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Das diesjährige Seminar "Nicht sehend - nicht blind" der Arbeitsgemeinschaft Sehbehinderte fand vom 19. bis 22. Januar 2006 traditionsgemäß auf vielfachen Wunsch wieder auf Burg Fürsteneck, der Hessischen Heimvolkshochschule, Akademie für musisch-kulturelle Bildung, in Eiterfeld bei Fulda statt. Das Seminar war wieder ein toller Erfolg. Um den Themenwünschen der Mitglieder und unterschiedlichen Interessenschwerpunkten gerecht zu werden, fanden dieses Jahr folgende drei parallele Seminarschwerpunkte in Form von Workshops statt:
Workshop 1: Professionelle Gesprächsführung
Der Workshop wurde von Jochen Kehr, einem normal sehenden Referenten, geleitet. Unsere Arbeit begannen wir mit einer ausführlichen Vorstellungsrunde. Im Laufe der beiden Tage beschäftigten wir uns mit den unterschiedlichen Kommunikationsebenen (Inhaltsebene und Beziehungsebene) und den Kommunikationskanälen (Körpersprache, Sprechtechnik, Inhalt/Worte). In Bezug auf unsere Sehbehinderung versuchten wir zu eruieren, in welchen Bereichen wir in unserer Kommunikation eingeschränkt sind und inwieweit durch den Einsatz anderer Sinne und Techniken ein Ausgleich möglich ist.
Für mich persönlich war eine Übung sehr aufschlussreich. Drei Teilnehmern wurden die Augen verbunden und diese hörten einem Gespräch der übrigen Teilnehmer zu. Erstaunlich war für mich, wie viel Informationen auch ohne den visuellen Sinn wahrgenommen werden können, insbesondere weil Körperbewegungen auch zu hören sind und die Stimme wichtige Informationen zur Stimmung der Person gibt.
Viele Teilnehmer äußerten das Problem, sich in Gruppen mit Normalsehenden schwieriger in das Gespräch einklinken zu können. Um an dieses Thema heranzugehen, war es hilfreich, die aktuelle - auch recht lebhafte - Gruppensituation zu analysieren, indem wir uns fragten: Wie habe ich mich in der Gruppe bemerkbar gemacht? Wie andere Teilnehmer? Kann ich diese Erkenntnisse auf Alltagssituationen übertragen? Insgesamt stellten wir fest, dass es für uns leichter ist, in Gruppen mit Sehbehinderten zu Wort zu kommen, weil z. B. durch Sprechpausen jedem Gruppenmitglied Gelegenheit gegeben wird, sich zu Wort zu melden.
Die Teilnehmer waren mit sehr unterschiedlichen Wünschen und Vorstellungen zum Seminar gekommen, so dass es nicht möglich war, diese auch in Anbetracht der zeitlichen Begrenzung zu erfüllen. Kontrovers wurde auch diskutiert, ob ein nicht sehbehinderter Referent ein solches Seminar leiten sollte. Einerseits wurde angezweifelt, ob ein Normalsehender das nötige Verständnis für unsere Belange hat, andererseits wurden die Rückmeldungen durch einen nicht Sehbehinderten als Bereicherung empfunden. Insofern sind wir mit eher gemischten Gefühlen auseinander gegangen.
Workshop 2: Die digitale Kamera - ein kreatives Hilfsmittel!
Um Bilder sollte es gehen, genauer gesagt, um die, die wir uns von der Welt um uns herum, aber auch von uns selber machen ... Welche neuen, ungeahnten Möglichkeiten uns dabei die digitale Fotografie bieten kann, ahnten bei der Anreise auf Burg Fürsteneck wohl die wenigsten der Teilnehmer des Workshops 2.
Bereits in der Vorstellungsrunde am Donnerstagabend wurde schnell deutlich, wie unterschiedlich unsere Vorkenntnisse im Umgang mit der digitalen Kamera waren, dabei reichte die Bandbreite vom echten "Einsteiger" bis hin zum versierten Hobby-Fotografen. Eins war uns jedoch allen gemeinsam - wir waren sehr gespannt auf die kommenden drei Tage, denn es wurde schnell klar, dass wir mit Pernille Sonne und Gerhard Frühwald zwei sehr engagierte, einfallsreiche und kompetente Workshopleiter hatten, die es sicher schaffen würden, uns für die digitale Fotografie zu begeistern.
Zunächst ging es in verschiedenen Übungen nicht nur im die reine Fototechnik, sondern auch darum, was und wie jeder einzelne von uns eigentlich sieht, wie wir uns selbst und wie uns die anderen sehen. Wir machten zum Beispiel eine Folge von Porträtfotos voneinander, während wir einer Geschichte zuhörten, die verschiedene Gefühle ansprach. Auf dem Monitor konnten wir anschließend fasziniert feststellen, welche verschiedenen und ausdrucksstarken Gesichtsausdrücke jeder von uns hat - etwas, das uns sonst aufgrund der Sehbehinderung oft verborgen bleibt.
Natürlich gab es auch jede Menge Theorie, so dass Begriffe wie Mega-Pixel, Blende oder digitaler 4-fach Zoom nun dank geduldiger Erklärungen unseres Workshopleiters für uns zum alltäglichen Sprachgebrauch gehören.
Bei einer ausgiebigen Fotosession stellten wir nicht nur begeistert fest, was für gute Fotomodelle wir abgaben, sondern auch, was für exzellente Fotos wir trotz unserer Sehbehinderung schießen können - und wenn wir das Motiv nicht richtig getroffen haben, was soll's - dann wird das Bild eben einfach aus dem Speicher gelöscht.
Um unsere Porträtaufnahmen noch perfekter zu machen, lernten wir dann, sie am PC mit dem Programm IrfanView zu bearbeiten, was allerdings ein wenig Übung und Geduld erfordert.
Schnell wurde allen klar, dass digitale Fotografie für uns mehr sein kann, als nur ein paar nette Bilder zu knipsen. Je länger wir mit den Kameras herumprobierten und unsere Erfahrungen austauschten, umso mehr Ideen kamen uns, wie wir die Kamera im Alltag als Hilfsmittel einsetzen könnten.
So bietet uns das Betrachten der Aufnahmen am PC die Möglichkeit, mit unserer individuellen Vergrößerung Bilder und Bilddetails in Ruhe zu betrachten. Dadurch kann man beispielsweise Urlaubsfotos ganz anders ansehen und nimmt viele Dinge zum ersten Mal richtig wahr, die für uns in der Natur eben doch zu unscharf oder zu unvollständig waren, um sie richtig zu erkennen. Aus den Ausschnitten, die ich mir am Monitor heranzoome, kann ich nun eine viel genauere Vorstellung von dem entwickeln, was ich nur flüchtig gesehen habe. Auch Gesichter und Gesichtsausdrücke, die wir häufig nur erahnen können, lassen sich per digitaler Kamera und PC ganz nah heranholen.
Die Teilnehmer unseres Workshops waren meist eindeutig an der stets mitgeführten Kamera zu erkennen, die jederzeit bereit war, alles und jeden im Bild festzuhalten. Ein Höhepunkt des Seminars war für uns sicher unsere abschließende Vernissage, auf der wir - wie ich finde - zu Recht, mit Stolz unsere ausgedruckten Portraitfotos präsentierten.
Noch mal ein ganz dickes Dankeschön an Pernille Sonne und Gerhard Frühwald, die dazu beigetragen haben, dass ich für mich ein neues, sozusagen kreatives Hilfsmittel entdeckt habe!
Workshop 3: PowerPoint für Einsteiger
Ziel des Workshops war es, in das Programm PowerPoint einzuführen und Tipps und Tricks nicht nur für sehbehinderte Menschen zu vermitteln. Der Kurs fand im PC-Raum im Dachgeschoss der Burg statt, und zunächst wurden die Rechner mit Hilfe des netten Systemadministrators auf die individuellen Belange eingerichtet.
Der Kurs wurde von Jan Hellbusch und Werner Gläser geleitet, wobei Jan eher den systematischen Zugang zum Programm vermittelt hat, wohingegen Werner uns mit dem spielerischen und effektvollen Umgang mit dem Programm vertraut gemacht hat. Stichwort: kreisende Biene mit quietschenden Bremsen.
Zum Einstieg wurden wir mit der Besonderheit von PowerPoint, den animierten Folien, gelockt und neugierig gemacht. Dann begann die "harte Arbeit", z. B. das Erstellen von Entwurfsvorlagen und die Vorbereitung von Präsentationsinhalten mit Hilfe von Microsoft Word. Am zweiten Tag sind alle stärker ihren Bedürfnissen nachgegangen und haben bestimmte Themen mit Betreuung von Jan und Werner vertieft.
Die Trainer waren außerordentlich engagiert und geduldig mit den Teilnehmern. Mit Sicherheit hat jeder etwas aus dem Kurs mitgenommen, für berufliche und/oder auch für private Zwecke. Am Ende haben die Teilnehmer mit den frisch erlernten Kenntnissen eine kleine Präsentation erstellt und diese zum Ausklang des Seminars den anderen Teilnehmern vorgeführt.
Einen herzlichen Dank an Jan und Werner! Das Seminar sollte noch mal angeboten oder auch vertieft werden!
Am Freitagabend erlebte die Arbeitsgemeinschaft einen kurzweiligen und anschaulichen Vortrag zur "Imageberatung für Sehbehinderte" von Frau Dipl.-Päd. Ina Doertel. Sie präsentierte die sechs Stilrichtungen für Damen, die fünf Stilrichtungen für Herren und gab Beispiele einer individuellen Farbberatung spezifisch für sehbeeinträchtigte Menschen. Anhand eines großen Fundus an Stoffen konnte jede/r ersehen und erfühlen, welche Farben und Stoffe ihr/sein Äußeres in ein positives Licht versetzen.
Am Samstagabend durfte die Arbeitsgemeinschaft den stellvertretenden Geschäftsführer des DVBS, Michael Herbst, rechtzeitig zur Präsentation der Workshops "Digitale Bildbearbeitung" und "PowerPoint" begrüßen. Herr Herbst und die übrigen Teilnehmer wurden zunächst mit Hilfe eines live vorgetragenen Hörspiels an die Thematik "Digitale Fotografie" und "Die Digitalkamera als kreatives Hilfsmittel" herangeführt, um später die Ergebnisse des Workshops im Rahmen einer Ausstellung bewundern zu können. Im Nebenraum konnten die von den Teilnehmern des Workshops "PowerPoint" erstellten Präsentationen begutachtet werden.
Am Sonntagmorgen wurden die Ergebnisse der Workshops im Plenum vorgetragen. Im Anschluss daran beschäftigte sich die Arbeitsgemeinschaft mit den zukünftigen Aktivitäten und Erwartungen an die Sehbehindertenarbeit im und des DVBS. In der Diskussion wurde deutlich, dass nach wie vor der Erfahrungsaustausch "als Mittel der Bewältigung der eigenen Behinderung" eine sehr hohe Nachfrage erfährt. Hierbei spielen die Seminare der Arbeitsgemeinschaft eine wichtige Rolle. Ferner ist eine stärkere Akzeptanz der Belange der Sehbehinderten und die (politische) Vertretung der Interessen der Sehbehinderten ein wichtiges Anliegen vieler Mitglieder.
Jan Eric Hellbusch, der seit 2000 das Leitungsteam der AG Sehbehinderte geleitet hatte und Irmi Badura standen aus beruflichen und privaten Gründen für eine weitere Kandidatur nicht mehr zur Verfügung. Norbert Bongartz würdigte deren Einsatz und dankte beiden im Namen aller Mitglieder für deren Beitrag zum Gelingen der Seminare und deren allgemeinen Einsatz für die Belange der Sehbehinderten.
Die Teilnehmenden wählten Norbert Bongartz, Dipl.-Verwaltungswirt (FH) und Arbeitsvermittler bei der Agentur für Arbeit Mannheim, als Leiter des Leitungsteams der Arbeitsgemeinschaft Sehbehinderte im DVBS.
Anschrift: Norbert Bongartz, Postfach 14 01 37, 67021 Ludwigshafen, Telefon: 0621 6376897, E-Mail: bongartz-lu@t-online.de
Als weitere Mitglieder wurden gewählt:
Sabine Hufer, Lehrerin am Berufskolleg Soest,
Anschrift: Am Kattenbrauck 2, 44287 Dortmund,
Telefon: 0231 96988496, E-Mail: sabinehufer@web.de
Pernille Sonne, Schauspielerin und Sprachgestalterin,
Anschrift: Friedrich-Boss-Straße 16, 04159 Leipzig,
Telefon: 0341 6007946, E-Mail: pernille@pernille-sonne.de und
Werner Gläser, Lehrer aus Celle.
Anschrift: Wittbecker Straße 9, 29229 Celle,
Telefon: 05086 1627, E-Mail: werner-glaeser@hustedt-celle.de
Auch im Jahr 2007 wird wieder ein hoffentlich interessantes und abwechslungsreiches Seminar stattfinden, auf das sich die Arbeitsgemeinschaft freuen darf.
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