass sich hinter der Tür der Bewegungsraum befindet. Der Weg zur Umweltwahrnehmung führt häufig über die so genannte basale Stimulation. Da gibt es eine riesige Trommel, auf die man sich setzen kann, um die Vibrationen des Trommlers wahrzunehmen. Regelrechte Begeisterung löst bei den Besuchern ein Wasserbett aus, unter dem sich leistungsfähige Lautsprecherboxen befinden. Das grüppchenweise Testliegen/-hören/-fühlen zeitigt einige deutungsbedürftige Fotografien für das DVBS-Archiv, doch für taubblinde Menschen ist es ein Weg sich in der äußeren Umwelt wohlzufühlen.


Im Flur, in der Küche, eigentlich überall finden sich aus Weinkorken geformte Pin-Wände. Jürgen Hennies erklärt, was es damit auf sich hat:


Erzieher hatten die kreative Idee, mit den Bewohnern aus Korken solche "schwarzen Bretter für den Hausgebrauch" herzustellen. Eine einfache Tätigkeit, ideal zur Vorbereitung der behinderten Menschen auf den späteren Einsatz in der Werkstatt. Ein Winzer konnte zum Sammeln der Korken gewonnen werden, mit der Zeit wurde eine südwestdeutschlandweite Sammelaktion daraus und schließlich hatte Fischbeck mehr Korken, als es verwenden konnte.


Neuankömmlinge werden zunächst zwei Jahre lang individuell auf ihren späteren Lebensweg in der Einrichtung vorbereitet. Der hat häufig mit Handwerk zu tun und entsprechend schmücken die Flure und Räume zahlreiche Beispiele dessen, was mehrfach behinderte Taubblinde zu schaffen vermögen.


Die Zimmer der Bewohner sind individuell eingerichtet. Die Betreuer versuchen, ihre Wünsche zu ergründen und sie zu erfüllen. Beinahe zu jedem Raum, so scheint es, haben Frau Trester-Betka und Herr Hennies eine eigene Geschichte zu erzählen, und das ist immer auch ein Stück der Geschichte der Bewohner. Die individuelle Raumgestaltung setzt sich nischenhaft im Wohnzimmer fort. Da ist der Schaukelstuhl für den Bewohner, der gerne schaukelt. Da ist eine Art kleines Häuschen, das der kleinwüchsige Taubblinde gerne bewohnt, weil er es um sich spüren will. Da ist die Matratze, auf der ein Mädchen liegt, das eben am liebsten liegt und nur mit Gehhilfe laufen kann.


Auf der Terrasse entsteht gerade ein potenziell alternativer Aufenthaltsort für den Schaukelstuhlliebhaber - eine Hollywood-Schaukel. Ein Bewohner spürt wohl, dass dort irgendetwas vor sich geht. Per handgeführter Gebärden erklärt ihm der Betreuer, dass er dabei ist, etwas zu bauen. Die Gebärde für Hollywood-Schaukel kennen wahrscheinlich beide nicht.


Vieles hier geschieht in der Eins-zu-Eins-Betreuung. Wie soll es auch anders sein? Knapp 100 Bewohner leben in der Einrichtung, ebenso viele arbeiten hier. Wir sehen die Sporthalle und die Werkstatt. Dort werden im Moment Schrauben eingetütet und Teppichwollrollen vollständig von ihren Resten befreit, ehe man Wolle und Rollen in getrennte Säcke packt. Auftragsarbeiten der Industrie, die immer seltener werden. "Wenn dann doch mal ein Auftrag kommt, muss er am besten bis gestern erledigt sein", stellt Jürgen Hennies fest. Nicken in der Runde, auch die DVBS-Spendenbriefe und die Vereinszeitschrift werden in einer Behindertenwerkstatt versandfertig gemacht. Was hier geschieht, darf durchaus auch Mittel erwirtschaften.


Doch vor allem dient die Arbeit der Tagesstrukturierung. Es geht darum, den behinderten Menschen einen regelmäßigen Zeitablauf zu bieten. Bei der Arbeit sind die Betreuer aus den Wohngruppen mit dabei. Feste Bezugspersonen sind wichtig.


Das Prunkstück der Einrichtung haben sich Trester-Betka und Hennies für den Schluss aufgehoben: Vor der Gärtnerei werden Pflanzen verladen. Für den nächsten Tag ist eine Verkaufsaktion im Hannoveraner "Mutterhaus" geplant. Ein kurzer Rundgang, Riechen an den von Chefgärtner Meyer dargebotenen Blättern und die Hobbygärtner unter uns schlagen zu. Manch Pflanzenkübel erhält einen Zettel mit einem Namen und dem Vermerk "bezahlt". Im "Mutterhaus" sind wir nämlich für den nächsten Tag auch angemeldet und der Transport der erworbenen Schätze dorthin ist also gesichert.


Bei Kaffee und Kuchen hören wir, dass zwei Direktoren des Hannoveraner Taubblindenwerkes Anfang der 90er Jahre auf einem völlig unerschlossenen Grundstück bei Fischbeck standen. Sie wollten eine Einrichtung schaffen, die jene ihrer Schüler beherbergen sollte, die z. B. eben wegen einer Mehrfachbehinderung nicht auf die ein oder andere herkömmliche Weise in die Gesellschaft zu integrieren waren. Ein gewagtes Unternehmen an dieser Stelle fernab vom Stammsitz in Hannover-Kirchrode, doch sie kauften das Grundstück und schufen eine bundesweit einzigartige Einrichtung. "Die meisten Bewohner sind den Rest ihres Lebens hier", meint Kerstin Trester-Betka. Ja, der Kontakt zu den Eltern sei wichtig und mitunter durchaus schwierig, räumt sie auf Nachfrage ein. Es gibt jene Angehörigen, die meinen, die Betreuung besser als die hier versammelten Fachleute leisten zu können, und es gibt am anderen Ende der Problemskala jene, die nichts mehr mit ihrem Nachwuchs zu tun haben wollen. Die größte Berufsgruppe auf dem Gelände ist die der Heilerziehungspfleger. Sozialpädagoge Hennies und Erzieherin Trester-Betka schwärmen über den guten Kontakt zu den Fischbeckern.


"Wenn wir nach draußen gehen, ist das für uns immer auch öffentliche Bewusstseinsbildung", lässt sich Hennies in einer Broschüre der Einrichtung zitieren. Seine Frau selbst besorgt die Öffentlichkeitsarbeit.


Längst hat mich das Thema gefesselt. Ewig hätte ich noch im Speisesaal der Zentralküche, von der aus die Wohngruppen versorgt werden, sitzen und fragen können. Sicher liegt es nicht nur am Frühling, an der Sonne, die heute scheint, und an der Natur, die überall auf dem Gelände aufblüht: Es liegt keine Traurigkeit über der Einrichtung, im Gegenteil, Fröhlichkeit, Kreativität und Geborgenheit scheinen mir die treffendsten Begriffe zu sein, um die Stimmung in Fischbeck zu beschreiben. In mir regt sich die Erinnerung an ein Schülerpraktikum bei schwer geistig und körperlich behinderten Menschen. Die Vaterrolle fragt: Wie könntest Du damit umgehen, ein mehrfach behindertes taubblindes Kind zu haben? Der Mensch in mir schließlich, würde am liebsten gleich nach einem Praktikumsplatz fragen; trotz - oder besser gerade wegen - der eigenen Sehbehinderung. Vorbei an einem Pfad aus unterschiedlichen Bodenbelägen, an einem alten Bettgestell, das - weshalb auch immer - jenseits des Geländers aufgestellt ist, verlassen wir die Einrichtung und unsere Gastgeber. Auf zum "Mutterhaus".


Das ist ein drei- bis vierstöckiger Gebäudekomplex, wie sie in den 70er Jahren gebaut wurden. Schmucklos, aber viel Grün drum herum und im Inneren setzt sich die gestalterische Detailliebe Fischbecks fort. Auch hier künstlerisch verarbeitete Korken. Wiederum Orientierungsgeländer in den schier endlosen und verzweigten Gängen des von außen gar nicht so geräumig wirkenden Bauwerkes. Wiederum Piktogramme und selbst gefertigter Wandschmuck. Vor einem tastbaren Memory-Spiel bleiben die Besucher staunend stehen.


Schulleiterin Gudrun Lemke-Werner gibt uns per Laptop-Präsentation im Sitzungsraum einen Überblick: Da ist die Schule mit 90 Plätzen. Zwei Drittel der Schüler wohnen im Internat, der Rest kommt von daheim zum Ganztagesunterricht. Zehn Jahren Schule folgen drei Jahre Werkstufe. Vorbereitung zumeist für ein Berufsleben in der Behindertenwerkstatt und auch eine solche gibt es auf dem Gelände. Dann ist da ein Erwachsenenwohnheim mit 60 Plätzen, eine Frühförderstelle und die Rehabilitationsabteilung.


Der Schulunterricht läuft in den Wohngruppen ab. Im Einzelunterricht arbeiten die Kinder ihren Stundenplan ab. Dessen physikalische Form besteht - wie könnte es anders sein - aus Piktogrammen. Sieben Kinder bewohnen eine Gruppe. Die kognitiven Fähigkeiten der Schüler differieren genauso wie die Kommunikations- und Arbeitstechniken. Häufig handelt es sich um Usher-Patienten. Meist gehörlos geboren erblinden die Betroffenen nach und nach. Manchmal reicht die Zeit, um vorher noch die Lautsprache zu erlernen. Manchmal gelingt es gar, Computerkenntnisse zu vermitteln, ehe das Augenlicht dazu nicht mehr zu gebrauchen ist. Arbeitstechniken, die unerhört wichtig werden, wenn es gilt, nicht "nur" praktische Dinge zu vermitteln, sondern auch fachlichen Unterricht zu erteilen. Der Hauptschulabschluss, so meine ich zwischen den Zeilen herauszuhören, ist die Ausnahme. Die Sonderschule ist staatlich, die Lehrer Landesbedienstete, und das Einzugsgebiet reicht von Niedersachsen über Nordrhein-Westfalen bis weit ins Süddeutsche hinein. In Schleswig-Holstein singt man das hohe Lied der Integration.


In der Praxis bedeutet das allzu oft die "preisgünstige" Beschulung Taubblinder in Schulen für geistig Behinderte.


Ein Thema, bei dem man die Nackenhaare von Schulleiterin Lemke-Werner, wie auch die des geschäftsführenden Direktors des Taubblindenwerkes, Wolfgang Angermann, sich förmlich aufstellen hört. Der Chefmanager der Einrichtung, Jurist von Hause aus, wird regelrecht bitter, wenn er von Fällen berichtet, in denen man Taubblinde in psychiatrischen Anstalten fand; ruhig gestellt mit Medikamenten und bis zur Unheilbarkeit verängstigt, nur weil sich niemand die Mühe machte herauszufinden, was mit ihnen los ist. "Manchmal müssen wir auch aufgeben, weil wir z. B. die Aggressionen nicht in den Griff bekommen", meint Angermann.


Glücklicherweise kommt das nur selten vor, aber man spürt, dass ihn das wurmt. Ich frage nach dem Cochlea-Implantat, jenem "künstlichen Gehör", das doch vielen Menschen helfen kann und das bei geburtstauben Menschen heute fast serienmäßig implantiert wird. Ja, man hat auch bei einigen Schülern gute Erfahrungen damit gemacht. Aber der Einsatz ist längst nicht immer sinnvoll, hören wir und überlassen die nähere Begründung Medizinern.


Auf unserem Rundgang durch Schule und Wohnheim sehen wir erstmals die Kommunikationsform des Lormens. Hieronymus Lorm war 60 Jahre alt, als er 1881 erblindete. Schon in jungen Jahren hatte der Schriftsteller aus Mähren sein Hörvermögen verloren. Aus purem Eigennutz erdachte er ein Handzeichenalphabet und brachte es seinen Kindern bei, bei denen er damals lebte. "Lormen" ist einfach zu erlernen, zumindest dann, wenn die Lautsprache bekannt ist. Eine Hand sendet, eine empfängt. Ein Tippen mit dem Finger auf die Daumenspitze meint z. B. den Buchstaben "A".


Für die wohl prominenteste Taubblinde, Helen Keller, bedeutete das Lormen nur sechs Jahre später den Wiedereintritt in die Kommunikation mit der Umwelt. Mit 19 Monaten verlor sie Seh- und Hörvermögen, doch als man 1887 mit dem Unterricht begann, wusste die siebenjährige Helen noch, was "water" bedeutet. Der Rest dürfte der Dechiffrierung eines Codes nicht unähnlich gewesen sein. Es galt, jene Worte zu nutzen, die das Kleinkind aus Alabama hatte noch lernen können, um das Lorm-Alphabet zu vermitteln. Keller wurde Schriftstellerin, und der Rest ist Geschichte, Film-Geschichte.


"Mann, geht das schnell", höre ich eine Kollegin flüstern, als unsere Führerin einem Wohnheimbewohner erzählt, wer wir Eindringlinge sind. Die erwachsenen Menschen hier sollen so selbstbestimmt wie möglich leben. Dazu gehört freilich auch eine Klingel am Zimmereingang. Wird draußen der Knopf gedrückt, bläst im Inneren ein kräftiger Ventilator durch den Raum. Ich bin wieder einmal fasziniert.


In Wolfgang Angermanns Büro sitzen schließlich Menschen, die von den vielen Eindrücken beinahe erschlagen wirken. Ich nutze die Gelegenheit, vergleichsweise trockene Fragen loszuwerden: Das Taubblindenwerk firmiert als gemeinnützige GmbH. Gesellschafter sind der Niedersächsische Blinden-, der Paritätische Wohlfahrts- und der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband. 16,3 Millionen Euro setzt das Taubblindenwerk jährlich um; exklusive des Großteils der Personalkosten der Schule, denn die Lehrer bezahlt das Land, aber inklusive der Einrichtung in Fischbeck. Der Personalkostenanteil liegt dennoch über 90 %. Finanziert wird die Einrichtung größtenteils von den Sozialhilfeträgern per Betreuungssätzen. Die Kostensatzverhandlungen werden auch hier in Zeiten vermeintlicher öffentlicher Armut nicht einfacher. Angermann und seine Mitarbeiter steuern mit Fundraising dagegen. Nur Spenden von Privatpersonen und Unternehmen vermögen heutzutage noch Farbe ins Schwarz-Weiß der Kostenträger zu bringen.


Mir will immer noch nicht in den Kopf, dass Geburtstaubblinde nur sehr eingeschränkt mit Wissen beglückt werden können. "Einem Geburtsblinden wirst Du auch nicht erklären können, was Sehen ist", erklärt mir Angermann und endlich meine ich zu verstehen. Die "Brücke zur Welt" titelt eine Broschüre, die man uns zum Abschied überreicht. Die Hände sind diese Brücke, denke ich. Einige Wochen zuvor versuchte ich in einem Kommunikationsseminar, mit geschlossenen Augen meinem Gegenüber via Hände Gefühle wie Freude, Angst, Zuversicht oder Hunger zu vermitteln.


Es ist schwierig, es braucht mehr Zeit, als wir dafür hatten, aber es geht. Derweil die Kollegen ihre botanischen Schätze in unsere Fahrzeuge verstauen, blicke ich zurück auf das Eingangsportal. 1995 verließ Wolfgang Angermann jenen "Elfenbeinturm der höheren Blindenbildung" und wechselte vom DVBS-Geschäftsführer-Sessel ins Direktorbüro des Taubblindenwerkes. Mag sein, dass wir es dieser Verbundenheit verdanken, dass man uns derart tiefe Einblicke in die Arbeit mit und für taubblinde Menschen gewährte. Was hier und in Fischbeck getan wird, kann leicht zur Lebensaufgabe werden, denke ich. Wir taten einen Blick in eine andere Welt und doch auch einen in uns hinein. Ihr macht eine tolle Arbeit hier, rufe ich schweigend dem Gebäude zu, eine wertvolle Arbeit von Mensch zu Mensch.

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