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Alltag in einer Personalabteilung: Auf eine freie Stelle bewerben sich 200 potenzielle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Warum sollte sich ein Unternehmen angesichts einer solchen Auswahl überhaupt für eine blinde Bewerberin interessieren? Oder anders herum gefragt: Wie kann diese Bewerberin trotz der großen Konkurrenz dem Arbeitgeber ihre Stärken überzeugend präsentieren? Wie geht sie dabei mit ihrer Behinderung um?
Mit dem Programm "Fit für den Job" soll sowohl Unternehmen als auch sehbehinderten bzw. blinden Arbeitnehmern bei der Beantwortung u. a. dieser Fragen geholfen werden. Dabei legen die Organisatoren Wert darauf, einen direkten Kontakt zwischen Unternehmen und blinden bzw. sehbehinderten Arbeitnehmern herzustellen. Auf diese Weise soll ein intensiver Austausch zwischen den Beteiligten entstehen. Während eines "Disability Mentoring Days" besucht die sehbehinderte Jobsuchende einen Tag lang ein Unternehmen. Ihr Mentor ist ein Mitarbeiter des Unternehmens. Er zeigt ihr den Betrieb und kann auf individuelle Fragen eingehen. So bekommt die Arbeitssuchende einen Eindruck davon, ob ein solcher Arbeitsplatz für sie in Frage kommt. Für das Unternehmen besteht die Möglichkeit, eventuell vorhandene Vorurteile gegenüber schwerbehinderten Arbeitnehmern abzubauen.
Eine weitere Veranstaltung des Programms "Fit für den Job" ist ein speziell für Blinde und Sehbehinderte entwickeltes Bewerbertraining. "Dieses Bewerbertraining hat zum Ziel, die spezifischen Fragestellungen, die für blinde und sehbehinderte Hochschulabsolventinnen und Absolventen, Berufstätige oder auch Arbeitslose von Interesse sind, zu beantworten", so Joachim Klaus, Geschäftsführer des Studienzentrums für Sehgeschädigte der Universität Karlsruhe (SZS). Das SZS gehört neben dem Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e. V. (DVBS) zu den Initiatoren des Programms. An drei Tagen im Dezember 2005 veranstaltete das SZS ein solches Bewerbertraining. Zwei Punkte standen dabei im Mittelpunkt des Interesses: Das Anfertigen der Bewerbungsunterlagen und die Simulation von Bewerbungsgesprächen. Dabei legte der Veranstalter auch hier besonderen Wert auf den direkten Kontakt zwischen Unternehmen und den Teilnehmern des Seminars. So standen eine Mitarbeiterin der Firma Siemens, ein Mitarbeiter des Personal- und Organisationsamtes der Stadt Karlsruhe und der Schwerbehindertenbeauftragte der Universität Karlsruhe den Teilnehmern Rede und Antwort. An Hand von Bewerbungsunterlagen der Teilnehmer erläuterten sie u. a. wie man bereits im Anschreiben auf die Behinderung hinweist oder wie ausführlich dieser Hinweis sein sollte. Außerdem interessierte die Seminarteilnehmer, wie in den Unternehmen mit Bewerbungen Schwerbehinderter umgegangen wird. "Wir werden da ganz normal verfahren. Das heißt, wir werden diese Bewerbungsunterlagen prüfen, sprich nach den Qualifikationen gehen und dann einfach überprüfen, ob das mit der Stelle überein passt. Wir haben ganz klar die Vorgabe, dass wir Bewerbungen sehbehinderter Menschen oder schwerbehinderter Menschen bei gleicher Eignung bei der Stellenbesetzung bevorzugen", erläuterte Anja Meyer, Mitarbeiterin der Personalabteilung der Siemens AG Karlsruhe. Doch was verbirgt sich hinter der Formel "bei gleicher Eignung"? Weiter gefragt: Wie kann eine sehbehinderte bzw. blinde Bewerberin ihre Stärken z. B. im Bewerbungsgespräch überzeugend präsentieren?
Diesen Fragen gingen die Teilnehmer zusammen mit den Mitarbeitern des SZS mit Hilfe von simulierten Bewerbungsgesprächen auf den Grund. Für jeden wurde ein individuelles "Szenario" geschaffen, das seinen Bedürfnissen und Qualifikationen entsprach. Sei es die Bewerbung als Dolmetscherin bei einem internationalen Industrieunternehmen oder ein Bewerbungsgespräch als Bibliothekar. Jedes ca. 15-minütige Gespräch wurde auf Video festgehalten und danach mit Unterstützung der Mitarbeiter des SZS analysiert. Diese schlüpften gewissermaßen in die Rolle eines verbalen Spiegels, indem sie die Videobilder für die Teilnehmer beschrieben.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrüßten - nach anfänglicher Skepsis gegenüber der Videokamera - die Möglichkeit, ein Bewerbungsgespräch in ganz unterschiedlichen Varianten zu probieren. So konnten sie ihr eigenes Auftreten bei einem Bewerbungsgespräch hinterfragen und damit die Präsentation der eigenen Persönlichkeit voranbringen. Auch der direkte Austausch mit Unternehmensvertretern an Hand der eigenen Unterlagen wurde gelobt.
Angesichts einer großen Nachfrage plant das SZS die Durchführung weiterer Bewerbertrainings und Disability Mentoring Days.
Autor und Foto: Johann Christoph Haake,
Rösselsbrünnlestraße 6, 76287 Rheinstetten,
Telefon: 07242 701624
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