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Elke Runte hört Schritte hinter sich und nimmt eine männliche Gestalt wahr - aber das Gesicht kann sie trotz der geringen Entfernung nicht erkennen. Schrecksekunden wie diese, bei der sich wenig später der Nachbar zu erkennen gibt, sind für die 50- Jährige an der Tagesordnung: "Durch meine Gesichtsfeldausfälle kann ich die Menschen nicht erkennen." Doch sieht man ihr wie den bundesweit mehr als eine Million Menschen mit Sehbehinderungen das Handicap äußerlich nicht an. Die Betroffenen stoßen bei den Mitmenschen deshalb immer wieder auf Befremden.
Einige Menschen können Gesichter nicht erkennen, andere leiden an einem Tunnelblick, der sie links und rechts nichts erkennen lässt. Eine weitere Gruppe sieht nur eingetrübt oder wie durch dicken Nebel.
Die nationalen Selbsthilfeverbände haben den 6. Juni zum jährlichen "Sehbehindertentag" proklamiert, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen.
"Weil man uns die Behinderung nicht ansieht, erleben wir mit der Bitte um Hilfen an Haltestellen, beim Einkaufen und Lesen von Schildern oft Verwunderung", sagt Runte. Sie ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB).
"Die meisten Unfälle erleiden sehbehinderte Menschen, weil Stufen nicht deutlich gekennzeichnet, Baustellen nicht genügend abgesichert und Straßen und Unterführungen nicht ausreichend beleuchtet sind", ergänzt der Geschäftsführer des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes in Berlin, Andreas Bethke. Eine Markierung mit Kontrastfarbe könnte die Sturzgefahr verringern, betont der blinde Diplom-Biologe. Zum Verhängnis würden Sehbehinderten oft auch Poller, die nicht mit Leuchtstreifen gekennzeichnet sind, sowie nicht umzäunte Baustellen. Die Nummern von Bussen, Straßen- und U-Bahnen sollten für sehbehinderte Menschen möglichst in Augenhöhe neben dem Einstieg stehen.
Der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund hat ein Modellprojekt mit neun Reha-Trainern gestartet, um die Betroffenen beim optimalen Nutzen der verbliebenen Sehkraft zu trainieren. "Dieses in der Bundesrepublik bislang einmalige Angebot richtet sich - ohne Rücksicht auf eine Mitgliedschaft bei uns - an alle blinden oder sehbehinderten Menschen", sagt Runte. Sie lernten so mehr Mobilität und lebenspraktische Fertigkeiten.
"Wir können bei der Vielfalt der Sehbehinderungen individuell helfen", erklärt Markus Brill, einer der Trainer. Wenn etwa Schriftstücke eingescannt und per Bildschirm gelesen werden sollen, komme es auf die geeignete Vergrößerung und den bestmöglichen Kontrast an. Bei Netzhautdegeneration könnten die Betroffenen oft nur noch im äußeren Bereich der Netzhaut etwas erkennen. "Diese Menschen müssen wir im exzentrischen Lesen, also mit dem funktionsfähigen Teil der Netzhaut, schulen", sagt Brill. Auch praktische Tipps, wie sich etwa mit einem kleinen Fernrohr Hinweisschilder an der Straße finden und lesen lassen, vermitteln die Trainer. "Die Trainer beraten die Klienten zu Hause und am Arbeitsplatz, bei der Auswahl blendfreier Beleuchtung und anderer Erleichterungen", ergänzt Runte.
Die in Bayern angebotenen Hilfen haben Modellcharakter, lobt auch Bethke für die Bundesorganisation der Blinden und Sehbehinderten. Er hofft auf Nachahmer-Effekte. In Bayern erhält der BBSB finanzielle Unterstützung von Land, Kommunen und Sozialleistungsträgern.
Runte selbst steht für einen erfolgreichen Weg, mit der Behinderung zu leben: Obwohl eine erbliche Makula-Degeneration bereits im Alter von Anfang 20 ihre Sehkraft erheblich beeinträchtigte, brachte sie das Studium der deutschen und englischen Sprache an der Uni in München erfolgreich zu Ende, lebte einige Jahre im Ausland und arbeitete später als Industriekauffrau. Als die Sehkraft weiter nachließ, absolvierte sie einen Reha-Lehrgang in Würzburg und kam als Öffentlichkeitsarbeiterin zum BBSB.
(Internet: Infos zum Aktionstag und Rehaprogramm: www.bbsb.org)
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